Kapitel 19

Alt genug

Martin wartete nicht bei Bruckners bis seine Mutter ihn abholte. Heute nicht. Er hatte ja den Schlüssel. Er ging ohne zu frühstücken und sah Frau Bruckner nicht in die Augen, als er sich verabschiedete. Er wollte keinen von diesen Bruckners je in seinem Leben wiedersehen.

Am späten Nachmittag sah Martin, wie seine Mutter vor dem Haus aus dem Auto stieg. Frau Bruckner fing sie ab und die beiden sprachen mehr als zehn Minuten miteinander. Dann kam seine Mutter hoch in sein Zimmer. Sie sah besorgt aus.

„Du bist an der Kellertreppe ausgerutscht? Zeig mal her. … Oh Gott, das sieht ja schlimm aus! Wie konnte den das passieren?“

„Ich einfach ausgerutscht und hingefallen.“

„Du hast dich nicht mit Werner geprügelt?“ fragte seine Mutter misstrauisch.

„Nein, wie kommst du denn da drauf?“

„Frau Bruckner hat gesagt, dass du dich mit den Geschwistern nicht mehr verstehst. Entweder ihr streitet euch, oder ihr geht euch aus dem Weg.“

„Ja, das stimmt schon“, gab Martin zu. „Du hast doch selbst gesagt, ich soll dem Ärger aus dem Weg gehen.“

„Aber ihr habt euch nicht geprügelt?“ fragte seine Mutter zur Sicherheit noch einmal.

„Nein, wirklich nicht.“

„Außerdem hat Frau Bruckner gesagt, dass du ihrer Meinung nach alt genug bist um am Wochenende allein zu bleiben. Und dort drüben ginge es halt nicht mehr, weil ihr euch andauernd nur streitet.“

„Hmm.“

„Hör zu Martin“, sagte seine Mutter nach einer Pause. „Ich weiß, es ist eine schwere Zeit für dich, aber du bist seit Wochen so verändert. Ziehst dich von allem zurück. Das ist nicht gut. Wenn da noch etwas ist … ich meine außer den üblichen Problemen in deinem Alter, dann kannst du mir das sagen.“ Seine Mutter sah ihn gespannt an. „Ist da noch etwas?“ fragte seine Mutter, als er nicht antwortete.

Da war noch jede Menge, aber nichts von dem hätte er jemals seiner Mutter sagen können.

„Nein, es ist alles in Ordnung. Wirklich.“

„Gut, dann mach ich uns jetzt was zu essen. … Aber wenn etwas ist, sagst du es mir, versprochen?“

„Versprochen.“

Am Dienstag sprach Franziska ihn in der Schule an. Sie war sauer auf Martin, auch wenn er erst nicht recht verstand, worum es eigentlich ging.

„Warum gehst du mir aus dem Weg?“ wollte sie wissen.

Martin ging ihr nicht aus dem Weg, er hatte noch nie viel mit ihr zu tun gehabt. Warum sollte sich das jetzt auf einmal geändert haben?

„Ich habe darauf gewartet, dass du dich mal bei mir meldest!“ fuhr sie vorwurfsvoll fort.

„Tut mir leid“, sagte Martin. „Ich wußte nicht, dass wir verabredet waren.“

„Verabredet? Was denkst du eigentlich? Ich dachte, du wärst alt genug für eine richtige Beziehung. Und jetzt! Jetzt schneidest du mich, nur weil, … weil ich dich nicht sofort ran gelassen habe?“

Es gab da zwei Dinge, die Martin beunruhigten: Das eine war das Wort Beziehung und das andere die Formulierung: ‚ran gelassen‘. Wenn er sich recht erinnerte, hatte sie mit dem Knutschen angefangen und von etwas anderem war auch gar nicht die Rede gewesen.

„Ich glaube, ich verstehe das nicht ganz“, sagte er vorsichtig.

„Ach. So sieht das aus. Du machst Schluss, weil du nicht sofort deinen Willen kriegst. Weißt du“, stellte sie ehrlich empört fest, „ich glaube inzwischen, du wolltest nur mit mir ins Bett, und das war’s dann.“

Martin war ernstlich bestürzt. Er sah sie prüfend an und sagte: „Nein, das wollte ich nicht. Ganz bestimmt nicht!“

„Ach. Also willst du mich jetzt nur bestrafen, weil ich mich geweigert habe?“

„Nein!“ behauptete er.

