Kapitel 20

Disziplin

Jede noch so geringfügige Begegnung mit einem der Mädchen in der Schule würde eine stundenlange Befragung von Frau Möller nach sich ziehen. Also ging Martin von nun an allen Schulkameraden aus dem Weg. Auch nach der Schule pflegte er keinen Kontakt mehr zu Gleichaltrigen. Seine Mutter machte sich allmählich Sorgen. Die meiste freie Zeit verbrachte er über seinen Hausaufgaben. Mit Erfolg. Er war auf dem Weg, drittbester seiner Jahrgangsstufe zu werden. Es hagelte plötzlich nur so gute Noten. Dagegen hatte seine Mutter natürlich nichts einzuwenden, aber sie fand, ihr Sohn müsse trotzdem mehr unter Leute gehen. Sie meldete Martin zu seinem 15. Geburtstag in einem Fitnessstudio an. Sie war der Meinung, dass dies nicht nur ein guter Ausgleich für die viele Schreibtischarbeit wäre, sondern auch seinen Hormonhaushalt regulieren würde. Das hatte sie zumindest irgendwo gelesen. Die ersten Male ging Martin mit Widerwillen zum Training, doch bald begann es ihm Spaß zu machen, und er verbrachte fast jeden Tag zwei Stunden dort.

Alles lief bestens. Frau Möller ließ ihn einigermaßen in Ruhe. Auch die Bruckners sah Martin lange Zeit nur noch von seinem Fenster aus, denn seine Mutter musste in diesem Monat nicht zur Fortbildung. Die Tage waren immer kürzer geworden und kühler. Und Martin hatte endlich mal das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

*

Dann kam das letzte November Wochenende. Seine Mutter musste wieder einmal zu einer Fortbildung. Martin fühlte sich inzwischen durchaus in der Lage, sich die zwei Tage selbstständig zu versorgen. Aber seine Mutter hatte Frau Bruckner gebeten, nach ihm zu sehen und ihm Abends etwas zu essen zuzubereiten. Martin protestierte. Es gab genug in der Tiefkühltruhe, und er bräuchte sich doch nur eine Pizza in den Ofen zu schieben.

Aber seine Mutter bestand darauf, dass Frau Bruckner nach ihm sah. Schließlich könnte er ja wieder mal auf den Kopf fallen und läge womöglich zwei Tage bewusstlos in der Wohnung ehe sie ihn fand. Frau Bruckner würde ja nur kurz hereinschauen, und dann hätte er wieder seine Ruhe.

Den ganzen Freitag nachmittag über wartete Martin. Er wußte, dass Frau Bruckner einen Schlüssel hatte und jederzeit in der Tür stehen konnte. Die Vorstellung war ihm unangenehm. Er hatte nicht direkt Angst vor Frau Bruckner. Nur die Begegnung mit ihr machte ihm Sorgen. Er wußte nicht, was er zu ihr sagen sollte. Seit dieser Geschichte damals hatten sie noch nicht wieder miteinander gesprochen. Martin hoffte, dass sie die Sache einfach vergessen hatte, und er auch nie wieder darüber sprechen müsste.

Frau Bruckner stand nicht plötzlich in der Tür. Sie klingelte. Martin überlegte, ob er einfach nicht öffnen sollte. Aber dann würde sie nur annehmen, dass ihm etwas fehlte und mit Recht ihren Schlüssel benutzen.

„Hallo Martin. Alles in Ordnung?“ Sie machte keine Anstalten, herein zu kommen.

„Ja bestens, danke.“

„Hier habe ich kaltes Huhn und Kartoffelsalat für dich.“ Sie reicht ihm zwei Tupperdosen.

„Wenn irgend etwas ist, weißt du ja, wo du dich melden kannst“, sagte sie freundlich. Sie drehte sich um und verschwand wieder. Martin hatte mit Vorwürfen, bestimmten Blicken oder sonst irgendwas gerechnet. Er war sicher, wenn er auf Frau Bruckner traf, müsste doch irgend etwas passieren. Zumindest hätte sie irgend etwas sagen müssen. Schließlich hatten sie …

Martin spürte einen gewaltigen Zorn in sich aufsteigen. Sie hatte sich verhalten, wie eine Frau, die nach dem Nachbarjungen schaute, dessen Mutter nicht zuhause war. Nichts ungewöhnliches war in ihrem Blick gewesen. Vielleicht strafte sie ihn mit Missachtung, weil er sich nicht genug um sie gekümmert hatte. Vielleicht war es so wie bei Franziska. Dazu hatte sie aber kein Recht.

