Kapitel 32

Jagdsaison

Martin fuhr mit seiner Mutter gegen Mittag hinauf zur Jagdhütte. Im Gegensatz zu den Wortmanns gingen sie ja nicht wirklich auf die Jagd. Nadine und ihr Vater waren schon vor Sonnenaufgang losgezogen. Heute war es ruhig um die Hütte. Martin hatte schon zwei Treibjagden mitgemacht. Da war hier oben die Hölle los. Doch diesmal wollten sie nur den Nachmittag gemeinsam in der Hütte verbringen und sich entspannen. Keine Gäste.

Martin und seine Mutter gingen die letzten zwanzig Meter zu der Hütte zu Fuß. Mit dem Wagen konnte man nicht bis ganz an die Hütte heranfahren. Weiter unten versperrte eine Schranke die Durchfahrt. Den Korb mit den Lebensmitteln trug Martin. Seine Mutter erzählte von dem Wildschweinrücken, den sie und Herr Wortmann gestern Abend gemeinsam zubereitet hätten. Seine Mutter war glücklich. Das strahlte sie aus jeder Pore und Martin freute sich für sie. Sie und Herr Wortmann passten anscheinend gut zusammen. Was man von ihm und Nadine nicht unbedingt sagen konnte.

Martin konnte Nadine schon von weitem erkennen. Sie stand vor der Hütte und wartete auf ihn. Vielleicht würde sich ja heute alles klären. Schließlich hatte sie gestern so etwas angedeutet. Sie lächelte fast so wie früher.

„Wo ist dein Vater, Nadine?“ fragte Martins Mutter.

„Noch auf der Pirsch.“

„Kommt er auch bald?“

Martin ging einen Schritt nach rechts und stellte den Korb auf den runden Tisch vorm Hause.

„Nicht früh genug.“

Martin drehte sich um. Seine Mutter war fast bei Nadine. Vielleicht drei Meter noch. Martin sah seine Mutter, Nadine und wie der Kipplauf der Schrotflinte einrastet.
„Tut mir leid“, sagte Nadine mit einem hysterischen, verzerrtem Lächeln um die Lippen. „Ich steh es einfach nicht durch.“

Martin begriff nicht wirklich was los war. Er hörte den Schuss und glaubte es nicht. Seine Mutter machte einen weiten Satz zurück und landete auf ihrem Hintern. Den Bruchteil einer Sekunde saß sie still und aufrecht da. Ihre Hand wollte an ihren Bauch fassen, aber bevor sie ihn erreichte kippte ihr Oberkörper nach hinten. So blieb sie reglos liegen. Martin sah zu Nadine hinüber. Er wollte sie anschreien, aber aus seiner Kehle kam nichts.

Der Gewehrlauf zeigte nun auf ihn.

„Ich wußte, dass du zu dumm bist. Du hättest besser zu Hause bleiben sollen“, sagte sie und ihre Stimme hatte viel von ihrer früheren Überheblichkeit zurückgewonnen.
Martin sah in ihre Augen und wußte, dass sie nicht schießen würde. Vorsorglich sprang er hinter den Tisch, neben dem er stand. Von der Tischplatte fetzte ein Viertel des morschen Holzes weg. Keine gute Deckung. Martin wußte nicht viel übers Jagen, aber dass so eine Schrotflinte nur zwei Schuss hatte, war klar. Er sprang auf und wollte ihr die Waffe entreißen. Was er nicht wußte, war, wie verdammt schnell Nadine nachladen konnte.

Er hatte den Kopf kaum aus der Deckung gehoben, da hörte er das verräterische Klicken. Ohne groß nachzudenken rollte er sich in den kleinen Graben neben dem Tisch. Eine Ladung Schrot fegte über ihm in die Büsche. Er blieb still liegen.

„Du bist so dumm. Komm schon raus. Sonst komme ich zu dir.“ Ihre Stimme klang jetzt hysterisch. Sie sprach in einer Art Singsang, so als wenn sie ein Kinderlied aufsagte.

Martin hörte Schritte, die näher kamen.

„Ich komme.“

Das fand sie wohl lustig. Martin versuchte in dem Graben flach auf dem Bauch weiter zu robben.

„Ich komme.“ Nadine lachte meckernd wie ein Ziege.

„Ich komme Daddy, ooh ich komme.“ Sie klang jetzt schon verdammt nah und verdammt durchgeknallt. „Ich seh dich!“

„Nadine!“

Das war die Stimme ihres Vaters.

„Nadine! Was zum Teufel tust du da? Hast du den Verstand verloren?“

„Komm nicht näher, Daddy!“

„Nimm das Gewehr runter. Bist du verrückt geworden.“

„Bleib stehen! Ich erledige das hier. Die beiden haben alles durcheinander gebracht“, drohte Nadine.

