Monika Subowski (12)

Frühstück zu dritt ...

Kapitel 12


Erst glaubte sie, Sebastian hätte bei ihnen übernachtet. Aber dann erkannte sie den Schnauzbart. Volker schaute sie nervös an. Sie stand in ihrem fast durchsichtigen Nachthemd, ungewaschen, mit hellblauem Teddyfell-Puschen im Türrahmen und wollte Kaffee. Der Schnauzbart hatte sie noch nicht registriert. Sie gab dem Fluchtimpuls nicht nach. Das alles hatte doch keinen Sinn. Das hier war ihre Wohnung und sie wollte Kaffee. Jetzt.

„Morgen“, murmelte sie so unbeteiligt wie möglich und nahm Volker die Kaffeekanne aus der Hand. „Danke.“

Der Schnauzbart starrte sie an, als ob er den Klabautermann vor sich hätte. Der würde ja wohl jetzt nicht in Panik geraten in seiner Lederkluft mit all den Nieten.

„Das ist Moni. Das ist Manfred“, stellte Volker sie mit hilfloser Geste vor. „Moni und ich …“

„Sind verheiratet“, vollendet Moni den Satz, als sie sein Stocken bemerkte. „Das stört sie doch nicht, oder?“

Sie hielt ihm die Hand hin. Gute Manieren hatte Manfred ganz sicher. Er sprang sofort vom Frühstückstisch auf, schüttelte ihr die Hand und stellte sich korrekt vor.

„Manfred Echternbrink. Tut mir leid, wenn ich störe.“

„Überhaupt nicht. Was gibt’s zum Frühstück, Darling?“

Volker hatte die Situation noch nicht so ganz im Griff.

„Brötchen. Manfred hat bereits Brötchen geholt.“

„Wunderbar. Perfekter Service. Die sind ja sogar noch heiß“, sagte Moni gutgelaunt, aber müde und schnitt eine Semmel an.

„Ich … ich dachte, du wärst bei Frauke.“

„Wieso?“

„Na, als du gestern so überraschend verschwunden warst, da habe ich gedacht du wärst …“

„Nööh.“

„Aha.“

„Wenigstens habe ich jetzt nicht zu viel Brötchen geholt. Ich wusste ja nicht, ob Volker Mehrkornbrötchen isst, oder nicht“, versuchte Manfred vorsichtig, der Unterhaltung eine neue Richtung zu geben.
„Tut er nicht, aber ich.“

„Nur zu“, forderte Manfred sie freundlich auf.

Seine offensichtliche Freundlichkeit schien so gar nicht zu seinem mit Nieten beschlagenen Äußeren zu passen.

Die Unterhaltung am Frühstückstisch gestaltete sich weit zäher, als die drei Monate alte Marmelade, die Volker aufgetischt hatte. Moni wollte nicht zu dieser Zähigkeit beitragen. Sie hatte aber auch kein Bedürfnis, sich groß zu unterhalten, bevor sie sich richtig wach fühlte.

Nach seinem letzten Bissen wartete Manfred noch lange fünf Höflichkeits­minuten, bevor er sich verabschiedete. Volker brachte ihn zur Tür.

„Bevor du jetzt loslegst! Es tut mir leid. Ich dachte wirklich, du wärst …“, sagte Volker, als er zurückkam.

„Ich habe gar nicht vor, mich über diese Geschichte großartig aufzuregen.“

„Ich sagte doch, es tut mir leid.“

„Das braucht es nicht.“

„Tut es aber. Und es kommt nicht wieder vor.“

Moni schaute ihn mit schiefgelegtem Kopf an und lachte ungläubig.

„Erzähl mir nicht so einen Unsinn, mein Lieber. Das musste doch früher oder später so kommen.“

Volker schwieg betreten.

„Darauf läuft doch alles hinaus, oder nicht?“

„Ist schon richtig, ja.“

Moni griff nach dem letzten Brötchen. Volker hatte kaum etwas gegessen. Die Szene war ihm sichtlich unangenehmer als ihr.

„Hattest du wenigstens Spaß?“

Volker lächelte. Das schien ihm als Antwort auszureichen.

„Hast du ein Gummi benutzt?“

„Sicher. Selbst wenn nicht, wärest du ja nicht im Mindesten in Gefahr.“

„Ich mache mir auch weit mehr Sorgen um mich als um dich.“

„Jetzt klingst du wie meine Mutter!“

„Ich fühle mich jetzt auch wie deine Mutter.“

„Möchtest du noch Kaffee, Mutter?“

Moni fand das überhaupt nicht lustig. Das Gefühl, sich wie Volkers Mutter zu fühlen, behagte ihr nicht sonderlich.

