Kapitel 37

Lupercalia

Martin hatte bald feststellen müssen, dass Michael regelmäßig Freitags Nacht verschwand. Er bekam nie mit, wann. Aber manchmal wachte er auf, wenn Michael wiederkam. Eines nachts beschloss er, der Sache auf den Grund zu gehen. Er hatte sich inzwischen ein bisschen mit Michael angefreundet und hoffte, dass der Kleine ihm endlich die Wahrheit sagte.

Als Michael an diesem Freitag erst um kurz nach drei zurück in sein Zimmer kam, wartete Martin auf ihn.

„Wo warst du? Und erzähl mir jetzt nicht wieder irgendwelche Märchen.“

Das war vielleicht etwas zu grob, kam es ihm in den Sinn. „Sag schon, ich sag es niemandem weiter. Es bleibt unser Geheimnis.“

„Lupercalia“, sagte Michael.

„Luper… was? Was ist das?“ fragte Martin.

„Das ist Freitag Nacht“, erklärte Michael, als damit alles gesagt wäre.

„Ich verstehe nicht, was du meinst.“

Michael sah Martin verständnislos an. Anscheinend dachte er, dass Martin das verstehen müsste. Er druckste ein wenig herum und sagte dann: „Freitags kommt die Hexe auf dem Besen und verwandelt mich in einen Frosch.“

„Hör auf mit dem Unsinn.“ Dem Kleinen war nicht zu helfen.

„Das ist wahr“, behauptete Michael energisch.

„Blödsinn, es gibt keine Hexen“, wiegelte Martin genervt ab. Er wollte jetzt endlich die Wahrheit und nicht wieder solche Spinnereien hören.

„Doch, Amelie ist eine.“

„Amelie ist die Hexe?“

„Das habe ich dir doch schon gesagt.“

Martin dachte nach. So kam er nicht weiter. „Also Amelie ist die Hexe, ja? Dann erklär mir doch mal, wie sie dich verhext? Was tut sie?“

„Sie reitet auf dem Besen und ich werde zum Frosch.“

Martin merkte, dass er schon wieder ungeduldig wurde. Das führte doch alles nichts. Aber er beschloss sich zusammenzureißen. „Was meinst du damit, du wirst zum Frosch?“

„Frosch eben.“

„Kannst du mir zeigen, wie du zum Frosch wirst?“ fragte Martin nach. „Oder geht das nur, wenn Amelie dabei ist?“

„Klar.“ Michael hockte sich auf alle viere und hob den Hintern an. Martin staunte und verstand überhaupt nichts. „Jetzt bist ein Frosch?“ fragte er zur Sicherheit.

„Nicht richtig natürlich, der Frosch ist nackt und mit diesem schleimigen Zeug bedeckt.“

„Schleimiges Zeug?“

„Ist so durchsichtiger Schleim, wie ihn Frösche halt auf der Haut haben.“

„Reibt sie dich damit ein?“

„Ja.“

Na so schienen sie endlich mal weiter zu kommen. Sie rieb Michael mit irgendwelchem Zeugs ein. Martin wollte es jetzt aber auch genauer wissen. „Wo?“

„Überall.“

„Und dann, was passiert dann? Fasst sie dich irgendwo an?“

„Nein, dann reitet sie auf dem Besen.“

Martin riss nun doch der Geduldsfaden. „Nun lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Wie macht sie das?“

„Sie steckt den Besen hier rein und …“

„Sie steckt einen Besen in deinen Hintern?“ Martin fühlte den Zorn in seinen Schläfen pochen.

„Es ist kein richtiger Besen?“

„Was ist es dann?“ fragte Martin und versuchte mühsam seine Wut zu unterdrücken.

„Sieht aus wie ein Pimmel, nur härter“, erklärte Michael.

„Frauen haben keinen Pimmel, das weißt du doch, oder?“

„Sag ich ja nicht“, sagte Michael gequält. Offensichtlich verstand er nicht, wieso Martin nicht wußte wovon er sprach. „Sieht nur so aus. Ist aber, glaube ich, aus Plastik.“

„Sie steckt also einen Pimmel aus Plastik in dich rein und dann?“

„Reitet sie.“

„Reitet?“

„Ja, sie hat den Pimmel so umgebunden.“

„Alles klar“, sagte Martin, der endlich begriffen hatte, was da vor sich ging. „Das tut dir weh, oder?“

„Nicht mehr so doll. Nur noch am nächsten Tag.“

„Hast du ihr gesagt, dass du das nicht willst?“ fragte Martin verärgert. Am liebsten wäre er jetzt gleich rüber zu Amelie gegangen und hätte ihr den Besen in ihren kurzen Hals gestopft bis sie daran erstickt wäre.

„Ja.“

„Was hat sie gesagt?“

„Dass ich ja selber schuld sei und niemandem etwas sagen dürfe, sonst kämen noch mehr Hexen, und sie kämen jede Nacht.“

„Wieso bist du selber schuld?“ fragte Martin irritiert.

„Weil ich meine Suppe nicht aufgegessen habe.“

„Was? Was hat das denn damit zu tun?“

„Früher hat sie mir immer gesagt, wenn ich die Suppe nicht aufesse, kommt die Hexe und verwandelt mich in einen Frosch.“

„Und du hast die Suppe nicht aufgegessen?“

Er nickte.

„Suppe kriegst du immer Freitags, stimmt’s?“ vermutete Martin.

Michael nickte.

„Warum hast du sie nicht einfach aufgegessen?“

Michael antwortete nicht. Martin folgte seinem Blick auf den Nachttisch. Der Suppenteller war wie abgeleckt.

„Kommt die Hexe einmal, kommt sie immer, richtig?“

Michael nickte. „Habe ich wirklich Schuld?“

„Nein“, sagte Michael, „auch, wenn du die Suppe immer aufgegessen hättest, wäre die Hexe trotzdem gekommen.“

„Das habe ich mir schon gedacht!“ grunzte Michael erleichtert und legte sich unter die Decke.

„Hast du Angst, weil du es mir erzählt hast?“

Michael schüttelte den Kopf.

„Warum nicht?“ wollte Martin wissen.

„Du bist stärker als die Hexe. Du machst sie weg.“

„Wie kommst du da drauf!“

Michael zog sich die Decke bis hinauf zum Hals. „Weil du schon alles wusstest, gleich, als du sie gesehen hast! Da wußte ich das du mir hilfst.“

„Da bin ich mir nicht so sicher. Verlass dich lieber nicht auf mich“, behauptete Martin.

„Tu ich aber“, sagte Michael trotzig und drehte sich um.

Martin ging rüber in sein eigenes Bett, konnte aber nicht einschlafen. Er konnte sich kaum erinnern, wann er zum letzten mal seine Tränen nicht unterdrücken konnte. Aber diesen Tag würde er sich merken können.

Alles schien wieder von vorne loszugehen. Wenn er sich jetzt da einmischte, würde es ihn wie in einem Strudel hinunter ziehen. Wieder würden schreckliche Dinge passieren. Diesmal hätte er vielleicht kein Glück und würde nicht mehr ungeschoren davonkommen. Diese ganzen Probleme mussten endlich aufhören. Außerdem war das hier gar nicht sein Problem. Michael musste es lösen, es war Michaels Problem. Martin hätte vor Wut schreien können. Der Kleine tat ihm leid. Martin wußte nur zu genau, was er fühlte. Aber er wußte auch, dass er ihm nicht helfen würde.