Kapitel 24

Durchgegrillt

An einem schönen Wochenende sollte Martin seine Mutter auf eine Grillparty, die ihr Arbeitgeber veranstaltete, begleiten. Gewöhnlich achtete seine Mutter darauf, dass ihr Privatleben strikt von ihrem Arbeitsleben getrennt blieben. Aber diesmal wollte Martins Mutter unbedingt, dass er sie begleitete. Sie hatte sogar extra neue Sachen für ihn gekauft. Ein Tweed-Sakko. Das war weiß Gott nicht nach seinem Geschmack. Aber seine Mutter wollte, dass er einen guten Eindruck machte. Schließlich ging es um ihre Zukunft. Martin dachte sich nicht wirklich etwas dabei, dass seine Mutter ihn zu dieser Grillparty mitschleppte. Er hatte am Rande mitbekommen, dass seine Mutter schon wieder befördert werden sollte. Wahrscheinlich wünschte sie sich, dass Martin ihren Erfolg teilen würde und stolz auf sie wäre.

Das Wort Grillparty vermittelte vielleicht einen leicht verzerrten Eindruck von diesem Ereignis. Nachdem sie über zwanzig Kilometer gefahren waren, stand Martin vor einer strahlend weiß getünchten Villa inmitten eines riesigen parkähnlichen Gartens und war heilfroh, ein Sakko zu tragen. Das Haus mit dem beeindruckenden Terrassenvorbau hatte vielleicht 20 Zimmer oder mehr und wurde mit Sicherheit von den oberreichsten Leuten der Umgebung bewohnt. Mit Sicherheit aber die reichsten Leute, die Martin jemals in seinem Leben getroffen hatte. Verunsichert stand Martin auf dem hauseigenen Parkplatz mit einer Menge anderer Leuten herum, die ganz offensichtlich an das Tragen von Sakkos gewöhnt waren und eine Menge Geld für ihre Kleidung ausgaben.

Seine Mutter schien das alles hier nicht sonderlich zu beeindrucken. Sie zog ihren Sohn mit sich durch die Menge und stellte ihn als erstes mal dem Hausherrn vor. Der breitschultrige, braun gebrannte, große Mann war zugleich der Chef seiner Mutter. Der Mann widmete ihm erheblich mehr Aufmerksamkeit, als Martin erwartet hatte und ihm lieb war. Er fragte ihn eingehend nach der Schule und was er sonst so mit seiner freien Zeit anstellte. Der Mann wollte sich richtiggehend mit Martin unterhalten. Er ungewöhnlich interessiert. Martin fand, dass er ihn doch lieber in Ruhe lassen und sich weit wichtigeren Gästen widmen sollte. Davon hingen hier weiß Gott genug am mitgebrachten Handy herum. Aber der gute Mann ließ einfach nicht locker. Martin antwortete respektvoll und höflich so gut er konnte. Seiner Mutter zuliebe war er redlich bemüht einen guten Eindruck zu machen.

Martins Aufmerksamkeit wurde nur ganz kurz getrübt, als er einen Schatten von etwas sah, das ihn ablenkte. Aus den Augenwinkeln bemerkte er die Erscheinung noch dreimal. Konnte sie aber keinmal identifizieren. Das war die Schule von Frau Möller. Da hätte ein Haufen hübscher Mädchen nackt über den Rasen spazieren können, und Martin hätte trotzdem den Gesprächsfaden nicht verloren. Es war natürlich kein Haufen nackter Mädchen, nicht einmal ein nacktes Mädchen, wohl aber ein Mädchen. Martin brauchte den Hals auch nicht mehr zu verrenkten, denn sie stand jetzt unmittelbar vor ihm und sagte: „Hallo.“

„Darf ich vorstellen, das ist meine Tochter Nadine“, sagte Herr Wortmann.

„Martin“, sagte Martin. Weiter nichts.

Herr Wortmann lachte.

„Nadine, zeig doch bitte unserem jungen Gast ein wenig, was es hier alles zu sehen gibt.“

„Gern“, sagte Nadine und es klang so höflich und einladend, als ob es stundenlang vor dem Spiegel geübt hatte. Nadine nahm Martin so natürlich an der Hand, als ob es das selbstverständlichste von der Welt wäre und zog ihn wie ein hypnotisiertes Meerschwein durch die Gästeschar, die sich auf dem Rasen tummelte.

