Herr Lehmann (7)

Besuch bei der Wohlfahrt

Der erste Teil des Plans hatte zu Fräulein Schröders vollster Zufriedenheit funktioniert. Für den morgigen Tag war sie perfekt gerüstet. Sie sah auf den kleinen Zettel in ihrer Hand. Das war die Adresse von Frau Wohlfahrt. Der würde sie jetzt mal einen Besuch abstatten. Aber zuerst noch in die Apotheke. Ein solides Abführmittel sollte reichen, um ihren Plan umzusetzen.

Milchzucker. Harmlos, aber in großer Menge stark abführend. Und hier war die Hühnersuppe. Ein großer Becher Hühnersuppe vom Chinamann. Fräulein Schröder hatte sich immer gefragt, wer wohl in solchen Häusern wohnte. 10 Stockwerke hoch und dann diese Außen-Balustraden von denen man die einzelnen Wohnungen betreten konnte. Im Treppenhaus rührte Klaudia in Ruhe das Abführmittel in die Hühnersuppe. Besser wohl beide Packungen. Dann ging sie zurück zum Fahrstuhl. Natürlich wohnte Frau Wohlfahrt im 9. Stock.

Einen Moment lang sah es so aus, als ob Klaudias Plan an der Balustrade scheiterte. Sie durfte halt nicht runter schauen. Mit dem Blick stur auf die Tür zum gegenüberliegenden Aufgang gerichtet kämpfte sie sich bis zur 906 vor.

Wenn sie jetzt auf den Klingelknopf drückte, würde die Gegenkraft sie vielleicht in den Abgrund hinter sich stürzen. Sekundenlang war ihr schwindlig. Aber sie sagte sich immer wieder, daß sie die Klingel drücken konnte ohne dabei unkontrolliert zurückzuweichen. Sie mußte einfach nur dicht an der Klingel stehen bleiben.

Big Ben. Ein wirklich beliebter Klingelton. Fräulein Schröder wurde ungeduldig. Niemand öffnete. Die Wohlfahrt mußte doch da sein. Sie versuchte durch ein Fenster in Küche zu schauen. Da wurde das Licht eingeschaltet. Klaudia wich ertappt zurück, beinahe wäre sie abgestürzt, obwohl das Geländer der Balustrade ihr bis zur Taille ging. Sie traute sich jedoch nicht, sich daran festzuhalten. Es sah sehr nachgiebig aus, auch wenn es auch dicke Metallprofilen bestand und über Sichtschutzplatten verfügte. Das war Quatsch und Klaudia riß sich zusammen. Ein Schlüssel wurde im Schloß gedreht. Sie mußte sich jetzt konzentrieren.

„Frau Schröder“, stellte Frau Wohlfahrt mit verquollenen Augen und schwer geröteter Gesichtshaut fest. Sie hatte sich schon immer geweigert die Schröder als sFräulein anzusprechen, die blöde Kuh. Dabei war doch selber so eine alternde Jungfer.

„Ja, ich habe gehört, daß Sie krank sind“, erklärte Klaudia. „Und weil sie doch allein leben, dachte ich, ich schaue lieber mal nach Ihnen.“

„Das ist wirklich nett!“ Frau Wohlfahrt zog ein Taschentuch aus dem Ärmel ihres rosa Frottee-Bademantels und tupfte sich die Nase.

„Es geht schon besser“, behauptete sie. „Wenn ich heute Nacht noch einmal richtig durchschlafen kann, bin ich morgen sicher wieder auf dem Damm.“

„Ach, das wäre schön. Ist ja so selten, daß sie mal fehlen. Da macht man sich ja gleich richtige Sorgen!“

„Ist nicht nötig, war nur ein heftiger Grippeanfall, sonst nichts.“

Frau Wohlfahrt machte keinerlei Anstalten Klaudia hereinzulassen. Aber damit hatte Fräulein Schröder auch nicht gerechnet. Sie wollte die Kollegin wohl eher so schnell wie möglich wieder loswerden.

„Na dann wissen wir ja Bescheid und hoffen auf das Beste!“ sagte Klaudia. „Dann machen Sie es mal gut.“

Klaudia wollte ihr keine Chance lassen, die Hühnersuppe abzulehnen. Daher musste die Wohlfahrt glauben, dass sie die Schröder los wurde, wenn sie nur die Hühnersuppe nahm. Hätte Klaudia die Suppe einfach angeboten, hätte die Wohlfahrt sie ganz sicher abgelehnt. Aber jetzt, wo sie sie fast schon los war …

„Ach, das hätte ich fast vergessen. Ich habe Ihnen frische Hühnersuppe mitgebracht, man kommt ja selbst so schlecht raus, wenn man krank ist und Hühnersuppe soll ja sehr stärkend sein. Vielleicht können Sie dann heut nach gut schlafen!?“

Verdutzt sah Frau Wohlfahrt auf den den großen Becher Suppe, den die Schröder ihr hinhielt. Einen Moment zögerte sie, aber dann wurde ihr wohl klar, dass wenn sie jetzt ablehnte, das ganze hier noch ewig dauern könnte und eigentlich war die Schröder doch schon so gut wie weg … Sie nahm also die Suppe und bedankte bedankte sich brav So wäre sie die Schröder ganz schnell los.

„Ja, das ist ja nett.“ Frau Wohlfahrt nahm die Suppe und schob die Tür ein Stück weiter zu. „Ich sollte mich jetzt wohl besser wieder hinlegen.“

„Ja natürlich, das ist sicher das Beste. Dann wünsch ich mal gute Besserung und bis morgen. Und einfach in der Mikrowelle ein bißchen aufwärmen. Die muß ja heiß gegessen werden!“

Die Euphorie, das der Plan aufgegangen war, verhinderte jeden weiteren Schwindelanfall auf dem Rückzug über die Balustrade und im Fahrstuhl war das Elend dieser Architektur schon fast vergessen. Wenn alles klappte hatte sie einen Tag gewonnen.

Und den würde sie zu nutzen wissen.