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Die Bäckerei Brockmann lag mitten im Dorfkern. Eine Idylle abseits der Großstadt, wo Lehrer den Ausstieg probten, Landwirte ökologisch den Kapitalismus neu erfanden, Dorfschönheiten mit 16 ihre erste Schwangerschaft genossen und wo jeder jeden besser kannte, als es für die dörfliche Gemeinschaft gut war.

Auch, wenn vieles an Tratsch und Klatsch auch beim örtlichen Schlachter und in der Goldenen Ricke ihren Weg in die Ohren und Herzen der Bewohner schafften, so bleib doch das Zentrum allen Geredes die kleine Bäckerei mit ihrem angeschlossenen Plüschkaffee. Selbst der Pfarrer sah hier regelmäßig vorbei, um auf dem Laufenden zu bleiben, seit die Beichte an Popularität verloren hatte.

Norneburg, war ein Dorf mit etwa 1400 Einwohnern mitten im Teutoburger Wald. Die Region galt früher als das schwarze Loch von Germanien. Neben den bekannten Schlachten sollen etwa 800 römische Soldaten in der Gegend um Norneburg einfach verschwunden sein. Später im Dreißigjährigen kriegt, klagte der schwedische König, dass an der Porta Westfalica immer mehr Soldaten in den Teutoburger Wald hingingen als später wieder heraus kamen. Auch Napoleon beklagte sich irgendwo dort im Wald an die 2.000 Soldaten verloren zu haben. All diese Menschen blieben für immer spurlos verschwunden. Und noch heute heißt es, dass rund um Norneburg Asylbewerber und polnische Gastarbeiter in Scharen verschwanden.

Ursula Brockmann war in Norneburg der Ankerplatz aller Gerüchte und Geschichten. Ihre Familie lebte nachweislich seit 350 Jahren in Norneburg und hatte Hungersnöte, harte Winter und Kriege überstanden. Auch den letzten der seit 5 Jahren zu Ende war. Nun wurden die Zeiten wieder besser. Es gab wieder Arbeit und Lebensmittel. Das einzige was noch knapp war, waren die Männer. Norneburg hatte in Stalingrad die Hälfte seiner Männer gelassen und von den Besatzern war hier am Ende Welt kaum Ersatz zu erwarten.

Derzeit hatte Norneburg 1800 Einwohner, wovon höchsten 230 Männer im heiratsfähigen Alter waren. Herr Delius der amtierende Bürgermeister hatte bereits ein Komitee gegründet, dass sich mit dieser Angelegenheit beschäftigen sollte. Irgendwie mußte man es schaffen, mehr Männer nach Norneburg zu locken. Im Ruhrgebiet wanderten die Italiener und Türken ein. Doch nach Norneburg kam niemand. Jedenfalls nicht freiwillig. Und so bestand die Gefahr, dass viele jüngere Frauen abwandern würde und Norneburg vor der ländlichen Verödung stand. Das zu verhindern hatte bei ein Alteingesessenen im Moment höchste Priorität.

Auch Herthas Sohn Martin, wollte nach dem Abitur Norneburg verlassen, um Medizin zu studieren, statt in den elterlichen Betrieb einzusteigen. Bäcker, war nicht Martins Sache.

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