Kapitel 5


Von all dem Theater auf der Party hatte Volker scheinbar nichts mitbekommen. Er hatte sich ja überhaupt nicht um sie gekümmert, hatte nicht einmal bemerkt, dass sie bestimmt fast 45 Minuten auf dem Klo verschwunden gewesen war. Sie hätte dort an inneren Blutungen sterben können, ihr Volker hätte es nicht bemerkt.

Moni verspürte die drängende Lust, ihn für die Geschehnisse des Abends verantwortlich zu machen. Schließlich hätte er sich wirklich etwas mehr mit ihr beschäftigen können. Noch waren sie immerhin verheiratet.

„Warum hast du dich den ganzen Abend nicht um mich gekümmert?“ fuhr Moni ihren Mann ohne Vorwarnung an, als er sich schon sicher war, er könne jetzt gleich hinauf ins Bett verschwinden.

„Was?“

„Ich habe langsam das Gefühl, dass du mich nicht mehr liebst.“

Volkers ganze Körperhaltung drückte ein Aufstöhnen aus, das er aber nicht artikulierte.

„Hast du eine andere? Sag’s mir doch, dann weiß ich wenigstens Bescheid.“

„Moni, bitte! Ich habe keine andere. Was soll denn jetzt dieses Theater?“

„Ach, du hast keine andere? Und warum fasst du mich dann nicht mehr an? Bin ich dir zu fett, ja?“

„Nein, das heißt ja, aber das ist es nicht.“

„Ja, nein, das ist es nicht. Sag mir jetzt, warum wir keinen Sex mehr haben, sofort!“

Moni hatte sich langsam in Wut geredet. Sie wollte eine Antwort und zwar pronto.

Volker schien sich vor der Antwort drücken zu wollen. Er verschwand in der Küche. Diesmal ließ Moni ihn aber nicht so einfach entwischen. In der Küche hatte er eine Flasche Sekt geöffnet.

„Ich habe einfach keine Lust, das ist alles“, beantwortete er ihre Frage und nahm einen Schluck aus dem halbvollen Sektglas.

„Keine Lust, ja?“ Moni griff nach Flasche und setzte sie an. Die Flasche war zu voll und der Sekt hatte zu viel Kohlensäure. Fast wäre ihr alles aus der Nase wieder herausgespritzt. Sie verschluckte sich und nach einer kurzen, schmerzhaften Hustenattacke, lief ihr der Sekt von beiden Seiten am Mundwinkel hinunter. Er floss weiter in zwei herzförmigen, kleinen Rinnsale über das Dekolleté und verschwand in der tiefen Spalte zwischen ihren Brüsten. Das kitzelte. Volker drohte zu lachen. Aber das sollte er mal wagen.

„Was soll das heißen: du hast keine Lust‘?“ fragte sie genervt.

„Sex ist mir nicht mehr so wichtig. Das ist wirklich alles. Wir kommen doch gut klar. Alles läuft bestens.“

„Ach ja, du kommst nach Hause, verschwindest im Bett oder gehst Squash spielen. Aber zusammen machen wir überhaupt nichts mehr. Das nennst du bestens klarkommen?“

„Komm schon!“

„Nix, komm schon. Wir sehen uns so gut wie gar nicht mehr. Ich bin hier völlig alleine. Andauernd warte ich darauf, dass du mal nach Hause kommst. Und dann kann ich dir bestenfalls Gesellschaft beim Abendbrot leisten.“

„Mein Gott, so eine Ehe hängt doch nicht nur am Sex!“

„Das nicht. Aber ohne Sex ist mit uns ja gar nichts mehr los. Sex wäre wenigstens etwas, was wir mal zusammen machen würden.“

„Wir haben eben unterschiedliche Interessen.“

„Genau, außer Sex haben wir gar nichts gemeinsam. Und jetzt kommst du mir damit, dass du dazu auch keine Lust mehr hast.“

Moni war jetzt fast auf 180 und hatte bei jedem Satz einen Schluck aus der Flasche genommen. Immer nur kleine, vorsichtige Schlucke, aber die trafen auf den Rest von Gin Tonic, den sie schlagartig reaktivierten. Moni wurde schwindelig. Sie stellte die Flasche auf dem Tisch ab und ging rüber zu Volker. Sie umarmte ihn und merkte gar nicht, dass sie schon wieder weinte.

