Kapitel 33

Die Nacht danach

Alles ging wieder mal schleppender voran, als es Martin lieb war. Kurz nach 21 Uhr klingelte es endlich an der Haustür. Er sah aus dem Fenster. Unten standen zwei fremde Wagen in der Einfahrt. Martin ging erleichtert die Treppe hinunter und öffnete die Tür.

„Martin Bönning?“ fragte der ältere der beiden Männer und hielt ihm einen Ausweis hin.

„Bruhns, Kriminalpolizei.“ Er zeigte hinter sich. „Das ist mein Kollege Haider. Und hier Frau Kant vom sozialen Dienst.“

Martin blieb in der Tür stehen. Eigentlich hatte er erwartet, dass sie ihm jetzt seine Rechte vorlasen. Aber das hier war kein Krimi und auch nicht Amerika.

„Dürfen wir einen Moment hereinkommen?“

Martin trat einen Schritt beiseite und ließ die Leute herein. Dann schloss er die Tür. Die Kriminalbeamten begannen sich mechanisch im Flur umzusehen. Reine Gewohnheit, vermutet, Martin. Frau Kant sah sich nicht um, sie beobachtete ausschließlich Martin.

„Also, Herr Bönning“, setzte Bruhns an. „Ich will nicht lange drum herum reden. Es ist etwas mit Ihrer Mutter. Er wäre Unsinn zu sagen, sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Die Sache ist die, wir müssen sie bitten mit aufs Präsidium zu kommen, und …“

„Es wäre schön, wenn du uns helfen könntest, einige Fragen zu klären.“, mischte sich Frau Kant sofort ein.

Bruhns warf ihr einen bösen Blick zu.

„Was ist mit meiner Mutter?“

„Das versuchen wir gerade herauszufinden?“ überging Frau Kant den Kommissar gleich wieder.

„Hatte sie einen Unfall?“ fragte Martin, versuchte dabei besorgt zu klingen.

Bruhns und Kant sahen sich unsicher an. Beide schienen sich um diese Antwort nicht zu reißen.

„Die Wahrheit ist“, setzte Frau Kant an, „dass deine Mutter tot ist.“

„Wieso tot?“

„Genau das versuchen wir gerade herauszufinden, und dabei sollst du uns nun helfen.“ Bruhns hatte das Feld geräumt und überließ Frau Kant alles weitere. „Wir möchten dich bitten, uns jetzt aufs Präsidium zu begleiten.“

Martin nickte stumm und griff nach seinem Schlüssel an der Tür. Hätte er jetzt nicht zusammenbrechen müssen? Martin überlegte. Wenn darüber nachdachte, musste er zugeben, dass er noch nie so richtig zusammen gebrochen war. Warum also ausgerechnet jetzt? Nein, das passt einfach nicht zu mir, entschied Martin. Die drei Fremden standen unschlüssig im Flur herum. Also öffnete Martin die Tür und ging voran auf die beiden Wagen zu.

„Komisches Kind“, war das erste, was dieser Haider von sich gab.

„Er hat einen Schock“, erklärte Frau Kant und beeilte sich ihm zu folgen.

„Welches Auto?“ fragte Martin und stand wie verloren auf dem Rasen.

„Steig hier ein“, sagte Frau Kant und zeigte auf den arg mitgenommenen Fiat Panda.

Bruhns und Haider stiegen in den zweiten Wagen.

„Alles in Ordnung mit dir?“ fragte Frau Kant und lenkte den Wagen aus der Auffahrt.

„Ja?“ sagte Martin und es klang eher wie eine Frage.

„Schon gut. Mach dir keine Sorgen. Wir kriegen das alles in den Griff.“

Martin sah Frau Kant an. Sie war klein, pummelig, ungepflegt aber nett. Eine Sozialarbeiterin eben.