„Nadine, was redest du für einen Unsinn? Nimm endlich das Gewehr runter, du zielst auf deinen Vater!“

Martin nutze die kurze Pause, die ihm die familiäre Unstimmigkeit da drüben brachte, um vorsichtig weiter zu robben.

„Bleib stehen!“

„Das war sicher ein Unfall, Nadine!“ versuchte Herr Wortmann seine Tochter zu beruhigen.

„Nein, er hat es gesehen. Er wird aussagen!“

„Nadine, wir kriegen das in den Griff. Bestimmt. Aber nimm um Gottes Willen das Gewehr runter.“

Eine kurze Stille. Martin wagte kaum zu atmen.

„Nadine!“

Ein Lauf rastete ein.

„Nimm das Gewehr runter, zwing mich nicht …“

Ein Schuss. Das war Nadine, Martin wußte es. Er sprang auf. Sie hatte ihn einen Moment lang völlig vergessen und starrte auf ihren Vater, der einige Meter vor ihr zusammensank. Sie sah Martin nicht mal kommen. Er sprang sie von hinten an, schleuderte sie zu Boden und riss ihr das Gewehr aus der Hand. Der Lauf war heiß, fast hätte er sich die Hand verbrannt. Nadine leistet keine Gegenwehr. Martin stand auf und ging hinüber zu ihrem Vater. Vorsorglich nahm Martin auch sein Gewehr an sich. Nadine hockte auf dem Boden und heulte oder lachte oder beides. Sie beachtete ihn nicht mehr.

Martin sah nach seiner Mutter. Ihre Augen waren offen, aber sie sah nichts mehr. Ihr Züge waren eigenwillig starr. Sie lächelte noch. Vielleicht war es auch nur Erstaunen. Martin schloss die Augen nicht, er wollte sie so nicht berühren. Er wollte wenigstens die Berührung von lebendiger Haut als letzte Erinnerung an sie belassen.

Nadine lachte immer noch hysterisch.

„Was machst du jetzt? Na, was machst du jetzt?“ kreischte sie kichernd.

Eigentlich sollte Martin die Polizei rufen und Nadine sofort in eine Klappsmühle einweisen lassen. Aber auch von dort würde sie ihn ein Leben lang verfolgen. Er hasste und liebte sie. Er würde immer wieder an sie denken müssen. Würde sie womöglich irgendwann verstehen. Das letzte was er erleben wollte, war diese Geschichte hier irgendwann zu verstehen oder gar zu entschuldigen. Eher würde er sich aufhängen. Martin ging hinüber zu ihrem Vater. Auch er war tot. Martin schob ihm vorsichtig seine Schrottflinte wieder in Arm.

Dann ging er zu Nadine. Er zog sie hoch zu sich, griff in ihre Patronentasche und lud das Gewehr nach. Nur eine Patrone.

„Martin!“ Ihre Stimme klang jetzt wieder ganz normal. „Du liebst mich doch?“

„Ja, ich liebe dich.“

„Komm her zu mir.“

Sie strich ihre Haare zurück, wiegte sich bei jedem Schritt in der Hüfte. Sie war perfekt. Selbst mit den schmutzigen Haaren. Er legte den Arm um ihre Hüfte.

„Was machen wir jetzt?“ fragte sie mit großen Angst geweiteten Augen. „Wir kriegen Ärger, nicht wahr?“

„Wir kriegen keinen Ärger. Wir doch nicht“, behauptete Martin.

„Du liebst mich, ich weiß es jetzt!“

„Ich habe es dir immer gesagt.“

„Du holst nicht die Polizei?“ fragte sie beruhigt.

„Nein, keine Polizei.“

„Was machen wir denn bloß?“

„Keine Panik. Erst mal solltest du versuchen zu lächeln, dann sehen wir weiter.“

Sie konnte es tatsächlich auf Kommando. Martin fand es wunderschön, wie sie ihr Kinn so weit über den Lauf der Flinte vorschob. Er zwang sich nicht wegzusehen, als er abdrückte und ihr Lächeln für immer aus seinem Leben blies. Martin ließ Nadine zu Boden sinken. Er war von oben bis unten mit Blut bespritzt. Jetzt wurde es wirklich Zeit nachzudenken.

