Kapitel 28

Scharfe Wende

Frau Bruckner bekam gleich am nächsten Nachmittag die Gelegenheit, Nadine zu sehen. Nadine war vorbei gekommen, um sich zu entschuldigen. Sie hatte ihre Freude gestern nicht so gezeigt, wie man es schließlich von ihr hätte erwarten können, weil die Überraschung einfach sei zu groß gewesen sei. Und schlussendlich habe sie leider auch ein kleines bisschen zuviel von dem Champagner gehabt. Martin Mutter zeigte vollstes Verständnis. Sie saßen den ganzen Nachmittag über im Garten und tranken Eistee. Nadine war nicht mehr Nadine. Etwas hatte sich geändert. Sie war nicht mehr freundlich unnahbar, sie war jetzt nur noch herzlich. Fast aufdringlich herzlich. Kein Grund zur Klage eigentlich.

Gegen Abend holte Herr Wortmann sie ab. Sie wollten schon wieder Essen gehen. Martin suchte seine Kordhose. Nadine winkte ab.

„Heute kannst du so gehen.“

Sie selbst trug auch Jeans, das war ihm erst gar nicht aufgefallen. Selbst Herr Wortmann trug Jeans und dazu einen grauen Trachtenjanker mit dunkelgrünem Besatz. Im dunkelgrauen Jaguar ging es in ein nahe gelegenes Waldgebiet. Dort lag ein kleiner, schlichter Gasthof, der vorzügliches Wildbret servierte.

„Das dahinten“, erklärte Wortmann und zeigte den Hügel hinunter auf die andere Seite. „Das ist meine Jagd. In drei Wochen beginnt die Saison. Dann verbringen wir fast jedes Wochenende da oben in der kleinen Hütte. Da sind immer eine Menge Freunde dabei. Einige sieht man sogar nur zur Jagdsaison. Bin nicht sicher, ob die überhaupt meinetwegen kommen.“

Herr Wortmann lachte. Seine Mutter genoss die Aussicht. Und Martin beschlich der Verdacht, dass hier irgendwie sein Leben mit verplant wurde.

„Sie können doch jagen, oder?“ Die Frage war an Martin gerichtet.

„Habe ich noch nicht probiert.“

„Schade, da entgeht ihnen was. Aber halten sie sich nur an meine Tochter. Mit zwölf hat sie ihren ersten Sechsender geschossen, damals noch ohne Jagdschein. Aber Schwamm drüber.“

Nadine zeigte ihr beneidenswertes Lächeln und nahm Martins Hand, als sie das Lokal betraten. Wenigstens ging es hier legerer zu. Jagdkleidung war nicht Pflicht, jedenfalls nicht außerhalb der Saison. Das Essen war großartig. Nadines Hand auf Martins Knie irritierte nur ihn. Sonst bemerkte es keiner.

Nadine tauchte in der nächsten Woche jeden Tag auf. Wenn sie nicht gerade reiten ging, saß sie mit Martin im Garten und wollte Händchen halten. Oder die beiden gingen segeln. Eine Sportart, die Martin wirklich zu schätzen lernte und auch sehr bald im Griff hatte.

Eigentlich wollte Martin ja gerne mit Nadine Händchen halten und natürlich mehr. Er hätte sie ja sogar vom Fleck weg geheiratet. Aber dieser plötzliche Umschwung irritierte ihn nun doch ein wenig. Er wurde das Gefühl nicht los, dass es nichts wirklich mit ihm zu tun hatte. Hin und wieder hatte er sogar das Gefühl, dass Nadine ihn eigentlich verachtete. Dieses Gefühl hatte er früher nicht gehabt. Da war sie bestenfalls zurückhaltend und unnahbar gewesen.

Nachdem er sich das einige Tage angesehen hatte, steuerte er das Segelboot während eines Turns auf den weiter entfernten Strand zu. Die Bucht war einsam und ruhig, genau das was Martin suchte.

„Klapp das Schwert ein“, rief Nadine, als sie sah wie dicht er am Ufer war.

Er wußte nicht wie, aber Nadine hatte es schon erledigt.