Es war noch früh genug, um zum Training zu gehen. An den Gewichten konnte er seine Wut ein wenig auslassen. Aber es langte nicht. Bevor er sich hinlegte, schaute er hinüber zu den Bruckners. Dort brannte noch Licht. Am liebsten wäre er jetzt da rüber gegangen und hätte denen allen mal die Meinung gesagt. Es war noch recht früh am Abend, so etwa gegen elf, als Martin unten die Tür hörte. Er legte das Buch beiseite und stand auf, um nachzusehen. Womöglich war seine Mutter zurückgekommen. Aber es war nicht seine Mutter. Auf dem Flur stand ihm Frau Bruckner gegenüber. Zeit, ihr mal die Meinung zu sagen. Doch Martin brachte kein Wort heraus, er starrte sie nur wütend an, drehte sich auf Absatz um und zog sich in sein Bett zurück.

Frau Bruckner stand in der Tür.

„Ich wollte nur nachsehen, ob du auch wirklich zuhause bist. Es geht ja nicht, dass du womöglich nachts allein in der Gegend rumstreunst.“

Martin schwieg schmollend. Am liebsten hätte er sie angeschrieen.

„Tut mir leid, wenn dich das ärgert. Es ist meine Gewohnheit nachts zu sehen, ob die Kinder im Bett liegen.“

„Das ist es nicht“, sagte Martin und fand, dass das schon zu viel war. Er sollte gar nicht mit ihr sprechen. Nun kam sie näher setzte sich auf seine Bettkante und fragte: „Was ist denn?“

Martin schaute sie kurz und trotzig an. Er würde nicht mit ihr sprechen.

„Hast du irgendwelchen Kummer? Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Das Licht blendet!“ Martin zog kurz entschlossen an dem Schalter der Leselampe über seinem Bett. Jetzt war es im Zimmer halb dunkel und nur noch vom Flur drang ein Lichtschein durch die halb offene Tür. Gegen das Licht sah sie jetzt fast so aus wie in jener Nacht.

„Was ist bloß mit dir?“

Im Schutz der Dunkelheit streckte er seine Hand aus und berührte ihren Busen. Der Stoff war steif wie Pappe. Wahrscheinlich trug sie einen BH.

„Ach du meine Güte, das ist es also“, seufzte sie. „Ich dachte wir hätten uns darauf geeinigt, das ganz und gar zu vergessen?“

Martin brummte widerwillig. Sie schob seine Hand sanft beiseite.

„Hör zu. So geht das nicht. Das ist nicht richtig. Verstehst du das denn nicht? Du musst dir endlich mal ein hübsches Mädchen in deinem Alter suchen, dann hören deine Probleme ganz von selbst auf.“

Das war erstens etwas, was Martin nicht konnte, weil da Frau Möller war und zweitens war ihr Rat zur Besserung seiner Lage das genaue Gegenteil von dem, was Frau Bruckner von ihm erwartete. Martin wußte nicht, wer von beiden Recht hatte und im Moment war ihm das auch egal. Er legte seine Hand einfach wieder auf ihrer riesigen Brust ab.

„Das geht nun wirklich nicht“, sagte sie und ließ seine Hand, wo sie war. Dann beugte sie sich vor, küsste in wie seine Mutter auf die Stirn und erhob sich. Er hätte sie gerne festgehalten. Aber sie war schon fort.

Am Samstag Mittag klingelte es wieder und sie tauschte die alten Tupperdosen gegen eine neue mit Sauerkraut und Kassler ein. Diesmal war Martin nicht wütend. Er wußte, wie sie sich verhalten würde. Und er wußte, dass sie ihm nicht wirklich Vorwürfe machte. Als er an diesem Abend das Schloss hörte, blieb er liegen. Frau Bruckner öffnete kurz die Tür und schaute herein.

„Alles in Ordnung?“

„Ja“, sagte er.

Sie zögerte einen Augenblick. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, weil das Zimmer bereits dunkel war. Dann kam sie doch kurz an sein Bett. Als sie sich vorbeugte, um ihn auf die Stirn zu küssen und ihm eine gute Nacht zu wünschen, griff seine Hand wieder nach ihrer Brust. Sie blieb ein wenig länger über ihn gebeugt, als nötig gewesen wäre, dann küsste sie seine Stirn noch einmal und verschwand.

