Kapitel 25

Guter Ritt

Immer wieder lief es im Leben anders als gedacht. Martin war sicher, dass er Nadine nie in seinem Leben wiedersehen würde. Er wollte sich still in seinem Liebeskummer wälzen und leiden. Seine Mutter bemerkte davon nichts, denn sie schwebte im siebten Himmel. Es ein wirklich großer Sprung nach vorn, den sie in der Firma gemacht hatte. Schon bald würden sie sich einige Dinge leisten können, die bisher tabu waren.

Martin freute sich zwar, war aber mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Fünf Tage leiden und Nadine rief an. Martin konnte es erst gar nicht glauben, sie wollte ihn zum Ausreiten einladen. Ohne zu zögern sagte Martin ja.

„Wie soll ich zu euch kommen?“

„Ich hole dich mit dem Auto ab.“

„Du bist erst 17.“

„Ich habe einen amerikanischen Führerschein“, verkündete Nadine stolz.

„Einen amerikanischen Führerschein?“

„Ja, ich habe ihn hier anerkennen lassen.“

Martin wurde wieder bewusst, dass es Leute gab, für die etliche Regeln nicht galten. Mit entsprechend Kohle konnte man halt schon mit 17 Auto fahren.

„Muss ich Kordhosen tragen?“

„Zum Reiten? Wäre eher unpassend, oder?“

„Jeans?“

„Wenn du keine Reithosen hast?“

Natürlich hatte Martin Reithosen, einen ganzen Schrank voll. Schließlich war Reiten sein Leben, auch wenn er es noch nie probiert hatte.

„Also, morgen um 15 Uhr, ja.“

Als Martin den Hörer aufgelegt hatte, wurde ihm erst bewußt, dass sie reiten auf richtigen Pferden meinte. Die waren verdammt groß. Er sah ein ausgewachsenes Pferd vor sich. Und je länger er in Gedanken sich und das Pferd nebeneinander stehen sah, um so höher schien es ihm in den Himmel zu wachsen.

Martins Mutter war überrascht, aber nicht unangenehm, als sie hörte, dass ihr Sohn sich mit Nadine treffen wollte.

„Magst du Nadine?“

Die Antwort war eine leichte Röte in seinem Gesicht und ein verfängliches: „Ziemlich.“

Seine Mutter fragte nicht weiter, sie hatte es wohl schon verstanden.

Nadine war pünktlich. Gegen 15 Uhr fuhr sie mit einem Mercedes Geländewagen vor Martins Haus vor. Martin öffnete die Tür und wollte gleich einsteigen, weil er dachte, sie müssten pünktlich beim Reiten sein.

In Reiterhosen und Schaftstiefeln sah Nadine absolut großartig aus. Martin beschloss unbedingt reiten zu lernen.

„Wollen wir los?“ drängte Martin, doch Nadine blieb vor dem Haus stehen und betrachtete alles sehr aufmerksam.

„Nicht so hastig, wo ich schon mal hier bin, könntest du mir ruhig euer Haus zeigen.“ Nadine wollte in jedes Zimmer geführt werden. Sie sah sich alles ganz genau an. So, als ob sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein Haus betreten würde. Wahrscheinlich war es wirklich das erste Mal, jedenfalls ein Haus dieser Größenordnung.

Martin wurde unruhig, er witterte förmlich, dass sie gleich sagen würde: „Und hier können Menschen leben?“ Vielleicht würde sie ihn jetzt nicht mehr mit zum Reiten nehmen.
Aber Nadine sagte nichts. Als sie alles gesehen hatte, stiegen sie in den Mercedes und fuhren los. Erst war es etwas unheimlich, Nadine am Steuer zu sehen. Sie fuhr jedoch sicher, und Martin hatte sich schnell daran gewöhnt. Der Reitstall lag gar nicht weit weg von Nadines Zuhause. Wenn er nicht sogar irgendwie dazu gehörte. Jedenfalls schien Nadine sich hier wie zu Hause zu fühlen. Sie suchte Martin ein Pferd aus und begann ihres zu satteln.

Martin stand vor dem Pferd und starrte es an. Das Pferd glotzte dümmlich zurück und war riesig groß. Das alles würde keinen guten Eindruck auf Nadine machen. Als Nadine mit ihrem Sattel fertig war, kam sie rüber in seine Box und sah ihn vor dem Pferd stehen.

„Du kannst gar nicht reiten?!“

Ob Feststellung oder Frage, Martin sagte: „Ja.“

Nadine dachte einen Moment nach.

„Komm“, sagte sie und führte ihn zu einer anderen Box.

„Ein Pony?“ fragte Martin entgeistert.