Als Martin merkte, dass sie nicht direkt ins Präsidium, sondern zum Krankenhaus fuhren, ahnte er was ihn erwartete. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er seine Mutter identifizieren musste. Jetzt sah er sie doch noch mit geschlossenen Augen. Sie hatten ihre Gesichtszüge verändert. Das sollte wohl so aussehen, als ob die schlief. Seine Mutter war auch nicht in einem Schubfach aufbewahrt, wie er vermutet hatte. Sie lag scheinbar unbekleidet, nur mit einem Tuch bedeckt auf einem Edelstahltisch, wie man ihn auch in Großküchen verwendete. Eigentlich wollte er seine Mutter mit diesem seltsamen Lächeln in Erinnerung behalten. Jemand, der lächelte, war nicht wirklich tot. Bis zu diesem Moment hatte er zwar gewusst, dass sie tot war, aber alles schien ihm bis eben so normal. Als ob sie nur im Moment nicht da war. Jetzt erst wurde ihm klar, dass sie nie wiederkommen würde und, dass er das Gefühl dafür verlieren würde, dass sie nur abwesend war. Sie existierte schlicht nicht mehr, das war etwas ganz anderes. Martin wußte das, weil er es bei Frau Möller erlebt hatte. Nur mit dem Unterschied, dass er bei seiner Mutter darüber nicht froh war. Martin spürte, dass man eine Reaktion von ihm erwartete. Eine Ohnmacht vielleicht oder einen Wutanfall. Aber dazu war er jetzt nicht fähig. Wie gelähmt stand er vor dem Tisch, betrachtete seine Mutter und verspürte nichts als eine grausame, öde Traurigkeit.

Der Mann im weißen Kittel deckte das Gesicht seiner Mutter wieder ab, als er meinte, dass der Junge genug gesehen hatte. Martin protestierte nicht. Aber das Gesicht ließ sich nicht so einfach wieder zudecken. Martin konnte es auch durch den Stoff sehen. Der Arzt, oder was er auch war, ging weiter zu den anderen Tischen.

„Das reicht jetzt“, zischte Frau Kant. „Sehen sie nicht wie blass er ist? Der kippt uns gleich um.“

Da irrte sich die gute Frau aber gewaltig. Trotzdem war es Martin recht nicht auch noch die anderen Leichen identifizieren zu müssen.

Bruhns winkte den Leichenbeschauer zurück. Sie hatte ja recht. Jeder wußte wer die anderen beiden Leichen waren. Selbst bei Frau Bönning hier wäre die Identifikation eigentlich überflüssig gewesen, aber wie sollte man einem Kind sonst klar machen, dass die Mutter wirklich tot war?

Martin fand sich auf einmal in einer Amtsstube wieder. Er hatte nicht die blasseste Ahnung, wie er hier hergekommen war.

„Herr Bönning?!“ Bruhns schien ungeduldig zu sein. Er hatte ihn wohl schon mehrmals angesprochen.

„Ja“, presste Martin aus trockener Kehle und sah auf.

„Ich versuche Ihnen zu erklären, was geschehen ist!“ sagte Bruhns sichtlich genervt.

„Ja“, sagte Martin noch einmal.

„Das hat keinen Sinn, das sehen sie doch!“ fuhr Frau Kant von irgendwo her dazwischen.

„Gut, verschieben wir das auf morgen“, willigte Bruhns müde ein.

„Ich bringe ihn nach Hause.“

„Das geht nicht!“ sagte Haider.

„Erst muss geklärt werden, ob die Spurensicherung in dem Haus noch zu tun hat“, erklärte Bruhns.

„Wo soll ich ihn denn unterbringen?“ fragte Frau Kant.

„Das ist ihr Problem. Nach Hause kann er jedenfalls nicht.“

„Ich kriege doch um diese Uhrzeit keinen Platz in einem Heim mehr für ihn.“

„Unten sind genug Zimmer frei“, behauptete Bruhns trocken.

„Eine Zelle? Sie wollen den Jungen in eine Zelle sperren?“

„Nur damit er irgendwo schlafen kann. Die Tür bleibt offen.“

„Bruhns, Sie sind ein Idiot“, regte sich Frau Kant auf und versuchte gar erst, das nicht nach Beamtenbeleidigung klingen zu lassen. „Martin! Martin, hast du Verwandte oder Freunde in der Nähe, wo ich dich diese Nacht unterbringen kann?“

Martin dachte an Frau Bruckner und schüttelte den Kopf. Es war besser sie vorerst nicht mit in diese Geschichten hinein zu ziehen.

„Schöne Scheiße“, zischte Frau Kant leise.

