Kapitel 7

Heiße Luft

Als Moni am Freitag frühzeitig nach Hause kam, fand sie Volker in der Küche mit dem Abwasch beschäftigt. Sie lachte schallend, als sie ihren Pilotenkoffer auf den Küchenstuhl gewuchtet hatte. Volker ließ sich anstandslos auf die Wange küssen. Dann erledigte sie das Abtrocknen und Volker lud sie dafür zum Essen ein. Es hatte sich alles wieder eingerenkt. Sie war zufrieden.

Beim Nachtisch schlug sie Volker vor, jemanden für den Haushalt einzustellen. Schließlich hatten sie ein Gehalt mehr und Moni war nicht arbeiten gegangen, weil zu wenig Geld da war. Der Haushalt kam jetzt eindeutig zu kurz. Ehrlich gesagt hatte Moni auch keine Lust mehr, zusätzlich noch die Hausarbeiten zu erledigen. Lieber wollte sie von ihrem Gehalt eine Haushaltshilfe bezahlen. Sie konnte ihre Zeit besser nutzen, um in der Welt der Modegeschäfte herumtoben und ihre Kleider loszuschlagen.

Volker war absolut ihrer Meinung und hörte sich tatsächlich an, was sie für Anekdoten aus ihrem neuen Berufsleben zu erzählen hatte. Moni wurde erst jetzt klar, dass sie früher nie etwas zu erzählen hatte. Dann erzählte Volker von seinen Geschäften. Und Moni konnte kaum fassen, dass sie das interessierte. Sie fand es richtig spannend, ihre Erfahrungen zu vergleichen. Früher hatte Volker nie von der Arbeit erzählt. Oder hatte er? Doch. Ganz, ganz früher. Aber irgendwann hatte sie es nicht mehr hören wollen? Keine Ahnung, warum.

Der Abend verging wie im Flug. Moni vermisste nicht einmal den Sex, obwohl es der Sache natürlich den letzten Schliff verliehen hätte. Sie hatten sich gut amüsiert und waren beide müde von der anstrengenden Woche und dem Wein. Da hätte ein bisschen Sex bestimmt für Ausgleich gesorgt.

Am Samstag verbrachte Moni den ganzen Tag in der Innenstadt. Sie bekam zwar die Kleider umsonst, aber es fehlte ihr immer wieder an passenden Accessoires. Strümpfe, Schuhe, sie kaufte gleich drei Paar Schuhe und Schmuck. Früher war es immer so gewesen, dass sie in die Stadt ging um einzukaufen, aber einfach nichts Passendes fand. Jetzt wusste sie nicht nur, wo sie bestimmte Sachen in der richtigen Größe kriegte, schließlich war sie ja vom Fach, sondern traute sich auch, viel mehr Sachen auszuprobieren.

Spät abends kam Volker nach Hause. Sie hatte ihn noch gar nicht vermisst. Trotz Haushaltshilfe gab es genug für sie zu tun. Als er endlich neben ihr auf Sofa saß, tranken sie noch eine Flasche Wein zusammen und sahen etwas fern. Zu mehr hatte Moni gar keine Lust.

Für den Sonntag hatte Moni nichts auf der Liste. Sie fiel sofort in ein tiefes, schwarzes Loch. Nachdem sie sich daran gewöhnt hatte, den ganzen Tag über auf Achse zu sein, graute ihr vor der Aussicht, 12 Stunden auf dem Sofa vor dem Fernseher zu verbringen. Es war ihr auf einmal schleierhaft, wie sie das hatte jahrelang durchziehen können. Kekse waren auch nicht keine mehr im Haus. Sie hatte schlicht vergessen welche zu kaufen. Wenigstens war das ein Grund zur nächsten Tankstelle zu fahren.

Volker hatte sich kurz nach dem Frühstück verabschiedet. Er wollte in die Sauna. Erst als sie die Haustür ins Schloss fallen hörte, wurde ihr klar, dass sie ja auch in die Sauna gehen könnte. Es kam ihr zwar kurz in den Sinn, dass sie sich dort wohl nackt präsentieren müsste, aber wem es nicht gefiel, der konnte ja weggucken.

Sie schnappte sich ein paar Sachen und beeilte sich, Volker, wenn möglich noch vor dem Schwimmbad, einzuholen.

Die Eile wäre nicht nötig gewesen. Vor dem Friseur Frenzel erkannte sie Volker schon weitem. Er stand vor dem Laden und sah auf die Uhr. Offensichtlich wartete er auf jemanden. Also doch, dachte Moni und spürte, wie ein Brei aus Angst durch ihr die Därme schoss. Wie hatte sie die ganze Zeit über so dumm sein können? Wieso hatte sie ihm bloß getraut? Sie war doch eine Frau. Eigentlich hätte sie es besser wissen müssen!

