Kapitel 38

Walhalla

Im Laufe der Woche traf Martin seit langem wieder mal auf Doris und Werner. Erst dachte er, sie wollten ihn besuchen, aber dann merkte er, dass sie mit ihm gar nicht gerechnet hatten. Eigentlich mussten sie wissen, dass er hier wohnte. Martin grüßte die beiden, die ihn wie einen Geist anstarrten, ihm dann ein flüchtiges ‚Hallo‘ zuwarfen und an ihm vorbeigingen. Martin sah die beiden nur dieses eine Mal hier. Er fand aber heraus, dass sie Tom Tom, einen der ältesten hier, besuchten. Tom Tom hatte seinen Namen daher, dass er nachts manchmal anfing mit irgendwas gegen die Schranktüren zu trommeln. Man bekam Tom Tom nie zu Gesicht, es hieß aber er, deale mit Age und jeder der ihn aufsuchte, außer Amelie natürlich, die von alledem nichts zu wissen schien, zählte unter den Bewohnern zu den Junkies. Martin wußte inzwischen genug über Drogen, um zu wissen, was das bedeutete.

Je näher der nächste Freitag kam, desto mehr vermied es Martin, Michael in die Augen zu sehen. Er fürchtete sich geradezu vor seinen Augen. Weil er wußte, dass der Kleine eigentlich das Recht hatte, von ihm beschützt zu werden. Er war einfach zu klein, um sich selbst zu wehren. Immer wieder sagte Martin sich, dass ihm ja schließlich auch niemand geholfen hatte. Aber es half nichts. Dann nahm er sich vor, am Freitag einfach wegzugehen, um es nicht mitbekommen zu müssen. Aber auch das brachte er nicht fertig. Das mindeste, was er Michael schuldete, war, dass er für ihn da war.

Als er das Zimmer betrat, saß Michael auf dem Bett. Neben ihm stand ein voller Teller mit Suppe. Er hatte keinen Löffel zu sich genommen. Martin spürte seinen Magen, das war ein ganz schlechtes Zeichen. Das Unausweichliche braute sich dort zusammen und …

Wortlos nahm Martin den Teller. Amelies Wohnungstür gab auf einen leichten Tritt hin nach. Martins Gehirn hatte sich offensichtlich wieder abgeschaltet. Er traf Amelie auf einem ihrer Sitzkissen an, sie war in eine außerirdische Gebetshaltung verschränkt und meditierte vor einem fünfzackigen Stern aus Teelichtern. Sie sah zu ihm hoch. Ihre Reaktionen waren quälend langsam. Nadine hätte ihn in dieser Zeit weggepustet und dreimal nachgeladen. Der Suppenteller sprengte das Pentagram aus Kerzen und verlöschte die Hälfte. Noch immer sah sie ihn nur dumm an.

„Nie wieder Amelie. Du rührst den Kleinen nie wieder an. Ist das klar?“

Offensichtlich dauerte es noch einen Moment, doch dann zeigte sie ihm endlich ihr wahres Gesicht.

„Was redest du da für einen Scheiß?“ brüllte sie ihn an.

Martin regte sich auf. Das war nicht gut. Er durfte keine Dummheiten machen, den kleinen Krummdolch an der Wand hatte er längst registriert. Seine ganze Denkmaschine versuchte den Gedanken ‚leg sie um‘ zu verdrängen.

„Fick dich selbst in den Arsch, aber nicht den Kleinen!“ schrie er und versuchte immer noch seinen aufkeimenden Hass unter Kontrolle zu behalten.

Amelie blieb kurz die Luft weg. Martin ließ keinen Zweifel daran, dass er über alles Bescheid wußte. Ihr Gesicht verzog sich zu einer hässlichen Fratze.

„Was glaubst du wohl, was passiert, wenn du hier raus fliegst? Was glaubst du, in welchem Puff du landest?“

„Was glaubst du denn, was passiert wenn du hier raus fliegst, Amelie? Was denkst du denn, in welchem Knast du landest?“ fragte Martin giftig zurück.

„Du Arschloch, was kannst du schon machen?“ kreischte Amelie hysterisch los.

Da hatte sie leider recht. Seine Position war deutlich schwächer. Michael wollte sie zwar loswerden, aber er würde nicht gegen sie aussagen. Martin hätte es an seiner Stelle auch nicht getan. Korrektur: er hatte es nicht getan. Aber er setzte darauf, dass sie sich da nicht ganz sicher sein konnte.

„Willst du’s riskieren?“

Sie dachte schwer atmend nach. Das konnte dauern.

„Lass ihn in Ruhe!“ sagte Martin nochmals eindringlich und ging.

Michael sah Martin gespannt an.

„Sie kommt heute nicht, oder?“ fragte er.

„Wahrscheinlich nicht.“

„Kommt sie nie mehr?“

„Ich weiß es nicht“, gab Martin unsicher zu.

„Hm.“ Michael schien mit der Antwort zufrieden zu sein.

Sie brauchte wirklich lange zum Nachdenken. Eine halbe Stunde später stand sie in der Tür. Sie brachte einen Teller Suppe und stellte ihn neben Martins Bett.

„Du oder er! Du hast die Wahl.“

Es war soweit. Martin wußte jetzt, dass es so auch gekommen wäre, wenn er dem Kleinen nicht geholfen hätte. Die Verrückten merkten, mit wem sie es machen konnten, aber sie merkten nie, wann es vorbei war. Das hier war noch nicht vorbei, diesmal würde es keinen Toten geben. Diesmal nicht. Martin sah die Hand, die nach dem Teller griff. Er hielt sie fest.

