Kapitel 12

So einfach geht das nicht!

Für heute hatte Martin sich fest vorgenommen, mit Frau Möller zu sprechen. Er war auf die Minute pünktlich, nachdem er exakt 12 Minuten in der Garage gewartet hatte. Das nur, um sie schon mal milde zu stimmen. Er hatte Glück, sie war in unerwartet guter Stimmung. Nachdem er sich gesetzt hatte, beschloss er es nicht unnötig hinauszuzögern und die Aussicht schon morgen Nachmittag wieder sein eigener Herr zu sein beflügelte ihn.

„Frau Möller“, begann er freundlich. „Ich habe ein Problem mit den Hausaufgaben.“

„So?“ In ihrer Stimme lag noch keinerlei Gereiztheit, das war ein positives Signal.

„Ja“, fuhr Martin so normal wie möglich fort. „Ich schaffe die Aufgaben nicht mehr, wenn ich jeden Tag Nachhilfe habe.“

„Ach ja?“ Jetzt war die Katze aus dem Sack. Ihre Stimme hatte wieder diesen diamantenen Tonfall, der einem die Stimmbänder durchtrennen konnte.

„Es ist einfach nicht genug Zeit.“

„Aber du hast doch immer alle Aufgaben, oder nicht?“

„Ja, aber … aber es bleibt keine Zeit mehr zum Spielen!“ wand der sich, als ob sie schon zugestochen hätte. Dabei war ihrem Ton noch keine wirkliche Drohung zu entnehmen. In diesem Moment war sie dicht, sehr dicht zu ihm herüber gekommen. Sie stand so dicht an seiner Bank, gleich neben ihm, dass sie ihn fast berührte.

„Zum Spielen?“ Sie schien sich darüber lustig machen zu wollen, doch plötzlich änderte sich ihr Ton und wurde böse. „Was glaubst du eigentlich, warum wir das hier machen? Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir spreche!“

Martin, der bis eben noch zur Tafel gesehen hatte, wußte das es mit morgen Nachmittag nichts wurde. Er sah zu ihr hinauf. Sie stand so dicht neben ihm, dass er ihr Gesicht kaum erkennen konnte, eigentlich sah er nur ihre Augen und das silberne Kruzifix dazwischen. Diesen Anhänger trug sie auch nur zuhause. In der Schule hatte er sie nie damit gesehen. Mit den spitzen Schuhen allerdings auch nicht.

„Habe ich mir diese ganze Mühe gemacht, von dem Risiko, das ich deinetwegen eingegangen bin, mal ganz zu schweigen, nur damit du mir nach zwei Wochen erklärst, dass du nach der Schule lieber spielen möchtest?“

Martin wollte es ihr erklären.

„Halt jetzt bloß den Mund! Glaubst du, mir macht das hier Spaß? Glaubst du, ich hätte nichts besseres zu tun“, keifte sie.

Plötzlich schwenkte ihre Laune wieder um. Sie war zwei Schritt zurück getreten. „Gut. In Ordnung. Du wirst ja sehn.“

Sie ging zu ihrem Pult zurück und wandte sich einem Buch zu.

Martin saß ratlos auf seiner Bank und wartete ab.

Plötzlich zuckte Frau Möllers Kopf hoch.

„Du kannst gehen! Ich halte dich nicht auf. Ich habe dich nicht um Hilfe gebeten. Auch wenn du das schon vergessen hast, ich erinnere mich gut, dass du es warst, der diese Stunden haben wollte. Wir werden ja sehen, wie weit du alleine kommst.“

Ihr Ton war erfrischend kühl an diesem heißen Tag, aber die diffuse Drohung ließ sich leider nicht überhören.

„Ich …“, setzte Martin an, verstummte aber, als er ihren Blick streifte. Dann packte er seine Sachen zusammen und ging. Schon in der Tiefgarage, überlegte er, ob er noch einmal hoch gehen und sich entschuldigen sollte. Doch dann schien draußen die Sonne, klar und hell und er beschloss, sich lieber einen schönen Tag zu machen.