Kapitel 13

Unerforschtes Terrain

Ein wirklich schöner Tag war es geworden. Martin war schwimmen gewesen und hatte seine halbe Klasse in der Badeanstalt getroffen. Die Drohung von Frau Möller war in einer heftigen Keilerei im Wasser untergegangen.

Als Martin nach Hause kam wartete seine Mutter schon auf ihn. Sie hatte einen seltsam beobachtenden Ausdruck im Gesicht. Sofort kam Martin Frau Möller wieder in den Sinn. Sie konnte doch unmöglich, sofort nachdem er gegangen war, seine Mutter angerufen haben? Oder doch? Martin bereute seine Entscheidung und beschloss, sich gleich morgen wieder bei Frau Möller zu melden.

„Du bist spät!“

„Es war so schönes Wetter. Ich war Schwimmen und …“, setzte Martin zu einer Erklärung an.

„Ist ja nicht schlimm. In der Küche steht dein Essen.“

Seine Mutter setzte sich zu ihm. Entweder hatte sie schon gegessen oder sie hatte keinen Hunger. Jedenfalls saß sie da und beobachtete still, wie Martin sich Stück um Stück das Gulasch einverleibte. Schwimmen machte ihn immer fürchterlich hungrig.

„Ich habe den ganzen Tag nachgedacht“, begann seine Mutter plötzlich. Frau Möller wollte ihm den Appetit verderben, Martin beeilte sich, die letzten Bissen vom Teller zu schaufeln, bevor eine Arie von Vorwürfen auf ihn nieder prasseln konnte.

„Mit der Liebe ist das so eine Sache“, setzte seine Mutter mit unsicherer Stimme fort.

‚Mit der Liebe?‘ Martin stockte. Dann erinnerte er sich an heute morgen. Frau Möller hatte gar nicht angerufen. Noch nicht! Es blieb Martin noch Zeit, die Sache wieder gerade zu biegen.

„Ich erinnere mich noch, wie es war in deinem Alter. Alles schien irgendwie in Bewegung zu geraten. Und ich habe so vieles falsch gemacht.“ Dabei sah sie ihn merkwürdig lächelnd an. „Aber wirklich bereuen tue ich glaube ich nichts. Die Liebe findet schon zueinander. Dazu brauche ich dir wohl nichts sagen.“

Martin war unsicher, worauf seine Mutter da eigentlich hinaus wollte. Irgend etwas schien er falsch zu machen. Doch was?

„Aber es gibt auch einen …, man kann fast sagen technischen Aspekt in der Liebe. Und ich glaube, dazu sollte ich dir einiges sagen.“

Sie schwieg, schien aber von Martin keine Antwort zu erwarten.

„Ich sollte dir dazu etwas sagen, ich weiß aber einfach nicht, wie ich es anstellen soll. Ich dachte ich könnte, … Ich dachte, ich wüsste alles darüber und könnte es dir einfach erklären, wenn es soweit wäre. Aber jetzt …? Vielleicht kam es einfach zu überraschend. Also habe ich mir folgendes überlegt“, sagte sie, stand auf und ging in den Flur.

Martin war erleichtert. Er hatte wohl nichts falsch gemacht. Es war ihr einfach nur peinlich darüber zu sprechen. Sie machte ihm keinen Vorwurf. Alles war in Ordnung. Ihr war es peinlich, ihm war es peinlich, also war das Thema Gott sei Dank bald erledigt.

Aus dem Flur brachte seine Mutter eine Plastiktüte mit. Sie griff hinein und zog vier dicke überformatige Bücher heraus. Sie legte ihm die Bücher neben den Teller.

‚Die menschliche Sexualität!‘ Auf dem Titelbild ein nacktes Paar, dass sich an den Händen hielt und dabei möglichst offen und normal in die Kamera schaute.

„Damit solltest du alle deine Fragen beantworten können! Falls du noch weitere Fragen hast oder etwas nicht verstehst, kannst du mich natürlich fragen.“

Martin starrte auf die Bücher und wußte nicht recht, was er damit tun sollte.

„Nimm sie mit hinauf und lies sie in Ruhe durch.“

Martin zögerte.

„Ich werde von jetzt an auch nicht mehr morgens in dein Zimmer kommen. Du bist alt genug und musst lernen von selber aufzustehen.“ Damit schien für Martins Mutter die Sache erst einmal erledigt zu sein.

Die Bücher hatte Martin mit nach oben genommen. Sie waren auf dem Schreibtisch gelandet, und er hatte sie nicht weiter beachtet. Dann versuchte er, seine Hausaufgaben zu machen. Kaum hatte er jedoch das Heft aufgeschlagen, drängten sich die Bilder von den Heftchen bei Bruckners in sein Bewusstsein. Er überlegte, ob in den Büchern ähnliche Bilder waren. Der Gedanke ließ ihm bald keine Ruhe mehr und schließlich gab er nach. Er begann die Bücher durchzublättern. Dort gab es keine solchen Bilder, jedenfalls nicht genau solche. Aber er fand eine Aufriss-Zeichnung des Penis, eine farbige Darstellung der Schwellkörper und einen schematischem Funktionsablauf der Erektion. Er betastete seine Schwellkörper und stellte fest, dass sie voller Blut gepumpt sein mussten. Ein ganz natürlicher Vorgang. So weit so gut, aber kein Wort davon, wie man dieses natürliche Verhalten steuern konnte. Er durchforstete alle vier Bücher. Die Erektion stellte sich automatisch beim Zustand der Erregung ein. Also war man irgendwie doch daran schuld. Aber wie stellte man sie ab? Ganze Seiten beschäftigten sich mit der Frage, wie man diese Schwellung erzeugen konnte, wenn sie nicht von selbst kam. Kein Wort davon, was man tat, wenn sie kam und nicht kommen sollte. Wie zum Beispiel im Moment. Etliche Seiten über die Natürlichkeit und den Nutzen von Masturbation. Schön und gut, aber er konnte ja nicht immer onanieren, wenn er eine unerwünschte Erektion hatte. Morgens schien eine Erektion in den meisten Fällen vorprogrammiert zu sein. Sie ließ aber nach dem Aufwachen nach. Bei ihm aber auch nicht immer. Und irgendwas musste doch schließlich die anderen Erektionen verursachen?

Martin las und las. Er hatte die Zeit völlig vergessen. Und seine Mutter hatte sich auch nicht noch mal gemeldet. Wahrscheinlich war er jetzt auch alt genug, um auch zu wissen, wann es Zeit wäre schlafen zu gehen. Und das alles nur, weil sein Körper eine Erektion zustande brachte? Das Leben war schon eigenwillig. Die Hausaufgaben hatte er nicht mehr gemacht und es war spät in der Nacht, als Martin sich endlich hinlegte. Technisch gesehen war er jetzt einigermaßen gut informiert, aber die eigentlich Frage des ‚Warum’s‘ blieb irgendwie ungeklärt. Dafür hatte sich aber geklärt, dass es durchaus okay war, wenn man an sich rieb, bis es einem wohlig warm wurde und man einschlafen konnte.