Herr Lehmann

und das Fräulein vom Amt

Herr Lehmann und das Fräulein vom Amt


„Ich gehe jetzt!“ rief Herr Lehmann in den dunklen Hausflur. Im Spiegel neben der Garderobe rückte er noch ein letzte Mal die Krawatte zurück und lauschte nach einer Antwort.

„Kommst du heute pünktlich nach Hause?“

„Ja Mutter!“

Es war jeden Tag der gleiche Dialog, Lehmann nach seine braune abgewetzte Ledertasche von der Anrichte und öffnete die Haustür. Es war Herbst, die Luft roch feucht und leicht moderig von dem verrottenden Laub auf den Gehwegen und die Sicht war von nebligen Schwaden getrübt.

Herr Lehmann verschloss sorgfältig die Haustür, immer zweimal unten und einmal oben und ging vorsichtig die drei Stufen hinunter in den Vorgarten. Bei diesem feuchten Laub auf den Steinen, mußte man jederzeit mit einem Ausrutschen rechnen. Er sollte sie heute Nachmittag mal um das Laub kümmern. Und auch die Regenrinne reinigen.

Die S-Bahn kam um 7:35, er hatte genug Zeit und konnte sich am Kiosk noch seine Morgenlektüre holen. Die FAZ und zum diese Woche die neue Ausgabe von Nylons, Nylons, Nylons.

Er legte das Magazin sorgfältig zwischen die gefaltete FAZ und verstaute beides in seiner Aktentasche, neben die Thermoskanne, seine Stullendose und den beiden Äpfeln, die seine Mutter ihm jeden Tag für die Arbeit einpackte. Dann wartete er auf das Eintreffen der Bahn und freute sich auf den neuen Arbeitstag im Büro.


Fräulein Schröder


Klaudia, zog sich sorgfältig die Lippen nach. Lippenstift war so ziemlich die einzige Schminke die sie benutzte, aber leuchtend rote Lippen, waren ihr das Wichtigste. Sie lenkten auch den Blick von ihrem, wie sie es nannte, pummeligen Körper ab. Die meisten anderen Leute würden sie wahrscheinlich als dick bezeichnen, zumindest wenn sie ihr freundlich gesonnen waren. Normalerweise trug Klaudia schwarze Leggings und einen weiten Rock darüber. Als Oberteil bevorzugte sie eine weite gemusterte Bluse und eine Strickjacke. Alles um sich vor unliebsamen Blicken zu schützen.

Heute jedoch, zog sie einen engen schwarzen Lackrock über die Leggings und dazu einen schwarzen, engen Rollkragenpullover. Ob der so eng sein sollte, war eher fraglich, doch oben rum saß eigentlich alles eng bei ihr.

Seit sie zur Gewerbeaufsicht Römisch II versetzt worden war und ihren neuen Abteilungsleiter Herrn Lehmann kennengelernt hatte, war ihr eines klar geworden. Auch wenn Herr Lehmann um einiges älter war, als sie, so war sie überzeugt davon, daß er der Mann war, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte. Allein die Tatsache, daß Herr Lehmann sie in den ersten beiden Wochen gar nicht wahrgenommen zu haben schien, war Grund genug, die Dinge ein wenig zu forcieren. Sie hatte sich bereits im Büro umgehört, ob Herr Lehmann vielleicht vom anderen Ufer war, so wenig wie er Augen für Frauen zu haben schien. Aber, das einzige Gerücht, was sie über ihn in Erfahrung brachte war, daß er wohl noch bei seiner Mutter lebte. Klaudia schloss daraus, daß Herr Lehmann wohl etwas schüchtern war.

Zumindest war er die Pünktlichkeit in Person. Klaudia war im Prinzip die erste im Büro, aber Herr Lehmann kam ihr auf dem Flur bereits mit einem Kaffeebecher und einer Zeitung unter dem Arm entgegen.

„Ach Fräulein Schröder! Sie sind schon da. Ich möchte Sie bitten mich zu meinem Außentermin um 10:30 zu begleiten. Seien Sie bitte um Punkt 10:00 Uhr in meinem Büro!“

„Sehr gerne Herr Lehmann“, antwortete Klaudia brav und ging devot nickend an ihm vorbei in ihr Büro.

Innerlich allerdings jubelte sie, ob das schon ein erster Erfolg ihres neuen Erscheinungsbildes war? Es war ein erster Schritt, denn normalerweise war es die Wohlfahrt, die ihn zu solchen Terminen begleitete.

Wie sich kurz drauf herausstellte war die Wohlfahrt krank und das war die sehr viel wahrscheinlichere Erklärung, warum sie Lehmann begleiten sollte.


