Monika Subowski

Indizien

Kapitel 1


„Jimmy Carter!“

„Der 39. Präsident der USA“, trompetete Veronika ohne zu zögern und demonstrierte ein ausgefeiltes, zählbares Allgemeinwissen.

„Das ist doch keine Frage, du dusselige Kuh!“

„Tut mir leid Veronika, das ist leider keine Frage.“

„‘Wer war der 39. Präsident der Vereinigten Staaten?‘, hättest du sagen müssen“, rief Moni ihr zu. Die Leute kapierten Jeopardy nie.

„Richtig wäre gewesen: ‚Wer war der 39. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika!“, tönte der Frank Elstner gewieft.

Wenn es eins gab, worauf man sich bei Jeopardy verlassen konnte, war es, dass die Leute immer vergaßen ihre Antworten als Fragen zu kaschieren.

„Damit bist du draußen, Schätzchen. Michael macht das Rennen!“

Michael stellte noch zwei richtige Fragen und hatte mehr als doppelt so viel Punkte als der Zweite im Finale. Kein Wunder also, dass er drei Minuten später zum Champion gekürt wurde.

Moni schaltete den Recorder aus. Gestern hatte sie auf Jeopardy verzichtet. Natürlich hatte sie es vorsorglich aufgezeichnet. Aber gestern war Volker früher von der Arbeit nach Hause gekommen und sie hatte gehofft, dass er sich endlich mal wieder um sie kümmerte. So richtig. Also, wie früher. Sie hatte Schweinemedaillons in Sherrysahne für ihn gekocht. Sein Lieblingsessen. Dazu gab es Kroketten und Wein.

Sie hatten dann auch zusammen gegessen, doch statt anschließend zusammen das Schlafzimmer aufzusuchen, waren sie auf der Couch im Wohnzimmer gelandet.

Auch damit wäre Moni notfalls einverstanden gewesen. Bequemlichkeit hin oder her. Alles wäre bestens gewesen, wenn Volker nicht behauptet hätte, dass der Wein ihn müde gemacht hätte. Prompt döste er noch während der Nachrichten ein. Daraus hätte man natürlich lernen können. Das nächste Mal durfte es eben keinen Wein geben. Aber Moni bezweifelte, dass es damit getan wäre. Dies war nicht ihr erster Versuch, die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen. Und wenn es nicht der Wein war, dann die Arbeit oder sonst irgendetwas. Der Verdacht lag nahe, dass es einen anderen Grund gab, warum er dauernd müde war.

Wenn Männer fremdgingen, gab es dafür ein paar untrügliche Anzeichen. Moni hatte die ersten längst entdeckt. Neue Unterwäsche, zum Beispiel. Farbige Wäsche, knapp geschnitten. Sie hatte sie zuerst in der Schublade entdeckt. Und! Volker roch anders, wenn er nach Hause kam. Und er ging verdächtig oft zum Friseur. Männer, die begannen sich verstärkt um ihr Äußeres zu kümmern, sollten jede Frau alarmieren.

Andere Anzeichen hätten Moni bereits seit Jahren stutzig machen sollen. Seit drei Jahren schliefen sie in getrennten Zimmern. Wenngleich das natürlich kein Indiz dafür war, dass er fremdging. Aber es hatte das Fremdgehen auf Dauer unvermeidlich werden lassen. Das allerschlimmste Indiz jedoch war, dass er seit neuestem nicht mehr über ihr Gewicht maulte. Genau genommen sprachen sie eigentlich überhaupt kaum noch miteinander. Aber über ihr Gewicht zu nörgeln, dafür war bis vor etwa acht Wochen selbst zwischen Frühstück und Weggehen noch immer genug Zeit gewesen.

Jetzt war das vorbei. Moni hätte froh sein können, dass er sie damit endlich in Ruhe ließ, aber mit dem Ende des Meckerns war offensichtlich auch das letzte Interesse an ihr verflogen.