„Das geht mich Gott sei Dank nichts an“, erklärte Bruhns. „Nehmen Sie den Jungen und kümmern sie sich um ihn. Ich habe jetzt Feierabend. Morgen um Punkt elf will ich ihn frisch und munter wieder hier sehen.“

„Danke für Ihre Kooperation, Bruhns.“

„Wie gesagt, wir haben jede Menge freie Zimmer.“

Martin hatte die Zeit zwischen der Leichenhalle und dem Verhörzimmer einfach nicht wahrgenommen. Aber inzwischen war es halb eins durch, und er stand mit Frau Kant vor ihrem Fiat. Entweder war er doch ohnmächtig geworden, oder er hatte einen echten Blackout.

„Ich kann dich nicht mit zu mir nehmen“, sagte sie. „Das ist gegen die Vorschriften. Aber ich kann dich bei einer Kollegin unterbringen.“

Frau Kants Kollegin lernte Martin nie kennen. Als er aufwachte, lag er auf Luftmatratze in einer fremden Wohnung und hatte Hunger. Es war so eine siebziger-Jahre-Freak-Wohnung, mit Che Guevara-Plakaten an der Wand, alles bunt und selbst angestrichen, überall flogen irgendwelche gemusterten Tücher herum und die Schrankknöpfe bestanden aus kleinen Gänseblümchen aus Plastik. Auf dem Weg ins Badezimmer traf er Frau Kant. Sie stand auf dem Flur und telefonierte.

„Benno, ich habe mir das doch nicht ausgesucht. Soll ich den Jungen in so einer Nacht einfach allein lassen? … Das ist mein Job. … Wenn … Moment.“ Als sie Martin sah, hielt sie die Sprechmuschel zu und sagte Martin, dass er in der Küche frühstücken könne. „Ich muss jetzt Schluss machen, Benno. Wir sprechen heute Abend darüber.“ Dann legte sie auf.

„Du hast sicher einen Mordshunger. Aber trink erst mal einen Tee, dann sehen wir, wie es deinem Magen geht.“

Martins Magen ging es gut. Er wollte lieber etwas essen. Wenngleich ihn die tönernen Müslischalen nicht ernstlich reizten.

„Rührei wäre jetzt gut.“

Frau Kant lachte nicht viel.

„Fang mit dem Tee an. Wahrscheinlich erinnerst du dich nicht mehr richtig, aber du hast gestern Abend meinen Wagen ziemlich vollgekotzt und das Zimmer von Bruhns auch. Du weißt noch, wer Bruhns ist?“ fragte sie zur Sicherheit nach.

Martin nickte.

„Wir müssen da heute noch mal hin. Du weißt noch warum?“

„Meine Mutter ist tot.“

„Richtig.“

„Das muss geklärt werden.“

„In Ordnung.“ Frau Kant schien zufrieden. Der Junge war ganz offensichtlich wieder stabilisiert. „Wenn du soweit bist, sag Bescheid. Ich werde, wenn ich dich abgeliefert habe, versuchen an deine Sachen zu kommen und dir einen Platz in einem Wohnprojekt zu sichern.“

„Wohnprojekt?“ fragte Martin alarmiert.

„Ja, das erkläre ich dir nachher, einverstanden?“

Martin war damit nicht einverstanden. Aber worum es auch ging, es würde ja nicht für lange sein.

Bruhns war längst nicht so frisch wie Martin. Haider stand hinter ihm an die Wand gelehnt, folgte der Befragung so gut er konnte.

„Tja Herr Bönning, ich habe es Ihnen ja gestern Abend schon mal versucht klar zu machen. Ich habe drei Leichen und weiß beim besten willen nicht, wie ich mir das erklären soll.“

Martin beschloss so wenig wie möglich zu sagen, dann konnte er auch keinen Fehler machen.

„Wie gesagt, da liegen drei Leichen im Wald und es fehlt jede Erklärung. Haben Sie irgendeine Vorstellung, was dort geschehen sein könnte?“

„Nein.“

„Nicht den kleinsten Anhaltspunkt?“

„Ich verstehe überhaupt nichts.“

„Gut, gut, fangen wir mal ganz langsam an, uns da heran zu arbeiten.“ Bruhns nahm einen Bleistift, um sich Notizen zu machen.

„Sie waren an diesem Tag nicht mit auf die Jagd gefahren?“

„Nein.“

„Warum nicht, waren Sie nicht mit der Tochter von Wortmann befreundet?“ fragte Bruhns nach und deutete damit an, dass er die Nacht genutzt hatte, um sich schlau zu machen.

