Kapitel 8


„Natürlich, du kannst gerne eine Zeitlang bei uns wohnen, wenn du irgendwo unterkriechen möchtest“, erklärte Frauke, nachdem Moni ihr alles schon zum dritten Mal erzählt hatte und ganz nebenbei ihre sämtlichen Vorräte an Sherry vernichtet hatte.

„Danke, ich werde wohl wenigstens heute Nacht hier bleiben.“

Aus der einen Nacht wurden dann doch drei. Moni hatte keine Lust, nach Hause zu gehen. Bei Frauke fühlte sie sich im Moment ganz wohl. Sie wohnte in dem Gästezimmer, hatte weitestgehend ihre Ruhe. Hatte aber nach der Arbeit jemanden mit dem sie reden konnte.

„Willst du dich jetzt doch von ihm scheiden lassen?“ fragte Frauke eines Tages.

„Nein!“ antwortete Moni kategorisch. „Das will ich nicht. Aber ich weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll. Was würdest du tun?“

„Keine Ahnung!“

Angestrengt dachte Frauke nach.

„Ich glaube, wenn ich ihn lieben würde, wäre es mir eigentlich egal.“

„Egal? Mein Gott, ich meine, es wird nie wieder so ein richtiges Eheleben sein. Wie kann einem das egal sein?“

„Warum nicht?“

„Weil es nie wieder Sex geben wird. Darum nicht.“

„Aber den kannst du dir doch woanders holen. Und wenn Volker schon sagt, dass er da nichts dagegen hat, dann ist doch im Prinzip alles in Ordnung.“

„Welcher Mann hätte wohl Interesse an einer verheirateten Frau.“

„Typen, die fremden Frauen auf die Toilette folgen?“

„Danke, das war gemein! Auf solche Klappskallis kann ich auch gerne verzichten.“

„Im Ernst. Da wird sich schon was finden.“

„Ich glaube nicht, dass ich daran wirklich Interesse habe.“

„Aber es ist doch nur für den Sex.“

„Eben.“

„Dann musst du dich wohl von Volker trennen.“

„Das will ich aber nicht“, meckerte Moni, die sich irgendwie im Kreis drehte. „Dann verzichte ich lieber auf Sex.“

„Geh wenigstens zu ihm zurück und klär diese Geschichte. Vielleicht gibt ja noch eine andere Möglichkeit.“

„Das muss ich sowieso irgendwann tun.“

„Genau, also mach es bald! Damit du es hinter dir hast.“

Frauke hatte Recht. Moni konnte sich nicht ewig vor der Auseinandersetzung mit dem Unvermeidlichen drücken. Vielleicht war heute nicht der günstigste Tag dafür, aber Moni riss sich zusammen und fuhr nach Hause.

*

Volker schien sie nicht erwartet zu haben. Sebastian sowieso nicht. Und Moni hatte Sebastian schon gar nicht erwartet. Die beiden machten sich gerade fertig zum Ausgehen. Sie starrten Moni, die plötzlich mit großen Augen in der Tür stand, entgeistert an. Moni grüßte Sebastian nur sehr flüchtig und zog Volker am Arm widerspruchslos mit in die Küche.

„Das ist ja wohl das Letzte. Jetzt bringst du deine Stricher schon mit in unserer Wohnung!“

Volker schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

„Sebastian ist doch kein Stricher. Er ist nur ein guter Freund.“

„Dann eben deinen Kuppler“, setzte Moni gereizt nach.

„Jetzt reicht’s aber! Ich verstehe ja, dass du sauer bist. Aber Sebastian hat mit dieser ganzen Geschichte überhaupt nichts zu tun.“

„Ach nein? Er war es doch, der dich mit in diesen Puff geschleppt hat?“

„Sauna!“

„Puff!“

„Ach, was soll das. Auf dieser Ebene unterhalte ich mich erst gar nicht mit dir.“

Volker wollte gehen. Aber Moni hielt seinen Arm fest und riss ihn heftig zurück.

„Wage es nicht mich hier stehen zu lassen!“, drohte sie.

„Was sonst? Legst du den bösen Jungen sonst übers …“

Mit der Ohrfeige hatte er beim besten Willen nicht gerechnet. Volker starrte sie stumm an.

