Kapitel 10

Nachhilfe

In der Schule war Martin den beiden Bruckner-Kindern aus dem Weg gegangen. Martin hatte keine Lust, über die Vorkommnisse von Samstag Nacht zu sprechen. Auch Doris und Werner schienen ihn zu schneiden und Martin war froh, als das Signal die letzte Unterrichtsstunde beendete.

Er hatte noch knapp eine Stunde Zeit, dann begann sein Nachhilfeunterricht bei Frau Möller. Martins Mutter würde gegen 17 Uhr nach Hause kommen. Aber es war kein Problem, wenn er etwas später zu Hause erschien. Meist traf er sich mit Freunden und war selten vor 18 Uhr da. Martin überlegte einen Moment. Er konnte es knapp schaffen etwas zu essen und zu Frau Möller zu fahren. Seine Mutter stellte ihm immer etwas hin, das er nur in die Mikrowelle schieben musste.

Martin verspürte keinen Hunger. Er beschloss sich lieber eine halbe Stunde in der Stadt herumzutreiben, bevor er sich auf den Weg machte. In dem größten Kaufhaus, schaute er nach den neuesten Videogames, dann kaufte er einen Schokoriegel, setzte sich auf eine Bank in der Einkaufspassage und genoss die Mittagssonne.

In der Tiefgarage war es angenehm kühl. Die Einfahrt hatte er ohne Schwierigkeiten gefunden, aber den Aufgang 7B musste er in dem Gewirr der Einfahrten und Ausgänge lange suchen. Er war trotzdem noch 5 Minuten zu früh, als er die Klingel betätigte.

Frau Möller riss die Tür auf.

„Etwas zu früh!“ schimpfte sie als Begrüßung los. „Aber immer noch besser, als zu spät.“

Irgend etwas an Frau Möller war anders als noch Stunden zuvor auf dem Schulhof. Sie trug den gleichen schwarzen Rock, den gleichen schwarzen Rollkragenpullover, aber andere Schuhe. Es waren kurze Stiefelchen aus einem hochglänzenden, schwarzen Material. Ihre Schritte verursachten ein lautes Klacken auf den weißen Fliesen im Flur. Das lag wohl dem silbernen, metallischen Absatz. Es war ein ziemlich hoher und spitzer Absatz. Deshalb ging sie wohl auch etwas staksend. Martin trabte hinter ihr her durch den Flur, in einen Raum, der eigentlich das Esszimmer sein sollte. Aber dort war eine Tafel, ein kleines Holzpult und zwei uralte Schulbänke rechts und links. Es war wie ein kleines aber sehr altes Schulzimmer. Die Wände waren karg, auf der einen Seite hing eine Landkarte, auf der anderen mehrere anatomische Skizzen des menschlichen Körpers. Der Raum selbst hatte kein Fenster, aber man konnte durch die halb offene, angegliederte Küche mit Theke, nach draußen in den Innenhof sehen.

„Wie du siehst, bin ich auf Nachhilfestunden gut vorbereitet. Setz dich!“

Martin wollte sich auf die linke Bank setzen, weil man von dort besser durchs Fenster in der Küche sehen konnte.

„Rechts!“

Also zog Martin um, legte seine Tasche ins Seitenfach und quetschte sich zwischen Holzbank und Tisch, die aus einem Stück gefertigt war.

„Grundsätzlich“, sagte Frau Möller, „ist es richtig früher, als später zu kommen. Aber ich brauche die Zeit bis 15 Uhr, um mich vorzubereiten. Es wäre also angebracht, nicht so sehr viel früher hier zu erscheinen.“

„Ja.“ Martin hatte noch etwas entdeckt, Frau Möller schien dunkler als sonst geschminkt zu sein und um ihren Hals baumelte ein schweres, silbernes Kruzifix.

„Das bringt uns gleich zum nächsten Punkt. Wir sind hier nicht in der Schule, hier wird nicht lapidar geantwortet. Das heißt ‚Ja, Frau Möller‘ oder von mir aus ‚Ja, Madame‘. In meiner eigenen Wohnung darf ich wohl etwas mehr Respekt erwarten.

„Ja, Frau Möller.“

„Fangen wir gleich an. Konjugiere mir folgende Verben …“

Damit begann für Martin eine ganz neue Dimension von Schule.