Das Amt


Die erste Aufregung des Tages, war das die Wohlfahrt krank war. Herr Lehmann mochte keine Abweichungen, sie verdarben ihm den Tag. Nun mußte er die Dicke zu seinem Termin mitnehmen. Nun, das war nicht seine Bezeichnung für Fräulein Schröder, aber es war ihr Kurzname, nicht nur in seiner Abteilung, sondern in der ganzen Behörde. Aufsicht Römisch II war in einem Jahr die dritte Station ihrer Karriere. Ihre bisherigen Vorgesetzten hatte allesamt versucht sie so schnell wie möglich wieder los zu werden. Genaueres wußte man nicht, aber es wurde gemunkelt, daß Fräulein Schröder dazu neigte ihre Vorgesetzten zu belästigen.

Herr Lehmann gab nicht viel auf solches Gerede. Und Fräulein Schröder war nicht die einzige die ihrer Beamtenlaufbahn in seiner Abteilung gestrandet war. Römisch II galt wohl als eine Art Abstellgleis und der Leiter dieser Abteilung hatte wohl den Ruf gut mit schwierigen Fällen von Beamtenneurosen fertig zu werden. Tatsache war, daß Lehmanns Abteilung völlig unwichtig war und er selbst zufrieden war, wenn man ihn in seinem Büro in Ruhe ließ und immer frischer Kaffee in der Küche zu finden war.

Lehmann sah auf die Uhr. In einer Minute … Es klopfte. Fräulein Schröder war mehr als pünktlich. Ein Punkt für sie.

Wenn Herr Lehmann jedoch eine Sache nicht leiden konnte, dann waren das Frauen in Joginghosen oder Leggings. Weniger störte ihn ihre Körperfülle.

„Wir haben heute ein Starbugs auf dem Zettel. Bitte nehmen Sie die Formulare 17/11 bis 17/14, die Siegelrolle und die Formular 1 bis 4, sowie den Formularblock für die Mängelberichte mit.“

Fräulein Schröder nickte und begann die geforderten Dinge in dem Aktenkoffer zu verstauen.

„Gewöhnlich rede bei den Kontrollen ich und sonst niemand“, ermahnte er das junge Fräulein vom Amt. „Sollte Ihnen etwas auffallen, weisen Sie mich diskret darauf hin. Direkte Gespräche mit den Kunden sollten Sie, aus Haftungsgründen, dringend unterlassen.“

„Jawohl, Herr Lehmann.“

Römisch II war für die Kontrolle der Gastronomie zuständig, die keine Vollküchen betrieben. Dazu gehörten in der Regel Coffeeshops, Imbisse, kleinere Cafés, Bäckereien und eben dieser ganz Eat-to-go Kram.

„Können wir?“ fragte Herr Lehmann ungeduldig. Denn er haßte es zu spät zu kommen.

„Ja, Herr Lehmann, ich gehöre ganz Ihnen.“

Und kryptische Formulierungen waren auch nicht seine Sache und in Anbetracht von Fräulein Schröders Vorgeschichte, konnte das nur ein böses Omen sein. Er warf ihr also einen strengen Blick zu und ging mit schnellem Schritt voraus. Mal sehen, ob sie da mithalten kann.


Starbugs Revenge


„Lehmann, Gewerbeaufsicht! Wir hatten einen Termin …“ stellte Herr Lehmann sich vor.

Der junge Schnösel mit lächerlich karierten Stoffweste streckte ihm die Hand entgegen. Lehmann mochte keine Händeschüttler, schon gar nicht bei einer Kontrolle aber nahm sie zögernd an.

„Darf ich Ihnen einen Kaffee und vielleicht einen Cupcake zu Stärkung um diese frühe Uhrzeit anbieten?“ Der Schnösel hielt ein Tablett mit Schokoküchlein vor ihn hin.

„Nein Danke! Wir sind hier um zu arbeiten!“ stellte Lehmann gleich mal die Fronten klar und warf der Dicken einen bösen Blick zu. Ihre Hand war schon Begriff nach einem Cupcake zu greifen, nun überlegte sie sich anders, hielt in der Bewegung inne und verwandelte sie in ein freundliches Abwinken.

Cupcake, dachte Lehmann, was soll das sein? Eine amerikanische Notlösung, weil man sich keine richtigen Backformen leisten konnte? Und ehrlich gesagt, fand Lehmann auch, daß diese Dinger tatsächlich so aussahen, als wenn jemand in eine Tasse gekackt hatte, das ganze nach ein wenig Trocknen umgestülpt hatte und nun als Delikatesse feil pries. Zu allem Überfluss, waren die Dinger in Mitte meist auch noch flüssig. Das war doch gebackene Diarrhö. Was waren das bloß für Zeiten in denen die handwerkliche Unfähigkeit einen Kuchen zu backen, als kreativ bezeichnet wurde? Lehmann sehnte sich nach dem klassischen Gugelhupf zurück.

„Wenn Sie uns dann mal Ihre Zubereitungsräume zeigen würden!“

Auf den ersten Blick sah in diesen Läden immer alles picobello aus, aber erfahrungsgemäß zeigten sich die Mängel im Detail.

„Besonders interessiert mich die Lagerung von Eiern und Mehl.“
Die Backstube sah aus wie ein OP. Ein Mitarbeiter füllten Teigmasse mit ein Einweghandschuhen in kleine Förmchen.