„Verdammt, da bist jetzt selbst dran schuld!“

„Weil ich lieber Männer mag?“ stotterte Volker immer noch geschockt. Keiner von beiden hatte in den 17 Jahren Ehe je die Hand gegen den anderen erhoben.

„Ja“, sagte Moni und begann unangekündigt zu weinen.

Volker versuchte sie zu trösten und in den Arm zu nehmen.

„Lass mich!“ schrie sie hysterisch.

Er zog sich wütend zurück. Die Küchentür flog krachend ins Schloss, und er war weg.

Moni stürmte hinterher. Im Wohnzimmer saß Sebastian und blätterte unbeteiligt in einer Marie Claire.

„Wo ist er hin?“ schrie Moni ihn an. Sebastian zeigte stumm mit dem Finger in Richtung Schlafzimmer.

„Freu dich bloß nicht zu früh!“ rief sie Sebastian vom Treppenabsatz zu. „So schnell gebe ich nicht auf.“

Sebastian zuckte mit den Achseln und blätterte seelenruhig weiter in der Zeitschrift herum.

Vom Anklopfen hielt Moni in diesem Stadium nichts. Volker saß zusammengesunken auf seinem Bett. Moni baute sich schwer atmend vor ihm auf und hätte ihn am liebsten mit den Fäusten bearbeitet. Es sah nicht so aus, als ob Volker zu wirklicher Gegenwehr fähig gewesen wäre.

„Es…“, Moni wollte das nicht sagen: „…tut mir leid.“

„Mir ja auch“, lenkte Volker geknickt ein.

„Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Ich bin nur noch wütend.“

„Vielleicht brauchst du noch etwas mehr Zeit, um dich an den Gedanken zu gewöhnen.“

„An den Gedanken gewöhnen. Den Gedanken, dass du …!“

Moni bemerkte, dass sie schon wieder begann, sich aufzuregen und versuchte sich zusammenzureißen: „Ja, ich denke schon. Wenn ich mich damit überhaupt irgendwann abfinden kann.“

„Besser wäre es ja.“

„Ich packe ein paar Sachen und verschwinde erst mal wieder.“

„Wann kommst du zurück?“

„Keine Ahnung.“

„Ich möchte aber gerne, dass du bald wieder nach Hause kommst. Es ist sehr einsam ohne dich.“

„Ach ja, nun dein Trost sitzt ja schon in meinem Sofa und liest meine Zeitschriften.“

„Oh, Moni …“

„Schon gut“, sagte Moni. Sie hatte auch keine Lust mehr weiter zu streiten.

Moni packte sich Sachen für zwei Wochen ein.

Sebastian und Volker waren unten im Wohnzimmer. Ihre Pläne für diesen Abend schienen geplatzt zu sein. Volker schien einen Abend zu Hause vorzuziehen.

„Glaub ja nicht, dass ich mich geschlagen gebe“, sagte Moni zu Sebastian, der sie mitleidslos ansah.

„Ist bestimmt nur ein taktischer Rückzug.“

„Du gehst gerade knapp an einer Ohrfeige entlang.“

„Hört auf euch anzugiften!“ fuhr Volker dazwischen.

„Wenn Madame aufhört rum zu zicken, an mir soll’s nicht liegen.“

„Ihr geht mir auf die Nerven, alle beide.“

Volker stand auf und verschwand wütend wieder in der Küche.

„Na toll, jetzt hast du ihn deprimiert.“

„Ich?“ rief Sebastian. „Wer hier wohl den Frustpoller spielt, möchte ich mal wissen?“

Was bildete sich dieser Kerl bloß ein?

„Blödmann!“ schimpfte Moni und nahm ihre Taschen auf.

„Dumme Ziege!“ konterte Sebastian sofort.

Moni lag noch etwas auf der Zunge, aber sie ließ es gut sein.

*

Frauke war überrascht, als sie Moni so schnell wieder sah. Insbesondere mit den beiden Koffern.

„Es hat keinen Zweck. Sobald ich ihn sehe, werde ich wütend und fange an mich mit ihm zu streiten. Und dann war auch noch dieser Sebastian da. Der ist doch letztlich schuld an der ganzen Geschichte.“

„Glaubst du das wirklich?“

Moni brauchte nicht lange nachzudenken.

