Die G-Size WG

Mutter Schreiber

Melinda hatte ihren dicken roten Lieblingspullover aus dem Schrank geholt. Wollpullover standen ihr eigentlich nicht besonders, weil ihre großen Brüste darin noch klobiger wirkten und irgendwie auch leicht mit einem dicken Bauch zu verwechseln waren. Das Foto-shooting am Morgen war äußerst anstrengend gewesen. Melinda taten die Beine weh, weil sie sechs Stunden auf diesen viel zu kleinen Pumps gestanden hatten. Die Pumps in ihrer Größe wollte der Fotograf nicht, weil sie farblich nicht zu Kulisse passten. Also hatte sie diese albernen neongrünen Stillethos von Betty tragen müssen. Die mit ihren Zwergenfüssen. Egal. Nun wollte sie entspannt eine Folge von Emergency Room genießen.

„Du hast Besuch“, kündigte Undine hämisch grinsend an. Was gab es da zu grinsen? Wahrscheinlich dieser Zwerg, der sie vor 8 Wochen interviewt hatte. Der wollte sich ja noch mal melden.

„Ach ja?“ fragte Melinda und räkelte sich genüsslich auf dem Sofa. „Soll reinkommen.“

„Aber klar“, triumphierte Undine und schob die Tür zu Melindas Zimmer ganz auf.

„Mutter!“ Melinda hielt entsetzt im Räkeln inne und kreuzte mechanisch die Arme vor der Brust. Einen Moment hatte sie vergessen, dass sie ausnahmsweise mal vollständig angezogen war.

„Ja, mein Schatz, lass dich umarmen.“

Melinda zögerte. Sie hatte ihre Mutter seit über 2 Jahren nicht mehr gesehen und umarmt hatten sie sich schon sehr viel länger nicht mehr. Sie fragte sich auch, ob das mit zwei so überdimensionalen Oberweiten überhaupt möglich war. Melindas Mutter war vor acht Jahren zurück in Tschechei gegangen und hatte ihre Tochter im Prinzip hier sitzen lassen.

„Na komm an meine Brust“, forderte Mutter Schreiber ihre Tochter nochmals auf.

Melinda bemühte sich erfreut zu wirken, obwohl sie einfach nur geschockt war. Aber sie stand auf und versuchte ihre Mutter zu umarmen. Mit wenig Erfolg, eigentlich standen sie sich eher Brustspitze an Brustspitze gegenüber und hielten sich an den Unterarmen.

„Wie siehst du überhaupt aus? Kind?“ fragte ihre Mutter nach einem auf weite Entfernung angedeuteten Küsschen rechts und links. „Dass du dich immer so gehenlässt. Nimm dir ein Beispiel an deiner Freundin.“

Undine, die noch in der Tür stand und spöttisch gelächelt hatte, zuckte zurück. Sie hatte sich nach der Foto-Session noch nicht einmal umgezogen und stand in einer Latexkorsage unter dem Morgenmantel da. Sie hatte heute für einen Motorrad Kalender posiert und Melinda fand das dieses Gummizeug unangenehm roch, oder zumindest man selber, wenn man es zulange trug.

„Ist vielleicht ein bisschen freizügig, aber macht wenigstens etwas her!“

Undine hatte den Morgenmantel vorne eng zusammengezogen und drehte sich um. „Ich setz dann mal Kaffee auf, Frau Schreiber!“

Melinda war noch immer sprachlos. Ihre Mutter sah natürlich aus, wie aus dem Ei gepellt. Das tat sie immer, selbst wenn sie aufstand und gerade erst aus dem Bett gestiegen war. Sie selbst hingegen trug dicke Lammfellpuschen, eine weite, schlabbernde, ehemals grüne Jogginghose und diesen viel zu großen Wollpulli.

„Mensch pass auf, dass die dir nicht den Mann ausspannt.“ Melindas Mutter hatte mahnend den Zeigefinger gehoben.

„Mama, das ist nicht mein Mann!“ warf Melinda ein, die das Thema Männer wirklich leid war, vor allem von ihrer Mutter.

