Kapitel 30

Broadway the hard way

Nadine holte Martin gegen 20 Uhr ab. Sie hatte nicht gesagt, wohin sie wollten. Martin war wie immer falsch angezogen. Sie war exakt so angezogen und gestylt, wie an dem Tag, als sie das erste Mal mit Wortmanns essen waren. Der Tag, an dem sie sich so plötzlich verändert hatte. Vielleicht war das ein gutes Omen. Vielleicht verwandelte sie sich heute Abend wieder zurück. Eine gute Idee, wieder in dieses Restaurant zu fahren, womöglich konnten sie alles von diesem Tag an wiederholen und neu fortsetzten.

Martins Hoffnung zerschlug sich schnell. Sie hielt nicht vor dem Restaurant. Sie fuhr zu sich nach Hause. Als sie vor ihm her über den Kies nur aus der Hüfte auf Tür zu schwebte, war klar: Dies ist die schärfste Frau der Welt. Martin wollte nicht wissen, wie sie es gemacht hatte, aber mit einem Mal schien sie wieder genau wie früher zu sein. Distanziert und trotzdem irgendwie warmherzig.

Martin trabte hinter ihr her in den Speiseraum. Zwei Gedecke lagen auf dem Tisch. Die Kerzenleuchter waren entzündet. Das Licht vom Tisch drang nicht in die Ecken des Raumes vor, dazu war das Zimmer zu groß. Sie setzte sich ans Kopfende des Tisches. Bestimmt sechs Meter und zwei mehrarmige Kerzenleuchter trennten sie.

Schade. Aber es war ihre Show. Zwei Dienstmädchen brachten Teller und servierten. Eine Karaffe Wein blieb bei Nadine stehen. Martin hoffte, dass sie die nicht allein austrinken würde.

Die Dienstmädchen waren stumm wieder verschwunden und Martin stellte fest, dass auch Nadine kein einziges Wort zu ihm gesagt hatte. Sie fing an zu essen. Auf Martins Teller befanden sich eine Handvoll Scampis. Nadine ließ ihn keine Sekunde aus den Augen, während sie einen Scampi nach dem anderen auslutschte.

Martin zerpflückte das Meeresgetier eher. Satt würde er heute wohl nicht werden. Seit Nadine den letzten Scampi ausgelutscht und jeden ihrer Finger einzeln abgeleckt hatte, beobachtete sie ihn von weitem mit aufgestütztem Kopf. Im Zimmer war es totenstill. Man hörte jeden Bissen, jedes Knacken der Schalentiere. Martin stellte sich noch ungeschickter an, seit sie ihn nur noch beobachtete. Er konnte ihr Lächeln nur erahnen, aber wußte, dass es da war und er liebte es. Die Soße war verdammt salzig und da war nur das eine Glas Wein. Martin kippte ihn zu schnell herunter. Was, wenn er leer war. Kam dann aus einer der dunklen Ecken ein eifriger Bediensteter und füllte unauffällig nach? Martin würde es gleich wissen. Er stellte das leere Glas ab und säuberte seine Finger.

Kein Bediensteter ließ sich blicken. Dafür erhob sich Nadine. Sie griff nach der Karaffe, aber hob sie nicht hoch. Langsam kam sie mit diesen organisch wiegenden Schritt auf ihn zu. Die ganzen sechs oder mehr Meter schepperte die Karaffe in ihrer Hand über den Tisch. Es hörte sich an wie ein Güterzug, der auf ihn zu raste. Nadine war dieser Güterzug, der auf ihn zu raste. Es war ihre Show. Und sie war verdammt gut. Mit einem Knall landete die Karaffe gleich neben dem Glas auf dem Tisch und Nadine kam vor ihm zum Stehen. Und wie sie stand. Eine Hand in die Hüfte gestemmt, das Becken leicht vorgeschoben. Sie hatte die Karaffe wieder hochgehoben und schenkte ihm Wein ein.