„Nein, natürlich nicht. Aber wütend bin ich trotzdem.“

„Warum?“

„Keine Ahnung, ich bin völlig hilflos. Die glauben doch, dass ich als Frau einfach nichts wert bin.“

„Aha! Du meinst, weil du sexuell nicht mehr attraktiv bist, bist auch als Mensch nichts mehr wert, ja? Ziemlich sexistisch gedacht.“

„Das ist mir doch egal, wie das gedacht ist. Fakt ist: Mein Mann glaubt, dass ich nur noch ein Wesen zweiter Klasse bin. Das kann ich nicht ertragen.“

„Und deswegen verlässt er dich auch nicht einfach und quält sich ewig weiter mit dir rum.“

Moni schwieg.

„Warum gibst du den Männern nicht wenigstens eine Chance?“

„Du hast gut reden. Du hast abgenommen, du bist attraktiv, dein Mann ist normal und liebt dich.“

„Meinst du dein Mann ist schwul, weil du zu dick bist?“

„Nicht?“

Frauke musste lachen. Das war unpassend, aber ansteckend.

„Wäre es dann nicht leichter gewesen, sich eine dünnere Liebschaft anzulachen?“

„Ja, ja, du hast schon Recht. Es ist nicht meine Schuld.“

„Das ist wahr.“

„Aber wenn ich rechtzeitig abgenommen hätte, vielleicht …“

„Das ist kompletter Unsinn. Ich sage dir mal was zum Abnehmen. Mein Mann hat mich geheiratet, weil ich so war, wie ich war. Als ich abgenommen habe, verschwand auch eine Menge Interesse an mir. Der baggerte jetzt jedes kräftig gebaute Modell an, das er zu Gesicht bekommt. Hat er dich etwa noch nicht angebaggert?“

„Nein.“

„Nein?“

„Nicht richtig.“

„Na also! Ich war mit dem Fett an mir nicht zufrieden. Er schon. Und das sucht er sich jetzt woanders. Soll ich deshalb wieder zunehmen? Oder ihn verlassen?“

„Geht er denn fremd?“

„Selten. Aber das ist mir auch egal. Er wird auf alle Fälle bei mir bleiben. Zwar auch nicht gerade deshalb, weil ich sein erotischer Tagtraum bin, aber weil wir schon viel zu lange zusammen leben, um uns über solche Kleinigkeiten aufzuregen.“

„Wenn er nie mehr mit dir schlafen würde, wäre das doch wohl keine Kleinigkeit? Na, und hin und wieder wird dein Mann ja wohl mit dir …“

„Das schon, aber das ist nicht der Punkt. Auch wenn er es ganz lassen würde, änderte sich an meinen Gefühlen für ihn doch wohl nichts.“

„Meine Gefühle ändern sich aber.“

Moni konnte sich einfach nicht dem Gedanken abfinden, dass sie in Zukunft mit ihrem eigenen Mann befreundet sein würde.

„Wenn du möchtest, helfe ich dir. Wir könnten uns mit deinem Mann an einem neutralen Ort verabreden und du versuchst ihn einfach mal ausreden zu lassen. Vielleicht findet sich ja dann eine Lösung, wie es weitergehen soll.“

„Du kommst mit und hältst mich zurück, wenn ich ihm an die Gurgel gehe?“

„Klar.“

„Na gut, so wird’s gemacht.“

*

Frauke rief Volker an und machte gleich eine Verabredung für den kommenden Donnerstag aus. Eigentlich war Moni das zu früh. Volker bestand auch noch darauf, dass Sebastian mit von der Partie wäre. Moni gab widerwillig nach, weil sie zugeben musste, dass sie selbst ja auch nicht allein käme.

Als der Donnerstag nahte, war Moni nicht mehr so sicher, dass das alles eine gute Idee war. Aber Frauke ließ nicht locker. Den ganzen Donnerstagnachmittag verbrachten die beiden Frauen damit, sich zurecht zu machen. Das war eigentlich idiotisch, sich für ein Treffen mit zwei schwulen Männern so aufzumotzen. Aber erstens lenkte es Moni ab und zweitens fühlte sie sich in netten Klamotten einfach sicherer.

