Kapitel 11

Guten Morgen

Seit zwei Wochen ging das mit dem Nachhilfeunterricht schon und auch die ersten Erfolge hatten sich bereits eingestellt. Eine unangenehme Folge der nachmittäglichen Stunden war jedoch, dass Martin seine Hausaufgaben meist erst spät Abends erst in Angriff nehmen konnte. Deshalb war er morgens oft nur schwer aus dem Bett zu kriegen. Als seine Mutter ihn an diesem Donnerstag, wie so oft, dreimal vergeblich gerufen hatte, kam sie und riss ihm wie sie es eben manchmal tat, seine Bettdecke weg. Martin, der bleischwer im Halbschlaf dämmerte, hatte das erst gar nicht mitbekommen. Als seine Mutter ihn aber nicht wie gewöhnlich antrieb, jetzt auch wirklich aus dem Bett zu kommen, bemerkte er, dass etwas nicht in Ordnung sein musste. Er riss die Augen auf und konnte gerade noch sehen, wie seine Mutter still wieder das Zimmer verließ. Sie war wohl sauer. Martin sah die Schwellung in seiner Hose und ahnte warum.

Heute war seine Mutter nicht in Eile. Sie wartete am Frühstückstisch auf ihn. Martin setzte sich und begann zu essen.

„Ich glaube, ich sollte von jetzt an deine Privatsphäre mehr respektieren“, begann seine Mutter. „Es tut mir leid, eine Mutter merkt immer zuletzt, dass die Kinder erwachsen werden.“

„Ich kann da nichts zu. Das ist morgens immer so. Ich weiß nicht warum, ich habe überhaupt nichts gemacht“, verteidigte sich Martin sofort.

„Oh mein Kleiner!“ rief seine Mutter, stand auf und strich ihm übers Haar. Martin war das nicht recht. Irgendwas ging hier nicht in Ordnung.

„Du hast keine Schuld. Das ist ganz normal. Ich wußte nur nicht, dass es schon so weit ist. Das braucht dir wirklich nicht peinlich zu sein.“

Seine Mutter redete mit einer Spur von Bedauern auf ihn ein. So, als wenn er die Wahrheit nicht vertragen und in Wirklichkeit doch unheilbar krank wäre. Martin blieb misstrauisch.

„Hör zu, wir reden da heute Abend noch einmal drüber. Ich muss jetzt leider wirklich los.“ So, wie sie das sagte, hatte es mehr den Charakter einer Drohung. „Einverstanden?“
Martin nickte.

Sie küsste ihn kurz auf Stirn, strich ihm noch einmal übers Haar und ging.

Martin wurde schlagartig wieder müde. Er war allein. Und das jetzt schon seit zwei Wochen. Martin war noch nie so einsam gewesen. Er hatte kaum noch Zeit für seine Freunde, und selbst die Bruckners hatten nicht wieder mit ihm gesprochen. Es wurde Zeit, dass er etwas unternahm. So konnte das nicht weiter gehen. Alles war plötzlich so anstrengend geworden. Martin dachte an die Zeit, als er die Stunden nach der Schule für sich hatte. Und so sollte es seiner Meinung nach auch wieder sein.