Kapitel 26

Reinfälle

Zu lernen gab es reichlich. In der kurzen Zeit konnte er sich kaum alles merken. Aber auf keinen Fall wollte Martin wieder wie der Depp dastehen. Also eignete sich Martin zumindest theoretisch das Grundprinzip des Segelns an. Luv, Lee, Hart am Wind, Kreuzen, Vorschot, Vorfahrtsregeln und so weiter. Am Freitag hatte er nicht das Gefühl, wirklich gewappnet zu sein.

Pünktlich stand Nadine vor seiner Tür. Natürlich in den passenden Klamotten, helle Baumwollhose, weißes Polohemd und Leinenslipper.

Der Yachtclub war klein, der See nicht größer als die Alster und die Boote waren einfache Jollen, wo gerade mal Platz für vier Leute war. Keine Kabine, fester Vorbau, ein Großsegel und ein kleines Focksegel. Eine durchaus überschaubare Technik.

Martins Angst vor einem möglichen Zweimaster mit zehn Mann Besatzung hatte sich somit schon mal erledigt. Das Boot schaukelt gefährlich, als Martin es bestieg. Davon stand nichts in dem Büchern.

„Kannst du schwimmen?“ fragte Nadine besorgt.

Martin zeigte auf die Weste, die sie ihm aufgenötigt hatte: „Damit bestimmt.“

„Setz dich, ich mach die Leinen los.“

„Hallo, habt ihr noch Platz?“

„Frank!“

Martin starrte Nadine böse an: Sag nein.

„Aber klar.“

Entweder war sie zu blöd oder zu höflich. Oder alles beides.

Schon war Frank an Bord und hielt das Boot am Steg, während Nadine mit der Leine in der Hand hinein sprang.

„Danke.“

Frank stieß das Boot ab. Das hätte ich auch gekonnt, ärgerte sich Martin und saß weiterhin hilflos da. Wenigstens trug auch Frank eine Weste.

„Echt schönes Wetter“, erklärte Frank das Unübersehbare und übernahm das Ruder, während Nadine das Großsegel setzte.

„Wird wohl noch mehr Wind aufkommen. Klasse.“

Frank sprach nicht mit Martin. Er äußerte sich nur ganz allgemein.

Drei kurze Schläge und sie waren aus der Bucht des Yachthafens hinaus. Nun konnten sie am Wind auf den See hinaus fahren.

„Wir können glaube ich die Fock setzen.“

Martin war nicht sicher, ob er bei dem Geschaukel überhaupt nach vorn bis zur Fock gekommen wäre. Allemal aber nicht so elegant wie Frank.

„Ich dachte, wir wären allein“, zischte Martin Nadine zu.

Sie schaute ihn mit einem Blick aus Samt an und flüsterte: „Das dachte ich auch.“

Das ging Martin alles ganz entschieden gegen den Strich. Frank hangelte sich artistisch von der Fock zurück, begutachtete fachmännisch das Aufblähen des Stoffes.

„Jetzt kommt Fahrt auf!“ rief er begeistert und wollte sich gerade setzen.

„Genau“, grunzte Martin und beförderte ihn mit einem Fußtritt über Bord.

„Hey!“ erklangen zwei Stimmen mehr und weniger erschreckt.

„So!“ sagte Martin. „Jetzt sind wir allein.“

Nadine hatte am Ruder gezogen und wollte eine Halse einleiten. Martin trat mit dem Fuß gegen die Rolle, so dass sie das Großsegel nicht beiholen konnte, dann drückte er ihre Hand mit der Ruderstange sanft wieder zurück und die Jolle nahm Fahrt auf.

„Das können wir nicht machen“, behauptete Nadine.

„Oh doch. Das können wir.“

Sie sah über das Heck hinaus auf den See, wo Frank seine ausgezeichneten Schwimmkünste demonstrierte. Dann lachte sie und streckte dabei ihr Kinn so wunderschön vor, wie nur sie es konnte.

„Du bist verrückt“, stellte sie vergnügt fest.

