Kapitel 9


Am nächsten Tag holte Moni ihre Koffer wieder ab. Frauke war nicht gerade fit. Erst im Morgengrauen war sie nach Hause gekommen.

„Hat sich das wenigstens gelohnt?“ wollte Moni wissen.

„Wie man’s nimmt. Es war zumindest mal eine Abwechslung.“

„Kommt das öfter vor?“

„Nun tu bloß nicht so heilig, wer von uns stand denn halb nackt auf dem Klo?“

„Ich war betrunken.“

„Das ist kein Grund. Ich kann mich nicht jedes Mal betrinken, wenn ich mich amüsieren will.“

„Ich weiß nicht, ob das die richtige Art ist, sich zu amüsieren.“

„Jetzt hör aber auf!“

„Schon gut, schon gut, du kannst ja machen, was du willst. — Triffst du ihn wieder?“

„Bist du verrückt?“

„Wieso?“

„Was soll denn so eine Frage? So einen trifft man doch nicht wieder, zumindest nicht mit Absicht.“

„Aha.“

„Jaaha. Wie ich sehe, hast du dich ja ansonsten wieder eingekriegt. Wenn ich ehrlich bin, finde ich Volker sehr nett, wäre wirklich schade gewesen, ihn wegen einer solchen Kleinigkeit sausen zu lassen.“

„Kleinigkeit?“

„Reg dich bloß nicht wieder auf. Übrigens finde ich Sebastian auch sympathisch. Du kannst den beiden ausrichten, dass ich am Montag Zeit hätte, meinen Gewinn einzukassieren. Wenn ihnen das passt, treffen wir uns alle im Chez Louis.“

„Ein französisches Restaurant?“

„Nicht ganz. Aber ich denke, du kriegst dort auch etwas zu essen.“

„Ich weiß wirklich nicht, ob ich nächste Woche schon wieder so einen Abend ertragen kann.“

„Du musst ja nicht mitkommen!“

„Was?“

„Beruhige dich, das war ein Scherz“, rief Frauke sofort und nahm sie plötzlich in den Arm. „Natürlich kommst du mit, sonst gehe ich auch nicht.“

„Lass mich aber nicht wieder so hängen!“

„Ich weiß nicht, was du willst. Hat doch bestens geklappt! Du bist wieder bei deinem Mann, und ich freue mich für dich. Also stell dich nicht so an und hab ein bisschen Spaß!“

„Ein bisschen Spaß, wenn mein Mann mit dem Kellner flirtet?“

„Es war nur der Küchenjunge, also halb so schlimm.“
Volker und Sebastian nahmen die Verabredung an. Früher waren sie nie viel ausgegangen. Das schien sich jetzt nachhaltig zu ändern. Sebastian ließ sich nicht sehen, obwohl das Moni inzwischen auch egal gewesen wäre. Man gewöhnte sich schnell an das Unvermeidliche. Und anwesend war er irgendwie immer. Sebastian hier, Sebastian da. Volker schien kaum noch ein anderes Thema zu kennen.

„Ich muss zum Friseur“, erklärte Moni am Donnerstag, als Volker sie anrief, um sich mit ihr in der Stadt zu verabreden. Er wollte sich Schuhe kaufen. Seit neuestem hatte Volker einen Schuhfimmel. Er hatte in den letzten 6 Wochen bestimmt 5 Paar Schuhe gekauft. Und es sah nicht so aus, als wenn er endlich mal genug hatte.

„Geh doch zu Sebastian!“

„Nein.“

„Warum denn nicht?“

„Ich lasse mir nicht von dem Liebhaber meines Mannes die Haare ruinieren.“

„Ohh Moni, wie oft soll ich es dir noch sagen. Ich habe nichts mit Sebastian. Er ist wirklich nur ein Freund.“

„Das weiß ich ja“, lenkte Moni ein.

„Also, geh zu ihm. Er macht das gut und umsonst.“

„Die paar Kröten für einen vernünftigen Haarschnitt habe ich gerade noch.“

„Wie du willst. Also, wir sehen uns heute Abend.“

Moni legte auf und überlegte. Im Salon Frenzel wollte die Frau sie nicht mehr dran nehmen, zu spät. Sebastian grinste sie breit an und zeigte auf seinen leeren Stuhl. Moni zögerte einen Augenblick, dann setzte sie sich trotzig.

„Mach keinen Unsinn! Du musst am Montag mit mir ausgehen. Wenn du mich verunstaltest, verderbe ich dir den Abend und lasse es so aussehen, als ob wir beide verheiratet wären.“

„Uuh!“ Sebastian verzog das Gesicht, als hätte ihm das kalte Metall einer Klinge das Herz durchstoßen. „Das würdest du nicht tun.“

„Darauf kannst du Gift nehmen.“

„Du gemeines Stück! Na, dann muss ich mir wohl Mühe geben. Schließlich geht es um mein Leben.“

Moni sah das breite Grinsen im Spiegel. Dann beugte sich Sebastian griff in ihre Haare und sagte: „Aber im Ernst Darling, wie soll’s denn werden.“

„Nenn mich nicht Darling!“

„Liebling? Herzchen? Schätzchen? Oder vielleicht Schnuckelchen?“

Moni sah wütend in den Spiegel.

„Frau Moni?“ fragte Sebastian flüsternd.

„Nenn mich wie du willst, aber schneid mir vernünftig die Haare.“

„Gut, Darling, also wie möchtest du’s?“

„Schwarz?“

„Dein Haar ist schwarz, Darling.“

„Der Ansatz.“

Fachmännisch begutachtete Sebastian den Ansatz.

„Frühestens in zwei Wochen.“

„Ich weiß nicht, mach, dass ich gut aussehe.“

„Du siehst gut aus, Darling.“

Der Kerl war verrückt.