„Ich will mich nicht scheiden lassen“, sagte sie jammernd. „Auf gar keinen Fall will ich das. Ich liebe dich. Aber es muss doch irgendetwas geben, das uns verbindet. Außer der Steuererklärung.“

Volker schwieg betreten, aber erwiderte ihre Umarmung.

„Ich will mich auch nicht scheiden lassen. Davon ist doch auch gar nicht die Rede. Das ist nur alles so schwierig.“

„Was denn?“

„Ich weiß nicht. Irgendwie bin ich wohl in so einer Art Midlife-Crisis. Ich weiß es wirklich nicht genau.“

Moni wischte sich die Tränen aus den Augen.

„Du schaust dich nach einer anderen Frau um?“ resignierte sie.

„Nein, wirklich nicht. Ich weiß es einfach nicht. Ich habe einfach nur keine Lust mehr. Vielleicht geht das ja wieder vorbei.“

Volker schien ernsthaft mitgenommen. Einen Moment lang glaubte Moni ihm, dass es keine andere Frau gab. Aber was sollte der Kram mit der Midlife-Crisis? Das war doch alles keine ausreichende Erklärung.

„Vielleicht können wir das ja irgendwie beschleunigen“, sagte sie aufmunternd und ließ ihre Hand über seine Hose gleiten.

„Ich glaube nicht“, sagte er und schob sie sanft weg. „Jetzt muss ich erst mal eine Nacht darüber schlafen und alles durchdenken. Lass uns morgen weiter reden, ja?“

Moni schaute ihm verwirrt nach. Was war bloß mit ihm los?

„Willst du mich nicht vielleicht doch mit hoch nehmen?“ fragte sie, als er schon in der Tür stand und ihr eine gute Nacht wünschte.

„Nein, das ändert bestimmt nichts.“

Moni nahm noch einen Schluck aus der Flasche. Sie war enttäuscht und wütend.

„Scheiße“, schrie sie und gab ihrer Wut nach. Die Flasche zerschellte halbvoll am Küchenregal.

„Verdammte Scheiße!“

Das würde sie heute nicht mehr sauber machen. Ganz bestimmt nicht. Dann öffnete sie die Tür mit dem Eimer und dem Aufnehmer und machte sich an die Arbeit. Die zwei Schnitte in der Handfläche waren nicht tief, aber sie hätte es doch liegen lassen sollen, in diesem Zustand.

*

Moni wachte beinahe vollständig bekleidet, aber unbedeckt in ihrem Bett auf. Ihr Kopf war über Nacht zu einem Kürbis angeschwollen.

Der erste Versuch sich aufzurichten, scheiterte an einer plötzlichen einsetzenden Schwindelattacke. Nach zehn Minuten auf dem Rücken hatte sie das Gefühl, es erneut versuchen zu können. Die kalte Dusche half nicht. Aber die drei Aspirin zeigten bald Wirkung. Sie hatte maßlosen Hunger. Am besten auf etwas Warmes und Deftiges. Vorsorglich holte sie alles aus dem Eisschrank, was essbar war.

Sie aß langsam stopfend, ohne jeden Genuss und schämte sich. Dieser ganze gestrige Abend musste schleunigst aus der Erinnerung gestrichen werden. Erst dieser kleine Widerling, dann hatte sie einer fremden Frau all ihre Probleme aufdrängt und zu guter Letzt von Volker erfahren, dass er tatsächlich keinerlei Interesse mehr an ihr hatte. Das waren drei Unannehmlichkeiten zu viel für einen Abend. Drei weitere Scheiben Speck flogen in die Pfanne, eine satte Portion Rührei und ein krosser Toast musste es jetzt sein.

Volker war natürlich schon wieder von dannen. Die Farbe in ihrem Haar ließ sich nicht auswaschen, dabei hätte sie gerne alles, was sie an gestern erinnerte, in diesem Moment ausgelöscht.

