Kapitel 39

Hugin und Munin

Vielleicht hatte die Geschichte Herrn Bruckner doch weit mehr aufgeregt, als Martin zuerst geglaubt hatte. Jedenfalls hieß es am Dienstag plötzlich, dass Werner und Doris nicht beim Unterricht erscheinen würden, weil ihr Vater an einem Herzinfarkt verstorben wäre. Offenbar war es sein dritter Anfall, die verliefen statistisch gesehen oft tödlich. Martin würde wohl nie erfahren, wie Frau Bruckner diesen Infarkt hervorgerufen hatte, aber er war sich ziemlich sicher, dass Herr Bruckner unter anderen Umständen noch einige Jährchen vor sich gehabt hätte. Bereits am Mittwoch erhielt Martin per Post die Todesanzeige mit dem Datum der Beisetzung. Eine nähere Untersuchung schien es nicht zu geben.

Vorrangig war jedoch das Problem mit Michael. Amelie fuhr allmählich die Krallen aus. Sie hatte Martins und Michaels Zimmer durchsucht und dabei alles auf den Kopf gestellt. Angeblich, weil sie in ihrem Zimmer Drogen vermutete. Ergebnis: Null. Martin war nicht sicher, ob sie überhaupt das Recht dazu hatte. Den Kleinen setzte sie fortwährend unter Druck. Sie versprach ihm, dass er in ein Heim käme, mit vergitterten Fenstern und Türen, wenn er sich weiterhin querstellen würde. Martin versuchte Michael zu beruhigen. Ihn selbst ließ Amelie weitgehend in Frieden, doch das beunruhigte ihn nur umso mehr.

Dann war es Zeit für die nächste Kraftprobe. Aus unerklärlichen Gründen, schien Amelie nur Freitags Nacht ihre Gelüste auszuleben. Am Freitag Mittag jedenfalls tauchte wieder einer dieser ominöser Suppenteller auf. Martin tat sich schwer damit Michael, die Sache zu erklären.

„Meinst du, du kannst es ertragen, wenn sie dich noch ein Mal holt?“

Michael schüttelte den Kopf.

„Ich meine, nur noch ein einziges Mal und dann nie wieder.“

Michael sah ihn zweifelnd an und versuchte herauszufinden, ob Martin ihn aufgegeben hatte.

„Ich verspreche dir, es wird das allerletzte Mal sein. Sie wird dich nie wieder anfassen. Es gehört sozusagen zum Krieg. Eine Kriegslist, verstehst du?“

Michael nickte.

„Nur dieses eine Mal noch, ja?“

Michael nahm den Löffel und begann die Suppe aufzuessen.

„Du musst die Suppe nicht essen. Sie kommt doch sowieso“, sagte Martin verständnislos.

„Ich weiß, aber, wenn ich die Suppe aufgegessen habe, ich habe ein besseres Gefühl dabei.“

Am späten Nachmittag tauchte Amelie auf. Sie sah den Teller und grinste zufrieden. Martin wich ihrem Blick aus. Sie spürte sofort, dass sie gewonnen hatte.

„Blöde Kuh“, zischte Martin, als sie zufrieden wieder gehen wollte.

„Was hast du gesagt, Großmaul?“

„Nichts, schon gut“, gab Martin kleinlaut zurück.

„Großmaul“, sagte sie noch mal. Martin wußte, dass er sie im Sack hatte. Er wünschte nur, er könnte noch irgendwie verhindern, dass sie sich Michael holte.

Sie kam um kurz nach elf. Martin war hellwach, aber er sah nicht hin. Er stellte sich schlafend. Amelie wußte, dass er nicht schlafen würde. „Großmaul“ tönte es noch einmal leise, als sie Michael mitnahm und verschwand. Martin lauschte einige Minuten. Als alles ruhig blieb, machte er sich an die Arbeit.

Leise schlich er auf die Terrasse hinaus. Der Bocksberg war in einem der hinteren beiden Zimmer. Die Vorhänge waren nicht vorgezogen, aber das Licht war schlecht. Martin baute das Stativ für die Videokamera, die er sich ausgeliehen hatte, auf und sah hindurch. Die Bildqualität würde nicht berauschend sein, aber es reichte allemal, um zu erkennen, was dort vor sich ging. Er hoffte nur, dass sich das Geschehen nicht andauernd verlagerte. In dem Zimmer brannten an die fünfzig Kerzen, Amelie trug eine Art Ziegenfell um die Schultern. Ihr Gesicht war nicht gut zu erkennen, aber er hoffte es würde ausreichen, dass es sich eindeutig um ihre Wohnung handeln würde.