Die Tür des Salons Frenzel ging auf. Erst kam der junge Friseur aus dem Laden. Volker würde sich wohl noch ein bisschen gedulden müssen. Tat er aber nicht. Zu Monis Erstaunen gab Volker dem Mann die Hand und sie gingen gemeinsam die Straße hinunter. Moni beschloss ihnen zu folgen. Vielleicht hatte er sich ja nur mit seinem Friseur befreundet. Ein schwacher, unglaubwürdiger Hoffnungsstrahl erfasste ihr Herz. Aber wer verabredete sich schon mit seinem Friseur, um mit ihm in die Sauna zu gehen?

Zwei Querstraßen weiter verschwanden die beiden Männer in einem Treppenaufgang. Von wegen Sauna! Moni beeilte sich, ihnen zu folgen. Wer wusste schon, wohin die beiden da verschwanden? Moni überflog die Klingeln. Wahrscheinlich so ein Hausfrauenpuff. Ihr Blick blieb an einer großen Marmorplatte hängen.

„Therme dry – Sauna and more.“

Moni schwitzte nicht nur von den paar Schritten, die sie eben gerannt war. Das ging ihr alles zu sehr durcheinander. Also doch eine Sauna! Aber warum ging Volker mit seinem Friseur und nicht mit ihr in die Sauna? Er hatte sie ja nicht einmal gefragt, ob sie Lust hätte ihn zu begleiten. Entsprechende Sachen hatte sie ja dabei. Sie beschloss den beiden zu folgen und endgültig zu klären, was hier lief.

Moni schob die Glastür auf. Drinnen war alles unbeschreiblich edel ausgestattet: Marmor an den Wänden, Chrom und Edelhölzer. Farne in großen Steintrögen, milde, punktuelle Halogenbeleuchtung, ein gewaltiger Tresen aus Edelstahl und Holz, gehalten durch eine Stahldrahtverspannung.

Das hatte alles nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem öffentlichen Schwimmbad. Am absurdesten wirkten jedoch die beiden Figuren hinter dem Tresen. Der eine, eine schmächtige Bohnenstange mit Zopf, der selbst für einen Bademeister recht dürftig bekleidet war. Der andere mit Schnauzbart und schwarzen Haaren hatte eine mit Nieten übersäte Lederweste über dem nackten, aber offenbar eingeölten Oberkörper. Die beiden starrten Moni an, als käme sie von einem anderen Stern.

Moni starrte wohl genauso zurück und zögerte einen Moment. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, gerade etwas falsch zu machen. Trotzdem trat sie beherzt an den Tresen und orderte einmal Sauna.

„Nur Männer!“ erklärte die Lederweste knapp.

„Ist heute Herrentag?“ wollte Moni wissen, die mit der Kurzinformation nichts so recht anfangen konnte.

„Ist heute Herrentag fragt es?“ kreischte die Bohnenstange in wenig männlicher Stimmlage.

Der Schnauzbart grinste breit. Und erklärte mit einem umso sonoreren Bass: „Ja genau, heute ist Herrentag. Von Montag bis Sonntag ist Herrentag.“

„Und wann kommen dann Frauen rein?“ fragte Moni, die ihre Gedanken im Moment nicht richtig auf die Reihe kriegte.

„Oh Gooot! Helga, es will dich foppen!“

Die Bohnenstange schien völlig hysterisch zu werden. Moni sah sich um. Mit Helga konnte, sofern sie noch alle Tassen im Schrank und alle Sinne beieinander hatte, nur der Kerl in Leder gemeint sein.
Der beugte sich mit verschränkten Armen etwas vor und sagte bestimmt, aber keineswegs unhöflich: „Frauen kommen hier gar nicht rein.“

„Verstehe“, sagte Moni entgegen ihrer Überzeugung. Ihre Intuition sagte ihr, dass jede weitere Frage nur noch verwirrendere Antworten provozieren würde. Sie drehte sich auf den Absätzen um.
„Vielen Dank auch“, rief sie höflich aber gedankenlos zurück und drängte sich durch die Tür.

„Manche schnallen es einfach nicht“, trompetete die Bohnenstange.

„Vielleicht war die nicht echt.“ sagte der andere.

„Ne Transe? Nie im Leben…“, erklärte die Bohnenstange kategorisch mit lächerlich langgezogenem ‚A‘.

Draussen sog Moni beherzt einige Züge Abgase ein und versuchte, sich zu sortieren. Das ginge wohl am besten zu Hause. Sie machte sich auf den Heimweg und begann nachzudenken.