Plötzlich hatte sie genug gegessen. Sie verstaute die Reste wieder im Eisschrank. Der kleine Wichser hatte ihr tatsächlich einen Knutschfleck auf den Brustansatz gemacht. Sie rieb an der Stelle, aber auch der Minibluterguss ging nicht weg. Nichts ging weg. Nichts ließ sich ungeschehen machen. Auf dem Boden lagen immer noch einige Scherben. Am liebsten hätte sie die Türen vom Küchenschrank aufgerissen und einen kleinen privaten Polterabend veranstaltet.

Aus dem Nichts keimte auf einmal wieder Mut in ihr auf. Sie hatte die Türgriffe vom Küchenschrank im Prinzip schon in der Hand. Ehrlich gesagt, war ja nur eine Schlacht verloren, aber nicht der Krieg. Sie schmunzelte bei dem Gedanken an diese Schlacht. Und wie sie diese Schlacht verloren hatte! Schlimmer hätte es gar nicht kommen können. Vielleicht war wenigstens das ein Vorteil? Schlimmer konnte es jetzt eigentlich nicht mehr kommen. Das war doch etwas, was Mut machen konnte.

Die größte Schwierigkeit war, dass Moni ihren Gegner nicht richtig zu fassen kriegte. Es war schwer gegen etwas oder jemanden zu kämpfen, den man nicht kannte. Man konnte keine Schwächen ausloten, keine Strategien entwickeln. Es blieb einem kein wirklicher Ansatzpunkt. Sie musste zunächst einmal herausfinden, gegen wen sie da  überhaupt antrat.

Dem ersten kämpferischen Impuls folgend hob den Telefonhörer ab und drückte die Wahlwiederholung. Wenn Volker sich heute Morgen mit ihr verabredet hatte, um sich bei ihr auszuheulen, dann hatte er sie sicherlich, kurz bevor er das Haus verließ, angerufen.

Leider meldete sich nur eine Angestellte vom Friseur Frenzel. Offensichtlich wollte Volker sich für sein Date noch aufpeppen lassen. Moni legte auf. Sackgasse. Oder nicht?

Volker ging ja verdächtig oft zum Friseur. Und Frenzel war der Friseur, bei dem Moni vorgestern gewesen war. Wo man sogar ihren Namen gekannt hatte! Sie sah die Friseuse vor sich. Natürlich, es war ganz einfach. Eine Friseuse! Das grenzte schon an Unverschämtheit. Das Küken war mindestens 15 bis 20 Jahr jünger als Moni. Wenn Volker an seinem Arbeitsplatz fremdgegangen wäre, hätte Moni es gestern an den Reaktionen der Kollegen bemerkt. Sie zog sich endlich etwas an. Etwas Schnelles und Bequemes. Sie hatte jetzt keine Zeit, sich aufzudonnern.

Eine viertel Stunde vor Geschäftsschluss stand sie vor Salon Frenzel. Wenn Volker etwas mit dieser kleinen Friseusenschnecke hatte, dann würde er sie jetzt gleich von der Arbeit abholen. Moni beobachtete, wie die junge Frau den Laden aufräumte und abschloss. Dann stand die Friseuse wartend vor dem Eingang. Jetzt hatte sie Volker erwischt. Gleich würde er da vorn um die Ecke biegen. Wahrscheinlich mit Blumen in der Hand. Sie könnte ihn mit der Friseuse in flagranti dingfest machen. Aber Volker kam nicht.

Stattdessen hielt ein Golf GTI mit Kindersitz auf der Rückbank vor dem Geschäft. Die Friseuse stieg ein und verschwand. Das war nicht Volker. Da war Moni ganz sicher.

Volker kam erst am späten Nachmittag wieder nach Hause und fand Moni mit einer Keksdose frustriert vor dem Fernseher. Er stellte seine Sporttasche ab und fragte völlig überraschend: „Wollen wir nicht mal wieder zusammen essen gehen?“
Moni sah in sprachlos an.

„Natürlich nur, wenn du nicht schon gegessen hast.“

Moni warf den angebissenen Keks zurück in die Dose.