Nadine lachte: „Willst du von da oben runter fallen?“

Martin sah in die Nachbarbox. „Nein.“

„Also, gib mir den kleine Sattel da her.“ die Aussicht, dass Martin auf dem Pony neben ihr her reiten würde, schien sie zu belustigen. Sie zäumte routiniert sein Pony auf und gab ihm die Zügel in die Hand.

„Halt.“

Dann holte sie ihr Pferd. Ein großer Brauner, mit schwarzen Fesseln.

„Bring es mit raus“, sagte sie und ging mitsamt Pferd an ihm vorbei.

Martin zog am Zügel. Das kleine Mistvieh bewegte sich nicht. Er zog noch einmal etwas stärker. Das gehässige Vieh schob nur die Lippen nach vorn und lachte ihn aus.
„Komm jetzt mit, du Stinktier!“ raunzte Martin. Und das Pony bewegte sich plötzlich wie von selbst. Draußen auf dem Hof saß Nadine bereits hoch zu Ross.

„Steig einfach auf“, schlug sie vor.

Martin schwang sich auf den Rücken und saß. Die Zügel hielt er fest in der Hand. Ihr Pferd ging langsam vorwärts und Nadine schnalzte mit der Zunge und rief: „Komm, Stinker, komm.“

Das Pony unter Martin setzte sich prompt in Bewegung. Wenn jetzt dieser Fuzzy von Frank hier auftauchte, wäre Martin vor Scham gestorben. Es musste einfach nur lächerlich aussehen, wie sie beide vom Hof trabten. Martin ganze zwei Etagen tiefer als Nadine. Er konnte fast unter ihrem Pferd hindurch gucken, seine Füße schleiften beinahe auf dem Boden. Nadine mit eleganten Bewegungen, die Zügel mit einer Hand haltend, während Martin sich mit beiden Händen an die Zügel klammert und dabei nicht im mindesten das Gefühl hatte, dass er das Tier ritt. Es nahm ihn einfach irgendwo mit hin.

Erleichtert stellte Martin fest, dass der Hof außer Sichtweite war.

„Du darfst ihn nicht so eng führen“, erklärte Nadine. „Sonst geht er nicht in den Trab.“

Martin führte überhaupt nichts. Er versuchte sich nur festzuhalten, und ob er dem Tier erlauben wollte, im Trab zu gehen, schien ihm durchaus fraglich.

Jedenfalls verfiel Nadines Tier in diesem Moment in Trab. Und ihr Schnalzen und das bereits bekannte „Stinker“ verleiteten Martins Tier, enge Zügel hin oder her, ebenfalls los zu traben. Ein Hochfrequenzhoppeln war die unweigerliche Folge dieser Bewegungsart. Sein Tier musste dreimal soviel Schritte machen wie Nadines. Es war fast ein Galopp. Nadine lachte herzlich zu ihm runter und Martin nahm es ihr nicht einmal übel. Er hatte genug damit zu tun, obenauf zu bleiben. Lange würde er es da nicht durchhalten.

Die erste Kurve die der Waldweg machte hatte Martin nicht gesehen. Nadine und der Koloss neben ihm verdeckten sie. Als Stinker plötzlich leicht nach links wegzog, kam Martin ins Rutschen. Sein Fuß berührte leicht schleifend den Boden. Martin machte einen Schritt und stieß sich leicht ab vom Boden ab. Schon war wieder oben. Ein wenig zuviel Schwung vielleicht und er rutschte zur anderen Seite. Stinker schien das hin und her nicht zu gefallen, sein Trab wurde unruhig. Zwei Zwischenschritte von Stinker, ein weiterer Rutscher von Martin, und er wußte, er konnte sich nicht mehr halten. Er war wie beim Zwergenrodeo. Du weißt, du kannst dich nicht mehr halten, also spring ab. Martin sprang, stolperte und stand. Stand ohne Pferd da. Das trabte erleichtert weiter. Nadine lachte, bis ihr Tränen kam. Sie holte Stinker zurück und dachte überhaupt nicht daran, sich zusammenzureißen.

„Sehr witzig“, sagte Martin, ohne wirklich böse zu sein.

„Tut mir leid“, kicherte Nadine und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Trab auf einem Pony ist auch wirklich schwierig“, sagte sie und drohte wieder loszulachen. „Nein im Ernst, Galopp ist leichter. Ein Pony hat zu kurze Beine. Traust du dich zu galoppieren?“

„Und ob!“ sagte Martin energisch. Er stieg wieder auf, hielt sich mit losem Zügel an der Mähne fest und rief: „Los geht’s, Stinker.“

Stinker bewegte sich keinen Millimeter, aber was zählte, war die Einstellung.