Frauke schien bald ebenso aufgeregt zu sein wie Moni. Obwohl ihr das alles doch eigentlich egal sein konnte. Punkt 19 Uhr standen die beiden Frauen aufgedonnert wie zwei Oscar-Gewinnerinnen auf dem Parkplatz vor dem portugiesischen Restaurant, in dem sie verabredet waren. Sie mussten sich tatsächlich von dem Küchenjungen durchs offene Fenster nachpfeifen lassen, während sie dort zehn Minuten standen. Schließlich beschlossen sie, drinnen zu warten, um keinen zweifelhaften Eindruck aufkommen zu lassen.

*

Volker und Sebastian ließen sie weitere zehn Minuten warten. In einem Restaurant zu sitzen und nicht wenigstens etwas bestellen zu können, machte hungrig.

Moni bestellte wortkarg einen Vorspeisenteller. Sie wollte sich jetzt keinesfalls einschränken. Wenn dieser dämliche Sebastian auch nur einen Ton zu ihrem Essverhalten verlauten liesse, gäbe es Hackfleisch zum Hauptgang.

Aber Sebastian übersah die Mengen, die sich bald auf ihrem Teller türmten beiläufig. Gott sei Dank schlug auch Frauke ordentlich zu. Moni dachte, dass Frauke nur einen Salat und etwas gedünsteten Fisch nehmen würde. Um ihre Figur zu halten. Aber ein paar Pfund mehr könnten ihr nicht schaden, meinte Frauke und bestellte die halbe Karte rauf und runter.

Das Gespräch ging anfangs schleppend voran. Erst nachdem alle das zweite Glas Weißwein hinter sich gelassen hatten, entspannte sich die Atmosphäre ein wenig. Aber wirklich wohl fühlte sich wohl keiner am Tisch.

„Also, wie geht es jetzt weiter?“ versuchte Moni, das Gespräch in die richtige Bahn zu lenken.

„Karamell-Pudding, unbedingt, sonst hätten wir gar nicht herkommen müssen“, sagte Sebastian.

Und das war das bisher erste Mal, dass Moni ihn nicht ganz so unsympathisch fand.

„Ich dachte eigentlich an etwas anderes“, setzte Moni nach.

„Diese eingeweichten Zimtkekse! Stimmt, die sind auch nicht schlecht.“

„Ich meine nicht das Essen“, wurde Moni deutlicher.

„Ach, Problemrunde, das wohl mehr dein Revier, Volker.“

„Ja genau.“

Volker faltete pedantisch eine Serviette zusammen.

„Ich möchte, dass du möglichst bald nach Hause kommst.“

„Und dann? Wie soll es weiter gehen?“

„Das werden wir sehen.“

„Ich habe aber keine Lust, immer irgendwelche fremden Kerle in meiner Wohnung anzutreffen“, sagte Moni und schaute ziemlich eindringlich zu Sebastian hinüber.

„Das liesse sich regeln.“

„Wenn der Herr sich auch damit abfinden kann?“ hakte Moni gleich nach.

„Ich denke schon. Sebastian?“

Sebastian reagierte nicht.

„Sebastian! Sie will nicht, dass du bei mir zu Hause herumhängst!“

„Schon klar, kein Problem“, wischte Sebastian die Frage beiseite.

„Hörst du überhaupt zu?“ fragte Volker.

„Ich glaube kaum“, sagte Frauke. Sie so saß als einzige so, dass sie sehen konnte, wo Sebastian die ganze Zeit hinstarrte.

Auch Volker drehte sich nun um.

„Den kenne ich aus der Therme.“

„Genau“, sagte Sebastian abwesend und machte ein Zeichen mit der Faust. „So eine Kanone.“

„Nichts für euch“, sagte Frauke, die den Küchenjungen identifizierte. „Der hat uns schon auf dem Parkplatz nachgepfiffen.“

„Ach was! Das waren die Küchendämpfe, die haben ihm das Hirn vernebelt.“

Moni saß fassungslos da. Auch Volker hatte nur noch Augen für diesen albernen Küchenjungen. Keiner schien sich sonderlich für ihre Probleme zu interessieren. Selbst Frauke hatte sie verlassen. Waren die alle verrückt geworden. Offensichtlich war sie die einzige, die noch bei Verstand war.