*

Sie dachte noch immer über das Geschehene nach, als Volker gut gelaunt und sichtlich entspannt nach Hause kam. Zu einem Ergebnis war sie mit ihren Überlegungen noch nicht gekommen, aber dafür hatte sich bei ihr schlechte Laune eingestellt. Das entging auch Volker nicht, und er machte den verhängnisvollen Fehler zu fragen, was denn los sei. Kaum waren die Worte Zufall und Sauna gefallen, beendet Volker das Gespräch abrupt.

„Wir können da gerne drüber reden. Aber gib mir bitte erst einen Moment Zeit. Warte hier, bin gleich wieder da.“

Er verschwand in seinem Zimmer und tauchte einige Minuten später mit einer Flasche Whiskey in der Hand wieder auf.

„Irgendwie war klar, dass das alles nicht gut gehen würde. War mir schon klar, dass ich das nicht ewig verheimlichen konnte. Also: Sebastian und ich gehen da hin und wieder hin, um jemanden aufzureißen.“

„Aber da kommen doch nur Männer rein!“

„Eben!“

Moni war nicht blöd und hatte natürlich längst begriffen, worauf das alles hinauslief. Aber entweder wollte sie es nicht glauben, oder nicht hören, oder nicht wahrhaben, keiner wusste es.

„Ich glaube, ich verstehe das nicht“, sagte sie stur.

„Doch, das verstehst du schon“, sagte Volker und goss sich das Glas randvoll. „Du entschuldigst sicher, wenn ich mich nebenbei sinnlos betrinke?“

Moni nickte.

„Also. Tendenzen in dieser Richtung hatte ich irgendwie schon immer bemerkt, schon in der Schule. Aber da waren es immer nur vereinzelte Phasen. … Dachte ich zumindest. … Dann haben wir geheiratet und es war lange Zeit nichts. Als es wieder losging, dachte ich, es sei wieder nur eine Phase. Es ging jedoch nicht wieder weg. Dann habe ich Sebastian getroffen und der hat mir die Türen geöffnet und irgendwann war dann klar: Es ist keine Phase, alles andere waren Phasen, aber das ist die Realität. … Und seitdem ziehe ich regelmäßig mit Sebastian los.“

Monis Kehle war völlig ausgetrocknet. Sie fühlte wie die Schleimhaut im Hals rissig wurde, sie konnte jeden Moment innerlich verbluten, weil ihre eigene Schleimhaut aufplatzen und kleine harte Hautfetzen ihren Hals aufschlitzen würde.
„Du bist schwul!“ stellte Moni fest und die Worte schrappten an der ausgetrockneten Haut im Hals nur knapp vorbei, ohne ernsten Schaden zu verursachen.

Volker rührte ungerührt mit seinem Finger in dem vollen Whiskeyglas herum.

„Sag es!“ Das sollte nicht wie eine Drohung klingen, tat es aber. War wohl die trockene Kehle dran schuld.

„Ich bin schwul“, sagte er tonlos. „Prost.“

Er nahm einen guten Schluck und verzog das Gesicht.

Moni war weder in der Lage etwas zu sagen, noch etwas zu denken. Sie konnte nicht einmal denken: ‚Hilfe, mein Mann ist schwul?‘ Obwohl das sicherlich ein sinnvoller Gedanke gewesen wäre. Aber er kam ihr einfach nicht. Entweder rasten ihre Gedanken so schnell und so wirr durch ihren Schädel, dass sie einfach keinen richtig zu fassen kriegte, oder aber, so kam es ihr eigentlich vor: Sie hatte keine Gedanken.

„Tja, dein Mann ist schwul. So sieht’s aus. Ich bin schwul und du bist fett. Haben wir beide vorher nicht gewusst. So eine Ehe bringt wohl immer einige Überraschungen mit.“

Moni konnte immer noch nichts denken. Sie hatte nicht einmal die Beleidigung wirklich wahrgenommen. Irgendwo draußen im Universum schien etwas rosa zu rauschen.

Volker sah sie erwartungsvoll an. Seine Augen waren feuchter als eine gesunde Hundeschnauze. Sie wusste, dass es ihm leid tat. Was auch immer es war.

„Herrgott, sag endlich was! Sag wenigstens ‚schwule Sau‘ oder so was in der Art. Ich kann das ab. Sei nicht so … so scheiß sprachlos. … Schrei mich von mir aus an, aber schau mich nicht an wie ein angeschossener Dackel. Das tut weh!“
Moni schüttelte den Kopf. Sie hatten endlich wieder einen Gedanken gefasst: ‚Whiskey‘.

