Kapitel 14

Von allen guten Geistern verlassen

Außer der Tatsache, dass Martins Penis um einige Zentimeter größer als der Durchschnitt war, hatten die Bücher auch noch eine weitere wichtige Erkenntnis gebracht. Es war Martin klar geworden, dass ‚Spielen‘ nicht alles auf der Welt sein würde. Um so wichtiger erschien es ihm, heute die Sache mit Frau Möller wieder in Reine zu bringen.

Die Geschichtsstunde lief schlecht an, als Frau Möller ihn tadelte, weil er keine Hausaufgaben gemacht hatte. Sie fragte ihn vor der Klasse, was denn gestern so wichtig gewesen wäre, dass sich keine Zeit mehr für die Aufgaben gefunden hätte. Diese Frage konnte Martin natürlich nur mit einer Lüge beantworten oder sich lächerlich machen. Er wählte die Lüge und behauptete, dass er mit seiner Mutter hätte zum Arzt gehen müssen. Frau Möller sagte, dass er ja wohl von allen guten Geistern verlassen sein müsste, wenn er versuchte ihr einen solchen Bären aufzubinden.

Nach dem Unterricht versuchte Martin, mit Frau Möller zu sprechen, aber sie hatte keine Zeit und musste in eine Konferenz. Also fuhr Martin, wie an den anderen Tagen auch, pünktlich zum Nachhilfeunterricht. Aber auf sein Klingeln hin blieb die Tür verschlossen. Martin sah in der Tiefgarage nach. Ihr Wagen war da. Er ging noch einmal hinauf und klingelt. Wieder wurde nicht geöffnet. Plötzlich wurde Martin klar, dass Frau Möller ihn fallen gelassen hatte. Ganz klar, sie würde ihn vernichten. Sie brauchte nicht einmal seine Mutter anzurufen, dafür würde sie sich einen besonderen Zeitpunkt auswählen. Jetzt würde sie erst mal dafür sorgen, dass er in diesem Schuljahr durchfiele. Und mit den nicht gemachten Hausaufgaben hatte er ihr bereits eine erste Handhabe gegen ihn in die gegeben.

Eigentlich war Martin die Schule nicht besonders wichtig. Trotzdem stellte sich bei dem Gedanken daran, dass er sie wahrscheinlich nicht schaffte, ein flaues Gefühl ein. Denn er wußte, wie wichtig seine Mutter die Schule nahm. Das flaue Gefühl steigerte sich nach einem dritten Klingelversuch zu einem Ansatz von Panik und Wut.

Martin postierte sich in der Garage neben dem Auto. Er gab sich zwei Stunden. Die wollte er warten. Länger zu warten schien ihm sinnlos. Schließlich musste Frau Möller ihre Wohnung erst wieder am Montag verlassen. Bis dahin konnte er unmöglich hier stehen und warten.

Er brauchte aber nur eine halbe Stunde in der Garage herumzulungern. Seine Wut hatte sich nur unwesentlich gelegt, als er Frau Möller aus dem Fahrstuhl steigen sah. Sie ging direkt auf ihren Wagen zu und schien Martin gar nicht zu bemerkten. Nicht einmal, als sie nur zentimeternah an ihm vorbeiging, um ihre Tür aufzuschließen.

„Frau Möller!“

„Was willst du hier?“ fragte sie ohne ihn anzusehen.

„Ich … wollte mich entschuldigen. Das … das war nicht so gemeint. Ich … ich möchte wieder Nachhilfe von ihnen haben“, stammelte er verunsichert.

„So? Schon genug gespielt?“ fragte sie sarkastisch und sah ihn immer noch nicht an. Am liebsten hätte Martin sie geschüttelt und umgedreht, damit sie ihn endlich mal ansah. Er ignorierte ihren bissigen Ton und seine Wut und versuchte es lieber mit Bitten. „Es kommt nicht wieder vor. Es tut mir leid. Ich brauche die Nachhilfe.“

„Und du meinst, du kommst hier einfach so an und alles ist wieder in Lot, ja? Ich riskiere meinen Job für dich und du dankst es mir so.“

„Ich habe mich doch entschuldigt!“

„Soll ich so eine Entschuldigung ernst nehmen? In einer Woche hast du dann doch wieder mal keine Lust.“

„Das kommt nicht wieder vor, ganz bestimmt nicht, ich schwöre es“, versprach Martin demütig.

Endlich sah Frau Möller ihn über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg an. Skeptisch. Und dann mit einem gehässigen Funkeln in den Augen. „Ich weiß nicht!“ sagte sie und schob den Schlüssel ins Schloss der Fahrertür.

„Was soll ich denn noch tun?“ Martins Wut war längst Verzweiflung gewichen. Wieso war sie nicht mehr umzustimmen? Eigentlich war er doch nur einmal nicht zum Nachhilfeunterricht erschienen. So schlimm konnte das doch wohl nicht sein.

„Entschuldige dich so, dass ich es ernst nehmen kann“, erklärte Frau Möller.

„Wie?“ Martin zuckte vor Hilflosigkeit die Achseln.

„Küss meine Schuhe!“ sagte sie schnell und tonlos.

„Was?“

„Du hast schon verstanden“, sagte sie schneidend.

„Hier?“

Sie ließ den Blick einmal rund durch die Garage streifen. „Jetzt und hier!“

„Was soll denn das? Ich kann doch nicht …“

„Es hat wohl wirklich keinen Zweck!“ Der Schlüssel klackte hallend durch die Stille der Tiefgarage und die Verriegelung sprang mit einem muffigen Geräusch auf.
„Okay, okay“, sagte Martin und konnte nicht mehr unterscheiden, ob seine Hände vor Verzweiflung oder vor Wut angefangen hatten zu flattern. Jedenfalls zuckte seine Handmuskeln ohne erkennbaren Grund. „Okay, ich mach’s“ wiederholte er noch einmal etwas leiser, als ob er Angst hätte, dass irgend jemand hier oder womöglich er selbst hören konnte, was er gerade gesagt hatte. Frau Möller hatte inne gehalten und sich ihm zugedreht.

Widerstrebend kniete Martin zu Boden und berührte Frau Möllers Schuhspitzen mit dem Mund.

Als Martin wieder aufgestanden war, sah er in ein triumphales Lächeln.

„Und du machst nie wieder einen Rückzieher?“ wollte sie zur Sicherheit noch einmal wissen.

„Nein, bestimmt nicht“, erklärte Martin mechanisch.

„Du wirst von nun an genauestens tun, was ich dir sage?“

„Ja.“

„Sonst … Na ich denke, du weißt schon was sonst passiert, nicht wahr?“

Martin nickte. Frau Möller schien in Eile zu sein.

„Dann sehen wir uns Montag.“

Sie stieg in den Wagen und fuhr davon. Martin war einfach an Ort und Stelle stehen geblieben. Seine Beine hatten etwas verweichlichtes. Er ließ sich auf den Boden sinken und saß einfach nur einige Minuten da, wo noch vor kurzem Frau Möllers Auto gestanden hatte und versuchte zu begreifen was hier eigentlich los war. Wieso hatte er seiner Lehrerin die Schuhe geküsst? Das war doch wohl nicht normal.