„Ich sage euch, der steht nicht auf Kerle“, beharrte Frauke.

„Pah, du hättest mal sehen sollen, wie er sich in Therme an den Ägypter rangemacht hat. Du weißt schon, den mit der misslungenen Dauerwelle, dem die Haare immer so am Kopf kleben.“

Volker nickte. Offensichtlich kannte er den Ägypter. Moni war der Hunger auf Karamell-Pudding vergangen. Hatte hier jemand ein Stöckchen zum Apportieren geworfen, dass alle Hunde lossprangen, wie von der Tarantel gestochen?

„Könntet ihr euch jetzt mal zusammenreißen.“

Volker wendete sich endlich vom Tresen ab.

„Entschuldigung, wo waren wir?“

„Soll das jetzt immer so laufen? Wir gehen essen und du glotzt jedem Kellner nach?“

„Nun mach mal einen Punkt, Mutter“, mischte sich Sebastian ein. „Das ist nicht irgendein Kellner. Das ist ein portugiesischer Musterknabe. Schau dir nur mal diese Figur an! Ich wette, er hat ganz wunderbare zarte Hände.“

„Wenn er sie nach dem Spülen eincremt, bestimmt“, flachste Frauke, die sich ja wohl bestens mit Sebastian zu verstehen schien.

„Außerdem ist es nur der Küchenjunge“, erklärte Frauke. „Ansonsten muss ich Sebastian aber Recht geben, das ist schon ein süßes Geschöpf.“

„Wenn ich gewusst hätte, dass hier solche Modelle die Steaks weich klopfen, wären wir hier schon öfter mal essen gegangen, nicht wahr?“

Volker verweigerte die Antwort.

„Na, los Volker, das war eine Frage“, zickte Moni. „Wärest du wegen eines Küchenjungen hier essen gegangen?“

Volker zuckte die Achseln.

„Der Italiener, wo wir sonst hingehen, hat gleich zwei von der Sorte zu bieten.“

„Ach, wer weiß, was die hier noch für Schätze in Ihrer Küche versteckt halten“, winkte Sebastian ab.

„Einen Ausweis vom Gesundheitsamt bräuchte man jetzt.“

„Frauke!“

Sebastian und Volker lachten.

„Dann könnten wir sogar die Fingernägel kontrollieren!“ freute sich Sebastian.

„Zeigt her eure Händchen, zeigt her eure…“, alberte Frauke ungerührt weiter und schwenkte dabei die eigenen Hände im Takt.

„Schwänzchen“, vollendete Volker hemmungslos albern.

Das war nicht komisch. Fand zumindest Moni. Auch, wenn sie mit dieser Einstellung ziemlich einsam dasaß. Sie war enttäuscht von Frauke. Sie sollte sich nicht mit den beiden amüsieren, sondern ihr gefälligst helfen, ihren Mann zurück zu kriegen.

„Der ist nie im Leben schwul“, setzte sie gleich wieder nach.

„Darauf gehe ich jede Wette ein.“

„Angenommen“, triumphierte Frauke.

„Um was?“

„Eine Flasche Champus in einem Lokal freier Wahl“, setzte Frauke fest.

„Das wird teuer.“

Volker nickte, als Sebastian ihn fragend ansah.

„Die Wette gilt.“

„Wie wollt ihr das denn rauskriegen?“ fragte Moni, die allmählich nur noch genervt war und sich ausgegrenzt fühlte.

„Kein Problem! Wer will jetzt Karamell-Pudding? Drei? Moni?“

„Fünf!“ antwortete sie mürrisch. Wenn sie schon keinen Spaß hatte, konnte sie sich wenigstens mit ihrem Lieblingspudding trösten.

„Alles klar“, sagte Sebastian und stand auf. Er sprach mit dem Küchenjungen am Tresen und kam zurück.

„Sieht schlecht für dich aus, er kommt gleich zu uns rüber.“

„Abwarten“, sagte Frauke grinsend.

Kurz darauf kamen fünfmal Karamell-Pudding und der Küchenjunge an ihren Tisch.

Moni musste feststellen, dass Sebastian bei dem fünften Pudding wohl an den jungen Portugiesen gedacht hatte und nicht etwa an sie.