„Ja.“

„Warum sind sie dann nicht mitgefahren?“

„Wir hatten uns gestritten.“

„So“, Bruhns legte interessiert den Bleistift beiseite.

„Ja, wir hatten uns am Abend vorher gestritten und ich hatte keine Lust, Nadine zu sehen.“

„Worum ging es bei diesem Streit?“ hakte Bruhns interessiert nach.

Die Tür flog ohne Vorwarnung krachend in den Raum. Ein hagerer Mann mit Nickelbrille trat ohne anzuklopfen herein.

„Bruhns, ich warne Sie! Versuchen Sie so etwas nicht noch mal!“

„Was …?“

„Hannemann. Sozialer Dienst.“ Der Mann hielt Bruhns seinen Ausweis vor die Nase.

„Das Verhör eines Minderjährigen in einer Strafsache, ohne Anwesenheit eines Erziehungsberechtigten oder gleichgestellten gesetzlichen Vertreters ist absolut illegal! Das wissen Sie genau!“

„Das ist kein Verhör“, verteidigte sich Bruhns mit erhobenen Armen. „Ich befrage den Jungen lediglich bezüglich eines Sachverhaltes, zu dessen Klärung er vielleicht beitragen kann.“

„Das ist dasselbe, das wissen sie. Der Junge ist nicht in Lage, seine Rechte wahrzunehmen. Aber dazu bin ich ja da. Sollte ich erwähnen, dass ich Volljurist bin?“ Das war eindeutig eine rhetorische Frage. „Kommen sie mir also nicht so schrägen Argumenten. Das nur eine Befragung und kein Verhör, dass ich nicht lache! Meine Kollegin können sie vielleicht mit so was einlullen. Mich nicht!“

„Ich versuche niemanden …“ bemühte sich Bruhns klarzustellen.

Hannemann hörte gar nicht hin und wandte sich an Martin. „Sind Sie sich der Konsequenzen, die eine solche Befragung für Sie haben kann, voll im klaren, junger Mann?“

„Ich weiß nicht“, sagte Martin vorsichtig.

„Gut, wünschen Sie einen juristischen Beistand?“

„Nein. Eigentlich nicht.“

„Sind Sie damit einverstanden, wenn ich dem Verhör beiwohne und gegebenenfalls Ihre Interessen wahre?“

„Ich habe nichts dagegen.“

„Damit wäre das geklärt!“ sagte Hannemann und schloss die Tür. „Ich setze sie davon in Kenntnis Herr Bruhns, dass ich das Mandat, das Herr Bönning mir eben übertragen hat, annehme. Und nun … Fahren Sie fort!“

Hannemann griff nach einem freien Stuhl und setzte sich gleich neben Martin.

„Vielen Dank, Herr … Herr Hannemann!“ grunzte Bruhns. „Also, wo war ich. … Ja. … Sie hatten also Streit. Worum ging es dabei.“

„Um nichts eigentlich.“

„Wie? Um nichts eigentlich?“

„Na, Nadine hatte eben schlechte Laune und nörgelte herum. Ich hatte keine Lust, mich um sie zu kümmern, also ist sie verärgert weggegangen.“

„Doch sie wollten sie am folgenden Tag wieder treffen.“

„Schon, aber sie hatte ja nicht mal angerufen, da dachte ich, sie sei immer noch sauer. Also habe ich mich kurzfristig entschlossen, besser nicht mitzufahren und bin ich zu Hause geblieben.“

„Eine glückliche Entscheidung, sonst hätte ich jetzt womöglich vier Leichen.“

„Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?“ mischte sich Hannemann ein und putzte routiniert seine Brille.

„Sie haben keine Ahnung, warum Nadine verärgert über sie war?“ ging Bruhns über Hannemanns Einwurf einfach hinweg.

„Nein, nicht die mindeste?“

„Sie hatten doch Pläne sie zu heiraten, nicht wahr?“

„Ja.“

„Warum sahen Sie sich genötigt, sie zu heiraten?“ wollte Bruhns wissen.