Sie schien diese Menschenmenge zu teilen wie Moses das Meer. Martins nahm nur noch vorbeifließende, unscharfe Gestalten wahr, von denen er wußte, es machte keinen Sinn, sie irgendeines Blickes zu würdigen.

„Warp 4“, sagte er geistesabwesend.

„Was?“ fragte Nadine mit einem Lächeln, dass ihn zu vernichten schien.

„Du bist perfekt“, sagte er.

„Was?“

„Nichts.“

„Ist alles in Ordnung mit dir?“ fragte sie besorgt.

„Ich glaube nicht. Ich fühle einen Herzstillstand. Atme ich noch?“

Das Licht am Ende des Tunnels schien näher zu kommen und eine Stimme hauchte weich: „Oh ja. Ich glaube schon.“

Zwei Dinge gab es, die Martin von diesem Moment an wußte. Erstens: Nicht alle Frauen waren schlecht. Zweitens: Die beste von allen hatte er gerade gefunden.

Martins stark eingeschränktes Blickfeld schien sich ganz langsam wieder zu normalisieren. Sie gingen an zwei Reihen mit Büfett-Tischen vorbei. Nun sah er auch Nadine klar und deutlich. Sie war nicht sein Typ! Er stockte. Sie trug Karottenbundfalten, eine bestickte Spitzenbluse und Collegeschuhe! Aber es bestand kein Zweifel, er liebte sie. Ihre goldbraunen Haare hatte sie hinten zu einem Knoten gebunden. Sie konnte ganz herrlich ihr Kinn weit vorstrecken, wenn sie lachte. Und sie hielt ihn immer noch an der Hand. Aber sie trug Collegeschuhe, Karottenbundfalten und eine Spitzenbluse. Ganz eindeutig war sie nicht sein Typ. Er hingegen trug ein Sakko und … eine Kordhose. Wie zum Teufel hatte seine Mutter ihn in diese Kordhose gekriegt? Er sah wieder auf zu ihrem wunderbaren Lächeln und stellte fest: Momentan war er auch nicht sein Typ. Er war am falschen Platz, traf die falsche Frau, wenn er Pech hatte würde sein Leben in einer Kordhose und einem Sakko enden.

„Was ist bloß los mit dir, du bist so abwesend?“

„Ich trage keine Kordhosen!“ erklärte er.

Nachdem sie sich mit raschen Seitenblick vergewissert hatte, korrigierte sie ihn: „Doch das tust du?“

„Ich meine, ich trage nicht immer Kordhosen.“

„Nein? Aber sie stehen dir ausgezeichnet.“

Das war die falsche Antwort. Sie hätte jetzt sagen sollen. „Ich auch nicht. Normalerweise trage ich Jeans und hautenge, schwarze Stretchtops. Nur mein Vater wollte mich heute wegen dieser Party in diesen Klamotten sehen.“

Statt dessen hakte sie sich bei ihm unter und führte ihn weiter, zu dem, was wirklich reiche Leute wohl einen Grill nennen.

Martin prüfte sich noch einmal eindringlich. Es bestand kein Zweifel, er würde alles tun für diese Frau, zur Not sogar in Kordhosen sterben.

„Du hast aber kräftige Arme“, sagte sie und drückte sie zart und anerkennend an sich.

„Ich habe mich auch sofort in dich verliebt!“

Nadine lachte klirrend hell auf.

Das gefiel ihm zwar, aber es war nicht wirklich ein gutes Zeichen. Das registrierte er erst, als sie sagte: „Du bist vielleicht ein Spinner.“

Gerade wollte er sie darauf hinweisen, dass es sein völliger Ernst sei, und er sie sofort heiraten würde, wenn nur ein Priester anwesend sei. Aber in diesem Moment blieben sie vor den drei riesigen Schwenkrosten stehen und Nadine fragte ihn, was er haben wolle.

„Nackensteack“, sagte er, hörte aber in seinem Hinterkopf die Worte ‚nackt im stehen‘ widerhallen. Gottlob hatte er es wohl nur gedacht und nicht ausgesprochen, denn prompt hielt er einen Teller mit einem äußerlich tadellos gegrillten Stück Fleisch darauf in der Hand.