Philipe stellte sich in gebrochenem Deutsch vor, und er hatte wirklich schöne zartgliedrige Finger. Mit denen er aber leider Monis zweiten Pudding verzehrte. Das machte ihn ihr keineswegs sympathisch. Gott sei Dank schien Volker keinen Hunger mehr zu haben und er schob ihr irgendwann kommentarlos seinen angefangenen Pudding rüber. Volker war halt ein Schatz. Jedenfalls, wenn er endlich damit aufhören könnte, diesen völlig unterbelichteten Küchenjungen anzuhimmeln.

„Ahh, trinken Tokaier, sehr gut Schnaps.“

Was daran amüsant war, blieb Moni eindeutig verschlossen. Auch die folgende Erzählung von Mutti, die arm zu Hause sitzt, und fünf Geschwister und in Deutschland Wetter schlecht, alles viel schön in Portugal. Blah, blah, blah.

Sicher war der Junge nett, aber warum mussten alle am Tisch so tun, als wenn sie gerade dem jungen James Dean begegnet wären. Offensichtlich schien Frauke jedoch die Wette zu gewinnen. Jedenfalls hatte Moni den Eindruck, dass sie von ihm die eindringlichsten Blicke zurückbekam. Nach dem vierten oder fünften Tokaier flüsterte er ihr sogar etwas ins Ohr. Damit war die Sache für Moni entschieden. Sie fand, die beiden Männer könnten jetzt aufhören, sich weiter lächerlich zu machen. Es war wirklich albern mit anzusehen, wie ihr ausgewachsener Mann einem vielleicht 20jährigen portugiesischen Küchenjungen Blicke zuwarf, als säße ihm Marilyn Monroe gegenüber und hätte ihr Feuerzeug verloren.

Frauke war unterdessen aufgestanden und schien noch etwas zu bestellen. Auch der junge Portugiese stand nun auf und verschwand endlich wieder in der Küche. Wenn Moni noch nüchtern genug war, könnten sie jetzt endlich mal über die wichtigen Sachen in ihrem Leben sprechen.

Frauke kam mit ihrer Jacke zurück an den Tisch.

„Wollen wir schon gehen?“

„Ich habe gerade gezahlt. Einen Schlüssel hast du, ja?“

„Was? Ich bin ohne Auto hier!“

„Ich denke, dein Mann kann dich fahren.“

„Nein, warte, ich komme mit.“

„Tust du nicht, meine Liebe.“

„Was?“

In diesem Moment sah Moni, dass der Küchenjunge seine Jacke ebenfalls angezogen hatte und am Ausgang wartete.

„Das kann nicht dein Ernst sein!“

„Oh doch, das ist mein völliger Ernst. Und Jungs, war ein schöner Abend mit euch. Wir sehen uns. Ich sage euch dann, wo wir den Champagner schlürfen!“

Damit verabschiedete sie sich und verschwand mitsamt dem Küchenjungen.

„Scheiße“, fluchte Sebastian belustigt. „Das kommt uns teuer.“

„Mal gewinnt man, mal verliert man“, stellte Volker trocken fest.

„Das deprimiert mich. Ich brauche jetzt dringend noch ein bisschen Aufmunterung. Stört euch doch nicht, wenn ich mich ins Chaps verziehe?“

„Keineswegs.“

„Wir sehen uns Samstag. … Madame!“

Moni nickte.

Sie blieb allein mit Volker zurück, und sie war nicht wütend.

„Ist das immer so, wenn ihr loszieht?“ fragte sie mit einem leicht resignierten Unterton.

„So und manchmal schlimmer.“

„Schlimmer, na darüber möchte ich gar nicht nachdenken.“

„Soll ich dich gleich zu Frauke bringen?“

„Ich könnte auch mit dir nach Hause fahren, oder?“

„Na klar!“

„Das andere wäre jetzt doch nur ein Umweg.“

„Gefiel dir der kleine Portugiese eigentlich auch?“ fragte Moni, obwohl seine penetranten Blicke da kaum einen Zweifel dran gelassen hatten.

„Fandest du ihn nicht niedlich?“

„Er war ganz süß, ein bisschen jung vielleicht, aber sonst fand ich, war da nicht viel dran“, gab Moni ehrlich zu.

„Eben. Genauso sehe ich das auch.“



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