„Das ist genau das Problem“, sagte Moni.

„Was?“

„Irgendwie fühle ich mich nicht mehr wie deine Frau, nicht mal mehr wie deine Freundin, sondern eigentlich nur noch wie, … na, deine Mutter.“

„Das war doch nur Spaß.“

„Egal. Tatsache ist doch: Ich habe dich als Mann geheiratet und nicht als Sohn adoptiert.“

„Was soll das, du bist nicht meine Mutter.“

„Ich bin nicht mal richtig eifersüchtig, es ist nur noch Sorge und so eine Art mütterliche Eifersucht in mir. Das ist nicht gut.“

„Hör auf, ich sehe dich nicht als meine Mutter, rede dir doch nicht so was ein.“

„Als was siehst du mich denn?“

„Als …“ Volker stockte und fing endlich mit dem Überlegen an. „Als besonders gute Freundin.“

„Wirklich?“

„Ja. Als Freundin.“

„Eine gute, alte Freundin, ja?“

Volker antwortete nicht.

„Räumst du ab?“ fragte Moni und verließ den Frühstückstisch.

„Wo willst du hin?“

„Ich glaube, ich gehe ein wenig spazieren.“

Moni hatte ausgiebig gebadet und ihre ältesten Klamotten angezogen. Ein paar feste Schuhe und dann rein ins Auto.

Sie hatte keine Ahnung, wohin sie fahren sollte. Auf der Autobahn schwenkte sie Richtung Lübeck ab. Ans Meer zu fahren schien ihr eine glänzende Idee und es war nicht weit. Sie fuhr an Lübeck vorbei Richtung Neustadt. Und dann weiter bis nach Fehmarn. Es war gar nicht so leicht, auf Fehmarn ans Meer zu gelangen. Schließlich fand sie aber eine kleine Stelle. Kein Strand, die Bäume gingen bis ans Wasser und das Ufer war steinig.

Es war einfach nicht die richtige Jahreszeit, um ans Meer zu fahren. Die Luft war kühl und Moni zog ihre Jacke dicht zusammen. Die Miniwellen plätscherten an die Steine, auf denen sie hockte. Was sie hier wollte, wusste sie auch nicht recht. Wenn sie wenigstens das Rauchen nicht aufgeben hätte, dann könnte sie jetzt genüsslich eine Zigarette durchziehen.

Hier war nichts los.

Sie fuhr zurück nach Grömitz. Da sollte auch zu dieser Jahreszeit noch Betrieb sein. Die trübe Brühe der Ostsee lud nicht gerade zum Baden ein, das Wetter auch nicht. In einigen Strandkörben saßen sture Dauergäste und trotzten gut eingepackt den Widrigkeiten des Himmels. Und auf der Strandpromenade gingen vereinzelt meist ältere Paare spazieren. Etwas an deren Anblick stieß Moni sauer auf.

In einem der Cafés ließ sie sich von einem mürrischen Kellner einen Kaffee zum Aufwärmen bringen. Außer ihr waren da noch zwei ältere Paare an den Tischen.

Was Moni an diesen Leuten störte, war diese unerhörte Intimität. Die störte sie, weil jetzt wusste, dass sie genau das vermisste. Es ging nicht um Sex, es war egal, ob Volker schwul war, oder sie immer noch irgendwelche Gefühl füreinander hatten. All das war zweitrangig. Worum es eigentlich ging war, dass er sie niemals mehr so anschauen würde, niemals Händchen haltend mit ihr über die Promenade wandeln würde, niemals mehr diese Wärme in seinem Blick hätte, mit der sich die älteren Paare hier teilweise überhäuften. Noch nicht einmal die gelangweilte, aber totale Vertrautheit, die ein anderes Paar zutage trug, würde ihr jemals in vollem Umfang zuteilwerden. Und Volker hatte recht, sie war nicht seine Mutter, sie fühlte sich nur so. Selbst wenn sie es schaffte, wie eine Mutter für ihn zu werden, war es nicht das, was ihr das Gefühl geben würde, das sie suchte.

Kein Grund zur Panik, sie war gerade mal 42 Jahre alt, wog … Sie wusste es nicht. Auf der Promenade fand sie eine Waage, bei der einem das Horoskop samt Gewicht für einen Euro kundgetan wurde. Wo da der Zusammenhang war, blieb Moni schleierhaft.

„Beruflich sollten Sie zurzeit kein Risiko eingehen.“

Das hatte Moni auch gar nicht vor. Es wurde Zeit den Tatsachen ins Auge zu sehen. Also, 42 Jahre und 91 Kilo. Das waren die Fakten. Sie musste dringend neu anfangen.

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