Kapitel 34

Der Blocksberg

Amelies Zimmer war kein eigentliches Zimmer, es glich eher einer abgeschlossenen Wohnung. Sie hatte ein eigenes Bad, eine eigene Küche und drei Räume. Die Wohnung lag direkt neben Michael und Martins Zimmer und teilte die anderen Zimmer im zweiten Stock von den Waschräumen und Martins Zimmer ab. Wie er später feststellte, gehörte die große Veranda, die man von seinem Zimmer aus betreten konnte und die sich an der gesamten Vorderfront entlang zog, auch zu ihrer Wohnung. Die Wohnung selbst war eine seltsame Mischung aus indischem Tempel und englischem Kolonialstil. Im Hintergrund lief indische Musik, die ganze Wohnung wirkte etwas düster, da sie die Vorhänge geschlossen hielt und überall roch es nach Veilchen und streng aromatisierten Räucherstäbchen. Amelie, von der Martin immer noch nicht wußte, wie sie mit Nachnamen hieß, saß mit gekreuzten Beinen auf Boden und zeigte auf ein großes rundes Stoffkissen, auf dem Martin Platz nehmen sollte. Dann schenkte sie ungefragt grünen Tee ein und erklärte ihm die Hausordnung.

Kurz gesagt lief das drauf hinaus: Wer etwas dreckig machte, räumte es auch auf. Im Eisschrank der Gemeinschaftsküche auf jeder Etage hatte jeder sein eigenes Fach. Duschräume, Küche und Toiletten wurden nach Plan geputzt. Einkaufen musste jeder für sich selber und wer noch keine 18 war, hatte gegen zehn im Haus zu sein. Außer Samstags, da durfte man bis 12, sofern man über 16 war. Wollte jemand über längere Zeit fernbleiben, musste er sich abmelden beziehungsweise eine Erlaubnis einholen. Einfacher ging es nicht.

Amelie machte auf überaus kumpelhaft, aber ihre Augen versprachen etwas ganz anderes. Das Blitzen in ihren fast pupillenlosen Augäpfeln, als sie sagte, dass sie das Gefühl hätte, dass Martin und sie sich sicher gut verstehen und keinerlei Probleme kriegen würden, alarmierte Martin. Andererseits würde er nicht lange genug hierbleiben, damit sie ihm gefährlich werden könnte.

Am nächsten Tag schon hatte Bruhns das Ergebnis vorliegen. Bereits der Blutgruppentest ließ Martin als Vater ausscheiden. Das fanden Bruhns und Martin gleichermaßen verwunderlich, wenn auch von unterschiedlichen Standpunkten her. Martin erklärte Bruhns, dass er keine Ahnung hätte, wer der Vater sein könnte. Natürlich dachte Martin insgeheim an Frank. Doch einerseits schien es ihm abwegig, dass er mit so einer Flachbirne die gleiche Frau geteilt hatte und andererseits würde es ihn keineswegs entlasten, wenn er auf Frank als möglichen genetischen Urheber verwies. Martin wußte ja, dass Frank unschuldig war. Ein unbekannter Vater schien ihm da weit günstiger, als jemand, der als Täter sowieso nicht in Frage kam.

Martin hatte angenommen, dass die Tatsache, dass er nicht der Vater des Kindes war, ihn entlasten würde. Zumal sie immer noch keinerlei Spuren gefunden hatten, die überhaupt für seine Anwesenheit am Tatort sprachen. Aber da hatte Martin Bruhns verwobene Hirnknoten reichlich unterschätzt. Gerade weil er nicht Vater war, tat sich ein neues Motiv auf: nämlich Eifersucht. Bruhns war zwar geneigt zu glauben, dass Martin von der Schwangerschaft nichts gewusst hatte, bis er selbst es ihm gesagt hatte. Und eigentlich war ihm auch klar, dass es absurd war anzunehmen, Martin würde aus Eifersucht seine Mutter, seine zukünftige Braut, samt Schwiegervater erschießen und dann den Ehebrecher laufen lassen. Andererseits hatte Martin selbst zugegeben, dass er nicht wüsste, wer der Vater war. Bruhns ganzes Beweisgerüst stand auf mehr als dünnen Beinen. Aber der Kommissar weigerte sich standhaft, in diesem Fall den einzigen Menschen mit Motiv von seiner Liste zu streichen. Er tat das nicht aus Böswilligkeit. Er hatte einfach nichts anderes, woran er sich festhalten konnte.

