Herr Lehmann (2)

Starbugs Revenge

„Lehmann, Gewerbeaufsicht! Wir hatten einen Termin …“ stellte Herr Lehmann sich vor.

Der junge Schnösel mit lächerlich karierten Stoffweste streckte ihm die Hand entgegen. Lehmann mochte keine Händeschüttler, schon gar nicht bei einer Kontrolle aber nahm sie zögernd an.

„Darf ich Ihnen einen Kaffee und vielleicht einen Cupcake zu Stärkung um diese frühe Uhrzeit anbieten?“ Der Schnösel hielt ein Tablett mit Schokoküchlein vor ihn hin.

„Nein Danke! Wir sind hier um zu arbeiten!“ stellte Lehmann gleich mal die Fronten klar und warf der Dicken einen bösen Blick zu. Ihre Hand war schon Begriff nach einem Cupcake zu greifen, nun überlegte sie sich anders, hielt in der Bewegung inne und verwandelte sie in ein freundliches Abwinken.

Cupcake, dachte Lehmann, was soll das sein? Eine amerikanische Notlösung, weil man sich keine richtigen Backformen leisten konnte? Und ehrlich gesagt, fand Lehmann auch, daß diese Dinger tatsächlich so aussahen, als wenn jemand in eine Tasse gekackt hatte, das ganze nach ein wenig Trocknen umgestülpt hatte und nun als Delikatesse feil pries. Zu allem Überfluss, waren die Dinger in Mitte meist auch noch flüssig. Das war doch gebackene Diarrhö. Was waren das bloß für Zeiten in denen die handwerkliche Unfähigkeit einen Kuchen zu backen, als kreativ bezeichnet wurde? Lehmann sehnte sich nach dem klassischen Gugelhupf zurück.

„Wenn Sie uns dann mal Ihre Zubereitungsräume zeigen würden!“

Auf den ersten Blick sah in diesen Läden immer alles picobello aus, aber erfahrungsgemäß zeigten sich die Mängel dann im Detail.

„Besonders interessiert mich die Lagerung von Eiern und Mehl.“

Die Backstube sah aus wie ein OP. Ein Mitarbeiter füllte die Teigmasse mit ein Einweghandschuhen in kleine Förmchen.

„Also wir verwenden keine Eier, unsere Produkte sind im Prinzip vegan“, erklärte der Schnösel.

„Dann zeigen Sie mir bitte, wo Ihre Grundzutaten gelagert werden!“ unterbrach Lehmann sofort. Bevor der gute Mann zu einem langen Vortrag über seine Weltsicht ansetzen konnte. Es interessierte Lehmann schlicht nicht, warum die Verwendung von Eiern im Kuchenteig, 7000 Kilometer entfernt zu einem Aussterben der gelbfleckigen Limabohne und somit auch des kreuzgestreiften Kartoffelschutzkäfers führte.

Gleich neben einer Rührmaschine standen drei Säcke mit einem, weißlichem und einem bräunlichem Pulver. Offen.

„Das ist im Prinzip so eine Fertigmischung.“

„Und was ist da drin?“

„Also im Prinzip vegan. Genaueres können Sie auf der Homepages des Herstellers …“

„Herr Hackenschmidt, bei aller Liebe. Auch solche Säcke müssen deklariert werden. Also … wo ist die Deklaration.“

Der Schnösel griff nach einem Säcke und versuchte ihn umzudrehen, aber der Sack wog wohl über 200 Kilo und bewegte sich trotz der hemdsärmeligen Bemühungen des Geschäftsführers nicht.

„Markus, faß doch mal mit an!“

Aus dem Flur, der an die Backstube angrenzte, war ein weiterer bärtiger Mitarbeiter gekommen und machte sich daran seinem Chefkumpan zu helfen.

„Sagen Sie mal …“, wandte sich Lehmann an den Mitarbeiter: „Wo kommen Sie gerade her?“

„Tschuldigung, ich war nur kurz auf Toilette“, erklärte der Mann.

„Mit den Handschuhen? Wie haben Sie sich denn dann die Hände gewaschen?“

Der Mitarbeiter starrte ihn an, als wenn er die Frage nicht verstanden hätte. „Ich hatte doch die Handschuhe an …“

„Sie gehen mit den Handschuhen aufs Klo und arbeiten dann weiter mit Lebensmitteln?“ versuchte Lehmann ihm den Weg zu weisen.

„Na, wenn ich die jedesmal wechsele, dann müssen dafür ja jede Menge Gummibäume gefällt werden …“

Am liebsten hätte Lehmann sich mit der flachen Hand vor die Stirn geschlagen … Nein eigentlich lieber dem Mitarbeiter auf den Hinterkopf.

„Notieren Sie das, Fräulein Schröder. Und Sie wechseln bitte unverzüglich die Handschuhe.“

Gemeinsam schafften es die beiden den 200Kilo Sack umzudrehen. Zum Vorschein kam nicht nur eine mit 8 Punktschrift versehen ellenlange Deklaration, sondern auch ein verdächtiger Fleck, der sich unter dem Sack gebildet hatte. Lehmann ließ sich von Fräulein Schröder seine Lupe reichen. Sojaglutamat, Trockenproteine, gefriergetrocknete kolloidale Dispersion von Linousinen, Hefeextrakt, Kakaopulver-Emulation aus Tamarinde und Lipiden von der Jungpalme und vieles, vieles mehr. Lehmann fragte sich, was er wohl unter einer Kakao-Emulation zu verstehen hatte. Okay, die gefriergetrocknete kolloidale Dispersion von Linousinen war nun eindeutig Milchpulver von Limousin-Kühen. Soviel zum Veganen.

„Dieser Fleck hier!“ stellte Lehmann fest. „Das ist Schimmel. Sie können keinesfalls die Säcke mit den Backmischungen, hier einfach auf dem Boden lagern. Jedesmal wenn hier gewischt wird, kommt Feuchtigkeit unter den Sack und fängt dort früher oder später an zu schimmeln.

Der Schnösel schaute irritiert auf den Fleck, dann ratlos seinen Untergebenen an.

„Sie müssen die Säcke höher lagern, möglichst so, dass sie auch von unten Luft kriegen!“ erklärte Lehmann. „Möglichst auf einem Gitter“, fügte er hinzu, als er die verständnislosen Gesichter sah.

Der Schnösel nickte deutlich beleidigt. „Ja, klar, da müssen wir was entwickeln.“

„Ich nehme das in die Mängelliste auf. Stellen Sie Säcke einfach auf ein Gitter, so wie es sie für Kellerfenster und Lichtschächte gibt. Das reicht dann schon.“

Alles in allem waren es aber nur Kleinigkeiten, die Lehmann zu beanstanden hatte. Die drei Öfen waren sauber, fast unbenutzt, was Lehmann bei der Konsistenz der Produkte nicht wirklich wunderte und er war mit seiner Prüfung im Prinzip fertig. Er warf Fräulein Schröder einen fragend Blick zu, ob sie alles notiert hatte und man gehen könnte. Doch Fräulein Schröder sah ihn sehr eindringlich an und der Kugelschreiber in ihrer rechten schien mit dezent zuckenden Bewegungen, seine Aufmerksamkeit auf etwas lenken zu wollen.

Lehmann folgte der Bewegung des Stiftes und sah die Tür.