„Vielleicht. Auf alle Fälle aber verliebt.“

„Hör schon auf mit diesem Unsinn.“

Sie segelten eine Zeitlang den See auf und ab, wobei Martin endlich beweisen konnte, dass er kein absoluter Volltrottel war. Er schaffte es sogar, das Focksegel wieder einzuholen, ohne dabei ins Wasser zu fallen.

Sie legten trockenen Fußes wieder an. Frank wartete am Anlegeplatz auf sie. Er hatte seine Klamotten gewechselt. Für seine Verhältnisse kochte er vor Wut.

„Was sollte denn wohl dieser Unsinn?“ schrie er mit verhaltener Lautstärke auf Martin ein, der gerade an Land kletterte.

„Bist du völlig gestört, oder was?“

Nadine verpackte noch das Hauptsegel und schien sich lieber nicht in diese Auseinandersetzung einmischen zu wollen. Martin lernte die feine Art, jemandem ans Bein zu pinkeln.
„Weißt du was ich glaube?“ zeterte Frank weiter. „Du hast ganz schön Probleme. Du bist nicht ganz richtig im Kopf. Solche Spinner wie du haben hier wirklich nichts zu suchen.“
Martin hatte sich inzwischen in voller Größe vor ihm aufgebaut. Er war leider immer noch ein ganzes Stück kleiner als Frank. Martin hörte ihm aufmerksam zu.

„War's das?“

„War's das?“ äffte Frank ihn nach. „Du bist echt ein Spinner.“

Das war’s entschied Martin. Er trat noch einen Schritt näher an Frank heran, damit er leiser sprechen konnte.

„Jetzt hörst du mir mal zu. Wenn du Flachwichser mir noch einmal in Quere kommst oder dich über mich lustig machst, dann schneide ich dir die Eier ab und brate sie mir zum Frühstück.“ Der entsetzte Blick war Gold wert.

„Und jetzt würde ich mich an deiner Stelle ganz schnell verpissen, bevor ich Hunger kriege. Und ich würde auch sonst einen ganz großen Bogen um mich machen, verstanden?“ zischte Martin und ließ keinerlei Zweifel dran, dass er das völlig ernst meinte.

Vielleicht war es gar nicht, was Martin sagte, sondern mehr die Art, wie er es sagte, leise, beherrscht und sehr eindringlich. Jedenfalls schien Frank ihn tatsächlich ernst zu nehmen. Vorsorglich machte Frank einen Schritt zurück. Sein Pech. In diesem Moment war das genau so, als ob ein konkurrierender Rüde sich vor dem Leittier auf dem Rücken wälzte. Natürlich hätte Martin das jetzt noch lieber gesehen.

„Wir sehen uns heute Abend“, rief er Nadine zu und verzog sich.

„Du findest leicht Freunde, nicht wahr?“ kommentierte Nadine Martins Hahnenkampf und ging an ihm vorbei zum Auto. Fehler oder nicht. Martin war froh, sich mal mit Frank ausgesprochen zu haben.

„Bist du immer so freundlich zu Leuten, wenn du sie nicht magst?“

Es war ein Fehler. Es verstieß gegen die erste Etepetete-Regel. Wenn man jemanden nicht mochte, zeigte man es dem anderen nicht und wenn, dann auf gar keinen Fall so direkt.

„Ich weiß nicht, was du willst“, sagte Martin. „Er ist groß und stark. Er kann sich wehren, wenn er ein Mann ist.“

Nadine lächelte. „Hast du jetzt Hunger?“

Anscheinend hatte er nicht leise genug gesprochen.

„Habt ihr Rührei zuhause?“

„Wenn nicht, lasse ich dich welche machen.“

Von innen hatte Martin Nadines Zuhause noch gar nicht gesehen. Es war prachtvoll. Wenn er auch nicht alles zu sehen bekam, aber die Küche beeindruckte ihn schwerstens. Sie lag im Keller. War vielleicht so groß wie die Grundfläche seines Hauses und wurde von vier schweren gusseisernen Öfen in der Mitte beherrscht. Das Wort Kühlschrank offenbarte hier seine wahre Bedeutung, oder man hätte es Kühlschrankwand nennen müssen.

