Herr Lehmann (5)

Vorbereitung zur Übernahme

Gewöhnlich betrat Fräulein Schröder solche Boutiquen eher nicht. Die waren jenseits ihrer Preisklasse und wirkten auf sie atmosphärisch abschreckend. In so einem, im Prinzip leeren Laden mit ein paar Kleiderständern an den Seitenwänden, ungünstiger Beleuchtung und bewußt unterkühltem Ambiente, stand Fräulein Schröder in der Mitte des Raumes wie ein Ausstellungsstück auf dem Präsentierteller.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Die Verkäuferin war vermutlich Anfang 20 und seit sechs Jahren mit der Schule fertig. Fräulein Schröder hätte am liebsten: „Das glaube ich kaum.“ gesagt, aber tatsächlich schien eine Art Selbstbedienung bei diesem Angebot kaum möglich.

„Ich suche ein schlichtes Kostüm“, erklärte sie so freundlich sie konnte.

„Oh, verstehe. Also an der nächsten Kreuzung rechts und dann noch ein bißchen, da ist ein Geschäft für Arbeitsbekleidung, vielleicht finden Sie da …“

„Nein, nein, Sie verstehen mich falsch. Ich meine einen Zweiteiler Rock und Jackett.“

„Wir haben aber ausschließlich Damenmode.“

Fräulein Schröder sah verdutzt auf die Frau hinunter, dann ließ sie Ihren Blick durch den Laden schweifen. Viel Glitzer, viele Farben, von Mode eigentlich keine Spur. „Sie haben wohl recht, vermutlich bin ich hier falsch.“

Die Verkäuferin lächelte wortlos.

Also doch zu C&A, überlegte Klaudia. Etwas wirklich Schickes war hier nicht zu finden und wenn, dann ganz sicher nicht in Ihrer Größe.

„Vielen Dank, dann probiere ich es wohl woanders.“

Die Verkäuferin nickte still und als Klaudia schon fast den Laden verlassen hatte, rief sie ihr nach: „Sie könnten es mal zwei Häuser weiter, auf der anderen Straßenseite probieren. Vielleicht haben die so etwas.“

„Ja, danke“, antwortete Klaudia höflich und war sich sicher, daß in dem Laden dann die Cousine dieser Verkäuferin arbeitete und es sich vermutlich um ein Friseur mit Popur-Verkauf von Lkw-Ware handelte.

Aber dem war nicht so. Jetzt wußte Fräulein Schröder, warum die Verkäuferin ihr diesen Laden empfohlen hatte. „Dick & Schick.“ Wenn sie da jetzt rein ginge, wäre das ein Eingeständnis, dass sie ihren Spitznamen zu recht verpaßt bekommen hatte.

Ein Blick ins Schaufenster konnte ja nicht schaden und was wunder, alles wild gemustert und wallend. Die klassischen Tarnkappen für die übergewichtige Frau, die nicht verstand, daß sie in solchen Klamotten einfach nur wie ein Monolith in der Landschaft wirkte, anstatt durch Betonung der Details von ihrem eigentlichen Gewicht abzulenken.

Egal, bis in die Innenstadt wollte sie jetzt auch nicht fahren.

„Moin“, sagte die Verkäuferin, die durchaus vergleichbaren Kalibers war, als Fräulein Schröder den Laden betrat und vertiefte sich gleich wieder in das Auszeichnen der Waren. Warum sie dafür eine Schere brauchte, war Klaudia nicht wirklich klar. Sie ließ den Blick grob über das Angebot schweifen und entschied, daß sie Hilfe brauchte.

„Ich suche etwas Klassisches für die Arbeit. Also dezent, unaufdringlich und formal korrekt!“

Die Verkäuferin sah kurz auf und schnitt dann ein Etikett aus einem nagelneuen Sommerkleid.“

„Kostüm oder lange Hosenkombi.“

„Kostüm.“

„Ich schau mal.“ Die Verkäuferin verschwand in dem kleineren Raum hinter dem Durchgang.

Mental bereitete sich Klaudia bereits auf die Größenfrage vor, als die Verkäuferin mit einem einfach gehaltenen Kostüm und mausgrau mit Schößchenjacke zurückkam.

„Da ist gut“, stellte Fräulein Schröder fest und befühlte den Stoff. Es sah aus wie feine Wolle, fühlte sich auch so an, schien aber dehnbar zu sein.

„Das haben wir in Grau, Braun, Tannengrün und Beige.“

„Auch in meiner Größe“, sprach Fräulein Schröder das leidige Thema jetzt selbst an.

„Das ist Ihre Größe“, behauptete die Verkäuferin und fügte hinzu: „Wir sprechen hier nicht über Zahlen, alle unsere Produkte sind flexibel, was Körperbau und -formen angeht und Sie finden keine Etiketten oder sonstigen Unannehmlichkeiten in unserer Ware.“

„Stretch?“ fragte Klaudia verunsichert.

„20 Prozent, das soll sich ja nicht verhalten wie ein Taucheranzug.“

„Kann ich es mal anprobieren?“

„Natürlich dahinten.“

Fräulein Schröder mochte keine Umkleidekabinen, obwohl die hier doppelt so groß war, wie üblich. Der Rock saß perfekt, die Bewegungsfreiheit war hervorragend.

„Sie haben dort auch einen Spiegel“, erklärte die Verkäuferin, die ungefragt eine weiße Bluse hereinreichte. „Einfach den Vorhang zurückziehen.“

Klaudia bemerkte den Vorhang an der hinteren Kabinenseite und zog ihn zurück.

„Nicht alle Kundinnen mögen es, sich selbst beim Umziehen zu beobachten, daher der Vorhang.“

„Und Größen haben Sie gar nicht?“

„Wir teilen unsere Kundinnen in nur vier Kategorien ein. Normal, von der natur bevorzugt, deutlich bevorzugt und ultimativ bevorzugt. Aber Zahlen lehnen wir ab.“

„Welche Kategorie ist das hier?“

„Das ist nicht wichtig, es reicht, wenn ich Ihnen die richtige Größe raussuche!“

Dieser Laden begann Fräulein Schröder zu gefallen. „Haben Sie auch Nylons?“

„Haben wir, allerdings wegen der Beinlänge in den klassischen Größeneinteilungen. Dort sollte Sie schon zu drei greifen.“

„Also deutlich bevorzugt.“

Die Verkäuferin grinste breit.

Nach einer halben Stunde verließ Fräulein Schröder zufrieden und voll ausgestattet zu einem völlig akzeptablen Preis das Geschäft. Sie war sicher, daß sie wiederkommen würde.