„Du musst nicht meinetwegen gehen!“ sagte Michael. Der Kleine hatte Mut und Martin hoffte, das würde ausreichen. Er hielt seine Hand fest.

„Bist du bereit für den Krieg?“ fragte er den Kleinen ernst.

Michael nickte.

„Wir ziehen das durch, ja?“

Martin hatte zwar keinen Plan, aber Michael setzte voll darauf. Den Teller brachte Martin schnurstracks zurück. Das Schloss war noch nicht repariert, also brauchte er die Tür kein zweites Mal einzutreten.

„Ich habe ‚Nein‘ gesagt. Den Kleinen nicht und mich schon gar nicht.“ Der Teller landete dicht neben ihr an der Wand. Allein dafür könnte sie ihn hier rausschmeißen lassen. Dann hätte sie den Kleinen sofort wieder unter Kontrolle. Aber Martin kannte die Regeln inzwischen gut. Sie würde es nicht tun. Sie würde ihm nichts wirklich tun, denn sie musste ihn haben. Das war so bei diesen Psychopathen, solange die geringste Chance bestand, an das Objekt ihrer Begierde heranzukommen, hatte man nichts zu befürchten. Sie steigerten sich Schritt für Schritt. Das hier war nur eine schale Ouvertüre.

„Ich mache dir das Leben hier zur Hölle!“ schrie Amelie.

„Ich weiß“, antwortete Martin trocken.

„Du wirst noch angekrochen kommen, das schwöre ich dir.“

„Das werden wir sehen.“

Sein Vorteil. Sie wußte nicht wirklich, mit wem sie es zu tun hatte. Er hatte das ja alles schon einmal durchgemacht. Es war auch überhaupt nicht sein Plan, sich hier lange mit einer psychotischen Sozialarbeiterin herumzuschlagen. Martin suchte nach einer schnellen und kompromisslosen Lösung.

Michael war zufrieden mit ihm. Sie schliefen beide die ganze Nacht über nicht ein, und Martin war sich nicht sicher, wer hier eigentlich wen bewachte.

Nichts geschah in dieser Nacht. Amelies Fehler war, dass sie glaubte, Zeit zu haben und auf eine günstige Gelegenheit wartete. Martin wußte, dass sie früher oder später kapieren würde, dass sie ihn nur über Michael kriegen würde. Er selbst hatte ein viel zu dickes Fell für so eine Stümperin. Daher musste Martin den Kleinen schnellstens aus der Schusslinie schaffen. Und dann sich selber in Deckung bringen.

Der Schlüssel zu allem lag wie so oft bei Frau Bruckner. Martin besuchte sie am Samstag. Unter dem Vorwand, etwas aus den Kisten holen zu müssen, kam er nach acht ins Haus. Im Keller erklärte er Frau Bruckner die Lage. Wenn er bei dieser Psychopathin noch ein wenig länger bleiben musste, gäbe es wieder ein Unglück. Frau Bruckner freute sich wirklich, ihn zu sehen. Sie hatte ihn schon wieder geküsst. Sie blieben auch nicht lange im Keller. In ihrem Zimmer oben erzählte er ihr alles über Michael, und dass er bald fällig sei, wenn er den Kleinen nicht von ihr weg kriegen würde. So oder so hatte er keine Lust, schon wieder mit der Polizei zu tun zu haben.

„Da steht uns schon wieder ein Unfall ins Haus?“ resümierte Frau Bruckner nachdenklich.

„Das ist unausweichlich, wenn mir niemand hilft da weg zu kommen.“

„Martin, ich … ich kann keine Vormundschaft für dich beantragen. Mein Mann macht das nicht mit, niemals“, erklärte Frau Bruckner entschuldigend. Sie schien deshalb tatsächlich ein schlechtes Gewissen zu haben.

„Das ist schon klar. Das habe ich auch nicht erwartet“, winkte Martin ab.

„Lüg mich nicht an! Natürlich hast du das.“

Martin lachte. „Also gut, von mir aus, habe ich daran gedacht. Aber erwartet habe ich es nicht!“

„Ich kann dir nichts versprechen, aber rede mit ihm.“
„Das reicht mir schon.“

„Und sonst, geht es dir sonst einigermaßen?“ fragte sie nach einer kleinen Pause.

Martin schaute sie an. Was für eine absurde Frage. Dann regte sich wieder etwas bei ihm. Er griff nach dem Lichtschalter und knipste die Nachtischlampe aus.
„Martin.“ Es war der übliche, vorwurfsvolle Ton, als wenn er etwas Böses tat.

„Keine Lügen mehr. Nur, wenn Sie es auch unbedingt wollen“, sagte er leise.

Es war wohl zuviel verlangt, dass sie es aussprach, aber sie zeigte es ihm. Er musste zugeben, dass nicht alle Frauen säuerlich schmeckten und nicht alle Frauen, die laut wurden, einem die Trommelfelle zersprengten.

Als sie ihn spät nachts zum Keller raus bugsierte, war er sicher, dass ihr Mann es diesmal mitgekriegt hätte. Aber er hatte so eine Ahnung, dass dies Herrn Bruckner nicht mehr sonderlich aufregen würde.