„Also wir verwenden keine Eier, unsere Produkte sind im Prinzip vegan“, erklärte der Schnösel.

„Dann zeigen Sie mir bitte, wo Ihre Grundzutaten gelagert werden!“ unterbrach Lehmann sofort. Bevor der gute Mann zu einem langen Vortrag über seine Pseudoweltsicht langweilen konnte.

Gleich neben einer Rührmaschine standen drei Säcke mit einem, weißlichem und einem bräunlichem Pulver. Offen.

„Das ist im Prinzip so eine Fertigmischung.“

„Und was ist da drin?“

„Also im Prinzip vegan. Genaueres können Sie auf der Homepages des Herstellers …“

„Herr Hackenschmidt, bei aller Liebe. Auch solche Säcke müssen deklariert werden. Also … wo ist die Deklaration.“

Der Schnösel griff nach einem Säcke und versuchte ihn umzudrehen, aber der Sack wog wohl über 200 Kilo und bewegte sich trotz der hemdsärmeligen Bemühungen des Geschäftsführers nicht.

„Markus, faß doch mal mit an!“

Aus dem Flur, der an die Backstube angrenzte, war ein weiterer bärtiger Mitarbeiter gekommen und machte sich daran seinem Chefkumpan zu helfen.

„Sagen Sie mal …“, wandte sich Lehmann an den Mitarbeiter: „Wo kommen Sie gerade her?“

„Tschuldigung, ich war nur kurz auf Toilette“, erklärte der Mann.

„Mit den Handschuhen? Wie haben Sie sich denn dann die Hände gewaschen?“

Der Mitarbeiter starrte ihn an, als wenn er die Frage nicht verstanden hätte. „Ich hatte doch die Handschuhe an …“

„Sie gehen mit den Handschuhen aufs Klo und arbeiten dann weiter mit Lebensmitteln?“ versuchte Lehmann ihm den Weg zu weisen.

„Na, wenn ich die jedesmal wechsele, dann müssen dafür ja jede Menge Gummibäume gefällt werden …“

Am liebsten hätte Lehmann sich mit der flachen Hand vor die Stirn geschlagen … Nein eigentlich lieber dem Mitarbeiter auf den Hinterkopf.

„Notieren Sie das, Fräulein Schröder. Und Sie wechseln bitte unverzüglich die Handschuhe.“
Gemeinsam schafften es die beiden den 200Kilo Sack umzudrehen. Zum Vorschein kam nicht nur eine mit 8 Punktschrift versehen ellenlange Deklaration, sondern auch ein verdächtiger Fleck, der sich unter dem Sack gebildet hatte. Lehmann ließ sich von Fräulein Schröder seine Lupe reichen. Sojaglutamat, Trockenproteine, gefriergetrocknete kolloidale Dispersion von Linousinen, Hefeextrakt, Kakaopulver-Emulation aus Tamarinde und Lipiden von der Jungpalme und vieles, vieles mehr. Lehmann fragte sich, was er wohl unter einer Kakao-Emulation zu verstehen hatte. Okay, die gefriergetrocknete kolloidale Dispersion von Linousinen war nun eindeutig Milchpulver von Limousin-Kühen. Soviel zum veganen.

„Dieser Fleck hier!“ stellte Lehmann fest. „Das ist Schimmel. Sie können keinesfalls die Säcke mit den Backmischungen, hier einfach auf dem Boden lagern. Jedesmal wenn hier gewischt wird, kommt Feuchtigkeit unter den Sack und fängt dort früher oder später an zu schimmeln.

Der Schnösel schaute irritiert auf den Fleck, dann ratlos seinen Untergebenen an.

„Sie müssen die Säcke höher lagern, möglichst so, dass sie auch von unten Luft kriegen!“ erklärte Lehmann. „Möglichst auf einem Gitter“, fügte er hinzu, als er die verständnislosen Gesichter sah.

Der Schnösel nickte deutlich beleidigt. „Ja, klar, da müssen wir was entwickeln.“

„Ich nehme das in die Mängelliste auf. Stellen Sie Säcke einfach auf ein Gitter, so wie es sie für Kellerfenster und Lichtschächte gibt. Das reicht dann schon.“

Alles in allem waren es aber nur Kleinigkeiten, die Lehmann zu beanstanden hatte. Die drei Öfen waren sauber, fast unbenutzt, was Lehmann bei der Konsistenz der Produkte nicht wirklich wunderte und er war mit seiner Prüfung im Prinzip fertig. Er warf Fräulein Schröder einen fragend Blick zu, ob sie alles notiert hatte und man gehen könnte. Doch Fräulein Schröder sah ihn sehr eindringlich an und ihre der Kugelschreiber in ihrer rechten schien mit dezent zucken Bewegung, seine Aufmerksamkeit auf etwas lenken zu wollen.

Lehmann folgte der Bewegung des Stiftes und sah die Tür.