„Bin sofort fertig. Ich muss mir nur noch etwas anderes anziehen.“

„Aber lass dir nicht so fürchterlich viel Zeit, ja?“

„Geht ganz schnell. Ehrlich“, versprach sie und stürmte mit fast kindlicher Begeisterung hinauf in ihr Zimmer.

Das Kostüm. Jetzt war es Zeit für das Kostüm. Moni riss die Sachen aus dem Schrank. Gott sei Dank ging das Schminken heute schon besser als gestern. Wenn Volker lange warten musste, bestand die Möglichkeit, dass er es sich womöglich noch anders überlegte. Beinahe hätte sie die Strümpfe zerrissen. Sie musste dringend darauf achten, sich die Fußnägel sauberer zu feilen.

„Ich wusste gar nicht, dass Enterprise immer noch läuft“, sagte Volker, nachdem er die ganze Folge über vor dem Fernseher zugebracht hatte. „Also, du hast dich wirklich beeilt.“

„Tut mir leid.“

„Na ja, hat sich ja wenigstens gelohnt.“

Volker schenkte ihr tatsächlich einen anerkennenden Blick. Er ließ sich sogar unterhaken, auf dem Weg zum Auto. Moni war selig. Es war fast so wie früher. Sicherlich hatte er heute seine Beziehung mit wem auch immer beendet. Jetzt durfte sie ihn nur nicht drängen. Das war ganz wichtig, wenn sie ihn wirklich wiedergewinnen wollte.

Moni fühlte, dass sie heute noch hübscher war als gestern. Das machte die positive Ausstrahlung. Sie saßen an einem Tisch in der hinteren Raumecke des Spaniers und Moni bestellte einen Salat, obwohl sie so gut wie keinen Hunger hatte. Es würde ihr sicherlich schwerfallen, einen ganzen Teller Salat aufzuessen.

Aber es stellte sich als keine besondere Herausforderung heraus. Der Appetit kam mit dem Essen und Moni schloss nun doch noch eine gute Portion Paella an. Volker sagte nicht viel. Sie beobachteten die Flamencotänzer die alle zwei Stunden ihren Auftritt hatten.

„Das steht dir ausgezeichnet“, sagte Volker und zeigte auf das Kostüm.

„Danke.“

„Du hast dich überhaupt in den letzten Tagen irgendwie verändert.“

„Das sind nur die Haare. Ich war bei einem anderen Friseur.“

„Ja, das auch.“

Volker stocherte in seinem Salat herum.

„Du ziehst einige Blick auf dich.“

„Ja? Meinst du?“ fragte Moni betont unschuldig.

„Aber ja. Siehst du den Typen am Tresen, den in dem schwarzen Hemd, meine ich.“

Moni hatte ihn schon gesehen, als sie hereingekommen waren. Sie hatte auch sehr schnell mitgekriegt, wo er hingeguckt hatte. Und aus diesem Grund hatte sie längst beschlossen, hier keinesfalls aufs Klo zu gehen, selbst wenn ihre Blase platzen würde.

„Der ist viel zu jung.“

„Aber er schaut dich sehr interessiert an.“

„Bist du eifersüchtig?“ fragte Moni kichernd.

„Aber nein. Du hast doch selbst gesagt, dass er viel zu jung ist.“

„Wenn es dir nicht gefällt, kann ich mich ja wieder anders anziehen.“

„Um Gottes willen, nein!“

„Dann darfst du aber auch nicht eifersüchtig sein.“

„Bin ich doch gar nicht. Es freut mich, wenn du dir solche Blicke einfängst.“

„Der guckt mir doch eh nur auf die Brust.“

„Na die stellst du ja auch reichlich aus.“

„Das ist noch lange kein Grund …“

„Hör mal Moni, ich bin nicht eifersüchtig. Schließlich sind wir verheiratet und außerdem ist es dein gutes Recht, deine Vorzüge anzupreisen.“

„Ach ja, du bist nicht eifersüchtig und hackst jetzt die ganze Zeit auf meiner Brust rum. Und dass mir andere Männer nachgucken. Wenn das keine Eifersucht ist, was dann?“

Volker lachte. „Hör schon auf. Ich finde es einfach amüsant, dass der Kerl dich anhimmelt, okay?“

Moni wusste nicht genau, ob sie ihm glauben sollte. Aber wenn er eifersüchtig war, war das nur gut.