Wortmanns Waffe hatte er nur einer Stelle berührt, die wischte er sorgfältig ab. Den Korb konnte er zu Hause angefasst haben. Im Auto die Abdrücke waren okay. Das einzige Problem war Nadines Waffe. Sie war voller Blut. Er konnte sie nicht abwischen. Pech. Er wischte nur den Kolben und den Abzug ab. Dann nahm er Nadines Finger und drückte ihn noch einmal gegen den Abzug. Das nächste Problem war, dass er hier weg musste. Es waren mindestens vier Stunden Fußmarsch bis nach Hause. Und in diesem Zustand konnte er sich nirgendwo blicken lassen. Auf alle Fälle musste er vor der Polizei zuhause sein. Schüsse waren hier nicht eben selten. Aber Spaziergänger und Wanderer auch nicht. Hatte er irgend etwas vergessen? Egal, jetzt war es zu spät. Er joggte los. Mit dem T-Shirt hatte er das meiste Blut aus seinem Gesicht entfernt, aber er konnte das T-Shirt unmöglich hier irgendwo wegschmeißen. Anziehen wollte er es aber auch nicht mehr.

Seine Kondition war in Ordnung, er schaffte es mit kleinen Gehpausen 75 Minuten zu laufen. Hin und wieder musste er sich auch vor anderen Passanten verstecken. Inzwischen hatte er vielleicht 12 Kilometer hinter sich gebracht. Weiter hinten konnte er schon den Ögersee erkennen. Von dort aus waren es nur noch etwa 5 km. Leider wurde die Gegend zunehmend bewohnter. Wenn er auch weiterhin allen Zeugen aus dem Weg gehen wollte, konnte er noch Stunden brauchen, und er musste sehr vorsichtig sein.

Den Ögersee erreichte Martin eine weitere dreiviertel Stunde später. Er mied die befahrenen Wege und schlug sich durchs Gehölz um den See herum, bis er die Stelle wiedergefunden hatte, wo er mit Werner und Doris schwimmen gegangen war. Gott war das lange her. Niemand da. Er zögerte nicht, sondern beeilte sich ins Wasser zu kommen. Er wusch sich so gründlich er konnte. Überall waren Leute am See und grillten. Ein kleines Feuer würde hier nicht weiter auffallen. Er nahm sich die Zeit, das T-Shirt auf einem der Felsen ordentlich zu verbrennen. Dann blies er die Asche in den See. Nicht übertreiben. Das war okay. Martin sah zu, dass er weiter kam. Er durfte jetzt nur niemanden mehr treffen, der ihn kannte. Ein Junge mit bloßem Oberkörper fiel hier an dem See nicht weiter auf.

Bis zur Stadtgrenze schlug er sich ohne Komplikationen durch. Dann war schulz. Zu viele Leute. Jederzeit konnte ihn jemand erkennen und sich später daran erinnern. Langsam begann er die Stadt zu umrunden. Irgendwo musste es eine Stelle geben, von wo aus er unbemerkt bis zu seinem Haus kam.

Keine Chance. Die Telefonzelle. Oben an dem geschlossenen Waldlokal war eine öffentliche Telefonzelle. Er brauchte nur fünfzehn Minuten. Wehe, wenn irgendwelche Chaoten das Ding ramponiert hatten.

Martin beruhigte sich als er das Freizeichen hörte. Der Apparat war uralt. Die Post schien ihn hier vergessen zu haben und die Randalierer auch. Er wählte die Nummer von Bruckners und hoffte, dass nicht etwa …

„Bruckner.“

Das war der Alte, Martin zögerte, er wollte wieder auflegen. Wie sollte er unbemerkt Frau Bruckner an die Strippe kriegen?

„Schönen guten, Firma Tuppatest. Sie können eine komplette Tuppawaren-Küchenausstattung gewinnen, wenn Sie uns folgende Fragen beantw…“

„Einen Moment bitte, ich gebe Ihnen mal meine Frau.“

Das hatte hingehauen. Kurz darauf hatte Martin Frau Bruckner an der Strippe.

„Ich bin’s Martin“, sagte er schnell. „ Ich weiß Sie sind sauer, aber ich brauche Ihre Hilfe. Ganz ehrlich, ich sitze richtig tief in der Scheiße.“ Hoffentlich hatte sie das nicht nur so dahin gesagt, dass sie ihn beschützen würde, wie ihr eigenes Kind.

„Was kann ich tun?“ fragte sie ohne eine Sekunde zu zögern.

20 Minuten später fuhr Frau Bruckner mit ihrem Wagen vor. Als Martin sie erkannt e, kam er aus dem Gebüsch.

„Du siehst schlecht aus Martin“, sagte Frau Bruckner.

„So fühle ich mich auch.“

Martin legte sich auf Rücksitz. Sie stellte keine Fragen und fuhr ihn unbemerkt bis in ihre Garage.