Martin fühlte sich erleichtert. Sie war schwach, das spürte er. Irgendwann würde sie wieder nachgeben. Zufrieden schlief er ein.

*

Die Erkenntnis, dass Frau Bruckner sich nicht ernsthaft gegen ihn wehren konnte, hatte auch ihre Schattenseiten. Frau Möller schien jede Veränderung an Martin geradewegs zu riechen. Gleich Montag quetschte sie ihn aus. Leugnen würde sich nicht lange lohnen und sie nur unnötig misstrauisch machen. Er beschloss ihr einfach einen Bären aufzubinden und behauptete, dass er das Gefühl hätte, dass Franziska ihn in letzter Zeit wieder so merkwürdig ansah. Aus dieser kleinen Lüge ergaben sich nicht zu erahnende Konsequenzen.

Zum einen leitete Frau Möller das Programm ‚Selbstdisziplin‘ ein. Was damit begann, dass sie am Dienstag, während er seine Hausaufgaben erledigte, sich unmittelbar vor seinem Schreibtisch postierte. So weit vorgebeugt, dass er nur dann umhinkam ihr in den Ausschnitt zu starren, wenn er sich aller strengstens auf sein Buch konzentrierte. Nicht, dass ihn Frau Möllers Ausschnitt irgendwie interessiert hätte, doch sein Blick schweifte ganz natürlich des öfteren dorthin, wo es tabu war. Jeder dieser Blicke wurde unverzüglich mit einem Schlag des Lineals beantwortet. Negative Reiz-Reaktions-Konditionierung zur Erhöhung des männlichen Konzentrationspotentials bei hormoneller Reizüberflutung nannte sie das. Martin musste sich das notieren und Wort für Wort auseinander dividieren, bis er begriff, dass es wirklich nichts anderes hieß als: „Guck mir auf die Titten und du kriegst ein paar geklatscht.“

Natürlich bestand der wesentliche Punkt in dem Training des erhöhten Konzentrationspotentials darin, dass die Reizüberflutung immer wieder gesteigert und die Konzentrationsfähigkeit dadurch nach und nach erhöht wurde. Folgerichtig war die zweite Lektion, es vollständig zu ignorieren, dass Frau Möller unmittelbar vor seinen Augen, ihre Hand in den Ausschnitt schob und an ihren Brustwarzen herum zupfte.

Die Schläge mit dem Lineal waren nicht besonders schmerzhaft, aber dafür um so lästiger. Meist war es der Schreck, wenn das Lineal aus heiterem Himmel auf seinen Arm krachte. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er schon wieder hingeguckt hatte. Aber genau darum sollte es ja gehen. Diese Rückenmark gesteuerte Ablenkung im Alltag. Martin begann die Sache allmählich mit einem gewissen Humor zu nehmen und verlor so die Angst vor Frau Möller. Er erkannte, dass das ganze eine Art Spiel war. Obwohl er auch zugeben musste, dass ihre Methode Erfolg hatte. Nach kurzer Zeit schaffte er es, so gut wie gar nicht mehr hin zu sehen, so sehr sie auch ihre Brüste vor seinen Augen hin und her schwenkte oder knetete.

Als besonders anstrengend entwickelte sich Lektion drei. Hier saß Frau Möller auf dem Pult vor ihm, ihr Rock erwies sich als praktisch kurz, und ihre Beine hingen viel zu weit auseinander vom Tisch herab. Martin hatte bestimmt an die zwanzig Schläge kassiert, bevor er mit absoluter Sicherheit festgestellt hatte, dass sie kein Höschen trug. Von da an wurde es kompliziert. Die Einsichten wurden immer offener, der Rock rutschte immer höher und Martin wurde immer unkonzentrierter.

Nach zwei Wochen reichte es Frau Möller. Sie baute sich vor ihm auf.

„Was glaubst du eigentlich, warum ich diesen Affenzirkus hier mache? Damit du meine Muschi bewundern kannst?“ fuhr sie ihn an.

Martin konnte es sich nicht verkneifen. „Ich weiß nicht“, antwortete er ehrlich.

Diesmal tat es weh. Sie hatte mit aller Wucht das Lineal auf ihn niedersausen lassen und dabei seinen Handknöchel getroffen. Martin sprang auf.

„Setz dich!“ schrie sie mit einem hysterischen Kicks in der Stimme und schlug gleich wieder mit dem Lineal auf ihn ein.