Die Untersuchungen zogen sich hin. Und die Freigabe zur Beerdigung von Martins Mutter ließ auf sich warten. Alles war höchst unerquicklich. Martin verbrachte seine Zeit in dem Wohnprojekt, mit Tennisspielen. Die Villa, in der das Jungendwohnprojekt untergebracht war, war nach dem Tode ihres Besitzers in die Hände der Stadt gefallen. Es hatte reichlich Geld gekostet das Gebäude zu sanieren und seinem neuen Zweck zuzuführen. Im Garten fand sich ein heruntergekommener roter Sandplatz, der einmal eine kleine Tennisanlage gewesen war. Die jetzigen Bewohner hatten den Platz in Eigenarbeit wieder hergestellt. Sie hatten ein neues Netz gekauft und seitdem die Anlage gut in Schuss gehalten. Einen Schläger musste Martin sich leihen. Aber, wie sich bald herausstellte, spielte er leidenschaftlich gerne Tennis.

So lernte Martin auch langsam einige der anderen Bewohner kennen. Michael war der jüngste hier, und eigentlich gehörte er hier auch gar nicht hin. Viele der Jugendlichen waren in Martins Alter. Einige sogar über 18. Sie konnten bis zu ihrem 21. Lebensjahr hier bleiben. Die Anlage war ursprünglich nicht für Waisen gedacht. Die meisten Bewohner hatten einfach nur Ärger zu Hause. Die Eltern waren Alkoholiker oder litten an anderen schweren Störungen, und die Jugendlichen hatten sich freiwillig hierher zurückgezogen, weil es daheim unerträglich geworden war. Es gab die Mindestunterstützung vom Staat, der versuchte sich davon etwas bei den Eltern wiederzuholen. Doch da war selten was zu holen. Es gab mehr Mädchen als Jungen, und die meisten Bewohner zogen sich vom Gemeinschaftsleben weit zurück. Man sah selten jemanden. Sie hatten ihre Freunde außerhalb und kamen meist nur zum Schlafen her.

Michael war einer der wenigen, die das Gelände so gut wie nie verließen. Er war ein vorzüglicher Tennisspieler, jedenfalls im Vergleich zu Martin. Und Martin, der das Gelände zur Zeit ja nicht verlassen durfte, lernte unablässig von ihm.

Das einzige Mal, dass Michael das Gelände verließ, war Freitag Nacht. Martin konnte wegen der Hitze schlecht schlafen und dämmerte vor sich hin. Als er sich spät nachts noch etwas zu trinken aus dem Eisschrank holen wollte, lag Michael nicht in seinem Bett. Erst dachte sich Martin nichts dabei. Michael konnte auf der Toilette sein, oder war einfach im Garten frische Luft schnappen. Doch Michael kam lange Zeit nicht wieder. Martin lag fast drei Stunden wach. Dann öffnete sich die Tür. Michael kam zurück.

„Wo warst du“, fragte Martin, obwohl es ihn nichts anging.

Michael zuckte mit den Achseln und legte sich ins Bett. Er konnte nicht weit weg gewesen sein. Im Schlafanzug.

Martin konnte sehen, dass Michael nicht schlief, seine Augen starrten weit geöffnet an die Decke.

„Ist alles in Ordnung?“ erkundigte sich Martin, der sich Sorgen um den Kleinen machte. „Sag mir doch wenigstens, wo du warst?“ fragte Martin noch einmal, als der Kleine immer noch nicht antwortete.

„Auf dem Blocksberg“, antwortete Michael und drehte sich weg, um sich in die Decke einzurollen.

Der Kleine hatte einen ernst zu nehmenden Schaden, dachte Martin. Aber das war nicht seine Sache, dafür hatten sie hier ja schließlich einen Pädagogen.