„Sag halt!“

Martin dachte gar nicht daran. Nicht mal, als das Glas überzulaufen begann. Nadine sah nicht hin, nicht mal als Karaffe leer war. Sie sah ihm nur in die Augen. Martin versuchte aufzustehen, jetzt wollte er sie küssen. Sie drückte ihn mit einer Hand zurück auf den schweren Eichenstuhl, mit der anderen warf sie die Karaffe in die Ecke, wo sie sich mit einem teuren Klirren verabschiedete. Sie schwang ein Bein über seine beiden und ließ sich nieder. Ihre Arme umschlagen ihn und sie küsste ihn. Nicht wie am Strand, sondern leidenschaftlich, als wäre seine Zunge ein weiterer Scampi auf ihrem Teller. Sie drückte ihn ein Stück von sich weg. Drei Knöpfe flogen an ihm vorbei und landeten mit dezentem Klickern auf dem Marmor. Die Kostümjacke glitt hinter ihr auf den Boden, und sie streckte ihre Brüste weit vor, während sie hinten den BH öffnete. Martin küsste ihr Dekolleté, dann lagen die Brüste frei. Nadine schob seinen Kopf dazwischen. Er küsste alles, was er antraf. Es war verdammt still hier. Nur ein stoßender Atem und Martins Schmatzgeräusche lagen in der Luft. Schon drückte sie ihn wieder sanft von sich. Mit dem rechten Arm räumte sie den Tisch ab. Dazu brauchte eigentlich nur eine einzige Bewegung. Sie hatte sich erhoben. Die andere Hand hatte unterdessen den Reißverschluss ihres Rockes gelöst und er glitt herunter. Heute trugen Frauen wohl grundsätzlich keine Unterwäsche mehr. Sie setzte sich auf die Tischkante und machte sich an seiner Hose zu schaffen. Auch das ging ziemlich zügig. Sie ließ sich nach hinten gleiten. Die Weinpfütze in der sie landete, nahm sie scheinbar gar nicht wahr, sie streckte die Arme nach hinten und hielt sich an dem schwer wirkenden Leuchter fest.

Martin küsste ihren Bauch, ihre Brust und lauschte auf ihren Atem. Ziemlich bald steckte er in ihr drin. Er. Nadine ließ den Leuchter los, schlang die Arme um ihn und zog ihn dicht zu sich heran. Sie küssten sich eindringlich und Martin wurde es bald angenehm warm und feucht um sich herum.

Als sie fertig waren, blieb Nadine auf dem Tisch liegen und räkelte sich entspannt.

„Bring mich hoch“, sagte sie.

Er sollte sie tragen? Die Treppen hoch? Okay!

Er hob sie an, sie hing leicht an seinem Hals. Wirklich kein Problem für einen Mann. Andererseits war da der Muskelkater und der lähmte ihn. Auf der Treppe kam er prompt ins Schwitzen. Er wollte sie nicht fallen lassen und er wollte auch nicht aufgeben. Drei Minuten später ließ er sie eher unsanft auf ihr Bett plumpsen und atmete schwerer als eben unten beim essen. Sie lachte, verkroch sich unter ihre Decke und holte ihn zu sich. Dort schlief er im Morgengrauen ein.

Am nächsten Mittag wurde ihm klar, dass er voraussichtlich gleich ein Rendezvous mit Herrn Wortmann hatte. Das konnte unangenehm werden. Andererseits fragte er ihn ja auch nicht, was er so alles mit seiner Mutter … Martin kam zum ersten Mal der Gedanke, dass seine Mutter mit Herrn Wortmann eventuell Sex haben würde. Er verscheuchte den Gedanken schnell wieder. Diese Vorstellung behagte ihm nicht besonders. Er sah sich in Nadines Zimmer um. Gut, Madame war schon aufgestanden. Jetzt konnte er den Gang nach Canossa allein antreten.

Seine Befürchtungen waren umsonst. Herr Wortmann war längst mit seiner Mutter zu irgendeiner Wohltätigkeitsveranstaltung abgerückt. Nadine hatte gefrühstückt. Er bekam Rühreier. Sie setzte sich zu ihm.

„Was treiben wir heute?“

Sie hatte ihn zur Begrüßung flüchtig geküsst. Er sah sie an. Sie war ausgesprochen gut gelaunt. Er gabelte Stück für Stück sein Rührei weg. Sie sah ihm nicht in die Augen. Doch tat sie. Aber nicht richtig. Nicht so, wie sie es tun sollte. Was war denn jetzt wieder los.

Nadine bemerkte den argwöhnischen Blick.

„Was ist jetzt wieder los.“

„Nichts“, sagte Martin. „Gar nichts.“

Martin nahm sich vor, in Zukunft weniger nachzudenken und mehr auf seine Intuition zu hören. Und seine Intuition sagte ihm in diesem Moment, dass gestern Abend, gestern Abend war. Es war das erste und einzige Mal. Sie würde nie wieder mit ihm schlafen. Er hatte keine Ahnung, wie er darauf kam, aber es war genauso sicher, wie die Tatsache, dass er sie liebte.

„Wollen wir segeln gehen?“

Martin sah raus. Das Wetter war nicht danach.

„Nein, das Wetter ist nicht danach“, korrigierte sie sich selbst.

Sie geht reiten, dachte Martin.

„Stört es dich, wenn ich etwas reiten gehe? Ich hole dich heute Abend ab und wir machen was zusammen, ja?“

„Kein Problem“, sagte Martin und dachte: Ist irgendwas?

„Ist irgendwas?“

„Nein, nein. Ich bin nur etwas erschöpft.“

„Ach so. Bist du heute Abend wieder fit?“ fragte sie mit einem schelmischen Lächeln.

„Aber 100 prozentig.“

„Na, dann ist ja gut!“

Ihr Lächeln blieb großartig, egal was auch immer sonst mit ihr war. Und er würde sie heiraten, gleichgültig was passierte.