„Schneid mir jetzt endlich die Haare.“

„Also kürzer?“

„Hrrm.“ Moni knurrte wie Terrier kurz vor dem Sprung. Sie hätte diese Labertasche am liebsten gewürgt.

„Schon gut, schon gut“, er hatte heute eine deutlich schwule Tonlage aufgelegt. Sonst sprach er eigentlich eher normal. „Darf’s ein bisschen mehr Diva sein?“

„Klingt gut.“

„Oder wollen wir mehr den Vamp raus lassen?“

„Diva gefällt mir gut!“

„Sonst hätten wir noch Modell Kuschelbär und diese Woche im Angebot, weil auslaufend, Variante Zottelliese.“

„Mach mir die Diva.“

„Darling, ich bitte dich, … doch nicht hier.“

Sebastian schlug sich mit gespieltem Entsetzen die Hand an die Wange.

Moni musste lachen. Er war verrückt, aber er war auch witzig.

„Also die Diva, einen kleinen Moment.“

Sebastian griff nach der Schere und schnitt unsichtbar und mit elegantem Schwung zwei Strähnen weg. „Voilá! Tatatataaa. Tusch, tusch, tusch.“

„Also gut, dann nehme ich doch lieber die Zottelliese.“

„Das ist nicht dein Ernst, Darling.“

Sebastian schien ernsthaft entsetzt.

„Nein? Dann fang jetzt aber auch an.“

Als er endlich fertig war, und das hatte weiß Gott länger gedauert, als Moni jemals bei einem Friseur gesessen hatte, war das Ergebnis durchaus befriedigend. Fairerweise musst Moni zugeben, dass es doch eher umwerfend war. Es war genau, das, was sie sich unter Diva und halblangen schwarzen Haaren vorgestellt hatte. Genau wie auf dem Foto. Sie konnte sich den Unterschied zu vorher nicht erklären, aber er war deutlich sichtbar. Das Haar saß einfach besser.

„Was schulde ich dir?“ fragte Moni.

„Nichts. Wenn ich damit deine Laune für Montag gerettet habe, dann war’s das allemal wert.“

Jetzt sprach er wieder ganz normal.

„Kriegst du keinen Ärger mit deinem Chef?“

„Isch glaube nischt, die Franzosen haben so ein weisches Herz, Cherie.“

„Na, das musst du wissen, vielen Dank. Wir sehen uns Montag.“

„Isch freu misch. Und meine Empfehlung an den Herrn Gemahl.“ Moni war schon fast aus der Tür, als sie überlegte, doch noch einmal zurück zu gehen. Ein paar Schläge konnten Sebastian sicher nicht schaden.

*

„Ich war doch bei Sebastian und soll dich grüßen. Haare schneiden kann er, das muss ich zugeben“, erzählte Moni ihrem Gatten, als er nach Hause kam.

„Ja, sieht gut aus“, bestätigte Volker.

„Und er hat kein Geld haben wollen. Wenn er bei dir auch kein Geld nimmt, dann wird er bald mit seinem Chef Ärger kriegen.“

Volker lachte.

„Wohl kaum. Er ist ja nicht angestellt.“

„Wie, nicht angestellt?“

„Sebastian Frenzel! Das ist sein Laden und er hat noch zwei Filialen in der Stadt.“

„Ohh! … Und ich hatte angenommen, du hältst ihn aus.“

„Aber ich habe dir doch immer gesagt, dass er kein Stricher oder so etwas ist. Er ist wirklich nur ein Freund, den ich beim Squash spielen kennengelernt habe. Alles andere ist purer Zufall.“

„Ich werde mich aber nicht bei ihm entschuldigen!“

„Wofür?“

„Na, weil ich dachte…“

„Oh, Darling, Sebastian hat ein dickes Fell. Falls er wirklich beleidigt wäre, sähe das ganz anders aus. Und wenn man anders ist als andere, sollte man als erstes lernen, etwas einstecken zu können.“

Das konnte Moni nur aus eigener Erfahrung bestätigen. Allmählich kam ihr der Verdacht, das schwul sein und dick sein eine Menge Parallelen haben könnte.

„Nennst du mich jetzt auch schon Darling? Ich habe gerade erfolglos versucht, Sebastian das abzugewöhnen.“

„Tut mir leid. Er nennt jeden, den er mag, Darling. Das hat wohl sprachlich etwas abgefärbt.“

„Ist ja nicht so schlimm, solange du es ernst meinst.“

„Aber natürlich meine ich das ernst“, sagte Volker mit erheiterter Überschwänglichkeit, die sich Moni nicht erklären konnte. Dann nahm er sie sogar in den Arm und küsste sie. Natürlich nur auf die Stirn.

„Wie kannst du daran zweifeln, dass ich das ernst meine?“

„Brich dir kein Bein!“ ermahnte ihn Moni. „Vergiss nicht, du bist schwul.“

Erst schaute Volker indigniert, dann lachte er und drückte sie noch fester an sich und küsste sie sogar flüchtig auf Mund.

„Das hatte ich einen Moment lang fast vergessen. Aber nett, dass du mich daran erinnerst.“

Seit sie wieder zu Hause wohnte, fühlte sich Moni tatsächlich verbundener mit Volker als in den letzten paar Jahren. Vielleicht nicht so verbunden, wie in den ersten Jahren, schon gar nicht auf dieselbe Art, aber es war besser als noch im letzten Jahr zum Beispiel. Vielleicht hatte Volker ja Recht. Vielleicht war das alles gar nicht weiter schlimm und vielleicht brachte auch die neue Ehrlichkeit das Gefühl füreinander wieder.



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