„Was willst du dann?“ fragte Franziska verunsichert.

Martin überlegte einen Moment und stellte dann fest: „Nichts.“

Sie schaute ihn stumm und dumm an.

„Ich wollte überhaupt nichts“, begann er zu erklären, weil sie das offensichtlich erwartete. „Du hast doch angefangen.“ Er prüfte noch einmal genau Franziskas Anblick. Nichts an ihr fand er irgendwie erregend und die Vorwürfe, die sie ihm machte, gingen ihm auf den Wecker. „Ich habe nie gesagt, dass ich dich toll finde“, fuhr er fort. „Oder, dass ich irgend etwas von dir will. Du hast mit mir geknutscht! Das hat mir gefallen, okay. Aber mehr war doch gar nicht!“

Inzwischen hatte Martin etwas dazugelernt. Er sah in ihren Augen bereits die Hand, die in seinem Gesicht landen würde, bevor sie überhaupt den Arm gehoben hatte. Er machte ein vorsorglichen Schritt zurück, hob beide Arme und warnte sie: „Lass das, ich habe keine Lust mich mit Mädchen zu prügeln!“

Ihr halb erhobener Arm sank widerwillig.

„Es ist aus!“ sagte sie dramatisch und machte auf dem Absatz kehrt. „Du bist echt ein Riesenarschloch.“

Die Szene auf den Schulhof, war natürlich nicht unbemerkt geblieben. Martin entdeckte Doris in einem Pulk von Mädchen, die die Szene breit grinsend und voller Genugtuung beobachtet hatten. Schlimmer aber wog die Tatsache, dass ausgerechnet Frau Möller Pausenaufsicht hatte. Er suchte den Hof nach ihr ab. Sie stand vor dem Eingang zum Lehrerzimmer und als sich ihre Blicke kreuzten wußte er, dass er sich gerade eine neue Regel eingeheimst hatte.

Martin hasste Frauen, diese dusselige Kuh Franziska, die erst mit ihm rum knutschen wollte und glaubte, sie seien deshalb so gut wie verheiratet. Doris die seinen Schwanz nicht in Ruhe lassen konnte und dann noch Frau Möller, die keine Gelegenheit ausließ, ihn mit irgendwelchem Unsinn zu quälen. Ach ja, und Frau Bruckner, die … die ihm eigentlich nichts getan hatte. Aber er hasste sie trotzdem, weil sie … Martin dachte nach. War ja auch egal. Martin beschloss, in Zukunft einfach allen Frauen aus dem Weg zu gehen. Frauen machten nur Ärger.

Es bewahrheitete sich natürlich genau so, wie Martin es hatte kommen sehen. Kaum saß er bei Frau Möller auf der Bank, ließ sie auch schon die Katze aus dem Sack. Natürlich nicht, ohne Martin eindringlich ins Gewissen zu reden.

„Der eigentliche Grund für die mangelnde Produktivität von Männern im allgemeinen und Jungen deines Alters im Besonderen liegt in ihrer Unfähigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Sie lassen sich allzu leicht von Nebensächlichkeiten, besonders von Frauen, ablenken“, dozierte sie erhobenen spitz gefeiltem Zeigefinger.

Sie machte eine kurze Pause, um Martin Gelegenheit zu geben ihren Gedanken zu folgen. „Ich habe heute wieder einmal beobachtet, dass du den Mädchen auf dem Schulhof hinterher schaust. Na ja, wenn du es beim Anschauen belässt, ist das vielleicht noch in Ordnung. Aber mein Gefühl sagt mir, das dem leider nicht so ist. Was du im einzelnen da treibst, will ich gar nicht wissen.“

Martin hätte ihr unter Androhung der Todesstrafe nichts erzählt und ersparte sich konsequent jede Erklärung.