„Es wäre mir natürlich bedeutend lieber, wenn du mich mal voller Verlangen anschauen würdest.“

„Voller Verlangen, das ist gut.“

Volker lachte und schaute zu dem Kerl im schwarzen Hemd hinüber. Der sah im gleichen Moment weg.

„Er nutzt den Spiegel am Tresen“, sagte Volker plötzlich.

Moni sah auch hinüber. Volker hatte Recht. Der Kerl betrachtete sie einfach weiter im Spiegel und ließ sich von Volkers Blicken nicht im Mindesten abschrecken. Der war ja fast so penetrant wie der Lagerarbeiter von gestern Abend. Die Paella schien irgendwie einen bitteren Nachgeschmack zu haben.

„Blöder Sack!“

„Ist doch nicht schlimm“, versuchte Volker sie zu beruhigen. Er konnte ja auch nicht wissen, warum ihr diese Blicke jetzt so auf die Nerven gingen. Und im Moment war ganz bestimmt nicht der richtige Zeitpunkt, es ihm zu erklären.
„Reg dich nicht auf. Mit dem breiten Becken kommt der doch wohl sowieso nicht Frage.“

„Was?“ fragte Moni irritiert.

„Na, du wirst dir doch wohl nicht so eine deutsche Tanne angeln?“

Moni lachte und verschüttete etwas Wein. Nein, da hatte Volker recht. Bei genauer Betrachtung hatte der Kerl ein viel zu breites Becken.

„Der da!“ sagte Volker plötzlich und deutete mit dem Kopf Richtung Tür, wo ein junger Adonis in Jeans mit einer wirklich bemerkenswerten Figur und braungebranntem Gesicht hereinkam. „Der käme ja wohl schon eher in Frage.“
„Der fühlt sich viel zu schön!“ lästerte Moni.

„Und der schlurfende Gang.“

„Und die hängenden Schultern.“

Moni und Volker lachten und amüsierten sich noch einige Zeit über die beiden, die jetzt nebeneinander am Tresen saßen. Moni war glücklich. Sie hatte das Gefühl, endlich wieder einmal ganz dicht mit Volker zusammen zu sein. Nicht einfach nur durch körperliche Anwesenheit. Sondern so intim, wie es sich für Eheleute gehörte. Sie fühlte sich seit ewigen Zeiten wieder wie seine Frau. Wenngleich er ihr nicht das Gefühl gab, sie als Frau zu begehren. Aber das war jetzt nicht so wichtig. Das kam schon wieder, wenn sie sich eine Zeit lang näher gekommen waren.

„Willst mich wohl loswerden“, scherzte sie, als er nicht aufhören wollte, ihr irgendwelche Kerle anzupreisen.

„Nein. Überhaupt nicht.“

„Klingt aber fast so.“

„Hör mal, Moni“, sagte er unvermittelt ernst. „Ich finde, du musst einfach wieder selbständiger werden.“

„Was?“

„Ja, du hast doch gesagt, dass du keine Lust mehr hast, allein zu Haus auf mich zu warten.“

„Ja und?“ fragte Moni alarmiert. Sie hatte keine rechte Vorstellung davon hatte, in welche Richtung das Gespräch gerade abschwenken wollte.

„Ich verstehe das ja. Und du hast Recht. Aber ich muss auch mein Leben leben. Dazu gehört meine Arbeit und andere Sachen, die ich allein und ohne dich machen muss, weil wir da nicht die gleichen Interessen haben. Ich kann nicht neben dir vor dem Fernseher sitzen, nur um mehr Zeit mit dir zu verbringen. Oder überhaupt zu Hause rumsitzen, weil du dich langweilst“

„Was soll das denn jetzt? Das sollst du doch gar nicht. So, wie es jetzt ist, ist doch alles in Ordnung. Wir hatten doch eben unseren Spaß.“

„Ja, das werden wir auch sicherlich öfter mal machen. Aber trotzdem. Das Problem sitzt tiefer. Im Haushalt ist nicht so viel zu tun, dass es dich ausfüllt. Eigentlich hast du einfach nur viel zu viel Zeit. Ich möchte, dass du darüber nachdenkst, ob du nicht einen Job annehmen willst!“