Die Videokamera war eingeschaltet und verrichtete leise surrend ihre Arbeit. Martin ging einen Schritt zurück, er wollte sich den Anblick ersparen und kontrollierte nur hin und wieder den Bildausschnitt. Das ganze Ritual dauerte fast drei Stunden. Michael hatte ihm nur das Wesentliche erzählt. Amelies volles Programm hatte aber noch einiges mehr zu bieten. Zum Schluss, als Michael seinen Schlafanzug wieder anlegte, nahm sie endlich verschwitzt die Maske ab und sah entrückt genau in die Kamera. Martin hielt den Atem an. Nein, sie hatte ihn nicht gesehen. Und wenn schon, jetzt war es eh zu spät. Amelie entließ Michael. Hastig und möglichst geräuschlos baute Martin die Kamera ab und ging zurück in sein Zimmer. Michael lag schon in seinem Bett. Martin wollte ihm etwas sagen, aber er hörte Schritte auf dem Flur.

Die Tür wurde geöffnet und Amelie schlich sich herein. Sie beugte sich über Martins Bett und zischte: „Das nächste Mal bist du an der Reihe.“

„Du kannst mich mal“, grunzte er zurück.

„Das werde ich, Großmaul. Das werde ich sogar ganz sicher.“

Als sie das Zimmer wieder verlassen hatte, drehte Michael sich um:

„Wir haben nicht aufgegeben, oder?“

„Nein“, beruhigte Martin den Kleinen. „Mach dir keine Sorgen. Sie kommt nie wieder.“

Michael schien keine weitere Erklärung zu erwarten.

„Michael?“

„Ja.“

„Es kann sein, dass sie dich ausfragen werden. Ich weiß nicht, ob ich das verhindern kann.“

„Hmm.“

„Aber du kannst lügen. Du kannst ihnen erzählen, was du willst. Das ist dein Recht. Du musst ihnen absolut nichts erzählen, was du nicht willst.“

„Und dann? Kommt…“

„Nein“, sagte Martin schnell. „Sie kommt nie mehr wieder, egal was du denen erzählst.“

„Gut“, sagte Michael zufrieden. Er drehte sich wieder um. Martin hatte Amelie im Sack. Er durfte jetzt nur keinen Fehler mehr machen.

Am Samstag morgen brachte Martin seinem Bekannten die Videokamera zurück und zog bei der Gelegenheit gleich noch eine Kopie des Bandes. Sicher war sicher. Das Original beschmutzte er mit ein wenig Dreck, so dass es aussah, als hätte es im Mülleimer gelegen. Dann rief er Frau Kant an.

Gegen sechzehn Uhr traf er sich mit ihr in ihrem Büro. Er gab ihr das Band.

„Ich habe den Müll runter gebracht und als ich alles in der großen Tonne abladen wollte, ist mir der Schlüssel mit reingefallen. Das war echt eklig, den ganzen Dreck umzugraben. Der Schlüssel war natürlich ganz nach unten gerutscht. Und dann habe ich das hier gefunden.“

„Was ist das?“

„Eine Videokassette, die im Müll lag. Ich dachte es wäre einer dieser … Naja sie wissen schon dieser Filme, die einer der Älteren weggeschmissen hatte.“

„Und das war es nicht?“ fragte Frau Kant und betrachtete die Videokassette ohne sonderliches Interesse von allen Seiten. Was die postpubertären Knaben sich so aus der Videothek besorgten, war nun wirklich nicht ihre Sache.

„Nicht direkt.“

„Was heißt das?“

„Vielleicht sollten Sie sich das Band mal ansehen. Eigentlich sollte ich das wohl besser der Polizei geben, aber …“

„Gib mal her.“

Sie nahm das Band und warf es in den Videorecorder.

„Das ist …“

„Michael. Ich kenne ihn gut“, sagte Frau Kant, nachdem sie die ersten Meter des Bandes gesehen hatte.

Sie schaltete das Gerät aus und griff zum Telefon. Eine halbe Stunde später stand Herr Hannemann vor dem Fernseher und starrte auf die bewegten Bilder.

„Haben du dir das Band ganz angesehen?“ fragte er Martin besorgt.

