Kapitel 15

Der Wahnsinn hat Methode

Das Wochenende über war Martin kaum aus dem Haus gegangen. Er hatte keine Lust mehr, seine Schulkameraden zu treffen. Er wagte kaum daran zu denken, was geschehen würde, wenn die jemals erführen, dass er seiner Lehrerin die Schuhe geküsst hatte. Die paar Streber in der Schule waren schon verhasst. Aber wenn das rauskäme, dann wäre er mehr als erledigt. Der einzige Lichtblick war, dass er an diesem Montag keinen Unterricht bei Frau Möller hatte. Es blieb ihm also noch ein wenig Zeit bis zum Nachmittag, bis er ihr wieder gegenüber treten musste.

Frau Möller war gut gelaunt. Martin brachte außer dem Notwendigsten kein Wort heraus. Er saß auf dieser elenden Holzbank fest und das schien ihm egal zu werden. Heute hatte er nicht das Gefühl etwas zu verpassen, wenn er hier saß statt zu spielen.

„Haben wir einen schlechten Tag gehabt“, fragte Frau Möller nach einiger Zeit ungewöhnlich freundlich.

„Nein“, grunzte Martin ohne sich für die plötzliche Freundlichkeit erkenntlich zu zeigen.

„Warum dann so einsilbig? Wenn du Kummer hast …?“

Das hatte gerade noch gefehlt! Ein echter Anflug von Fürsorglichkeit drang aus jeder Pore von Frau Möller.

„Nein, nein, es ist nur … nur sehr heiß!“

Frau Möller sah ihn ernsthaft besorgt an.

„Wir haben doch keine Dummheiten im Sinn?“ fragte sie noch eine Spur besorgter.

„Dummheiten? Nein.“

„Ist es wegen der Schuhe?“ Sie zeigte auf ihre Lackpumps mit dem Metallabsatz, die sie heute wieder trug.

Martin schwieg.

„Es wird niemals jemand erfahren und … es war nur, weil du mich so wütend gemacht hast! Das siehst du doch ein?“

Martin sah das keineswegs ein, wußte aber, dass diese Frage nur mit einem „Ja“ beantwortete werden sollte. „Ja, Frau Möller“, antwortete er also zu ihrer vollsten Zufriedenheit.
„Nun, das war ja wohl auch nicht so schlimm. Du darfst mich halt nur nicht wütend machen, dann passiert so etwas auch nicht“, erklärte sie zufrieden.

Sie stand schon wieder so dicht bei ihm. Diesmal direkt vor ihm.

„Hör zu. Ich mache dir einen Vorschlag. Wenn du Schwierigkeiten hast, deine Hausaufgaben zu schaffen, dann machen wir die hier. Im Zusammenhang mit der Nachhilfe!“
Warum war sie jetzt wieder freundlich zu ihm? Es wäre ihm lieber gewesen, er hätte sie einfach nur hassen und vergessen können. Er wollte keinen Gefallen von ihr. Er war wütend.

„Nein, das geht schon“, antwortete er höflich und gab seinem Gefühl nach, obwohl er wußte, dass es ein Fehler war.

„Bist du sicher? Ich will nur dein Bestes. Es liegt wirklich nicht in meinem Interesse, dass du Schwierigkeiten kriegst. Dafür nehme ich immerhin ein großes Risi…“

„Ja“, presste Martin hervor und glaubte sein Kopf müsste gleich in tausend tödliche Splitter zerspringen. „Ja“, sagte er noch einmal und atmete tief ein. „Sie haben recht. Vielleicht mache ich die Hausaufgaben lieber hier. Ist wohl besser.“

„Siehst du, allmählich wirst du vernünftig“, stellte Frau Möller triumphierend fest. „Also fangen wir gleich an: Mathe?“

Martin zog sein Buch und ein Heft hervor.

Natürlich war die ganze Angelegenheit damit nicht etwa endgültig vergessen. Als die Stunde zu Ende war und Martin gehen wollte, pfiff sie ihn zurück.

„Du hast wie so oft vergessen, dich zu bedanken“, sagte sie lauernd und vorwurfsvoll. „Das ist wirklich nicht nett.“

Martin stand mit der Tasche in der Hand vor ihr. Darauf kam es nun auch nicht mehr an. „Vielen Dank, Frau Möller.“

Sie sagte nichts und schien auf etwas zu warten. Sie hatte die Arme verschränkt und sah ihn unbeweglich an. Sie sah aus, als ob sie in Gedanken mit ihren Fingern auf einer Tischplatte trommelte. Martin wußte, dass er jetzt nicht einfach gehen konnte. Irgend etwas war nicht in Ordnung. Er bemerkte, dass sie auf der Schreibtischkante saß und ihre Beine leicht vorgestreckt waren. Dann registrierte er den Blick, mit dem sie ihn bedachte, als sie seine Augen auf ihren Füßen wußte. Es war ihm sofort klar was sie erwartete. Martin wollte ‚nein‘ sagen, aber statt dessen entwickelte sich nur ein stummes Blickduell. Sie schien ihn nicht wirklich dazu auffordern zu wollen, aber es war Martin völlig klar, dass sie es von ihm erwartete. Unaufgefordert! Das war die Botschaft, die ihre Augen ihm in glasiger Härte hinüber funkten.

Nachdem er ihrem Blick eine ganze Weile stand gehalten hatte, gab er auf. Das hätte er früher oder später sowieso getan. Also, dann schon lieber früher. Wortlos ging er auf die Knie und küsste ihre hochglänzenden Lackschuhe. Er hatte es einmal getan, in einer Garage, also im Prinzip vor aller Welt. Was hatte er da noch zu verlieren. Es war nur ein weiteres Ritual, das sie hatte einführen können, weil er so dumm gewesen war, sie zu provozieren. Er durfte ihr in Zukunft keine Gelegenheit mehr geben, so etwas zu tun. Mit ihren Schuhen musste er jetzt leben, daran war wohl nichts mehr zu ändern.