„Wie bitte?“

„Vielleicht bringt dir das die nötige Selbstsicherheit zurück und gibt dir die Befriedigung, die ich dir verschaffen soll. Ich bin dazu jedenfalls nicht fähig. Du musst dein Leben selbst leben. Eigenen Interessen verfolgen. Dann wird auch unsere Ehe wieder ins Lot geraten.“

„Unsere Ehe wird schon wieder ins Lot geraten, wenn du mich mal wieder vögelst.“ Das war Moni so rausgerutscht. Sie sah sich um und hoffte, nicht zu laut gesprochen zu haben.

„Du weißt genau, dass das nicht wahr ist. “

„Ach nein?“

„Nein, du brauchst weit mehr als das. Und das weißt du auch.“

„Kann schon sein. Aber im Moment habe das ungute Gefühl, dass du mich loswerden willst. Ich soll eine Arbeit annehmen, weil du dann bei einer Scheidung keinen Unterhalt zahlen musst, richtig? So und nicht anders sieht das im Moment für mich aus.“

„Das ist doch vollkommener Blödsinn. Ich will mich nicht scheiden lassen. Auf keinen Fall, das habe ich dir doch gesagt.“

„Und, wenn du lügst?“

Volker schwieg betroffen. Sie hatte ihn verletzt. Es war eigentlich nicht Volkers Art, jemanden derart zu belügen. Aber wer konnte schon wissen, was für Flöhe die andere Frau ihm ins Ohr gesetzt hatte? Moni beschloss, in diesem Punkt nicht nachzugeben.

„Was mache ich denn, wenn du mich verarscht? Dann stehe ich irgendwann ziemlich beschissen da, oder?“

„Ich schwöre dir, dass ich mich nicht scheiden lassen will! Und, dass es keine andere Frau gibt!“

„Ach so!“

„Was?“

„Und das glaube ich, weil mein Mann mir das schwört. Wenn du tatsächlich eine andere hast, dann ist doch dieser Schwur überhaupt nichts wert.“

„Was soll ich tun? Auf dem Boden kniend zu Gott schwören?“

„Wäre vielleicht überzeugend!“

Moni hatte natürlich nicht damit gerechnet, dass er das ernsthaft in Erwägung zog. Ehe sie sich versah, kniete er vor ihr auf dem Boden und wiederholte seinen Schwur.

„Steh auf, um Himmels willen! Die Leute gucken schon alle hier rüber.“ Sicherlich änderte das Knien nichts an seiner Glaubhaftigkeit, aber es machte doch Eindruck auf Moni.

„Erst, wenn du mir glaubst!“, beharrte er immer noch auf dem Boden kniend. Die Situation wurde Moni langsam peinlich.

„Ich glaube dir ja. Jetzt setzt dich aber auch wieder auf deinen Platz.“

Die beiden Trantüten am Tresen grinsten breit. Moni hätte ihnen am liebsten mal ihre Schlagkraft demonstriert.

„Was soll das? Du benimmst dich unmöglich!“ maulte sie Volker an.

„Du schämst dich für mich?“ fragte er beinahe verzückt.

Moni schluckte.

„Nein.“

„Bist du sicher?“

Doch sie hatte sich einen kurzen Moment geschämt. Das schmeckte bitter, weil sie wusste, wie verletzend das Gefühl für den anderen war. Sie hatte es ja selbst oft genug erlebt. Seit sie sich ihr heutiges Volumen zugelegt hatte, hatte sie mehr als einmal das Gefühl gehabt, dass Volker sich ihretwegen schämte.

„Gut, ich glaube es dir“, erklärte sie und versuchte die Situation zu entschärfen. „Aber es wäre leichter gewesen, wir hätten unsere Schlafzimmer wieder zusammengelegt, dann wäre so was hier nicht nötig.“

„Lass mir damit Zeit. So wichtig kann das doch nicht sein.“

„Na ja“, sagte Moni unsicher, weil er in diesem Punkt einfach nicht einen Zentimeter nachzugeben bereit schien.

