Herr Lehmann (8)

Zu Tisch

„Karl! Kommst du zu Tisch?“

„Ja, gleich.“

Karl faltete die Zeitung zusammen legte sie auf den Beistelltisch. Alles mußte schließlich seine Ordnung haben.

Auch das Tischgebet mußte sein. Es war kurz und endete mit „guten Appetit“ statt mit „Amen“. Mutter war zwar katholisch, hatte da aber einige nach ihrer Ansicht pragmatische Optimierungen beim Glauben vorgenommen.

„Und die Würstchen“, fragte Karl, als er das Kotelett mit Salzkartoffeln und Blumenkohl in weißer Sauce auf seinem Teller betrachtete.

„Mache ich morgen, mit Kraut.“

Karl nickte. Kotelett war ihm sowieso lieber. Er schenkte sich noch von dem zweiten Bier ein und machte sich schweigend über das Essen her.

Drei Bier. Es gab jeden Tag genau drei Bier. Eins, wenn er nach Hause kam. Eins zum Essen und eins zum Fernsehen. Machmal überlegte Karl, ob er die Tage außerhalb der Behörde an irgendetwas anderem als dem Essen festmachen konnte. Vermutlich nicht, vermutlich war es aber auch gut so.

„Wie war die Arbeit?“ wollte Mutter wissen.

„Oh“, sagte Karl und sah auf. „Ich mußte heute mit einer neuen Kollegin die Kontrollen machen.“

„Mit einer neuen Kollegin? Was für eine neue Kollegin?“ fragte Mutter mißtrauisch. Sie mochte es nicht, wenn Karl neue Leute kennenlernte, schon gar nicht Frauen.

„Die Wohlfahrt ist krank. Und ich mußte die Dicke mitnehmen.“

„Die Dicke?“

„Fräulein Schröder. Aber im Amt heißt sie halt nur die Dicke.“

„Ein Fräulein?“ Mutters Argwohn schien endgültig geweckt.

„Ja, seltsam, daß es so etwas heute noch gibt.“

„Das solltest du nicht tun, Junge, bleib bei der Wohlfahrt, da weißt du woran du bist.“

„Die war ja nunmal krank. Aber morgen soll sie schon wiederkommen“, beruhigte Karl seine Mutter schnell.

„Junge sei bloß vorsichtig mit solchen Weibern, du weißt doch, daß die alle nur das eine wollen.“

Es war nicht Sex, was seine Mutter damit meinte. Nein, all diese Huren da draußen wollten ihn nur seiner Mutter wegnehmen. Das war es, was sie alle wollten.

„Mach dir keine Sorgen, Mutter. Es ist nur eine Vertretung.“

„Du glaubst gar nicht wie schnell so manche Weiber ihre Klauen in das Fleisch von ahnungslosen Jungs schlagen.“

„Mutter. Ich bin 49 Jahre alt und kein kleiner Junge mehr.“

„Für mich bleibst du immer mein kleiner Junge.“

Karl wußte, das es damit nicht erledigt war. Er machte sich daran seinen Teller leer zu essen in der Hoffnung, daß das Wetter gut bliebe, aber letztlich wußte er, daß die Sache mit der Vertretung Mutter heute keine Ruhe mehr lassen und es ihn viel Mühe kosten würde, Mutter davon zu überzeugen, daß es für ihn keine andere Frau geben konnte als sie.

So gesehen, hatte Karl einen anstrengenden Abend vor sich.