Martin setzte sich und hob schützend die Arme. Er hatte das Lineal zweimal ins Gesicht gekommen. Seine Wange war heiß und er wußte, dass man dort Striemen sehen konnte.

„Glaubst du, das hier ist ein Spiel? Meinst du, mir macht das Spaß?“

All das hätte Martin am liebsten bejaht, aber er fürchtete, dass sie dann durchdrehte.

„Es geht hier um deine Zukunft. Ausschließlich um deine Zukunft. Hast du das jetzt endlich verstanden? Du dummer Bengel?“ Ihre Stimme drohte ein Kreischen zu werden, aber sie überschlug sich nicht.

„Ja, Frau Möller.“

„Das hoffe ich!“ Mit zwei energischen Schritten war zurück an ihrem Pult. Sie hatte ihm den Rücken zugekehrt und schien am ganzen Körper zu zittern. Dann warf sie den Kopf in Nacken und atmete tief ein und aus. Mit funkelnden, braunen Augen schaute sie ihn an. Sie schien sich wieder völlig beruhigt zu haben. Ihre Stimme war auf einmal ganz weich, geradezu herzlich.

„Du hast noch nie eine Muschi gesehen, nicht wahr?“

Außer auf Fotos stimmte das wohl, und Martin bejahte diese Frage mit halbwegs gutem Gewissen.

„Komm her!“ befahl sie und setzte sich wieder auf ihr Pult.

„Knie dich hin. Hier!“ Sie zeigte auf den Platz direkt vor ihr. Dann zog sie ihren Rock hoch, spreizte die Beine, so gut es auf dem Tisch ging und zeigte Martin alles. Natürlich benannte sie alle sichtbaren Teile wissenschaftlich exakt, zog ihre Schamlippen mit zwei Fingern auseinander. Sie wartete.

„Hast du genug gesehen?“

Martin nickte.

„Gut“, sagte sie. „Dann gibt es dort nichts Neues mehr für dich. Du musst also nicht mehr hingucken, richtig?“

„Richtig.“

„Also werden wir die Lektion durchziehen. Ab morgen erwarte ich deutlich bessere Resultate.“

„Jawohl, Frau Möller.“

„Du verlangst aber auch wirklich alles von einem Lehrer“, beschwerte sich Frau Möller vorwurfsvoll. „Glaub bloß nicht, dass ich das hier für jeden tun würde. Du bist bei weitem der anstrengendste Schüler, den ich je hatte. Das ist dir doch klar?!“

Es war Martin klar, dass dies alles ein Spiel war. Ein Spiel, in dem es nur eine einzige Regel gab, und die hieß Möller befiehlt. Es war völlig egal, was er tat, was geschehen würde, geschah. Völlig unabhängig von ihm. Daher gab es nur einen Weg da raus. Augen zu und durch.

„Ja.“

„In Ordnung. Ich bin jetzt reichlich erschöpft. Wir machen morgen weiter.“

Morgen, übermorgen und jeden verdammten Tag, dachte Martin resigniert.

Die zweite Folge der kleinen Lüge mit Franziska war, das eben jene Franziska nur zehn Tage nach dem Gespräch mit Frau Möller mit einer Tüte Gras in flagranti auf dem Mädchenklo erwischt wurde. Gewöhnlich kontrollierten die Lehrer die Schülertoiletten nach Schulschluss nicht mehr. Aber an diesem Tag hatte Frau Möller intuitiv eine Ausnahme gemacht. Franziska behauptete, dass es gar nicht ihr Gras gewesen sei, doch Frau Möller bestand darauf, dass sie die Tüte in der Hand gehalten hätte. Eigenwillig war auch, dass Frau Möller sich nicht mehr erinnern konnte, wer die anderen drei Mädchen waren, die fortgelaufen waren. Franziska jedenfalls hatte sie sich gegriffen. Franziska wurde nicht mal nach den anderen Mädchen befragt, sondern sofort von der Schule entfernt. Außer Martin ahnte niemand, wie es dazu gekommen war. Die Verantwortung für Franziskas Rausschmiss lastet einige Tage schwer auf ihm. Er war versucht, Franziska anzurufen und ihr die Sache zu erklären. Aber wie konnte er das tun, ohne alles zu verraten? Martin beschloss sich damit abzufinden, dass es nicht seine Schuld war, dass Franziska sich auf dem mit einem Joint erwischen ließ. Außerdem half ihm auch niemand, wenn er in der Scheiße saß. Martin nahm sich aber vor, in Zukunft weniger gefährlich zu lügen.