„Nein, nur ein paar Minuten.“

„Macht es dir etwas aus, draußen zu warten, bis wir hiermit fertig sind?“

Martin saß in einem Büro hinter der Zwischentür und wartete. Sie hatten das Band wohl im Schnelldurchlauf betrachtet. Es gab dort auch nichts Wesentliches zu sehen, das man nicht nach einigen Minuten begriffen hätte. Vierzig Minuten später saß Martin wieder vor einem völlig betroffenen Herrn Hannemann und einer vor Wut kochenden Frau Kant.

„Wenn wir das Band der Polizei übergeben, wird es als Beweismittel nicht anerkannt, das verstehst du doch, oder?“

„Aber …“, wollte Martin einwenden.

„Sachte, sachte“, beruhigte ihn Herr Hannemann sofort. „Michael müsste vor Gericht aussagen. Das wäre für den Jungen die reinste Folter.“

„Ja.“

„Unsere Aufgabe ist es, den Jungen vor allem zu schützen, was ihm schaden könnte. Ich werde das Band nicht an die Polizei weiterleiten.“

„Aber Amelie, sie wird …“

„Nein, das wird sie nicht. Und sie wird auch ihrer Bestrafung nicht entgehen. Aber die Polizei wäre uns allen dabei wenig hilfreich.“

Martin verstand ganz genau, worauf das hinauslief. Die Polizei würde eine Menge Fragen nicht nur an Michael stellen. Und die Presse wäre Hannemann auch nicht unbedingt angenehm.

„Sie kommt ins Gefängnis“, behauptete Frau Kant wütend.

„Aber eben nicht als Gefangene“, ergänzte Hannemann. „Als ihr Dienstherr habe ich da einige Möglichkeiten ihr das Leben sehr, sehr schwer zu machen. Vielleicht können Sie sich nicht vorstellen, was es heißt, Dienst am Strafgefangenen, vor allem …“ fuhr Hannemann fort und schwenkte die Kassette, „… wenn sich so etwas dort herumspricht.“

„Das wird härter, als es ein Richter je anordnen könnte“, erklärte Frau Kant.

„Und ich werde persönlich dafür sorgen“, sagte Hannemann und winkte nochmals mit der Kassette.

„Also, keine Polizei?“

Die beiden sahen sich betreten an. Dann schüttelten sie langsam den Kopf.

„Das wäre wirklich nicht die beste Lösung.“

Martin tat enttäuscht. Aber es war genauso gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte. Die einzige Chance, Michael aus allem rauszuhalten.

„Und ich muss weiterhin dort leben?“

Frau Kant seufzte. „Es gibt keinen besseren Ort. Von dieser Geschichte mit Amelie mal abgesehen, ist es doch gar nicht so schlimm, oder?“

Martin schaute den beiden fest in die Augen und ließ sie seine Enttäuschung spüren.

„Wenn sich auch nur die geringste Möglichkeit bietet, werde ich dafür sorgen, dass du schnellst möglichst da raus kommst, okay?“ versprach Frau Kant.

Hannemann nickte zustimmend. „Ich selbst werde mich dafür einsetzen, eventuelle bürokratische Hürden in Rekordzeit zu überwinden.“

Das reichte Martin, schließlich hatte er noch einen Trumpf im Ärmel, und sie hatten ein ernsthaftes Interesse daran, Martin so schnell wie möglich aus der Schusslinie zubringen. Schließlich war er, außer Amelie und Michael, der einzige Mitwisser ihrer kleinen Vertuschungsaktion.

Martin ging nicht allein zurück in das Wohnprojekt. Hannemann und Frau Kant begleiteten ihn. Die beiden sprachen eine Stunde lang auf Amelie ein, dann sahen Michael und Martin von ihrem Fenster aus zu, wie Herr Hannemann sie wegschaffte. Frau Kant übernahm provisorisch die Wohngruppe, bis eine neue Leiterin gefunden wäre.

Michael wollte nicht wissen, wie Martin das geschafft hatte, er war völlig damit zufrieden, dass Amelie gegangen war. Frau Kant bereitete den Kleinen darauf vor, dass sich in Kürze jemand ausgiebig um ihn kümmern würde, mit dem er über alles sprechen könnte.

Michael sah Martin fragend an.

„Keine Polizei, wahrscheinlich ein Psychologe“, erklärte er ihm, als Frau Kant gegangen war.