„Dann eben dein Freund. Das ist doch heute egal.“

„Mutter ich …“, wollte Melinda zu einer längeren Erklärung ausholen, aber ihre Mutter winkte ab.

„Ich sag ja nur, dass du deine Vorzüge ins rechte Licht rücken solltest. Sieh mich an.“ Dabei drückte sie die Brust noch ein wenig nach vorne heraus und hob sich leicht mit den Händen an. „Glaubst du ich weiß nicht, wie wir Schreibers unsere Kerle halten.“

Das bezweifelte Melinda stark. Ihr Vater war bereits vor ihrer Geburt verschwunden und die drei folgenden Ehen ihrer Mutter hatten auch nicht allzu lange gehalten.

„Na los, zieh dir was Vernünftiges an, dann gehen wir runter Kaffee trinken.“ Am liebsten hätte Melinda ihre Mutter aus dem Zimmer geworfen, aber so konnte man ja mit seiner Mutter nicht umspringen. „Ach bevor ich es vergesse, hier ich hab dir was aus England mitgebracht.“ Sie gab Melinda eine kleine in Geschenkpapier eingeschlagene Schachtel. „Ein Doreen 115J. Die sind ja hier schwer zu finden. Der einzig wahre BH, wenn du mich fragst.“

Melinda fummelte den BH aus der Pappschachtel und untersuchte in misstrauisch. Sie traute ihrer Mutter durchaus zu, mit Betty unter einer Decke zu stecken. Aber nein, der BH hatte keine Löcher, jedenfalls nicht dort, wo sie nicht auch hingehörten.

„Was ist, willst du ihn nicht anprobieren?“ fragte ihre Mutter ungeduldig.

„Jetzt?“

„Du musst dich ja wohl sowieso umziehen“, grunzte ihre Mutter genervt. „So willst du ja wohl nicht deinem Kerl unter die Augen treten!“

„Das ist nicht …“

„Ich hab’s ja verstanden.“

Melinda hasste es sich vor ihrer Mutter auszuziehen. Vor einer Million fremder Menschen okay, aber nicht vor ihrer Mutter.

„Die Träger können etwas enger“, stellte ihre Mutter fest, während sie ihr hinten den BH verschloss.

„Die schneiden doch schon ein.“

„Egal, die Brust muss höher. Schau dir meine an“, erklärte Melindas Mutter und hob ihre Bollwerke weiblicher Macht mit den Händen noch ein wenig an. „Stramm, trotz meines Alters!“ frohlockte Mutter Schreiber. „Hauptsache stramm. Das ist das Wichtigste. Kannst du mir glauben.“

Melinda nickte resigniert und nahm die leichte, rote Bluse und den dunkelblauen Nadelstreifenrock, den ihre Mutter ihr rausgesucht hatte. „Nein, nicht diese Pumps!“ wehrte sie energisch ab. „Meine Füße, ich hab den ganzen Tag …“

„Ohne Hackenschuh geht gar nichts!“

„Mutter! Ich habe seit 6 Stunden …“

„Still!“ Melindas Mutter lauschte. Unten waren Stimmen zu hören. Betty und Matze waren nach Hause gekommen. „Red‘ nicht, zieh das an. Ich warte unten.“

Melinda sah ihrer Mutter nach, wie sie mit ihren 60 Jahren elegant auf den 9cm Absätzen kehrt machte und mit ihrem breiten Hintern aus Wackelpudding elegant aus dem Zimmer eierte. Gleich würde sie am Treppenabsatz halt machen und ihren Rock ein wenig hochziehen. Nur soweit, bis man den Rand der Strümpfe sah. Das machte sie bei jeder Treppe so. Sie behauptete, dass sie in ihren engen Röcken, sonst die Treppe nicht gefahrlos hinabsteigen könne.

„Mutter Schreiber!“ hörte Melinda Matze mit einer Mischung aus Furcht und Erstaunen ausrufen. „Was für eine Überraschung. Und so elegant wie immer!“

Melinda beschloss, dass es Zeit für ein bis zwei Paracetamol wäre. Irgendwie bekam sie immer Kopfschmerzen, wenn ihre Mutter in der Nähe war.