Sie bediente sich. Volker wurde mit jeder Minute nervöser. Whiskey brannte einem den Magen aus. Sie nahm noch einen Schluck und spülte den Kloß runter. Der Whiskey brachte Klarheit.

„Was zum Teufel soll ich damit anfangen? Was soll ich jetzt tun?“

Volker schien erleichtert, dass sie endlich etwas sagte. Wahrscheinlich war es ihm völlig egal, was sie sagte.

„Ich weiß es nicht. Es tut mir leid. Aber es ist nun einmal so.“

„Toll. Toll. ­– Toll!“

Moni knallte das Glas auf den Tisch.

Volker starrte in sein Glas und wünschte sich wahrscheinlich, dass alles im Leben so klar und goldig warm wie Whiskey wäre. Aber das war es nicht.

„Ich rackere mich ab und mache mir endlose Gedanken, wie ich meine Ehe retten kann. Und was kommt dabei raus? Mein Mann ist schwul. Wie lange hättest du mich strampeln lassen, bevor du mir endlich gesagt hättest, wie sinnlos dieses ganze Theater ist.“

„Ich weiß nicht. Ich weiß das alles ja selbst noch nicht so lange.“

„Großer Gott! Ich dachte du bist impotent und mache voll auf Rücksicht und du tanzt während dessen mehrere Tage die Woche in einem Männerpuff auf. … Ich fasse es nicht!“

„Das ist kein Puff!“

„Ach nein?“

„Das ist eher ein Club für Gleichgesinnte.“

„Schön, das beruhigt ungemein.“

Moni schenkte sich nach. Sie trank eindeutig schneller als Volker.

„Und dann versprichst du mir, dass du dich nicht scheiden lassen willst! Und, dass es keine andere Frau gäbe! Das war ein Witz, nicht wahr? Ein Witz!“

Bevor Volker etwas einwenden konnte fuhr sie fort.

„Nein, keine andere Frau. Eine ganze Horde durchgedrehter Männer, die sich in der Sauna versuchen gegenseitig zum Herzinfarkt zu treiben. Prost!“

„Komm schon, übertreib jetzt nicht. So ist das nun auch wieder nicht. Und scheiden lassen will ich mich wirklich nicht.“

„Was soll denn das für eine Ehe werden, wenn du null Interesse an mir hast?“

„Ich habe dich schließlich irgendwann mal geheiratet. Da habe ich dich ja wohl geliebt, oder? Und in meinem Vertrag stand nichts über Sex. Nur wegen des Sexes habe ich dich bestimmt nicht geheiratet.“

„Vorsicht! Sag jetzt nichts Falsches!“

„Ach Quatsch. Für ’ne Frau warst du toll im Bett.“

„Für ’ne Frau?!“

„Ich habe dich damals geliebt und tue das noch heute. Nur meine Sexualität hat sich verändert, sonst nichts.“

„Klingt wirklich gut. So… so… überzeugend. Du armer Hund bist leider von heute auf morgen schwul geworden. Und wie soll so eine Ehe mit dir praktisch aussehen?“

„So wie bisher. Es hat doch bislang ganz gut geklappt.“

„Aber jetzt weiß ich nun mal, dass du schwul bist!“

„Das ist ja eher ein Vorteil, weil jetzt kein solches Geheimnis mehr zwischen uns steht.“

„Pah! Was weiß ich, womit du als nächstes rausrückst? Womöglich bist du gar kein Vertreter, sondern arbeitest in Wirklichkeit als Geheimagent für den Vatikan.“

„Unsinn! Lass diesen Unsinn. Ich meine es ernst. Wir haben jetzt die Chance, unsere Ehe viel ehrlicher und solider gestalten.“

„Ha. Ha. Ha. Sehr komisch. Wie darf ich mir das vorstellen? Ehrlicher!? Mir wird übel, und das ist nicht der Whiskey.“

„Wo willst du hin?“ fragte Volker, als Moni aufgestanden war und nach ihrem Mantel suchte.

„Ich fahre ein bisschen betrunken Auto. Zu einer Freundin vielleicht.“

„Mach keinen Unsinn! Ich kann dich doch fahren!“

Moni starrte auf das halb geleerte Whiskeyglas in Volkers Hand und musste lachen.

„Na, dann nimmst du eben ein Taxi.“

„Lass mich bloß in Ruhe! Ich muss nachdenken, ja. Und dann reden wir weiter.“

Moni verließ die Wohnung. Sie hatte den Autoschlüssel dabei und benutzte ihn auch.

Frauke war noch auf. Sie war nicht böse über die Störung und hörte sich Monis kleines Problem in aller Ruhe an.



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