„Was soll das?“

„Ich muss mit dir reden“, sagte er, während der Bootskörper über den Sand knirschte. Nadine raffte das Segeltuch herunter. „Du und deine Ideen.“

Sie zogen das Boot an den kurzen Sandstrand und setzten sich.

„Was ist los mit dir, Nadine?“

„Was? Das wollte ich dich schon fragen. Du hast doch gesagt, dass du mich liebst. Du wolltest mich doch sogar heiraten.“

„Das will ich immer noch“, sagte Martin, obwohl er sich im Moment da nicht so sicher war.

„Also. Ich komme dir entgegen, soweit es geht und du küsst mich noch nicht einmal“, zickte Nadine unvermittelt los, ohne das Martin irgendwie den Zusammenhang herstellen konnte.

Vielleicht hätte er sie jetzt tatsächlich einfach küssen sollen. Aber zwischen ihnen war eine unsichtbare Mauer, die ihn am betreten hinderte. Eine Nadine, die geküsst werden wollte, war irgendwie nicht das Original. Nicht die Nadine, die er vor kurzem noch für immer ewig zusammen sein wollte. Nadine sah ihn mit einer Mischung aus Sturheit und Aufforderung an. Irgendwo sah Martin auch ein Haar von Verachtung aufblitzen. Die Suppe war völlig versalzen.

Trotzdem beugte er sich herüber und küsste sie. Ziemlich trocken. Es war kein Verlangen in dem Kuss, nicht mal wie bei Franziska. Eine Formalie. Er versuchte es noch einmal. Mit dem gleichen bescheidenen Erfolg.

Enttäuscht stand er auf.

„Hilf mir das Boot wieder ins Wasser zu bringen.“

Sie war sitzen geblieben.

„War das alles? Ich dachte …“

„Was?“ fragte er und spürte Zorn in sich aufsteigen.

„Ich dachte, wir machen es gleich hier.“

Martin glaubte nicht richtig zu hören. Erst die Nummer mit ganz prüde und distanziert. Dann ein schlaff gelangweilter Kuss und jetzt wollte sie es am helllichten Tag an einem öffentlichen Strand in Sichtweite des Yachtclubs treiben.

„Möchte mal wissen, wer hier der Spinner ist?“ fragte er kopfschüttelnd.

Martin versucht das Boot allein ins Wasser zu schieben. Das ging auch einigermaßen. Nadine sprang erst im letzten Moment dazu. Schweigend brachten sie das Boot an die Anlegestelle zurück und sahen sich die nächsten drei Tage nicht.

Martin sah sich außerstande Nadine zu verstehen. Bei jeder anderen Frau hätte er wahrscheinlich kein Problem mit diesem Verhalten gehabt. Aber bei Nadine erwartete er etwas Anderes. Etwas mehr. Etwas Romantisches.

Zum ersten Mal war er so verunsichert, dass er am liebsten seine Mutter um Rat gefragt hätte. Aber die kam jetzt noch später abends nach Hause, und er sah sie so gut wie nie. Wenn überhaupt, dann in Begleitung von Wortmann und/oder seiner Tochter.

Er musste nicht lange überlegen, an wen er sich wenden sollte. Nur Frau Bruckner konnte er erzählen, was er dachte und sie würde ihn weder auslachen, noch einen eigennützigen Ratschlag erteilen.

Nachdem Nadine sich den zweiten Tag nicht gemeldet hatte, passte er Frau Bruckner in der Waschküche ab.

„Ich muss Sie sprechen“, sagte er, bevor sie womöglich dachte, was sie glaubte, was er dachte. Dann dachte er, was sie glaubte, das er dachte und verwarf den Gedanken schnell wieder.

„Ich habe kaum Zeit. Kannst du heute Abend kommen?“ sagte sie.

„Wann?“ fragte er. Die Sache drängte und Martin verstand kaum, dass sie nicht mal die fünf Minuten für ihn Zeit hatte.

„Etwa um neun. Ich lasse hier unten die Tür auf.“

„Okay“, sagte er zuckte enttäuscht die Achseln. Vielleicht hatte sich sein Problem bis dahin ja gelöst.