Das war eine Unterstellung und Martin bemühte sich das richtigzustellen: „Ich sah mich nicht genötigt, ich wollte es einfach tun.“

„So mir nichts dir nichts, ohne jeden Grund?“ Bruhns fuchtelte willkürlich mit den Armen in der Luft herum. Wohl um Martin zu zeigen, dass er sich mit solch einer Antwort wohl kaum abspeisen ließe.

„Ich liebe Nadine, das ist doch wohl Grund genug, oder?“

„Ach, heute eigentlich nicht mehr“, warf Bruhns ein. Der Polizist wollte auf irgend etwas bestimmtes hinaus, aber Martin konnte nicht erkennen auf was. Das verunsicherte ihn zunehmend.

„Nadine legte aber Wert darauf!“

„Also hat sie versucht sie zur Ehe zu überreden?“ schloss Bruhns messerscharf.

„Das habe ich nicht gesagt!“

„Es reicht jetzt Bruhns. Ich kann nicht erkennen, was die Beziehung meines Mandanten zu diesem Mädchen mit ihrem Fall zu tun hat“, versuchte Hannemann dem Kommissar den Wind aus den Segeln zu nehmen.

„Moment, Moment.“ Bruhns ließ sich nicht so leicht einschüchtern und ablenken. „Nadine war ein sehr konservatives Mädchen nicht wahr?“

„Kann man sagen?“

„Und wie es heute so üblich ist, haben Sie mit ihr geschlafen, richtig?“

„Bruhns“, rief Hannemann. „Solche Fragen müssen Sie nicht beantworten.“

Martin winkte ab.

„Habe ich. Ist das schlimm?“

„Oh, nein. Sie sind fast 18 und Nadine war ebenfalls 18. Da sehe ich eigentlich überhaupt kein Problem.“

„Dann geht Sie das alles wohl kaum etwas an“, bemerkte Hannemann sofort.

„Das wiederum sehe ich allerdings ganz anders. Wussten Sie, dass Nadine schwanger war?“ ließ Bruhns endlich die Katze aus dem Sack. Der Kommissar konnte Martin eigentlich ansehen, dass er das nicht gewusst hatte. Er wartete trotzdem, bis Martin antwortete.

„Nein, davon hatte ich keine Ahnung.“

„Hhm, bislang habe ich überhaupt keine Vorstellung davon, was da oben in der Jagdhütte vorgefallen ist. Aber es scheint mir nicht unwahrscheinlich, dass es mit dieser Tatsache durchaus etwas zu tun haben könnte. Finden Sie nicht?“

Martin schwieg.

„Vielleicht ist es jetzt doch ganz nützlich, dass Herr … Hannemann anwesend ist. Ich rate Ihnen, sich mit ihm zu besprechen und zu klären, ob Sie zu einem Vaterschaftstest bereit sind.“ Bruhns wandte sich an Herrn Hannemann: „Ich muss dieses Anliegen wohl nicht näher begründen, nicht wahr? Sie können sich gerne hier beraten, Haider und ich warten solange draußen.“

„Nicht nötig!“ sagte Martin sofort. „Ich mache den Test.“

„Vielleicht sollten sie doch mit Herrn Hannemann über die …“ Auch Herr Hannemann fand Martins Einwilligung etwas übereilt.

„Ich mache den Test“, erklärte Martin. „Ich würde selber gern wissen, ob ich der Vater bin oder nicht.“ Dann hätte er wenigstens die Gewissheit, dass er doch nicht ganz unschuldig an Nadines merkwürdigem Verhalten war.

„War“, korrigierte ihn der schweigsame Haider unnötigerweise und lehnte sich wieder zurück an die Wand.

Es war kein Rührei, das auf Bruhns Schreibtisch landete. Es waren halb verdaute Cornflakes.

„Nicht schon wieder“, stöhnte Bruhns.

„Sie sind geschmacklos und wenig einfühlsam.“ Hannemann klopfte Martin auf die Schulter, als ob er ihn ermutigen wollte, mehr zu kotzen. „Wenn Sie nichts dagegen haben, nehme ich meinen Mandanten jetzt mit. Nennen Sie uns den Untersuchungstermin. Wir werden da sein.“ Dann zog er Martin mit sich und ließ Bruhns vor seinem verdreckten Schreibtisch stehen.

„Haider, machen sie das weg!“ pflaumte Bruhns seinen Kollegen an und suchte nach seinen Magentabletten.

