Kapitel 31

Dschungel der Liebe

Sie holte ihn tatsächlich ab und fuhr mit ihm in eine kleine Pizzeria. Das Essen war okay, und Martin konnte es bezahlen. Er wußte, dass sie auf so etwas Wert legte. Warum sie nicht bei ihr oder ihm zuhause aßen, wo ja auch ein Bett in der Nähe war, wollte er gar nicht wissen.

„Es ist romantisch hier, findest du nicht?“

Romantisch war es gestern Abend, aber das musste nicht gesagt werden. Martin fühlte sich, als ob er die Weisheit mit Löffeln gefressen hatte. Was ist los, du bist anders heute.
„Ist was, du bist irgendwie anders heute.“

Gestern warst du so zärtlich.

„Gestern warst du noch so, … irgendwie anders.“

Du liebst mich nicht!

„Liebst du mich nicht mehr?“

„Doch ich liebe dich“, sagte Martin und griff testweise nach ihrer Hand. Sie zog sie zurück. „Es tut dir leid, nicht wahr?“

„Was?“ fragte sie.

„Dass du mit mir geschlafen hast“, sagte Martin ohne aufzublicken.

Treffer versenkt.

„Nein, bis eben gerade eigentlich nicht.“

„Aber jetzt.“

„Was sollen diese Fragen. Ich dachte, du fandest es genauso toll, wie ich.“ Ihre Hand begann nervös mit der Serviette zu spielen.

„Fandest du es denn toll?“

„Natürlich.“ Sie wurde langsam ungeduldig.

„Willst du mich dann heiraten oder nicht?“ fragte Martin, obwohl er das eigentlich überhaupt nicht vorgehabt hatte. Aber wenn der die Zeichen richtig deutete, saß er zu diesem Zweck hier.

„Vielleicht, wenn du mich richtig fragst, aber nicht so“, zierte sie sich.

„Gut.“

„Außerdem bin ich nicht sicher, ob du mich wirklich liebst“, warf sie sofort wieder ein.

„Doch, das habe ich bereits gesagt.“

„Aber du schaust mich nicht mehr so an. So verliebt meine ich.“

Perfekt meine Liebste, dachte Martin. Absolut perfekt.

„Wie soll ich denn gucken, deiner Meinung nach?“

„Du sollst nicht irgendwie gucken, sondern so wie fühlst.“

Am liebsten hätte er ihr jetzt gesagt: ‚Und sollst nicht irgendwie vögeln, sondern so wie du fühlst.‘ Aber er hatte ja gar nicht vor, sie zu verletzen, und letztlich hatte er es ja auch genossen. „Hör zu Nadine! Ich liebe dich und nun lass uns zahlen und zu mir gehen. Vielleicht sehen wir da wieder klarer.“

„Bist du verrückt?“

‚Was? Sex ist doch nicht alles?‘ äffte Martin in Gedanken.

„Liebe ist doch nicht nur Sex.“ Nadine stand auf und verschwand grußlos.

Martin zahlte und machte sich auf einen langen Nachhauseweg.

Martin machte sich keine ernsthaften Sorgen. Nadine würde ihn wieder anrufen. Sie würde ihn auch heiraten, aber sie würde wahrscheinlich nie wieder mit ihm schlafen. Ganz sicher aber nicht so, wie an diesem Abend. Das war Martin irgendwie klar geworden. Etwas ging vor, und Martin kam beim besten Willen nicht dahinter was es war. Offenbar gab es einen Grund, warum sie partout wollte, dass er sie heiratete. Aber mit Liebe hatte das nichts zu tun, da war sich Martin sicher.

