Kapitel 27

Medium or well done

Falls sie vorhatte, ihn auf kleiner Flamme gar zu kochen, hatte sie sich geschnitten. Es hing nicht allein von ihr ab, wann sie sich das nächste Mal wieder sahen. Seine Mutter hatte da auch noch ein Wörtchen mitzureden. Ob es ihre Intuition war oder was? Jedenfalls hatte sie es fertiggebracht, sich mit Herrn Wortmann samt Tochter schon für den nächsten Tag zum Essen zu verabredeten. Martin würde sich zwar wieder in die Kordhose zwängen müssen, aber dafür sah er ja auch Nadine wieder. Seine Mutter hatte sich in ein schwarzes, eng anliegendes Samtkleid mit Paillettenbesatz gequält, das Martin noch nie zuvor gesehen hatte. Genau genommen hatte er so eine Art von Kleid an seiner Mutter noch nie gesehen. Es war zu kurz, zu eng, viel zu figurbetont, als dass es seine Mutter hätte tragen sollen.

Das Restaurant musste Herr Wortmann ausgesucht haben. Martin war sicher, seine Mutter kannte keine solchen Läden. Auf der Speisekarte stand fast nur Fisch und alles auf französisch. Am Eingang hatte ihm jemand eine Krawatte aufgenötigt. Es ging hier nicht ohne. Herr Wortmann trug natürlich eine eigene Krawatte zu einem dunkelblauen Zweireiher. Martin fühlte sich sogar dem Kellner in Sachen Bekleidung unterlegen. Es war grausam.

Nadine kam etwas später. Dafür sah sie phantastisch aus. Sie ging auf hohen Pumps, als wenn sie damit auf die Welt gekommen wäre. Ihr dunkelgraues Nadelstreifenkostüm saß, als ob jemand einen Eimer flüssigen Stoff genommen und ihr übergegossen hätte. Perfekt. Die Haare waren zu einer Banane zusammengesteckt und sie war sehr dezent geschminkt.

Herr Wortmann übernahm die Bestellung. Er brachte das in einem gekonnten Singsang fiftyfifty Gemisch aus Deutsch und Francais. Alles lief gut, bis der Keller von Martin wissen wollte, ob er sein Steack medium oder well done zubereitet haben wollte. Martin brachte eine gute Sekunde damit zu, in seinem Gedächtnis nach dem französischen Pendant zu ‚well done‘ zu suchen. Erfolglos. „Gut durch“, sagte er daher: „Ganz durch wenn möglich“, fügte er hinzu. „Man weiß ja nie, welche Keime sich in rohem Fleisch verbergen.“

Indignierte Blicke der Wortmanns, Erröten seiner Mutter. Alles klar, er hatte es verbockt. Nur der Kellner sah über diesen Fauxpas gelangweilt hinweg. Es hielt es schlicht für unnötig darauf hinzuweisen, dass in diesem Haus nirgends Keime zu finden seien, die dort nicht hingehörten und schon gar nicht im Essen.

„Haben Sie hier bereits schlechte Erfahrungen gemacht“, fragte Herr Wortmann, als der Kellner gegangen war.

Martin hatte das Gefühl, er wolle ihn foppen.

„Ich bin nur vorsichtig“, sagte Martin und wußte, dass er eine ganz schlechte Figur gemacht hatte.

„Eine gesunde Einstellung, junger Mann. Man kann nicht vorsichtig genug sein heutzutage.“

Eiskalt abserviert. Warum musste er auch wieder den Mund so voll nehmen. Martin riss sich mächtig zusammen, und es ging das ganze Essen über gut. Er machte brav Konversation und beantwortet allerlei Fragen. Als die Dessertteller abgeräumt worden waren, hielt es Herr Wortmann für angebracht, etwas zu sagen, was Martins Leben von Grund auf ändern sollte.

„Ich bin ganz froh Martin, dass Sie sich so gut mit meiner Tochter Nadine verstehen. Und du Nadine ja wohl auch mit Frau Bönning. Wir wollten es nicht ohne euer Einverständnis bekannt geben, deswegen sitzen wir jetzt hier zusammen.“

Eine kleine Pause, ein nicht ganz koscherer Blick auf Martins Mutter, dann nahm er auch noch ihre Hand.

„Ich habe vor Magret zu heiraten, und wir haben die Verlobung in der nächsten Woche geplant.“

Magret? Seine Mutter hieß Magret? Es kam Martin so vor, als ob er den Namen das erste Mal hörte. Wenigstens war es diesmal nicht Martin, der die tödliche Stille verursacht. Er sah kurz Nadine an, sie war blass geschminkt aber nicht so blass. Dann sah Martin seine Mutter an. In ihrem Lächeln war ein einziges großes Fragezeichen. Martin wußte, worauf sie wartete. Er dachte nach. Er hatte kein Problem damit. Nadine sagte nichts. War wohl so, dass erstmal alles an ihm hing.

„Ich muss dann aber nicht bei jedem Essen eine Krawatte tragen, oder?“ scherzte Martin, um die Anspannung zu lösen.

