Herr Lehmann (4)

Zurück im Amt

Zurück im Amt, wies Herr Lehmann das Fräulein Schröder an, die Akte Starbugs anzulegen, ein Protokoll anzufertigen und ihm den gesamten Vorgang nachmittags vorbeizubringen. Falls er nicht in seinem Büro wäre, sollte sie die Akte einfach auf seinem Schreibtisch legen.

„Na wie war’s mit dem Pingel?“ fragte Susanne neugierig, als Fräulein Schröder sich gut gelaunt an ihren Platz setzte.

„Gut, das war mal was anderes, als die dauernde Büroarbeit.“

„Der soll ja ein absoluter Pedant sein. Hat er nichts zu deiner Kleidung gesagt?“

„Nöö.“

„Na, die Wohlfahrt sagt immer sie muß picobello aussehen, sonst nimmt der Lehmann sie nicht mit.“

„Also mit mir war er wohl auch so sehr zufrieden.“ stellte Klaudia fest.

„Na, das wird die Wohlfahrt gar nicht gerne hören, aber die ist ja bestimmt schon morgen wieder da. Länger als zwei Tage war die noch nie krank. Hat furchtbare Angst, dass sie ihren Job im Außendienst verliert und wieder hier bei uns landet.“

Klaudia schaute alarmiert hoch, eigentlich hatte sie gehofft es in den nächsten Tagen so einrichten zu können, daß sie den Job der Wohlfahrt bekam. Aber in zwei Tagen konnte sie das wohl kaum schaffen.

„Ich geh mal neuen Kaffee machen, der ist schon wieder“, stellte Susanne fest. „Soll ich dir einen mitbringen?“

Frau Schröder nickte und vertiefte sich in das Starbugsprotokoll. Sie mußte sich ranhalten, wenn sie Lehmann für sich gewinnen wollte.

*

Das Protokoll hatte sie rechtzeitig fertig. Es war erst kurz nah mittag und womöglich war Herr Lehmann noch zu Tisch. Aber das war er nicht. Er hielt die Pausenzeiten mit der Stoppuhr ein. Fräulein Schröder begegnete ihm auf dem Flur, vermutlich auf dem Weg zur Toilette.

„Die Tür ist offen. Legen sie mir den Vorgang einfach auf den Tisch.“

Herr Lehmanns Büro war schon größer als die der üblichen Sachbearbeiter und vor allem er hatte es für sich ganz allein. Sein Schreibtisch war ordentlich Stifte und Schreibbedarf hatten offenbar einen festgelegten Platz und rechts war ein überschaubarer Haufen akkurat gestapelte Akten. Fräulein Schröder überlegte, ob sie ihre Akte dazulegen sollte, entschied sich dann aber für den freien Arbeitsplatz in der Mitte. Natürlich richtete sie ihre Akte mit gleichmässigem Kantenabstand rechtwinklig aus. Was machte das sonst für einen Eindruck. Dabei orientierte sie sich an der sauber gefalteten FAZ, die auf der linken Seite lag.

Allerdings fiel Klaudia auf, daß aus der Zeitung eine kleine farbige Papierecke hervorlugte. Das war sicherlich der Eile auf dem Weg zur Toilette geschuldet.

„Na, na, na, Herr Lehmann“, dachte Klaudia und versuchte den Fehler zu beheben. Sie schlug die gefaltete Zeitungshälfte aus, um die farbige Einlage neu auszurichten.

„Aber holla!“ entfuhr es Fräulein Schröder, als sie sah, was die Einlage war. „Nylons, Nylons, Nylons.“

Na das war ja mal eine deutliche Ansage, was Herrn Lehmanns Vorlieben außerhalb des Amtes betraf. Es wäre Klaudia lieber gewesen, der Titel des Magazins hätte gelautet: „Reife dicke Damen in Strapse“, denn das hätte ihr die Sache enorm vereinfacht, aber egal, so sah sie auch gute Chancen, der Wohlfahrt den Job hier abspenstig zu machen. Sie ließ es lieber sein, das Magazin zu ordnen und klappte die Zeitung wieder zu. Sie wollte nicht, daß Lehmann ahnte, das sie wußte, was er wollte. Genau.

„Das nenne ich pünktlich Fräulein Schröder“, stellte Lehmann fest und ging zu seinem Schreibtisch.

„Ich habe Ihnen das Protokoll auf den Tisch gelegt“, erklärte Klaudia, die schon fast an der Tür war. Sie schaute zurück und sah, wie Lehmann auf die Akte auf seinem Tisch starrte. Nun würde es sich zeigen, ob das exakte Ausrichten wirkte. Und ja, Lehmann setzte sich an seinen Schreibtisch ohne die Akte zu berühren. Hätte sie falsch gelegen, hätte er sie mit Sicherheit noch vor dem Hinsetzen in die Hand genommen. Aber er setzte sich, verschob die Akte nicht, sonder schlug sie einfach auf und überflog den Inhalt.

„Ach Fräulein Schröder!“ rief er, als Klaudia die Türklinke schon in der Hand hatte. „Falls Frau Wohlfahrt morgen noch abgängig sein sollte, würde ich sie bitten erneut mit die Kontrollen vor Ort zu machen.“

„Sehr gerne Herr Lehmann!“

Lehmann sah von der Akte hoch und schaute sie musternd an.

„Ich möchte sie allerdings bitte, solange sie im Außendienst tätig sind unsere Behörde auch durch die entsprechende Bekleidung zu repräsentieren.“

„Natürlich Herr Lehmann!“

Lehmann grunzte kaum hörbar und nickte mit dem Kopf. „Klassisch, aber dezent!“ stellte er klar. „Wir sind weder Hippies, noch Schickies.“

„Verstehe“, sagte Klaudia, zog die Tür auf und verließ das Büro. „Bis morgen dann, hoffentlich!“

*

Die restlichen 3 Stunden des Arbeitstages verbrachte Fräulein Schröder damit Bußgeldanträge zu bearbeiten. Genug Zeit und Raum also, um darüber nachzudenken, was heute noch alles zu erledigen wäre. Nylons kaufen und dafür zu sorgen, daß die Wohlfahrt morgen noch zu Hause bliebe.