Kapitel 29

Wer zum Teufel ist Nadine?

Gegen neun war sein Problem noch das gleiche. Er nahm Frau Bruckner die Abweisung aber nicht mehr so übel. Vielleicht hatte sie ja wirklich einen wichtigen Grund, der ihr tatsächlich keine Zeit ließ. Martin war pünktlich und leise. Sie kam kurz nach ihm. In der Waschküche war es dämmrig, aber das war gut so. So fiel es ihm leichter darüber zu sprechen. Martin erzählte, wie Nadine sich verändert hatte, und dass er das nicht verstehen konnte. Er erzählte auch, dass er nicht mehr wußte, was er von ihr halten sollte, ob er sie überhaupt liebte. Frau Bruckner hörte sich alles an und setzte sich auf den klapprigen Stuhl, auf dem meist der Wäschekorb stand.

Als er fertig war, sagte sie nur: „Da kann dir eigentlich keiner helfen. Liebe ist halt ziemlich schwierig. Manchmal ist man froh, manchmal enttäuscht und deprimiert. Das gehört einfach alles dazu.“

„Also liebe ich sie?“ Das war ja wohl die eigentliche Frage die Frau Bruckner für Martin beantworten sollte.

„Das kannst nur du selber wissen“, wiegelte Frau Bruckner ab.

„Aber ich bin mir nicht mehr sicher.“

„Das ist man nie, das macht es ja so spannend.“

Martin fand das durchaus nicht befriedigend.

„Aber es ist nicht so wie bei ihnen!“ warf er ein.

„Was?“

„Na, das Küssen und das alles.“

„Wie willst du das wissen?“

Tatsächlich musste Martin zugeben, dass er Frau Bruckner noch nie geküsst hatte, er hatte …

„Aber ich habe Angst, davor, dass es nicht so ist.“

„Da brauchst du keine Angst haben, es ist immer irgendwie dasselbe.“

Das war gelogen, ob wissentlich oder nicht. Es war gelogen. Martin wußte, dass es nicht immer irgendwie dasselbe war. Mit einem leichten Schauern dachte er an Frau Möller. Hoffentlich zu letzten Mal in seinem Leben.

„Wie gesagt, ich kann dir nicht helfen. Ich wünschte, ich könnte es, aber das kann keiner.“

„Sie könnten mich küssen, dann hätte ich einen Vergleich.“

„Nein, das kann ich nicht. Geh zu deiner Freundin und klär das mit ihr. Dann wird sich schon alles fügen.“

Sie wollte aufstehen. Es gab wohl nichts mehr zu sagen. Martin war schneller. Er setzte sich auf ihren Schoß und versuchte sie zu küssen. Sie wehrte drehte den Kopf weg, doch Martin gab nicht nach. Dann küsste sie ihn, erst widerwillig und zögernd, dann so wie er es erwartet hatte.

„Jetzt ist aber gut“, sagte sie.

Martin ließ sie los. Das hatte er befürchtet. Bei ihr war einfach alles größer, feuchter und wärmer. Und angenehmer.

„Das war nicht nett, das weißt du?“ wies sie ihn zurecht und es war das erste Mal, dass sie richtig sauer auf ihn war.

„Tut mir leid.“

„Kümmer dich um deine Freundin, die ist jung und hübsch. Das kommt schon alles. Verlass dich drauf!“ Das war ein Befehl. Frau Bruckner war aufgestanden, hatte die Tür geöffnet.

„Ist besser, wenn du von jetzt an nicht mehr rüber kommst.“

Dann war sie weg.

Martin war wütend auf alles und besonders auf sich. Er hatte gerade seine einzige wirkliche Freundin verloren und Schuld daran war nur Nadine und diese beschissene Art, wie küsste. Jetzt hasste er auch Nadine. Fünf Minuten später hasste er nicht mehr Nadine, sondern Frau Bruckner. Warum musste sie so küssen, wie Nadine küssen sollte. Dann wieder hasste er mal wieder sich selbst, weil er nur Schwachsinn im Hirn hatte. All dieses Nachdenken brachte ihn nicht weiter. Er nahm sein Rad und fuhr drauf los, um sich abzureagieren.

Seine Mutter hatte sich schon Sorgen gemacht, als er so spät nach Hause kam. Gelöst hatte er das Problem noch immer nicht, aber er war nicht mehr ganz so wütend. Am nächsten Tag ging er früh zum Training, dass er die ganze Zeit über so vernachlässigt hatte. Er wußte, dass es einen gewaltigen Muskelkater geben würde, aber er stemmte und zog trotzdem unter vollem Krafteinsatz an den Gewichten.

Gegen Abend meldete sich plötzlich Nadine. Sie wollte sich am nächsten Abend mit ihm treffen. Natürlich freute er sich.