Schon am gleichen Nachtmittag musste Martin sich Blut abnehmen lassen. Herr Hannemann begleitete ihn. Der Mensch war fleißig. Er hatte sich zwischenzeitlich die Akten der Polizei zeigen lassen und sie aufmerksam überflogen. Der Stand der Ermittlungen war, dass es zwei mögliche Theorien gab. Es bestand zum einen die Möglichkeit, dass Nadine sich selbst erschossen hatte, nachdem sie ihren Vater und Martins Mutter umgebracht hatte. Die zweite Variante war, dass eine vierte, bislang noch unbekannte Person, die Tat verübt hatte. Die Kriminaltechniker sahen bislang noch keine Möglichkeit nachzuweisen, wie Nadine wirklich gestorben war. Sie konnte erschossen worden sein, genauso gut konnte sie sich selbst die Waffe unters Kinn gehalten und abgedrückt haben. Erschwert wurde die Untersuchung durch die Tatsache, dass feststand, dass sowohl Nadine als auch ihr Vater eine Waffe abgefeuert hatten. Aber es ließ sich nicht exakt rekonstruieren, wer und wie oft worauf geschossen hatte. Mit dem Schrot konnten die Ballistiker nicht allzu viel anfangen. Die Unzahl der winzigen Projektile waren zum Teil nicht einmal einem bestimmten Abschuss zuzuordnen. Die Einschusskanäle ließen keine stichfeste Rekonstruktion der Schussrichtung zu, weil die vielen kleinen Kugeln sich gegenseitig beeinflusst haben konnten und die Hauptladung keinen wirklichen Kanal, sondern nur Brei übrig gelassen hatte. Dass eine dritte Waffe im Spiel gewesen sein könnte, erschien höchst unwahrscheinlich. Die Techniker hatten nicht eine einzige Kugel Schrot gefunden wurde, die nicht aus der gleichen Packung stammte, wie die, die Vater und Tochter Wortmann benutzt hatten. Ein Unbekannter hätte ihnen also erst die Munition oder die Waffen abnehmen müssen, um sie dann kaltblütig damit zu erschießen.

Nach der Blutabnahme musste Martin sich einem weiteren Verhör unterziehen.

Bruhns wollte wissen, ob er irgendwie beweisen konnte, dass er nicht bei der Jagdhütte war.

„Völlig falscher Ansatz“, fuhr der tüchtige Hannemann sofort dazwischen. „Mein Mandant muss hier gar nichts beweisen, schon gar nicht, dass er irgendwo nicht gewesen ist. Sie müssen beweisen, dass er dort war, oder doch wenigstens, dass er dort hätte gewesen sein können.“

„Juristische Taschenspielereien“, nörgelt Bruhns, aber er formulierte seine Frage um.

„Haben sie einen Zeugen dafür, dass sie an diesem Tag, das Haus nicht mit ihrer Mutter verlassen haben?“

„Meine Mutter hätte es bezeugen können.“

Bruhns war unzufrieden mit dieser Antwort. „Hat Sie irgend jemand gesehen, der bestätigen kann, dass sie zuhause waren.“

Sollte er jetzt vielleicht Frau Bruckner ins Spiel bringen? Besser nicht. Nur im Äußersten Notfall. Womöglich verplapperte sie sich, kippte um und erzählte der Polizei alles. Nicht das Martin ihr nicht traute, aber solange es nicht absolut notwendig war, blieb Frau Bruckner sein letzter Trumpf. „Wie denn?“ fragte Martin zurück. „Meine Mutter war nicht da, sonst wohnt niemand bei uns. Und ich habe das Haus ja wie gesagt nicht verlassen.“

„Das bringt uns nicht weiter“, brummelte Bruhns und stellte fest: „Ein solides Alibi haben sie also nicht.“

„Ich darf sie wohl daran erinnern, dass mein Mandant kein Alibi braucht. Es wurde noch keinerlei Anklage gegen ihn erhoben. Bislang besteht ja genau genommen nicht einmal ein begründeter Verdacht für eine Straftat.“

„Das kann sich schnell ändern, wenn die Untersuchungsergebnisse vollständig vorliegen.“

Was Bruhns auf der Seele lastet, war das Motiv. Die Kriminaltechniker hatten die Mord-Selbstmordtheorie zum wahrscheinlichsten Tathergang erklärt. Aber Bruhns sah das einzige Motiv in der Schwangerschaft von Nadine und der wahrscheinlichen Vaterschaft von Martin. Obwohl auch ihm missfiel, dass jemand, um sich heutzutage vor den Folgen einer ungewollten Schwangerschaft zu schützen, eine ganze Familie, noch dazu seine eigene Mutter, mit einem Schrotgewehr ausradiert. Es hätte die Sache wohl erleichtert, wenn der Junge wenigstens ein handfestes Alibi gehabt hätte.

