Kapitel 8

Die Waschküche

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Mittagessen gab es spät. Es war eher Mittag- und Abendessen in einem. Es gab Brote, Suppe, heiße Würstchen und Martin trug noch immer das Mieder. Es hatte sich bis zum späten Nachmittag keine Möglichkeit ergeben, das Ding endlich los zu werden. Martin saß leicht vorgebeugt bei Tisch, damit niemand seine aufgepumpte Brust bemerkte und womöglich dumme Fragen stellte.

Vater Bruckner aß nur Suppe. Taktisch geschickt, dachte sich Martin. Und nach wenigen Löffeln schien er auch schon satt zu sein.
„Was habt ihr heute angestellt? Wart ihr Jungs wieder schwimmen, oder habt ihr etwas gebastelt?“

Das übliche Spiel. Niemand antwortete. Auch Martin starrte nur stumpf auf seinen Teller. Offensichtlich war das die beste Strategie, um sich nicht mit Vater Bruckner anzulegen.

„In eurem Alter haben wir Flugdrachen konstruiert. Große Konstruktionen aus Holz und Seidenpapier. Nicht solche Plastikstäbchenflieger fix und fertig, wie man sie heute hat. Das ist was für Nieten.“

Es lag Martin auf der Zunge, darauf hinzuweisen, dass nur ein Vollidiot an einem sonnigen Augusttag versuchen würde, einen Drachen steigen zu lassen. Und überhaupt waren sie für so etwas bei weitem zu alt. Aber er verkniff sich die Antwort. Es machte Vater Bruckner offensichtlich Freude, jedem in seiner Umgebung zu sagen, dass er ein Versager sei.

„Was habt ihr gemacht? Ich habe euch etwas gefragt.“

„Wir waren in der Stadt. Ein Eis essen und sind ein wenig spazieren gegangen“, antwortete Werner widerwillig.

„Herumgegammelt habt ihr. Weiter nichts. Ihr Jungs seid verweichlicht. Nichts als bessere Mädchen. Als nächstes tragt ihr noch Röcke und Ohrringe.“

Doris spuckte den Löffel Suppe zurück auf den Teller. Werner würgte ebenfalls an einem Lachreiz. Martin musste dieses Mieder loswerden. Endgültig und sofort.

„Das ist nicht so albern, wie ihr denkt. In meine Praxis kommen immer wieder Kerle, die Ohrringe tragen, manche sind sogar geschminkt. Widerlich ist das. Widerlich und verweichlicht. Die wollen sogar beim Zahnstein entfernen eine Spritze haben. Weil sie die Schmerzen nicht ertragen! Die wissen doch überhaupt nicht, wovon sie reden. Die brechen wahrscheinlich heulend zusammen, wenn ihnen der Feind mit dem Bajonett Aug in Aug gegenüber steht und winseln dann um Gnade.“

Wieder brach der Redefluss ab und versiegte glücklicherweise für den Rest des Essens.

„Doris bring mir ein Bier und eine Flasche Sekt auf die Terrasse.“

„Geht das schon wieder los!“ brummte Frau Bruckner und räumte den Tisch ab. „Werner, du hilfst mir beim Abwasch.“

Martin wollte keinen weiteren fröhlichen Abend auf der Terrasse.

„Ich warte oben, ja?“, sagte er und verabschiedete sich. Jetzt war endlich die Gelegenheit, das Ding los zu werden. Im Flur stieß er fast mit Doris zusammen, die das Bier aus dem Keller geholt hatte. Und plötzlich stand Frau Bruckner hinter ihm. „Doris hilf deinem Bruder mit dem Geschirr. Ich hab vergessen die Hemden für Vater zu bügeln und im Keller liegt noch ein ganzer Berg Wäsche. Frau Bruckner stieg die Treppe hoch. Martin war verzweifelt. Dann fiel ihm der Berg Wäsche ein. Im Keller. Alle waren beschäftigt, der Vater hasste Treppen und dort konnte er das Mieder auch bequem los werden.

Martin schlich die Treppen runter. In der Waschküche lag tatsächlich ein Berg Kleidung vor der Maschine. Martin lauschte. Nichts. Jetzt schnell. Er zog das T-Shirt aus und ließ die Hose bis auf die Knie rutschen. Gerade als er das Mieder über den Kopf zog, hörte er Schritte. Er schaffte es gerade noch das Mieder auf den Wäscheberg zu werfen. Aber er schaffte es nicht mehr, seine Hose wieder hoch zu ziehen, als Frau Bruckner vor ihm in der Waschküche stand. Auf dem Arm hatte sie noch einige Wäschestück, die wohl in die Maschine sollten. Sie starrte Martin, der mit runter gelassener Hose und ohne T-Shirt vor ihr stand, entgeistert an. Dann ging sie energisch an ihm vorbei und stopfte die Wäsche in die Trommel, während Martin sich hektisch wieder anzog.

„Ich weiß, ihr seid in einem schwierigen Alter. Du solltest öfter kalt duschen. Keine Ahnung, ob das hilft, aber mach es trotzdem“, sagte Frau Bruckner mitfühlend. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und ging hinaus.

Als sie an der Tür war sagte sie noch: „Ich habe hier unten nichts gesehen, aber sieh zu, dass mein Mann das nicht mitkriegt, sonst ist hier die Hölle los.“

Martins Herz schlug zu schnell. Er wartete, bis er glaubte, dass sie weg war und Puls wieder unterhalb der Schallgrenze war, dann schlich er wie ein getretener Hund hinauf in Werners Zimmer. Er konnte nicht fassen, dass er schon wieder in so eine peinliche Situation gerutscht war. Es war nicht seine Schuld, dachte er. Aber ändern tat das nichts. Was Frau Bruckner jetzt wohl von ihm dachte? Und wieso sollte er wohl kalt duschen. Wahrscheinlich damit er zumindest in dieser Zeit keinen Unsinn anstellte.

Weiterlesen Kapitel 9

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