Nadine griff sich zwei Eier und hielt sie ihm hin. „Willst du?“

Martin nahm eine eiserne Pfanne von den Haken über dem Herd und stellte sie auf die Herdplatte. Er drehte den Schalter auf mittlere Hitze.

„Das ist ein Gasherd“, sagte Nadine und stellte ihm Schnittlauch, Salz und Pfeffer hin.

„Willst du nichts?“

„Ich esse nachher mit Frank.“

Martin zögerte einen Moment. „Darauf würde ich mich nicht verlassen.“ Endlich brannte diese blöde Gasflamme. Martin schlug die Eier in die Pfanne und rührte sie.

„Was meinst du?“

Martin rührte das Schnittlauch unter und würzte das Ganze.

„Na, du musst mich ja noch nach Hause bringen. Womöglich haben wir unterwegs eine Panne.“

Er schmeckte es ab und befand es für gut.

„Wir sind im ADAC, das macht mir keine Sorgen.“

Martin füllte das Ei auf den Teller, und Nadine legte ihm noch zwei Scheiben Brot dazu.

„Wer weiß, wie weit die nächste Telefonzelle weg ist.“

„Autotelefon“, sagte sie trocken.

„Du bist verdammt unromantisch“, stellte Martin fest und begann das Ei im Stehen zu verdrücken.

„Autopannen sind nicht romantisch, sondern lästig. Setz dich wenigsten zum Essen hin.“

„Kommt drauf an, mit Frank ist eine Panne sicherlich nur lästig.“

„Du bist tatsächlich eifersüchtig. Auf Frank?“ stellte Nadine verblüfft fest.

„Auf wen sonst?“

„Auf niemanden. Du redest immer so und benimmst dich, als wenn wir irgendwas miteinander hätten? Was soll das?“

„Hhm“, sagte Martin. „Das muss daran liegen, dass ich immer denke, wir wären schon verheiratet.“

„Warum sagst du das? Wieso solltest du dich in mich verliebt haben?“

„Völlig falsche Frage. Das wieso ist uninteressant. Das weiß ich selber nicht. Entscheidend ist ob. Und das wiederum steht außer Frage“, erklärte Martin kategorisch.

„Frank hat recht. Du bist ein Spinner.“

„Frank ist ein Idiot“, behauptete Martin und stocherte in dem Rest seines Rühreis herum. Davon hätten es gerne noch zwei Portionen sein können.

Das Thema wurde nicht vertieft. Nadine zeigt ihm noch einen Teil der anderen Räume. Überall hingen alte, protzige Ölschinken in Goldrahmen an den Wänden. Ein Teil der Zimmer war nicht tapeziert, jedenfalls nicht mit Tapete, sondern mit Stoff bespannt. Reichtum und Schönheit der Zimmer hin oder her. Es gab nicht einen Raum hier, außer vielleicht der Küche, in dem Martin sich wohl gefühlt hätte. All das wirkte merkwürdig leblos und verknöchert.

Auf dem Rückweg fragte Nadine ihn, ob er tatsächlich über sie herfallen würde, wenn sie jetzt eine Panne und kein Autotelefon hätte.

Martin schwieg nur und grinste. Er wußte es selber nicht.

„Nein, das würdest du nicht. Du tust nur so verrückt, richtig?“

„Kann schon sein. Probier es aus“, köderte Martin sie.

Sie trat hart auf die Bremse und zog den Wagen rechts ran. „Ich könnte dich auch einfach hier rauswerfen.“

„Und tust du es?“

„Wer weiß?“

Es waren nur noch fünf oder sechs Kilometer. Kein Problem für Martin.

„Nein, ich tue es nicht. Und du, du tust es auch nicht. Du lässt mich in Ruhe, verstanden?“

Sie meinte das offensichtlich ernst.

„Okay.“

Sie prüfte seine Augen und schien zufrieden.

„Und wann sehen wir uns wieder?“ fragte er, bevor er ausstieg.

„Keine Ahnung.“

Das war’s dann wohl.