Nadine rief wieder an. Sie heulte sogar. Alles war, wie es sein sollte. Sie trafen sich und er tröstete sie. Sie sagte, dass sie unheimlich gerne Sex mit ihm haben würde, jetzt gleich, aber sie saßen im Restaurant des Yachthafens. Wirklich Pech. Martin schlug vor, an den Strand gegenüber zu segeln. Es war unübersehbar Flaute. Die Toiletten? Sie war empört. Sie stritten sich, trafen sich am nächsten Tag und vertrugen sich wieder. Sie wollte. Pech, sie saßen gerade in der Eisdiele. Das Spiel lief so über zwei Wochen, und sogar Martins Mutter und Herr Wortmann wurden unweigerlich mit hineingezogen. Alles klar, dachte Martin, das ist zuviel. Er kaufte einen Ring und Blumen. Damit trabte er bei Wortmanns an und machte Nadine einen ordnungsgemäßen Antrag. Sie war begeistert. Sein Verdacht, dass er dafür eine kleine Belohnung verdient hätte, verpuffte in Nadines überzogener, stürmischer Begeisterung und ihren Überlegungen bezüglich der Hochzeitsvorbereitungen. Martin hatte das Gefühl in einer schlecht inszenierten Broadway-Veranstaltung gefangen zu sein.

Von nun an hatte er ein Leben in Kordhosen vor sich, frei gewählt und unaufhaltsam. Er beschwerte sich nicht. Aber er sah das alles genau vor sich. Jurastudium. Sex zu besonderen Gelegenheit. Zwei Kinder. Ein eigenes Haus. Mutter wird älter, sucht sich einen Liebhaber. Scheidung. Kleine Wohnung für ihn, irgendwo am Stadtrand. Andere Frau, wer weiß. Ein paar Variablen gab es da noch. Vielleicht kam ja auch alles ganz anders. Jedenfalls würde er testamentarisch festlegen, dass er in diesen Kordhosen beerdigt würde und das auch auf seinem Grabstein vermerkt würde. So etwa: „Hier liegt, in seinem letzten Paar Cordhosen …“

Es kam alles anders, aber noch anders. Nadine schien völlig durchzudrehen. Ob alle Frauen so waren? Sie schien kaum noch zu schlafen, sah ungepflegt aus, achtete nicht mehr auf ihre Kleidung und schaute glasig in die Gegend. Wenn sie nicht trank, musste sie wohl Tabletten nehmen.

Martin sah sich das nicht länger mit an.

„Wenn du mich nicht heiraten willst, dann lassen wir’s. Ich mache den Rückzieher, wenn es dir lieber ist.“ Früher wäre jetzt gekommen: ‚Wenn du einen Rückzieher machen willst, sag es doch, aber versuch es nicht mir unterzuschieben.‘

„Doch, doch, doch, ich will dich unbedingt heiraten“, sagte sie und kicherte glasig. Ihr hübsches Lächeln war völlig verschwunden. Die Haare hingen ihr strähnig ins Gesicht.
„Was los, was habe ich getan?“ Martin bekam langsam Angst. Etwas stimmte mit ihr nicht. Wenn das auch nur entfernt seine Schuld war, war er bereit alles tun um das wieder rückgängig zu machen.

„Nichts hast du mir getan, überhaupt nichts.“ Mit ihrem Lächeln war auch ihr Stolz verschwunden, sie wischte sich mit dem Ärmel über die laufende Nase.

„Kann ich irgend etwas tun?“ Martin konnte seine Hilflosigkeit nicht mehr verbergen.

„Ich glaube nicht.“

„Sag mir doch wenigstens, was los ist.“

Ihre Tränen schlugen plötzlich um in Wut. „Nichts. Nichts ist los.“

„Aber ich sehe doch …“

„Nichts siehst du. Dazu bist du viel zu dumm“, fuhr sie ihn an.

„Wie meinst du das?“ fragte Martin erschreckt.

Schlagartig schien sie sich wieder beruhigt zu haben. Derartig starke Stimmungsschwankungen waren doch wohl nicht mehr normal. „Kommst du morgen mit auf die Jagd?“ fragte sie freundlich und dachte gar nicht daran seine Frage zu beantworten.

„Natürlich, aber …“

„Vielleicht erzähle ich es dir morgen.“

Die Geschichte nahm Martin allmählich ernsthaft mit. Wenn er bloß diese verdammte Heirat hinter sich hatte, danach konnte es ja nur besser werden.