Frau Kant holte Martin am späten Nachmittag von der Wache ab. Herr Hannemann, der sich als ihr Vorgesetzter entpuppte, verpasste ihr einen ordentlichen Rüffel. Sie entschuldigte sich damit, dass sie sich um andere Sachen hatte kümmern müssen. Die waren ebenso wichtig, und dass es sich ja keineswegs um ein Verhör, sondern lediglich um eine Befragung seitens der Polizei gehandelt hätte. Im übrigen habe sie ja ihre Dienststelle pflichtgemäß von dieser Tatsache unterrichtet.

Das musste Herr Hannemann, der sich trotzdem über alle Maßen aufregte, zugeben. Es war Martin recht, dass Hannemann ihm auch weiterhin, in allen juristischen Belangen Höchstselbst zur Seite stehen wollte. Auch Frau Kant hatte keine Einwände. Denn dieser ganze Strafrechtskram war sowieso nicht ihr Metier. Frau Kants Spezialgebiet war die staatliche Unterbringung und Verwahrung herrenloser Jugendlicher.

Martin sah nicht ein, wieso er nicht weiterhin zu Hause wohnen konnte. Aber da er noch nicht ganz volljährig war, benötigte er dafür die Einwilligung eines Erziehungsberechtigten oder eines Vormundes. Er war zwar über 16 und hatte somit die Möglichkeit, sich eine eigene Wohnung zu wählen, korrigierte Herr Hannemann sofort, aber dazu bedurfte es zumindest des Nachweises, dass eine mindestens volljährige Person im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte und aller bürgerlichen Ehrenrechte sich regelmäßig um ihn kümmerte und alle für ihn rechtsrelevanten Unterschriften leisten konnte. Das klang gut, aber sollte wohl bedeuten, wenn sich niemand fand, der ihn freiwillig beaufsichtigte, musste er ins Heim.

„Im Prinzip korrekt“, erklärte Frau Kant. Nur ging es nicht wirklich um ein Heim, sondern, um ein betreutes Wohnprojekt. Es handelte sich dabei um eine Art Wohngemeinschaft. Jeder haushaltete und wohnte dort für sich selbst oder in einer kleinen Gruppe. Und einem Betreuer, der die Gruppe leitete, wurde die Vormundschaft übertragen. Er könnte kommen und gehen, wann er wollte. Er musste sich selbst versorgen, durfte dafür aber auch im Prinzip machen, was er wollte. Jedenfalls, sofern es den Rahmen dessen, was das Jugendschutzgesetz vorgab, nicht überschritt.

Moderne Welt. Martin betrachtete die wunderschöne, alte Backsteinvilla. Viele der Fenster standen wegen der Hitze offen, und es drang laute Musik aus den Zimmern. Frau Kant schien sich zu freuen. „Sie hatten gerade einen Platz frei. Das ist das beste, was der Landkreis zu bieten hat. Ein paar Tage wirst du auf jeden Fall hier bleiben müssen. Ich habe in den Akten die Adresse deiner Tante gefunden.“

„Meiner Tante?“

„Ja, in Bochum! Wusstest du das nicht?“

Seit der Scheidung hatte seine Mutter kein Wort mehr über irgend jemanden aus ihrer Familie verloren.

„Selbstverständlich bliebe da noch dein Vater?“

Martin winkte ab.

„Habe ich mir schon gedacht. Und ehrlich gesagt, selbst wenn ich mich mit ihm in Verbindung setzen würde, er bekäme das Sorgerecht wohl nicht. Nicht bei den Vorstrafen.“
Martin interessierte sich nicht für Geschichten über seinen Vater. Er hatte ihn nicht mehr gesehen, seit er fünf war.