„Na mein Matze“, begrüßte Mutter Schreiber ihren fiktiven Schwiegersohn. „Lang ist es her und ich dachte wir sollten mal wieder einen Kaffee zusammen trinken.“

„Gern“, schleimte Matze, der, seit Melindas Mutter ihn einmal in der fünften Klasse 10 Minuten lang auf dem Pausenhof in den Schwitzkasten genommen hatte, einen höllischen Respekt vor dieser Frau hatte.

„Ach Kleines!“ kommandierte Mutter Schreiber. „Mach uns doch etwas Kaffee. Wir nehmen den dann in der guten Stube.“

Betty stand mit offenem Mund wie angewurzelt vor dem Eisschrank. Fast hätte sie es nicht geschafft noch etwas entgegnen, bevor Mutter Schreiber aus der Küche war.

„Also …“, stammelte sie und suchte nach einer passenden Erwiderung auf diese Unverschämtheit. „Ich …“ Weiter kam sie nicht und sie hätte auch nicht weiter gewusst.

Mutter Schreiber hatte Matze zur Begrüßung schon wieder im Schwitzkasten. Dem Kleinen traten fast die Augen vor und er schielte drohend an Mutter Schreibers wirklich riesigen Brüsten vorbei zu Betty. Sein fast flehender Blick ließ Betty verstummen. Dann schleifte Mutter Schreiber ihre Beute mit ins Wohnzimmer, wo sie brav am Couchtisch Platz nahmen und sich sekundenlang anschwiegen. Eigentlich hatten sie sich ja gar nichts zu sagen. Wo bloß Melinda blieb? Doch dann fiel Matze etwas ein, was ihn schon immer auf der Seele gebrannt hat.

„Wie geht es eigentlich Zenka?“

„Zenka?“ fragte Mutter Schreiber, die offenbar nicht wusste, was die Frage sollte, irritiert.

Matze hatte Melindas Cousine Zenka nur einmal in den Sommerferien gesehen. Aber das hatte damals einen nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen. Zenka und Melinda hätte unterhalb des Kinns Zwillinge sein können. Und Matze war schließlich inzwischen Geschäftsmann.

Mutter Schreiber sah Matze argwöhnisch an. Vielleicht hätte er doch nicht fragen sollen. Er konnte sich glücklich schätzen, dass Mutter Schreiber noch nie nachgefragt hatte, was für Geschäfte er da eigentlich mit ihrer Tochter machte, also warum schlafende Hunde wecken?

„Danke Schätzchen“, sagte Mutter Schreiber und es hörte sich so an, als ob sie selbst nicht genau wusste, wofür sie sich da gerade bedankte. „Ach“, rief sie Betty nach, die wohl nur möglichst schnell wieder aus dem Zimmer wollte. „Wenn du noch ein wenig Zeit hast, könntest du meine Hüfthalter bügeln, die haben während der Reise doch ein wenig gelitten.“

Betty sah die massige Frau wutschnaubend an und schaute sich nach etwas zum Werfen um. Etwas, das Matze nicht unbedingt vermissen würde.

„Betty tu uns den Gefallen. Mutter Schreiber ist schließlich unser Gast. Und wir haben hier noch Geschäfte zu bereden.“

Betty atmete tief durch. Sie stürmte wortlos aus dem Zimmer und würde Melinda jetzt mal die Meinung über ihre Mutter sagen. Sollte sie doch diese blöden Hüfthalter bügeln.

„Geschäfte, ja?“ fragte Mutter Schreiber. „Wir reden also über Geschäfte? Und nicht über Zenka? Oder ist das dasselbe?“

Matze wusste sofort, dass er sich verplappert hatte. Das könnte jetzt sehr böse enden. „Na ja …“, begann Matze sich winden, wie damals in dem Schwitzkasten. Er hatte nie vergessen wie es war, beinahe von ein paar Brüsten erstickt zu werden. Manchmal verfolgte ihn dieser Gedanke noch heute. Vielleicht wäre er Anwalt geworden, wenn er im Kindergarten nicht die Schreibers kennengelernt hätte. „Ich habe da so eine Fotoagentur. Da könnte ich schon mal ein Modell gebrauchen.“

„Fotoagentur?“

„Ja, also Modefotos und so.“ Innerlich betete Matze, dass Mutter Schreiber jetzt keine Bilder sehen wollte, oder sich weiter in Einzelheiten vertiefte.