„Dann los“, sagte Nadine und sie hatte Recht, Galoppieren war erheblich einfacher. Nicht, dass sie auch galoppierte, dazu war Stinker viel zu langsam.

Ein kleiner Hügelwall, vor einer großen Lichtung stellte die nächste gefährliche Herausforderung da. Nadine ritt darüber hinweg, Stinker auch, Martin nicht. Es war keine wirkliche Höhe gewesen, aber Martin hatte die plötzliche Diagonale unterschätzt, die Stinker bildete, um die 1 Meter zwanzig zu erklimmen. Sanft war Martin über Stinkers Hinterteil abgerollt. Es war ihm nichts passiert. Nur ein Schreck, weil er plötzlich hinter Stinker lag und das ziemlich dicht bei den Hufen.

Nadine bemühte sich ihr Lachen einigermaßen zu unterdrücken.

„Pass auf. Ich muss Westwind ausreiten, er braucht Bewegung.“ Nadine war abgestiegen. Sie band Stinker am Rand der Lichtung fest. Du wartest hier. Ich komme in einer viertel Stunde zurück und hole dich ab. In Ordnung?“

Das war in Ordnung. Martin sah ihr nach. Sie konnte reiten. Westwind ging im gestreckten Galopp über die Lichtung und verschwand im Wald auf der anderen Seite. Martin machte es sich unweit von Stinker im Gras bequem und genoss die Sonne. Wenn sie wieder käme, das wußte Martin, würde sie sich zu ihm ins Gras legen und alles würde wunderbar.

Zwanzig Minuten später kam Nadine zurück und alles wurde zu einem Alptraum. Sie kam nicht allein. Unterwegs musste sie Frank getroffen haben. Natürlich hatte Frank ein großes Pferd, natürlich konnte Frank reiten, natürlich trug er die richtigen Klamotten und höflicherweise bemerkte er Martin überhaupt nicht. Nadine setzte sich nicht zu ihm ins Gras. Sie ritt mit Frank vor ihm her zum Stall zurück. Die beiden unterhielten sich angeregt, während Martin zwei Etagen tiefer, hinter ihnen, versuchte den Pferdeäpfeln auszuweichen. Er konnte die Peinlichkeit kaum genießen, weil der Slalom um die Äpfel seine volle Aufmerksamkeit erforderte. Es war erstaunlich, wie viel so ein Pferd auf weniger als tausend Meter scheißen konnte.

„Kommst du noch mit in den Club?“ fragt Frank Nadine, als ob Martin gar nicht da wäre.

„Nein, ich muss ihn noch nach Hause bringen“, antwortete Nadine.

Martin fühlte sich wie ein Kleinkind und hätte Frank vor Wut gern die Haare ausgerissen. Doch das war überflüssig und Martin wußte das. Gene und Zeit, das waren die Schlüsselworte, die Martin einigermaßen beruhigten.

Er hatte sich maßlos blamiert, und er wußte es. Als er vor seinem Haus aus ihrem Wagen stieg presste er mühsam ein: „Vielen Dank hervor.“ Das war das einzige, was er seit dem Reitstall zu Nadine gesagt hatte.

„Kannst du segeln?“ fragte sie unvermittelt.

Martin verspürte keinerlei Lust, sich jemals wieder in so einer Rolle zu erleben.

„Nein“, antwortete er wahrheitsgemäß.

„Hast du Lust es zu lernen?“ fragte sie.

„Ich weiß nicht.“ Martin glaubte ihrem Blick. Sie schien sich nicht über ihn lustig machen zu wollen.

„Willst du, oder willst du nicht?“

Hatte er die Wahl?

„Sind wir da allein?“

Sie schwieg einen Moment. „Nein es werden schätzungsweise 20-30 weitere Boote da draußen sein.“

„Auf dem Boot meinte ich.“

„Ich weiß, was du meinst. Willst du segeln oder nicht?“

Sie hatte seine Frage nicht beantwortet.

„Ja.“

„Gut, dann hole ich dich am Freitag ab, in Ordnung?“

„Passt mir gut“, brummte Martin.

„15 Uhr?“

„Alles klar.“

Er schlug die Tür zu, und sie fuhr davon.

Martin sah auf die Uhr. Das wurde knapp, aber er konnte es gerade noch schaffen. Mit dem Fahrrad war er 6 Minuten später in Bibliothek. Er hatte noch etwa 10 Minuten, sich alles übers Segeln raus zu suchen. Alles was er tragen konnte. Diesmal gäbe es keine Pleite. Er hatte noch knapp 48 Stunden Zeit sich in Sachen Segeln schlau zu machen. An Frau Bruckner war nicht zu denken, obwohl eigentlich heute daran gewesen wäre.