Um die Weihnachtszeit herum geschahen etliche merkwürdige Sachen. Zuerst setzte Frau Möller für drei Wochen den Nachhilfeunterricht ab. Also fast bis Mitte Januar. Das war ein echtes Gottesgeschenk. Dann traf Martin vier Tage vor Weihnachten Frau Bruckner in der Einkaufspassage. Er half ihr, die vielen Pakete nach Hause zu tragen. Geschenke für die Kinder und ihren Mann. Sie setzte einen Glühwein auf, denn es war verdammt kalt und feucht draußen geworden. Während sie das Getränk zubereitete, musste Martin sich alle Geschenke ansehen. Das meiste war ziemlicher Unsinn. Frau Bruckner hatte eine Vorliebe für Kitsch. Als letztes zeigte sie ihm, was sie sich selbst gekauft hatte. Ein paar rote Schuhe mit hohen Absätzen.

„Gefallen sie dir?“

„Nett!“ sagt Martin höflich. Für Schuhe interessierte er sich nun wirklich nicht. Wenngleich sie deutlich besser aussahen als die, die Frau Bruckner gewöhnlich trug. Sie waren irgendwie … schicker. Mehr so, wie die, die Frau Möller in ihrer Freizeit trug.

„Komm mit“, sagte sie plötzlich und tat sehr vertraulich.

Martin folgte ihr ins Schlafzimmer. Sie öffnete den Schrank und nahm ein weihnachtlich rotes Kleid aus dem Schrank. Martin korrigierte seinen Eindruck, es war etwas zum Unterziehen. Aber dabei mussten die weißen, bauschigen Ränder stören, denn die kitzelten bestimmt.

„Was ist das?“ fragte er.

Sie hielt es vor sich und strich es glatt.

„Eine Korsage. Eine Art Nikolaus-Korsage.“ Frau Bruckner kicherte wie die Mädchen in seiner Klasse, wenn sie sich über einen der Jungen lustig machten.
„Gefällt sie dir?“

Martin konnte sich das nicht gut vorstellen.

„Ich weiß nicht!“

„Sieht toll aus. Du müsstest sie mal angezogen sehen. Und dann mit den spitzen Schuhen. Das macht richtig was her“, freute sich Frau Bruckner.

Martin starrte Frau Bruckner, die immer noch albern kicherte, irritiert an. Warum erzählte sie ihm das alles?

„Damit werde ich meinen Mann überraschen. Später am heiligen Abend.“

„Ja“, sagte Martin fassungslos.

„Guck nicht so!“ forderte sie ihn in diesem eigenwilligen, mädchenhaften Tonfall auf und hängte die Korsage zurück in den Schrank. „Für dich habe ich auch was. Hier!“ Sie holte eine Geschenkschachtel aus dem Schrank hervor und drückte sie ihm in die Hand. Den schon fast wieder erkalteten Glühweinrest in der Küche ließ er stehen, denn drüben war schon Licht angegangen und seine Mutter musste zu Hause sein. Er verabschiedete sich von Frau Bruckner und wünschte ihr schon mal ein frohes Fest. Sie bedankte sich und hörte gar nicht mehr auf mit dem albernen Gekicher. Vielleicht hatte sie unterwegs schon den einen oder anderen Glühwein getrunken. Wegen der Kälte wahrscheinlich.

Martins Mutter hatte über Weihnachten frei, und sie verbrachten seit langem wieder einmal viel Zeit zusammen. Sie gingen über die Weihnachtsmärkte, kauften ein, spielten abends Gesellschaftsspiele. Es war eine ruhige Zeit und Martin vergaß beinahe seine Sorgen. Frau Möller war weit weg und Frau Bruckner zwar räumlich nicht ganz so weit, aber weit genug, um vollkommen auf das Weihnachtsfest mit seiner Mutter zu konzentrieren.