„Zugegeben, es ist für einen Mann etwas schwierig, das Triebhafte in sich zu unterdrücken“, fuhr Frau Möller nach der Pause fort. „Diese nahe Verwandtschaft zum Halbaffen … Ich glaube, Männer sind während der Evolution etwas verfrüht zum Stillstand gekommen. Dieses vom Rückenmark gesteuerte Triebverhalten lässt sich aber Gott sei Dank kontrollieren. Jedenfalls, wenn man hart daran arbeitet. Verstehst du, was ich meine?“

„Ich denke ja.“

„Da bin ich mir gar nicht sicher. Es geht hier um deine Leistungsfähigkeit. Du musst deine Triebnatur kontrollieren. Wenn du ihr weiterhin nachgibst, wirst niemals wirklichen Erfolg im Leben haben. Du kannst nur etwas werden, wenn es dir gelingt, dich vom Sex völlig unabhängig zu machen.“

Diese Idee war Martin eben gerade auch gekommen. Daher nickte er verständnisvoll.

„Ich wäre unter Umständen bereit, das mit dir zu üben. Es gibt da eine Möglichkeit, das zu trainieren.“ Frau Möller ging um ihr Pult herum und fuhr zögernd fort. „Diese Methode ist etwas … wie soll ich sagen … ungewöhnlich und verlangt mir einiges ab. Dinge, die mir wirklich schwerfallen.“ Sie wartete auf eine Reaktion von Martin. War aber wohl auch damit zufrieden, dass keine kam. „Aber ich bin bereit, das für dich zu tun. Du hast da ein großes Problem, und wenn du es loswerden willst, kann ich dir wie gesagt dabei helfen. Aber … du musst es wirklich wollen.“

Martin hätte am liebsten gelacht. Er konnte nicht sagen warum, aber irgendwie war genau das schwierig, zu wissen, was er wirklich wollte. Außerdem war er hochgespannt, was sie nun wohl vorschlagen sollte. Kalt duschen vielleicht?

„Also was ist? Willst du nun, dass ich dir helfe, oder nicht?“ fragte Frau Möller eindringlich.

„Ja.“

„Was ‚ja‘?“

„Ja, Frau Möller.“

„Nein, nein, willst du es oder nicht?“ fragte sie nach.

„Ja, ich will, Frau Möller.“

Der Satz hallte in Martins Kopf nach, wie in einer Kathedrale. Es klang wie ein Eheversprechen und es war ein Fehler. Nur ein weiterer Fehler. Ein weiterer Fehler in der unendlichen Kette von Fehlern, die man unweigerlich machen musste, wenn man sich auf irgend etwas mit Frau Möller einließ. Aber darauf kam es eigentlich auch schon nicht mehr an. Frau Möller schien dieser Satz noch nicht so richtig zu gefallen. Sie suchte in seinem Gesicht nach Spuren von Ironie. Wendete sich dann aber zufrieden ab.

„Das Wichtigste ist Ehrlichkeit. Absolute Ehrlichkeit. Verstehst du? Wenn du einen Trieb verspürst, musst du es mir sagen, nur dann können wir gemeinsam daran arbeiten. … Wirst du das tun?“

„Ja“, sagte Martin einfach.

„Du kannst mir alles sagen und brauchst dich für nichts zu schämen. Wir kriegen das schon hin, glaub mir“, erklärte sie zuversichtlich.

Einen Scheiß würde er tun, dachte Martin. Das letzte auf Erden, was er täte, wäre mit Frau Möller über irgend eines seiner Probleme sprechen. Nicht mal darüber, was er lieber zum Frühstück aß: Corn Flakes oder Brötchen mit Honig.

„Ja, Frau Möller.“ Je älter er wurde, desto leichter kamen ihm die Lügen über die Lippen und er war ganz sicher, dass ihn jetzt keine Röte verriet. Er hatte das Recht zu lügen. Es war Notwehr.

„Also fangen wir mal mit dieser Franziska von heute morgen an. Worum ging es da?“ fragte Frau Möller überraschend.

Martin hatte gedacht, dass die Sache jetzt erstmal beigelegt werden würde. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Frau Möller sofort nachhaken würde. Er fühlte sich, wie ein Torwart, der einen hart getretenen Ball auf sich zu kommen sah und wußte, dass er auf dem falschen Fuß stand.

„Sie meinte, dass ich sie zu wenig beachten würde“, sagte er vorsichtig.