„Also bleibt nur noch die Tante. Wenn sie bereit ist, die Vormundschaft zu übernehmen, dann kannst du im Prinzip tun und lassen was du willst.“

„Auch in unserm Haus wohnen bleiben?“

„Gehört es euch?“

„Nein, ist gemietet.“

„Dann wohl nicht, denn bis der Nachlass deiner Mutter geregelt ist und deine finanziellen Verhältnisse geklärt sind, das kann Wochen, vielleicht Monate dauern. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass du in der Lage sein wirst, so ein Haus zu finanzieren. Schließlich gehst du noch zur Schule.“

Vielleicht war es auch besser so. Ein eigenes, ganz neues Leben anzufangen, war sicherlich vernünftig. Martin hatte völlig verdrängt, dass es nicht unwahrscheinlich war, dass er schon morgen für lange, lange Zeit im Gefängnis verschwinden konnte.

Sein Zimmer war okay. Er musste es mit einem 13jährigen teilen. Aber auch das war okay. Frau Kant stellte seine Taschen ab und verabschiedete sich. Sie hatte noch genug zu tun. Die Projektleiterin war gerade nicht da, aber sie würde bald nach ihm sehen. Außerdem durfte er solange die Untersuchung noch lief die Stadt nicht verlassen. Später dann mit der Einwilligung des Erziehers. Martin packte seine Sachen aus und verstaute sie in dem leeren Schrank. Alles war fremd und provisorisch. Sein Zimmernachbar saß auf seinem Bett und beobachtete ihn.

„Ich bin Michael“, sagte er, als Martin den Schrank schloss.

„Martin.“

„Warum bist du hier?“

„Nur vorübergehend, meine Mutter ist gestorben.“

„Aha.“

Er warf einen Miniatur-Basketball an die Wand gegenüber von seinem Bett und fing ihn auf, als er zurücksprang.

„Meine Mutter ist auf Entzug. Vater hab ich nicht.“

Wieder warf er den Ball gegen die Wand. Sah aus, als ob er das den ganzen Tag machte. Er hatte keine Mühe den Ball zu fangen, er sprang ihm förmlich wie ein Magnet in die Hand zurück.

Plötzlich saß er kerzengerade im Bett. Martin hatte nicht gehört, wie die Tür geöffnet wurde. Er drehte sich um, und ein Blick in diese Augen genügte ihm. Vor ihm stand die Schwester von Frau Möller. Nicht, dass sie irgendeine äußere Ähnlichkeit mit ihr hatte. Sie hatte rostrote, lange, geringelte Haare. Ihr Gesicht sah aufgeschwemmt und teigig aus. Sie trug Schnürsandaletten, einen weiten schwarzen Samtrock, einen weiten beigem Rollkragenpullover. Äußerlich hatte sie rein gar nichts von Frau Möller. Aber ihre Augen hatten genau diesen unverzeihlich fordernden Leck-mich-am-Arsch Blick. Martin hatte das bereits durchgemacht, er würde diesen Blick unter Tausenden wieder erkennen. Es war, als wenn man einmal mit einem echten Alkoholiker gelebt hatte, von da an erkannte man diese Sorte von Süchtigen beim ersten Hinsehen.

„Bist du der Neue?“ fragte die Frau.

Martin zuckte leicht zusammen. Das war auch Frau Möllers Stimme. Es war ihm sofort klar, dass dies die Erzieherin war. Das konnte gar nicht anders sein.

„Ja“, antwortete Martin betont brav. „Martin Bönning.“

„Sehr schön. Ich bin die Amelie. Wenn du fertig ausgepackt hast, komm doch bitte in mein Zimmer, dann erkläre und zeige ich dir alles hier.“

„Ja gern.“

Sie lächelte ihn bittersüß an. Das sollte wohl freundlich wirken.

„Sie ist eine Hexe“, sagte Michael und lehnte sich wieder entspannt zurück. Er schien froh zu sein, dass sie nichts von ihm gewollt hatte.

„Du magst sie nicht?“

„Sie ist eine Hexe, sei bloß vorsichtig, sonst verhext sie dich.“

„Wie meinst du das?“

„Sie kommt nachts auf einem Besenstiel daher geritten und verwandelt dich in einen Frosch.“

Martin lachte. Der Kleine hatte offensichtlich zu viele Märchen gelesen. Er fragte ihn nach den Duschen und wechselte endlich seine Klamotten.