„Ist das auch gut durch?“ fragte der Mann mit der weißen, langen Schürze am Grill.

„Gut durch schon, aber kein Nackensteak“, antwortete der Mann.

„Was ist es dann?“

„Schweinefilet. Nackensteak ist eigentlich nur Fett.“

Martin starrte auf den Teller. Wie ein Nackensteak sah das wirklich nicht aus.

„Wollen wir da drüben essen?“ fragte Nadine und zeigte auf eine kleine schattige Bank unter einer mächtigen Eiche, die beinahe in der Mitte des Gartens stand. Martin blieb ihr eine Antwort schuldig, aber folgte ihr. Ob allein schon die Frage nach einem Nackensteak als Fauxpas anzusehen war? Es schien Nadine nicht zu interessieren, ob Martin ihr antwortete, oder mit etwas anderem beschäftigt war. Sie zog ihn einfach mit sich zu dieser Bank. Diese Art, so kommentarlos über die Bedürfnisse der anderen hinwegzusehen, kam Martin irgendwie bekannt vor. Er sollte die Finger von dieser Frau lassen.

Sie hatten sich kaum gesetzt, da fing Nadine eine leichte Konversation an. Martin blieben die meisten Antworten erspart, weil er dabei aß. Das ließ ihm die Zeit, seinen nächsten Vorstoß sorgfältiger zu planen. Er würde sie heiraten, dass war ihm sonnenklar und er war nicht bereit, ihr striktes Ignorieren dieser Tatsache einfach so hinzunehmen.

In ihrem Alter waren wenig Leute da, sehr wenige, aber einer von ihnen gesellte sich bald zu ihnen unter den Baum.

„Nadine?“ Der Kerl war einen ganzen Kopf größer als Martin, trug eine Krawatte unter einem roten Pullunder mit V-Ausschnitt. Und ebenfalls Kordhosen. Seine Haare waren der Renner. Mindestens eine halbe Tonne Haarspray musste er täglich verbrauchen, damit sie einen solch steifen Helm um seinen Schädel bildeten.

„Frank!“ Nadine schenkte ihm ein Lächeln, das er auf keinen Fall verdient hatte. „Frank, das hier ist Martin.“ Sie stockte, als ob sie nicht weiter musste. „Und das ist Frank Brettschneider. Sein Vater ist unser Prokurist.“

Frank nickte nichts sagend. „Nadine, bleibt es bei morgen 11 Uhr?“

„Tennis? Aber sicher.“

„Gut, dann hole ich dich um halb ab, ja?“

„Kommt deine Cousine auch mit?“

„Kann sein“, antwortete Frank zögernd.

„Sehr gut, dann können wir ein Doppel spielen.“

„Wer denn noch?“ fragte Frank misstrauisch.

„Hilmar hat sich auch angemeldet.“

„Hilmar?!“ Frank schien von dieser Aussicht keineswegs begeistert. „Den habe ich schon ewig nicht mehr gesehen. Ich hoffe, seine Rückhand hat sich gebessert.“

Hilmar schien für Frank ein Problem darzustellen. Frank wiederum war ein Problem für Martin und Hilmar somit eine weitere gefährliche und unbekannte Komponente.
Nachdem Frank sich zögernd wieder verabschiedet hatte, sagte Martin: „Hast du viel mit solchen Typen zu tun?“

Nadine sah ihn verständnislos an. „Was für Typen?“

„Na, solche Flachköpfe“, sagte Martin, obwohl der Begriff auf Frank beim besten Willen nicht zutraf. Blähkopf wäre wohl treffender gewesen.

„Frank? Das ist ein guter Freund von mir“, stellte Nadine mit unterkühlter Stimme klar.

„Merkwürdige Freunde hast du.“

„Du kennst Frank doch überhaupt nicht!“

Martin lachte: „Wer so eine lächerliche Frisur trägt, muss darunter ein reichlich großes Vakuum verbergen.“

„Ein Kamm würde dir auch nicht gerade schaden. Und deine Bemerkung sind nicht gerade das, was man höflich nennt. Entschuldige mich bitte.“ Nadine war wirklich böse. Sie stand auf und ließ Martin sitzen.