„Überleg dir doch meinen Vorschlag. Wenn du einen Job hast, wirst du garantiert glücklicher, als wenn wir jetzt die Schlafzimmer zusammenlegen würden. So oft wie du dich an einem Tag langweilst, könnte dich beim besten Willen nicht vögeln.“

„Volker!“

„Schon gut, war ja nicht so gemeint. Es geht ja nur ums Prinzip. Wenn du es dir anders überlegst, kann ich dir vielleicht sogar einen Job besorgen.“

„Das wird nicht nötig sein“, sagte Moni und dachte an die Bertrands. „Warum können wir nicht miteinander schlafen? Sag mir das doch bitte mal. Ich versteh es nämlich nicht.“

„Das kann ich nicht. Vielleicht ist es ein körperliches Problem, vielleicht ein psychisches, ich weiß es wirklich nicht.“

„Verstehe“, sagte Moni nach kurzem Zögern und hatte endlich einmal das Gefühl, den Kern des Problems verstanden zu haben. Wahrscheinlich schämte sich Volker, weil er nicht mehr konnte. Er war schlicht impotent. Das war wohl alles.
Erleichterung war vielleicht nicht die richtige Reaktion auf diese Erkenntnis. Aber Moni war erleichtert. Wenn es nur das war. Darüber würde sie ihm irgendwann hinweghelfen können. Da gab es nun wirklich jede Menge Möglichkeiten. Typisch für Männer, sich wegen so einer kleinen, organischen Funktionsstörung in Sack und Asche zu hüllen. Solange es keine andere Frau gab, könnte sie zur Not sogar auf Sex verzichten.

„Gut“, sagte sie und beschloss ihre neue Erkenntnis erst mal außen vor zu lassen. Ganz offensichtlich war ihr Mann noch nicht in der Lage, mit ihr über solche Dinge zu sprechen.

„Wir machen es, wie du vorgeschlagen hast. Keinen Sex mehr. Und ich suche mir einen Job.“

„Also“, druckste Volker herum. „Keinen Sex mehr, ist nicht unbedingt das, was ich von dir erwarte. Ich kann im Moment keinen Sex mit dir machen. Aber ich erwarte natürlich nicht, dass du deswegen völlig darauf verzichtest. Wenn du dir einen Liebhaber suchst, hätte ich dafür absolutes Verständnis.“

Moni begann den ganzen Abend, die ganzen letzten Wochen unter einem anderen Blickwinkel zu sehen. Volker liebte sie tatsächlich! Er ging sogar soweit, sie zum Fremdgehen aufzufordern, weil er ihr das bisschen Steifheit nicht mehr bieten konnte. Er musste sich reichlich schlecht fühlen, in dieser Lage.

„So nötig habe ich es nun auch wieder nicht.“

„Vielleicht nicht. Aber wenn, dann möchte ich, dass du weißt, dass ich dir da keine Steine in den Weg legen werde.“

„Danke, das ist wirklich reizend. Aber mein Interesse an deutschen Tannen und Hängeschulterschweinen ist sehr begrenzt.“

Volker lachte und sah zur Theke.

„Nein, so nötig kannst du es eigentlich nicht haben, da gebe ich dir völlig recht.“

Moni bewunderte seine Haltung. Er schlug sich wahrhaft tapfer.

„Ich sollte mich aber vielleicht nicht mehr so provozierend anziehen?“

„Unbedingt! Du solltest dich unbedingt so anziehen. Ich finde, du siehst um Jahre besser aus, als noch vor ein paar Tagen. Außerdem stärkt es ganz bestimmt dein Selbstvertrauen.“

Moni dachte darüber nach, ob er ihr oder sein Selbstbewusstsein meinte, aber das war ja eigentlich auch egal. Wenn es ihm gefiel, würde sie sich weiter zu Recht machen. Zum Abschluss des Abends gab es dann eine wunderbare, gestürzte Karamell-Creme, von der Moni dringend zwei Portionen essen musste. Stärkte auch das Selbstbewusstsein, vor allem wenn man feststellte, dass einem niemand mehr dabei böse Blicke zuwarf.


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