Die einzige Ausnahme bildete der heilige Abend. Aber das kannte Martin bereits. Es gab nur zwei Tage im Jahr, an denen seine Mutter mehr als ein Glas Wein pro Tag trank. Ihr Geburtstag und Heilig Abend. An diesen Tagen verschwand sie grundsätzlich vor zehn Uhr im Bett. Das waren auch die einzigen Tage, an denen sie nie ganz bei sich zu sein schien. Den ganzen Tag über war sie hochgradig sentimental, aber verzog sich, sobald sie merkte, dass es Martin zuviel wurde. So war es auch in diesem Jahr. Von einem Kirchgang hielten sie beide nicht viel. Sie hatten gut gegessen. Martin mochte keinen Karpfen, deswegen gab es Gans. Sie hatten eine kurze Bescherung hinter sich gebracht. Martins Mutter freute sich trotz des einfallslosen Parfums, dann öffnete sie die dritte Flasche Wein und erklärte Martin, wie sehr sie ihn lieben würde. Nicht lange später merkte sie, dass es zuviel wurde und stampfte um kurz nach neun kerzengerade, die Treppe hinauf ins Bett.

Martin räumte noch ein wenig auf, löschte überall das Licht und nahm seine neue Sony Playstation mit hinauf in sein Zimmer, um sie an seinem kleinen Fernseher auszuprobieren. Als erstes versuchte er ein Autorennspiel. Das war okay. Schwierig, aber lustig. Sein Blick fiel auf den Kasten im Regal. Da stand ja noch das Geschenk von Frau Bruckner. Er hatte es bisher nicht geöffnet, da er jede Art von Tinnef hasste.

Die Verpackung war ausgesprochen adrett. Er riss den Karton auf. Großartig: Das war es, was er wirklich immer schon gewollt hatte. Es war eine dieser albernen russischen Holzpuppen. Hohl, mit jeder Menge Kindern drin.

Martin hielt Ausschau nach einem geeigneten Platz. Dann stellte er sie ganz nach oben ins Regal und beschäftigte sich weiter an sein Autorennen. Auf dem obersten Regalbrett stand die Puppe reichlich allein und stach deshalb um so mehr ins Auge. Martin sah sich das eine Zeitlang an, dann wurde es ihm zu bunt und überlegte er, ob sie nicht weniger auffallen würde, wenn er ihre Geschwister in einer Reihe aufstellte. Versuch macht klug. Es waren sieben kleine Geschwister, die zum Vorschein kamen. Sieben kleine Geschwister und ein Zettel.

„Gutschein für etwas, das dir wirklich Spaß macht“, stand drauf. Immerhin hatte sie selbst eingesehen, dass sie einen gruseligen Geschmack hatte, dachte Martin belustigt.
Die Puppen in Reihe sahen immer noch störend aus, aber vielleicht gewöhnte er sich daran. Immerhin hatte er noch den Gutschein. Vielleicht gab es dafür ein weiteres Spiel für seine Playstation. Jedenfalls sollte Martin sich bedanken. Er schaute aus dem Fenster. Es war wahrscheinlich angezeigt, das erst morgen zu tun. Drüben sah es bereits ziemlich dunkel aus. Bei Doris brannte noch Licht. Vorne aus dem Arbeitszimmer drang ein schwacher Schein, sonst war die Bescherung wohl schon zu Ende. Ihm fiel ein, dass Frau Bruckner ihren Mann heute mit diesem Nikolausding überraschen wollte. Vielleicht war sie jetzt gerade bei ihm im Arbeitszimmer und … Etwas stach ihn bei diesem Gedanken. Von hier aus konnte er das nicht erkennen.

Martins Mutter schlief sicher schon. Sie würde es nicht merken, wenn er kurz hinausging und nachsah, ob Frau Bruckner bei ihrem Mann im Arbeitszimmer war. Leise schloss er die Tür und schlich hinüber in Bruckners Garten. Er wußte natürlich, dass es keineswegs in Ordnung war, nachts durch fremder Leute Fenster zu spähen. Seine Neugier war jedoch entschieden stärker als seine Bedenken. Im Arbeitszimmer saß Herr Bruckner einsam über ein Buch gebeugt und trank Bier. Bier am heiligen Abend war auch nicht die feine Art. Keine Spur von Frau Bruckner. Wo er schon mal hier war, konnte er auch gerade noch hinten gucken, ob sie in ihrem Zimmer war. Vorsichtig umrundete er das Haus. Kein Licht. Scheinbar war sie auch nicht da.

„Was tust du denn hier?“ hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich.

Vor Schreck hätte er fast laut aufgeschrien.

„Ich … ich“, stotterte er, dann erkannte er Frau Bruckner in dem recht hellen Mondschein. Sie stand zwei Meter hinter ihm auf dem Rasen und hielt sich fröstelnd einen Mantel zu.

