Herr Lehmann (3)

Die Tür

Die Tür war eine einfache Holztür, davor standen gestapelt drei Kästen mit Biolimonade aus dem Herkunftsland. Von der Frage mal abgesehen, was das sein sollte, stellte Herr Lehmann fest, daß er diese Tür tatsächlich nicht als Tür wahrgenommen hatte. Die Frage war also …

„Wohin führt diese Tür“?“

Der Schnösel und sein Mitarbeiter sahen sich fragend an und zuckten dann die Achseln.

„Frauke Marie! Weiß du wohin diese Tür führt?“ rief der Schnösel in den Verkaufsraum.

„Was denn für eine Tür?“

„Hier hinten in der Backstube!“

„Die nach draußen?“

„Ja, vermutlich.“

„Die führt nach draußen!“ Nebenbei erfuhr Lehmann, daß Frauke Marie hier früher mal einen Wollladen mit Garnen aus der Brennesselfaser besessen hatte, der sich wirtschaftlich jedoch nicht wirklich durchsetzen konnte. Als sie das eingesehen hatte, kam Starbugs und übernahm sie zusammen mit dem Laden. Daher war Frauke Marie mit den Örtlichkeiten hier wohl bestens vertraut.

„Also in den Flur!“ fügte Frauke Marie hinzu, als die Stille in der Küche ein Verständnisproblem vermuten ließ.

„Die Tür führt nach draußen, in den Flur!“ faßte der Schnösel noch einmal zusammen.

Herr Lehmann warf einen genauen Blick auf die Tür. „Die führt also nach draußen in den angrenzenden Hausflur?“

Lehmann klopfte gegen den Türrahmen. „Holz! Das sieht mir nicht aus, wie eine Brandschutztür. Konnten Sie die mal öffnen?“

„Ja, klar, Markus zieh doch mal die Kisten weg.“

Auch als die Kisten entfernt war, zog Herr Hackenschmidt vergeblich an der Türklinke.

„Geht nicht auf, vermutlich abgeschlossen.“

„Die Tür geht aber nicht auf!“ rief Frauke Marie aus dem Verkaufraum, die haben die damals im Rahmen zugenagelt, weil der Schlüssel weg war.“

„Okay, also …“

Lehmann winkte ab. Er hatte verstanden und ersparte sich die geschäftsführende Redundanz.

„Also, das hier ist doch eine Backstube? Ja? Da stehen Öfen und eine Menge brennbarer Materialien. Die Tür führt in den Hausflur und ist aus einfachem Holz?“

„Ja, aber wer bricht schon ein eine Backstube ein?“

„Brandschutz! Her Hackenschmidt, das Thema ist Brandschutz!“

Herr Hackschmidt wußte nicht, was er sagen sollte.

„Die Öfen, Herr Hackenschmidt. Wenn es hier brennt, dann kann das Feuer beinahe ungehindert auf den benachbarten Hausflur übergreifen, verstehen Sie!?“

„Ja, aber die Öfen sind ja kaum in Benutzung.“

Der Verzweiflung nahe schüttelt Lehmann den Kopf. Er nickte Fräulein Schröder zu.

„Also in den nächsten Tagen, kommen die Kollegen von der Feuerwehr und überprüfen die Brandsicherheit in diesem Etablissement. Vorab kann ich Ihnen schon sagen, dass ein zugenagelter Ausgang sich wohl nicht als Fluchtweg eignen wir. Von uns bekommen sie im Nachgang eine Mängelliste und eine Frist zur Beseitigung und eine entsprechende Rechtsmittelbelehrung. Haben Sie das verstanden?“

Der Schnösel nickte verständnislos. Und Lehmann schüttelte erneut besorgniserregt den Kopf.

„Gut, dann sind wir hier fertig. Fräulein Schröder?“

Fräulein Schröder nickte zustimmend, riß einen Protokollzetteln von Ihrem Clipboard und reichte ihn dem Herrn Hackenschmidt.

Der nahm den Zettel verstört entgegen und fragte: „Möchten Sie vielleicht jetzt noch einen Cupcake?“

Das war vielleicht als so eine Art, ich-bin-dir-nicht-böse-Angebot gemeint, nach dem Motto, du-machst-ja-auch-nur-deinen-Job, aber die beiden Beamten lehnten gleichzeitig dankend ab.

Ja, sie machten nur ihren Job und Fräulein Schröder hatte ihren Job wirklich gut gemacht. Vor allem war es ihm angenehm, dass sie kein großes Aufhebens davon machte, dass er die Tür übersehen hatte. Wie zufrieden er mit ihrer Arbeit war, sagte Herr Lehman ihr auch, als er ihr, entgegen seiner Gewohnheit, beim Schlachter ums Eck noch ein frisches Mettbrötchen spendierte, bevor sie sich wieder auf den Weg ins Amt machten.