„Wäre das so schlimm?“ fragte Wortmann mit einem breiten Grinsen.

„Es wäre der einzige Einwand, den ich im Moment hätte.“

Martin fühlte den Stein auf seinen Fuß prallen, der sich von dem Herzen seiner Mutter gelöst zu haben schien. Herr Wortmann lächelte noch breiter. Was seine Tochter dazu zu sagen hatte, schien ihn im Augenblick nicht sonderlich zu interessieren.

„Ich freue mich für euch. Herzlichen Glückwunsch“, sagte Nadine tonlos mit einem gequälten Lächeln und reichte Martins Mutter die Hand.

„Dann ist es wohl angebracht, den Champagner zu ordern.“

Ein Blick Richtung Kellner und augenblicklich wurde ein Eiskübel heran gekarrt. Wortmann hatte den Champagner längst bestellt. Das war sonnenklar. Seine und Nadines Zustimmung waren Formsache.

Der Abend wurde noch recht lang, und es blieb nicht bei der einen Flasche Schampus. Herr Wortmann erzählte in aller Ausführlichkeit von seinen glückseligen Begegnungen mit Martins Mutter, wie sie sich kennengelernt hatten und wie sich irgendwann ineinander verliebt hätten. Alles gewürzt mit allerlei Anekdoten, die die vielen Fortbildungsreisen seiner Mutter plötzlich in einem anderen Licht erscheinen ließen. Trotzdem hörte Martin nur halb hin und beobachtete nebenbei interessiert, wie Nadine sich mit allem Anstand und in exzellenter Haltung volllaufen ließ. Als sie das Lokal verließen, war Nadine eine Spur weniger elegant auf den Pumps unterwegs, aber sonst verriet sie sich durch nichts.

Als sie weit nach Mitternacht wieder Zuhause waren, wollte seine Mutter wissen, ob Martin auch wirklich nichts gegen ihre Ehepläne einzuwenden hätte. Selbst dann nicht, wenn das hieße, dass sie von hier wegziehen müssten. Das war das letzte, was Martin schockte. Mehrmals versicherte seine Mutter ihm, dass sie ihn über alles lieben würde, und wenn er etwas dagegen hätte, und so weiter und sofort. Sie hatte einen Schwips. Martin brachte sie hinauf ins Bett, und sagte ihr nochmals, dass er Herrn Wortmann ganz in Ordnung fand und das alles, was sie plante gut und richtig sei.

Tatsächlich war es Martin völlig egal, ob seine Mutter Herrn Wortmann heiratet oder nicht. Wenn es ihr gut tat, war es okay. Das war ihr Leben. Er musste seine Dinge ja auch selber regeln. Er liebte seine Mutter, aber es war ihm klar, dass er nicht mit ihr zusammen alt werden wollte. Je eher sie sich wieder ein eigenes Leben aufbaute um so besser und leichter wäre es für Martin. Martin ging hinunter in die Küche. Im Kühlschrank fand er eine Flasche Bier. Das Haltbarkeitsdatum war seit drei Monaten abgelaufen. In diesem Hause wurde selten Bier getrunken. Es war auch das erstmal, dass Martin allein Alkohol trank. Auf Partys oder so, war das etwas anderes. Sich einfach so mit einem Bier in sein Zimmer zu setzten, das hatte er noch nie gemacht.

Martin konnte nicht schlafen. Noch nicht. Er ging hinaus in den Garten und legte sich auf den Rasen. Der musste dringend mal wieder gemäht werden. Das sagte auch Frau Bruckner, die plötzlich hinter der Hecke auftauchte. Martin hatte sich erschreckt und wollte wissen, was sie denn noch so spät im Garten machte. Sie sagte, dass sie ihn gesehen und gedacht hatte, sie könnte ja mal vorbeischauen. Martin stieg über die Hecke und setzte sich in ihrem Garten auf ihren Rasen, der war wenigstens kurz gemäht.

Frau Bruckner setzte sich neben ihn.

„Ist alles in Ordnung mit dir? Du hast dich lange nicht mehr sehen lassen.“

Es war kein richtiger Vorwurf, sie machte sich nur Sorgen.

Martin erzählte von seiner Mutter, ihren Plänen und von Nadine und seinen Plänen. Frau Bruckner hörte zu und freute sich. Irgendwie hatte er gedacht, dass sie anders reagieren würde, als er von Nadine erzählte. Eine kleine Spur von Eifersucht vielleicht. Aber da war nichts. Sie freute sich tatsächlich, dass er endlich jemanden in seinem Alter gefunden. Das täte ihm ganz sicher gut.

„Siehst du, so wendet sich alles zu Besten“, sagte sie und stand ächzend auf. „Na, vielleicht sehe die zauberhafte Nadine ja noch mal, bevor ihr wegzieht.“

„Bestimmt“, versicherte ihr Martin.

Dann war Frau Bruckner wieder verschwunden und Martin mit einer Pfütze Bier in der Flaschen und einem klaren Sternenhimmel über sich allein auf der Welt.