„Ich wollte mich nur für das Geschenk bedanken“, sagte Martin.

„Oh ja, das Geschenk“, sagte sie abwesend. „Gern geschehen.“

„Warum stehen Sie hier draußen in der Kälte?“ fragte Martin verwirrt, nachdem Frau Bruckner nichts weiter sagte.

„Oh, ich probiere nur meinen neuen Pelzmantel aus“, antwortete Frau Bruckner in dem gleichen abwesenden Tonfall.

„Aha“, sagte Martin verständnislos. Er konnte deutlich sehen, dass Frau Bruckner zitterte. Sie musste wohl schon eine ganze Weile hier draußen gestanden haben.

„Ist nicht warm genug, oder?“ fragte er, um irgend etwas sinnvolles zu sagen.

„Der Mantel? Doch, doch … es ist nur, … ich habe nicht viel darunter.“

Ihre Stimme zitterte. Wahrscheinlich vor Kälte. Er hatte diesen Ton schon manchmal bei seiner Mutter gehört. Als nächstes fing sie gewöhnlich an zu weinen. Er glaubte nicht ernstlich, dass jemand wie Frau Bruckner anfing zu weinen, aber dennoch erinnerte ihn ihre Stimme an so etwas.

„Wollten Sie nicht heute ihren Mann …?“ Martin brach mitten im Satz ab. Das war eine ganz schwachsinnige Frage, und das wurde ihm genau in diesem Moment klar.

„Jaa“, antwortete sie gedehnt. „Das wollte ich wohl. Aber: Ich fürchte, er hasst Weihnachtsmänner. Jedenfalls hat er so was gesagt.“

Martin musste lachen und tat es leise. Nicht leise genug.

„Was ist daran komisch?“

„Nichts.“

„Findest du auch, dass das albern aussieht?“ Martin sah zwar, dass sie den Mantel nach beiden Seiten aufgerissen hatte. Mehr konnte er jedoch bei diesem Licht nicht erkennen.
„Ich kann leider nicht viel sehen.“

Frau Bruckner lachte, und Martin war froh, dass die Gefahr der Tränen gebannt zu sein schien.

„Willst du das überhaupt sehen?“ Der Mantel war wieder zugefallen.

„Ja, natürlich“, sagte Martin ehrlich.

„Wirklich?“

„Ganz bestimmt.“

„Na, wenn du es sehen willst, brauchen wir wohl mehr Licht, was?“

„Ich hole eine Taschenlampe“, schlug er vor.

„Nein, nein. Komm mit!“ forderte ihn Frau Bruckner auf. Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging die kleine Betontreppe hinunter, durch die Hintertür in den Waschkeller.
„Warte hier, aber sei bloß leise“, zischte sich.

Kurz darauf kam Frau Bruckner zurück. Sie hatte aus dem Vorratskeller eine Kerze geholt, die sie entzündete und auf den Boden klebte. Es war ein unheimliches Licht, tiefe, flackernde Schatten.

„Also, du willst es sehen?“ fragte sie noch einmal.

Die Tür war zu. Sie waren allein. Und er hatte sonst nichts zu tun.

„Ja“, sagte Martin. Das ganze nahm die Gestalt einer zweiten Bescherung an.

Frau Bruckner schob die Mantelseiten auseinander. Es wurde Martin erst jetzt klar, was eine Korsage wirklich war. Auf den roten glänzenden Pumps flackerten die Lichtreflexe, und das einseitige Licht ließ die Konturen auf Frau Bruckners eigentlich rundlichem Körper scharf und kantig aussehen. Kein Zweifel, das Ding stand ihr gut.

„Und?“

Martin wußte gar nicht, was er sagen sollte.

„Vielleicht ist es so besser!“ Sie stellte ein Bein aus, ließ den Mantel über die Schultern gleiten und schob die Schulter ein wenig vor.

„Also, nach einem Weihnachtsmann sieht das mir nicht aus!“ sagte Martin, als er die Sprache wiedergefunden hatte. „Eher nach einem Weihnachtsbunny.“

„Aber du findest es nicht albern?“ fragte Frau Bruckner etwas unsicher.