Früher, als sie Volker kennengelernt hatte, war sie schlank gewesen. Zumindest nicht übergewichtig. Irgendwie normal. Dann war plötzlich das Gewicht gekommen und einfach nicht wieder weggegangen. Das musste genetisch programmiert sein. Bei ihrer Mutter war es genauso gewesen. Nur da kam es angeblich von der Schwangerschaft. Deshalb hatte sich Moni vorgenommen, nie im Leben schwanger zu werden und hatte das auch durch­gehalten.

Nicht auszudenken, was aus ihr geworden wäre, wenn ihre Mutter recht behalten und eine Schwangerschaft noch einmal 20 Kilo mehr mit sich gebracht hätte.

Moni hatte lange Zeit an einer Art Diätsucht gelitten. Alle sechs Wochen eine abgebrochene Diät war unbedingtes Pflichtprogramm. Das Gewicht stieg natürlich unbeeindruckt weiter. Bis die Waage knapp unter 90 Kilo anzeigte. Damals wusste sie, dass sie diesen letzten Widerstand nicht auf Dauer leisten konnte, deswegen hatte sie kurzerhand die Waage aus ihrem Haus verbannt. Seitdem ging es ihr besser. Die Diäten gehörten der Vergangenheit an. Wenn sie jetzt Pech hatte, Volker allerdings bald auch.

Darüber hätte sie gern mit einer Freundin gesprochen, aber seit sie vor zehn Jahren Volkers wegen umgezogen waren, hatte sie nicht wieder so Recht Anschluss gefunden.

Die Frauen von Volkers Kollegen waren Monis Meinung nach alle etwas bescheuert. Und sonst? Vielleicht hätte sie sich in irgendeinem Verein anmelden sollen, oder bei einer Selbsthilfegruppe?

Aber das alles wäre ihr viel zu sehr auf die Nerven gegangen. Eigentlich fühlte sie sich zu Hause ganz wohl. Nur, … hier lernte sie niemanden kennen.

Beim Einkaufen traf man an der Wursttheke höchstens mal auf arbeitslose Männer, die recht zweideutige Interessen äußerten. Wobei Moni davon weitestgehend verschont wurde. Außerdem hätte sie sich nie mit solchen Typen eingelassen.

Moni setzte Kaffee auf und suchte nach den restlichen Keksen. Keine mehr da. Entschlossen öffnete sie eine neue Packung. Sie brauchte jetzt eine kleine Stärkung und einen Schlachtplan. Noch war es ja wohl nicht zu spät. Es konnte sich bestenfalls um eine kurze Affäre handeln. Aber es konnte auch sehr schnell ernst werden. Wenn es ernst wurde, wollte Moni lieber kämpfend untergehen, als Volker einfach so ziehen zu lassen.

*

Ein erster notwendiger Schritt wäre sicherlich gewesen, das Diätprogramm wieder aufzunehmen. Sie hätte auch Sport treiben können.

Moni sah auf die Kekse, biss ab, fand sie zu trocken und stellte sie weg. Eine Diät dauerte zu lange. Soviel Zeit blieb ihr nicht. Ein ernstzunehmender Einwand. Außerdem: Selbst wenn sie es schaffen würde abzunehmen, irgendwann käme das Gewicht ja doch wieder.

Unvorstellbar: Ein Leben lang Diät zu halten, nur um mit Volker verheiratet zu bleiben. Nein, Volker musste sie schon lieben, wie sie war. So schlecht waren die Kekse nun auch wieder nicht. Alternativen? Sport, wenigstens, um die Figur ein bisschen in Schwung zu bringen. Mal sehen. Aber sie konnte mehr für ihr Äußeres tun.

Ein Blick in den Spiegel brachte die traurige Wahrheit zu Tage. Immerhin Fältchen und Krähenfüße hatten kaum eine Chance bei ihr. Cellulitis? Na ja es gab Leute, die dünner waren und mehr damit zu kämpfen hatten. Längst noch kein Grund zur Panik. Aber die Haare! Damit hatte sie noch nie sonderlich viel anfangen können. Früher hatte sie sich geschminkt. Wäre auch mal wieder eine Überlegung wert. Und etwas Eleganteres zum Anziehen. Perfekt. Erst mal ein neues Outfit zulegen, das war der richtige Weg.

Moni beschloss zum Friseur zu gehen und anschließend den Tag in der Innenstadt zu verbringen.

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