„Modefotos?“ Mutter Schreiber grunzte vielsagend. „Also zu meiner Zeit nannte man so etwas wenigstens noch künstlerische Fotos. Ich persönlich würde dein Geschäft als einen Bilderpuff bezeichnen.“
Matze wurde etwas flau im Magen. Gegen Mutter Schreiber hatte er allein, also ohne 38er keine Chance und selbst dann wäre der Erfolg absolut fraglich. Trotzdem schielte er sehnsüchtig zu Schublade am Eingang, wo seine einzige Überlebenschance lag. Mutter Schreiber galt im Viertel schon früher als extrem gläubige und konservative Frau. Und sicher war, dass sie absolut keinen Humor hatte.

„Also, um die Sache mal klarzustellen“, setzte Mutter Schreiber zu ihrer Grabrede für Matze an. „Das mit Zenka geht nur dann klar, wenn ich da auch etwas von habe.“ Sie nahm einen geräuschvollen Schluck Kaffee und sah Matze dann in sein fassungsloses Gesicht. „Was?“

„Die Zenka ist hier“, erklärte Mutter Schreiber seelenruhig. „Ich hab sie schon mal mitgebracht. Aber du kriegst sie nur für deine Geschäfte, wenn du mich auch nimmst und ich von Zenkas Honorar 50% Provision kriege.“

„Bitte?“ Matze war völlig durch den Wind. Er witterte eine Falle oder so was. Vielleicht hatte Mutter Schreiber auch einen Gehirntumor.

„An Zenka kommst du ohne mich nicht ran“, stellte Mutter Schreiber klar. „So viel ist sicher. Die ist anders als Melinda. Die ist nicht so helle, sehr gläubig und tut nur das, was ich ihr sage. Schließlich bin ich für das arme Kind, so was wie ihre Mutter. Vergiss nicht, die kommt von Lande. So richtig vom Lande.“

Matze begriff immer noch nicht ganz, was hier lief. Zenka war nur 3 oder 4 Jahre jünger als Melinda und Mutter Schreiber war damals in die Tschechei zurückgegangen, um ihre kranke Schwester zu pflegen. Komisch war nur, dass sie nach deren Tod allein dageblieben war.

„Hör zu Matze, lass uns hier nicht lange drum herum reden, schlag ein oder ich nehme die Zenka einfach wieder mit zurück“, stellte Mutter Schreiber klar.

„Ja“, sagte Matze immer noch eine Falle witternd. „Machen wir ein Geschäft.“

„Abgemacht!“ frohlockte Mutter Schreiber. „Das ist ein Wort.“

„Da ist ja wohl Champagner fällig“, sinnierte Matze, der immer noch nicht so recht glauben konnte, was hier vor sich ging und wollte gerade nach Betty rufen.

Doch in diesem Moment wurde schon die Tür geöffnet und Melinda, die es endlich geschafft hatte sich in ihre Pumps zu quälen, kam herein.

„Kind!“ freute sich Mutter Schreiber. „Du kannst schon mal dein Bett ein wenig zur Seite schieben. Die Zenka und ich, wir bleiben. Zumindest solange bis Matze uns eine Wohnung besorgt hat. Freust du dich?“

„Was?“ fragte Melinda gedehnt.

„Ja, Kind, deine Mutter arbeitet jetzt auch für Matze.“

Melinda sah Matze an wie ein Gespenst. Der zuckte nur mit den Achseln. Was sollte er machen? Geschäft war Geschäft. Und so was wie Zenka kam ihm gerade recht. Die Mutter würde er schon irgendwo unterbringen.

„Geh und hol mal die Zenka, dass Matze sie sich angucken kann. Deine Cousine sitzt draußen im Taxi und wartet. Ach und sei so gut und bezahl auch gleich den Fahrer.

Melinda schüttelte den Kopf. Sie rief nach Betty. „Ne, das kann Betty machen. Ich muss noch in die Apotheke und was besorgen. Ich glaube ich kriege meine Tage.“

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