„Absolut nicht.“ Martin kramte in seiner Tasche nach dem Zettel. Er ging die zwei Schritte auf Frau Bruckner zu und steckte ihn in den tiefen Spalt, den ihre Brüste in der Korsage schufen. Dann trat er wieder zurück. Frau Bruckner ließ den Mantel auf den Wäschehaufen hinter ihr gleiten und stand nur noch in der samtroten Korsage da. Sie zog den Zettel hervor und las ihn. Das war eigentlich überflüssig. Was da drauf stand, musste sie wissen. Schließlich hatte sie ihn selbst geschrieben. Sie überlegte kurz, dann lachte sie leise.

„Du bist verrückt.“

Martin zuckte nur die Schultern.

Frau Bruckner setzte sich wenig elegant auf den Mantel und lehnte sich zurück auf den Wäschestapel. Das Licht der Kerze fiel genau zwischen ihre Beine, wo nichts war, was den Unterschied zu Frau Möller verdeckte. Das sah ganz anders aus. Erstens schien es feucht zu sein, dann waren dort viele dicke Wülste, es hatte nichts filigranes, wie etwa von einem Schmetterling.

„Also gut“, sagte sie. „Dieses eine Mal noch. Aber das ist wirklich das letzte Mal, versprochen?“

„Versprochen“, behauptete Martin schnell.

„Ganz sicher?“

„Ganz sicher.“ Er hatte keinerlei Probleme mehr, einer Frau diesbezüglich etwas vorzumachen.

Frau Bruckner war eiskalt. Sie musste kurz vorm Erfrieren gewesen sein. Und es dauerte lange, bis sie wieder warm wurde. Alles war ganz anders als beim ersten Mal. Frau Bruckner hielt ihn wesentlich fester im Arm. Außerdem schien sie schlecht zu liegen. Einige Male versuchte sie sich unter ihm weg zu winden. Als er Platz machen wollte, damit sie sich richtig hinlegen konnte, sagte sie: „Schon gut, geht schon.“ Martin fand das alles wunderbar. Weich und geborgen. Er fragte sich, ob das mit allen Frau so war, oder nur mit Frau Bruckner. Früher oder später musste er das herausfinden, denn sie würde ihn das nicht ewig mit sich machen lassen.

Auf einmal drückte sie ihn von sich weg. Sie musste wohl falsch liegen, denn sie hatte wieder versucht, sich unter ihm weg zu winden. Martin wollte sich zurück ziehen. Aber sie presste ihn nur noch fester an sich. Irgendetwas war nicht in Ordnung, es war völlig anders als beim ersten mal. Sie drohte zu ersticken, ihre Augen verdrehten sich, sie lief in Sekundenschnelle rot an, und ihr Körper zuckte ein paar mal sehr heftig. Martin riss sich los und sprang auf. Er hockte sich aber sogleich wieder neben sie. Das Zittern ließ nach, ihre Beine machten noch einige langsame unkontrollierte Zuckungen, dann schnappte sie nach Luft.

„Alles in Ordnung? War ich zu schwer?“ fragte Martin verstört.

„Nein“, presste Frau Bruckner und schnappte noch einmal nach Luft.

„Sie ersticken doch nicht?“
„Nein wirklich, es ist alles in Ordnung. War nur die Kälte. Wahrscheinlich kriege ich eine Grippe mit Schüttelfrost.“

Frau Bruckners Gesichtsfarbe war wieder normal. Ihr Atem auch. Martin war beruhigt.

„Geh jetzt!“ sagte sie auf einmal.

Martin hatte wenig Lust zu gehen, er gerade erst angefangen und hätte gerne noch ein wenig weiter gemacht. Bis auf die kurze Attacke hatte es ihm eigentlich richtig Spaß gemacht. Natürlich nicht, wenn sie ihm dabei ersticken würde.

„Du musst jetzt sofort gehen!“ sagte sie nochmals eindringlich und schob ihn weg. Martin stand auf. Vielleicht war es besser so, wenn sie sich nicht wohl fühlte. Er ordnete seine Sachen. Ein bisschen enttäuscht war er aber schon, dass sie ihn einfach so wegschickte.

„Hier“, sagte Frau Bruckner und steckte ihm den Zettel wieder zu. „Damit komm wieder, wenn du etwas findest, was du wirklich haben möchtest. Ein Geschenk meine ich. Du weißt schon!“

„Danke“, sagte Martin und ging.

Als er wieder in seinem Zimmer war und nochmals aus dem Fenster blickte, sah er immer noch den flackernden Schein der Kerze in einem der Kellerfenster zu erkennen. Er hoffte nur, dass Frau Bruckner jetzt nicht tot im Keller lag. Das würde verheerende Fragen aufwerfen.