Monika Subowski (14)

Abschied

Kapitel 14


Volker war noch wach. Ihm war wohl heute nicht nach ausgehen. Eine fast leere Flasche Rotwein stand auf dem Wohnzimmertisch und er blätterte in einer „Mens Health“.
Moni setzte sich zu ihm.

„Ich frage nicht, wo du warst!“ erklärte Volker mit einer Mischung aus Sorge und Neugier.

Vielleicht war ihm aufgefallen, dass sie in anderen Sachen nach Hause kam, als sie weggegangen war.

„Ich habe nachgedacht.“

Warum klang das bei Frauen immer wie eine Drohung? Auch Volker wurde schlagartig aufmerksam.

„Du hattest völlig Recht. Ich muss selbständiger werden.“

„Jetzt willst du mich doch verlassen?“

Moni hatte keine Lust lange drum herum zu reden.

„Ja.“

„Warum?“

„Es ist nicht, weil du schwul bist. Ich glaube, damit käme ich auf Dauer sogar tatsächlich klar. Aber das ist einfach nicht meine Art von Leben.“

„Wir können doch alles so regeln, wie es für uns beide erträglich wird. Ich werde keine Kerle mehr anschleppen, das verspreche ich.“

„Aber du willst doch Kerle anschleppen?“

„Nicht, wenn es dir etwas ausmacht.“

„Ehrlich gesagt, es macht mir nichts aus“, sagte Moni resigniert.

„Warum glaube ich das nicht?“

„Keine Ahnung. Ist aber so. Es macht mir eigentlich nichts aus.“

„Eigentlich!“

„Du weißt genau, wie ich das meine. Es macht mir nichts aus, klar.“

„Was ist es dann?“

„Ich brauche mein eigenes Leben.“

„Eigenes Leben?“

„Ja genau, ich kann nicht meine ganze Zeit damit vertun, für deine Probleme oder die von anderen herzuhalten.“

„Was?“

Moni atmet ungeduldig aus.

„Genau das. Du bist schwul, also geh deinen Weg als Schwuler und mach nicht so einen verdammten Misch Masch. Du ziehst mich da in deine Probleme mit rein. Aber ich habe damit nichts am Hut. Ich will ganz andere Sachen, und die kann ich nicht machen, wenn du dich weiter an mich klammerst.“

„Was mache ich? Klammern?“

„Das tust du, mein Lieber. Du kannst nicht auf der einen Seite sagen, sieh her, ich bin ganz anders und auf der anderen Seite mich weiter an dich binden und so tun, als wäre alles in Ordnung.“
Volker schluckte nur stumm. Seine Gegenwehr schien schon zu erlahmen.

„Wir können ja gerne befreundet bleiben, ich gehe auch liebend gerne hin und wieder mit euch aus. … Ich mag Sebastian. … Sogar sehr. Aber ich könnte genauso gut seine Mutter sein, wie deine. Da ist kein Unterschied mehr, verstehst du?“

„Nein.“

„Sieh mal, ich brauche einfach mehr Distanz, um die Dinge machen zu können, die ich möchte. Dinge, die zu meinem Leben gehören.“

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht eifersüchtig bin. Such dir einen Liebhaber.“

„Wenn ich das täte, dann würde ich sehr bald mit ihm zusammenziehen wollen. Ich suche nicht solche Liebhaber wie du. Kein Bed and Breakfast. Das ist mir nicht genug. Bevor ich mir aber jemanden suche, will ich erst mal sehen, was ich sonst noch so vom Leben will.“

„Das kannst du doch auch, wenn du hier bleibst.“

„Nein, das kann ich nicht. Du wärst mir genauso im Weg, wie ich dir im Weg war und sein werde. Ich will überhaupt diesen ganzen Kram loswerden, alles. Es soll schon ein ganz neues Leben sein, das ich anfange.“

„Hört sich an, als wenn ich keine Chance mehr hätte.“

„Du brauchst keine Chance. Von mir aus können wir auch verheiratet bleiben. Ich bin weder sauer noch enttäuscht. Das ist einfach alles, wie es ist. Du brauchst etwas, ich brauche etwas. Wir kriegen es nicht voneinander, also müssen wir jeder für uns einen Weg suchen.“

„Bist du heimlich in eine Frauengruppe eingetreten?“

„Bist du heimlich in eine Schwulengruppe eingetreten?“

Volker grinste.

„Schade, dass es so enden muss.“

„Wieso? Andere Paare prügeln sich um das Geschirr. Da haben wir es doch gut getroffen. Und es war auch gut, dass ich mich darauf eingelassen habe, mir das alles erst anzusehen, bevor ich mich entschieden habe. Wenn ich einfach wütend weggegangen wäre, hätten wir nicht Freunde bleiben können. Wir bleiben doch Freunde?“

„Ich hoffe doch sehr.“

„Wir bleiben Freunde, da bin ganz sicher.“

„Soll ich dir beim Packen helfen?“

„Habe ich irgendetwas davon gesagt, dass ich heute Nacht noch weglaufen wollte. Ich habe nur gesagt, ich werde mir auf Dauer etwas Eigenes aufbauen. Das ist alles.“

*

Moni ließ sich Zeit mit der Suche nach einer geeigneten Wohnung. Bei ihrem Umzug halfen Volker und Sebastian mit. Die Haare ließ sie auch weiterhin nur von Sebastian schneiden. Und mindestens einmal die Woche gingen sie alle gemeinsam essen und unternahmen irgendetwas Amüsantes zusammen.

Moni war nicht einsamer als zuvor, aber sie hatte es jetzt viel besser im Griff. Einen neuen Job würde sie auch noch finden. Vielleicht sogar einen neuen Mann. Als einziges Möbelstück war das Sofa mit ihr umgezogen. Moni sah auf die Uhr. Jeopardy lief seit fünf Minuten. Sie hatte seit Wochen kein Jeopardy mehr gesehen, das fiel ihr erst jetzt richtig auf. Sie schaltete den Fernseher ein.

„Das war leider keine Frage, Torsten!“ sagte Frank Elstner mit gewohnter Sachlichkeit und verweigerte dem Kandidaten die Punkte.

Ende