Kapitel 36

Urnengang

Bei der Erledigung aller notwendigen Formalitäten erwies sich Frau Kant als wahres Genie. Die Beisetzung seiner Mutter erfolgte schneller, als Martin gedacht hatte. Sie wurde getrennt von Nadine und ihrem Vater beerdigt. Martin hatte sie einäschern lassen und die Beisetzung nicht angekündigt. Keinen kirchlichen Krimskrams, keine Trauergäste. Martin holte die Urne in Begleitung von Frau Kant aus dem Krematorium, trug sie eigenhändig zur Grabstelle. Setzte sie bei und ließ den Totengräber seine Arbeit machen. Die Beerdigung der Wortmanns weitete sich hingegen zu einem kleinen Staatsakt aus. Martin las davon in der Zeitung. Die Auflösung der Wohnung regelte Frau Kant ebenfalls fast selbstständig. Martin musste nur seine persönlichen Sachen ausräumen. Dabei sah er Frau Bruckner zum ersten Mal wieder. Als er kurz mit ihr allein war, bedankte er sich für ihre Hilfe. Sie küsste ihn flüchtig und wünschte ihm viel Glück. Einige seiner Sachen musste er bei den Bruckners im Keller unterstellen, weil er sie jetzt noch nicht mitnehmen konnte. Der Rest wurde abgeholt. Ein teil wurde verkauft, ein weiterer Teil eingelagert. Das regelte Frau Kant ebenso wie die Übergabe des Hauses.

Außerdem kümmerte sie sich um die Lebensversicherung, die seine Mutter für ihn abgeschlossen hatte. Davon hatte Martin gar nichts gewusst. Seine Mutter hatte gut vorgesorgt. Es war kein Vermögen, aber immerhin konnte er von der Summe ohne Druck die Schule abschließen und anschließend studieren. Bald würde er 18 sein und endlich wirklich frei. In kürzester Zeit schienen sich alle seine scheinbar unüberwindlichen Probleme zu lösen.