„Wie kommt sie auf die Idee, dass du sie überhaupt beachten solltest?“ fragte Frau Möller mit spitzem Unterton nach. Sie hatte sich immer noch von ihm abgewendet und schaute an die Tafel. Die Geschichte mit Franziska war ihm eigentlich egal. Martin entschied, dass es taktisch geschickt sei, jetzt die Wahrheit zu sagen, um sich die Möglichkeit zum Lügen für später aufzuheben. Also erzählte er die Geschichte mit Franziska, so genau wie möglich. Frau Möller schien damit zufrieden zu sein.

„Du hattest also keinen Sex mit ihr?“ fragte sie zusammenfassend.

„Nein“, wies Martin empört von sich.

„Gut. Du hattest natürlich recht, dich sofort von ihr zurückzuziehen. Du solltest aber in Zukunft vermeiden, überhaupt in solche Situationen zu kommen. Geh den Mädchen einfach aus dem Weg“, schlug sie vor.

„Das war auch meine Absicht.“

„Ausgezeichnet.“ Frau Möller schien diese Nachricht allergrößte Freude zu bereiten.

„Und mit dieser … dieser Doris, was war da?“

Martin erzählte in groben Zügen, alles über Doris und fügte hinzu, dass er von jetzt an nicht mehr zu den Bruckners gehen würde. Das würde ihm soviel Vertrauensvorschuss geben, dass er die wirklich wichtigen Sachen verschweigen konnte. Anfangs wirkte Frau Möller besorgt, doch dann entspannte sie sich wieder. Wenn man sie nicht kannte, konnte man glauben, dass sie neugierig war, aber auch verständnisvoll, beinahe nett.

„Und das war alles?“

„Ja“, sagte Martin mit fester Stimme, die keinen Zweifel entstehen ließ.

„Du bist also noch … Du hast noch keinen richtigen Sex gehabt, sehe ich das richtig?“ fragte Frau Möller zur Sicherheit noch einmal nach.

Martin zögerte keine Sekunde mit Antwort. Er wußte genau, dass jetzt eine gekonnte Lüge fällig war.

„Nein“, sagte er prompt und möglichst beiläufig.

Sie beäugte ihn skeptisch. Martin fühlte, dass er rot wurde. Was auch immer geschah, er würde kein Wort über Frau Bruckner verlieren.

„Das ist die Wahrheit?“

„Ja.“

„Ist dir das Thema peinlich?“

„Ja“, gestand er möglichst nüchtern ein.

„Warum?“

Martin spürte genau, dass sie ihm nicht glaubte. Sie wollte ihm durch geschickte Fragen die Wahrheit entlocken. Er hatte jetzt mit der Antwort schon zu lange gezögert. Er beschloss darauf einfach gar nicht zu antworten. Irgendwie musste er sie von diesem Thema ablenken. Er musste einen Gegenangriff starten. Das war die beste Verteidigung. Ihr sollte es auch peinlich werden. Er fixierte seinen Blick auf ihre Brüste und schwieg. Nun konzentrierte er sich auf das Bild von Frau Bruckner vor dem Spiegel und stellte sich vor, dass Frau Möller seine Gedanken lesen konnte.

Frau Möller zögerte. Martins Erötung nahm zu. Ihre Brüste ließ er nicht einen Moment aus den Augen. Und das zeigte dann auch Wirkung.

„Ich glaube, ich verstehe das schon“, sagte sie plötzlich und drehte sich ab. Gewonnen, dachte Martin. Er hatte sie zum ersten Mal besiegt. In die Irre geführt und besiegt. Innerlich brach er in Jubelschreie aus.

„Also, wenn das so ist, haben wir eine gute Chance. Solange du mit diesem Virus Sex noch nicht wirklich infiziert bist, können wir ihn relativ leicht unterdrücken. Aber denk daran, mir jede sich anbahnende Versuchung sofort mitzuteilen, damit wir etwas dagegen unternehmen können.“

„Ja, Frau Möller.“

„Du kannst für heute gehen. Mach deine Hausaufgaben zuhause.“

Martin war überrascht. Das war noch nie vorgekommen. Schnell packte er seine Sachen zusammen, bedankte sich und machte sich aus dem Staub.