„Martin, du machst mir doch keinen Ärger?“ Seine Mutter setzte sich zu ihm auf die Bank. Martin hatte sie gar nicht kommen sehen. Einen Moment lang hatte er vergessen, warum er eigentlich hier war. Schmerzhaft wurde ihm klar, dass er bei diesem Kordhosenrennen rein gar nichts zu suchen hatte. Er hatte nicht einmal eine Starterlaubnis auf seinem Konto.

„Wir können bald wieder gehen, wenn es dir zuviel wird“, sagte seine Mutter.

„Nein, nein, ist riesig hier“, winkte Martin ab.

Er sah seine Mutter an. Sie trug ein helles Leinenkostüm und einen Sommerhut. Sie passte hier hin. Sie konnte sich gut benehmen, und sie fühlte sich wohl hier. Ein kleiner rundlicher Mann kam mit zwei Sektgläsern auf sie zu.

„Frau Bönning“, sagte er mit breitem Grinsen und funkelnden Schweinsaugen. „Meinen Glückwunsch. Ich habe es eben gehört. Ich wußte ja, dass sie es schaffen.“ Er reichte Martins Mutter ein Glas und stieß mit ihr an.

„Herr Brettschneider, das ist mein Sohn Martin“, sagte seine Mutter stolz. Martin suchte nach einem Anzeichen dafür, dass Brettschneider unter seiner Weste einen Ballon versteckt hatte. Dann musste er grinsen, vor allem, als er Brettschneiders streng umkränzte Halbglatze bemerkte.

„Herr Brettschneider ist unser …“

„Prokurist“, vollendete Martin und reichte Herrn Brettschneider die Hand.

„Sie sind ja bestens informiert, wie mir scheint“, sagte Brettschneider senior und lachte wabernd. Sein etwas zu klein geratener Kopf schien gut stützt und abgefedert zu werden von einer Reihe kleinerer Fettwülste um den Hals.

„Junger Mann, Sie sollten ihrer Mutter gratulieren. Hat sie Ihnen schon erzählt, dass sie seit nunmehr …“. Brettschneider sah umständlich auf die Uhr, wobei sein Jackett auf eine harte Zerreißprobe gestellt wurde. „15 Minuten, die stellvertretende Leiterin der EDV ist.“

Seine Mutter strahlte Martin an, als wäre Weihnachten und ihr Geburtstag gleichzeitig.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Martin sprachlos.

Seine Mutter schloss ihre Arme um ihn und drückte ihn fest an sich. Das war Martin vor diesen Leuten etwas unangenehm, aber er gab sich Mühe, es nicht zu zeigen.
„So ist es recht“, waberte Brettschneider vor sich hin. „Freuen Sie sich nur tüchtig.“

„Ich wollte es dir eben sagen!“ erklärte seine Mutter, nachdem sie ihren Sohn wieder los gelassen hatte.

„Das ist schön.“

„Kommen Sie meine Liebe, ich muss Ihnen noch ein paar Leute vorstellen.“

Brettschneider wackelte mit seiner Mutter untergehakt zurück in die Menge.

Martin sah sich um. Nadine war nirgends zu sehen. Im Verlauf der Party sah er sie noch ein paarmal in der Menge aufblitzen, aber es gelang ihm nicht, sie anzusprechen. Er musste sich wohl damit abfinden, sich geradewegs in eine unglückliche Liebe gestürzt zu haben.

Als es Zeit wurde zu gehen, stand Nadine auf einmal vor ihm. Sie verabschiedete sich betont höflich. Doch Martin hielt ihre Hand fest, bis sie ihm endlich in die Augen sah.
„Schau dir besser die Väter dieser Typen an, dann weißt du, was auf dich zukommt“, sagte er wütend zu ihr.

Sie lächelte nicht mehr und funkelte ihn böse an. Dann zog sie heftig ihre Hand weg. Martin war geladen, aber richtig.

„Tolle Frisur“, rief er Frank zu, der gleich hinter ihr stand, ganz so, als wenn sie schon sein Besitz wäre. Er zeigte ihm noch den erhobenen Daumen, zum Zeichen seiner uneingeschränkten Bewunderung, dann ging er zum Parkplatz, wo seine Mutter bereits an ihrem Wagen auf ihn wartete. Dass er sich schlecht benommen hatte, wußte er, aber er sah keine andere Möglichkeit.