„Du solltest dich gründlich waschen, das sieht aus wie Blut.“

„Das ist Blut.“

„Pass auf, ich komme in zehn Minuten rüber, dann erzählst du was passiert ist. Und erzähl mir keine Märchen. Wenn ich dir helfen soll, muss ich zumindest wissen, worauf ich mich da einlasse, verstanden?“

Martin nickte. Damit war er absolut einverstanden. Er schlich unauffällig rüber in sein Haus. Als erstes ließ er die Wanne voll Wasser laufen und legte sich in den Berg aus Schaum. Eine kleine Pause war jetzt dringend nötig. Seine Beine brannten wie Feuer. Er hatte sich etliche kleine Hautrisse von den Dornen in den Büschen zugezogen. Die Polizei konnte jederzeit kommen, aber das war ihm egal. Beinahe wäre er eingeschlafen. Unten drehte sich das Schloss, das musste Frau Bruckner sein. Stimmt ja, sie hatte noch den Schlüssel. Man konnte ja nie wissen.

„Martin?“ rief Frau Bruckner von leise von unten.

„Hier oben.“

Martin hatte die Tür zum Badezimmer offen gelassen.

„Also, was ist passiert?“ fragte sie gespannt.

Martin erzählte, was sich an der Jagdhütte zugetragen hatte. Unterdessen Frau Bruckner versuchte, das angetrocknete Blut mit einer Bürste aus seinen Haaren zu kriegen. Sie war weniger schockiert, als Martin erwartet hatte. Er vermied nur einige Details, blieb aber ansonsten genau bei der Wahrheit. Eigentlich hatte er sich ja nichts vorzuwerfen.
„Warum?“ fragte Frau Bruckner nur einmal, als er erzählte, dass er Nadine erschossen hatte.

„Weil sie meine Mutter erschossen hat“, rechtfertigte sich Martin, der dachte, sie meinte, warum er Nadine umgebracht hatte.

„Nein, das meine ich nicht. Warum hat sie bloß auf deine Mutter geschossen?“

„Keine Ahnung“, sagte Martin wahrheitsgemäß. Er hatte überhaupt noch keine Zeit gehabt darüber nachzudenken. Und es schien ihm auf den ersten Blick auch nicht so, als ob sich diese Frage wirklich beantworten ließe. Wahrscheinlich war Nadine einfach nur wahnsinnig.

„Du brauchst dringend ein Alibi“, stellte Frau Bruckner nüchtern fest.

„Genau.“

„Vielleicht hättest du doch besser die Polizei gerufen und wärst dort geblieben.“

„Mit drei Leichen? Was hätten die wohl gedacht, wenn ich da als einziger Überlebender herumgestanden hätte? Wie hätte ich beweisen sollen, dass nicht ich es war, der sie alle umgebracht hat?“

„Hast du?“

Sie misstraute ihm. „Nein, habe ich nicht. Es hat sich genau so abgespielt, wie ich gesagt habe“, stellte Martin unmissverständlich klar.

„Schon gut, das weiß ich ja.“

Martin fand, dass er jetzt sauber genug sei und stand auf, um sich abzutrocknen.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir damit durchkommen. Bestimmt finden sie irgendwas, Fingerabdrücke oder sonst irgendeine Kleinigkeit“, sinnierte Frau Bruckner.

„Sie finden nur, das, was sie suchen und das hängt davon ab, was sie glauben, was passiert ist. Es kommt nur auf die Phantasie der Beamten an.“

„Wie kommst du darauf?“

„Erfahrung“, sagte Martin knapp.

„Verstehe. Ich werde versuchen dir zu helfen, so gut es geht.“

„Danke.“

„Jetzt muss ich aber verschwinden. Immerhin kann die Polizei jeden Moment hier sein.“

Damit hatte sie recht.

„Frau Bruckner!“ rief Martin sie zurück. „Vielleicht sind Sie es ja, die ich liebe. Kann doch sein oder?“ sagte er einer Intuition folgend. Irgendwie dachte er, sie würde so was in der Art gerne hören.

Frau Bruckner lachte. „Red keinen Unsinn! Wir haben nur ähnliche Probleme und sind aus dem gleichen Holz geschnitzt. Darum müssen wir zusammenhalten. Das ist alles, was uns verbindet“, sagte sie und ging.

Frau Bruckner hatte wie immer recht. Geliebt hatte er Nadine. Mit Frau Bruckner kam er gut klar, das war alles.

Martin zog sich frische Sachen an und wartete, diesmal brauchte die Polizei hoffentlich nicht wieder Wochen, bis sie die Leichen fanden. Egal wie diese Geschichte ausging. Eins war Martin klar. Er hatte die Schnauze voll: Von nun keine Lügen mehr und keine Pläne. Nie wieder.