Kapitel 6

Nächtlicher Abgang

play pause stop rewind
Herr Bruckner erschien nicht zum Abendessen. Martin wußte nicht, ob er immer noch wegen seines Lachens beleidigt war. Frau Bruckner hatte jedenfalls keine besonders gute Laune.

„Was ist mit deiner Nase?“

Doris Nase war sichtlich geschwollen.

„Ich hab mich am Beckenrand gestoßen“, log sie gleich zweifach, ohne von ihrem Essen aufzusehen. Ihre Mutter brummte etwas unverständliches und schmierte eine zweite riesige Scheibe Graubrot mit Mettwurst fertig. Dann trug sie beide Scheiben auf einem Teller hinaus. Beim Essen wurde nicht viel gesprochen, und Martin hatte einen Bärenhunger.

Nach dem Abendbrot saßen alle noch ein wenig auf der Terrasse und genossen die Abendsonne. Doris las eine Frauenzeitschrift für Frauen unter 18. Werner und Martin spielten Schach und tranken eisgekühlte Limonade. Herr Bruckner saß in einem Liegestuhl und löste ein Kreuzworträtsel. Als Frau Bruckner mit dem Abwasch fertig war, verlangte Werners Vater noch ein Bier. Frau Bruckner holte ihm eins aus Küche, und er mischte es in einem großen Glas mit Sekt.

„Brandstifter mit vier Buchstaben“, fragte er unvermittelt in den Raum.

Frau Bruckner seufzte nur und sah nicht einmal von den Socken auf, die sie gerade stopfte. Keiner kümmerte sich darum, dass Herr Bruckner etwas gefragt hatte.

„Das solltet ihr beide eigentlich wissen“, grunzte Herr Bruckner. „Ihr geht doch schon lange genug zur Schule. Aufs Gymnasium! Was bringen die euch da eigentlich bei?“

Martin sah vom Schachspiel auf. Herr Bruckner schien nicht wirklich auf eine Antwort zu warten.

„Mutter!“ Seine Stimme wurde eine Spur lauter. „Hast du denn auch keine Ahnung? Brandstifter mit vier Buchstaben. Das kann doch so schwer nicht sein.“

Frau Bruckner seufzte schon wieder und sagte resigniert: „Ich weiß nicht, Feuerteufel vielleicht.“

„Mit vier Buchstaben, du dusselige Kuh. Ihr habt aber auch wirklich gar keine Ahnung. Nicht mal bis vier zählen könnt ihr. Was habt ihr eigentlich im Kopf? Kein Interesse an Allgemeinbildung. Wenn es nach euch geht, besteht die Welt nur aus essen, beten und … und schwimmen. – Doris, was liest du da wieder für einen Schund. Zu meiner Zeit hat man die Klassiker gelesen. Ein bisschen Kunst und Kultur könnte euch beim besten Willen nicht schaden.“

Herr Bruckner hatte sich langsam zu einem Fortissimo gesteigert und fiel jetzt ab zu einem resignierten, fast wirren Genuschel.

„Martha! Noch ein Bier.“

„Findest du nicht, dass es genug Bier für heute ist, Hermann?“

„Was genug ist und was nicht, bestimme in diesem Haus immer noch ich. Geh und hol mir ein Bier!“

Martin hatte eigentlich erwartet, dass die Situation jetzt zu einem handfesten Familienkrach ausartete, aber Frau Bruckner legte nur ihr Stopfgarn beiseite, seufzte und holte gehorsam das Bier.

„Du bist am Zug“, sagte Werner. Er schien das ganze Theater überhaupt nicht wahrgenommen zu haben, und Doris fühlte sich wohl ebenfalls nicht angesprochen. Martin setzte die Dame zwei Felder vor und sah in diesem Moment, dass sie dort hoffnungslos verloren war. Zu spät.

Herr Bruckner stellte erneut seine Sekt- und Biermischung zusammen und nahm einen großen Schluck.

„Eine ganz einfache Frage. Brandstifter mit vier Buchstaben. Und von euch kommt nichts“, fing Herr Bruckner gleich wieder an.

„Nero“, sagte Martin, während er zusah, wie Werner seine Dame vom Brett nahm.

„Nero“, wiederholte Herr Bruckner Martins Tonfall nachäffend. Nach einer kleinen Pause fuhr er dann fort. „Wenigsten kommt da mal was. Aber von euch hätte ich doch wirklich mehr erwartet.“

Nach diesem letzten Einwurf blieb es ruhig. Bis Herr Bruckner sein nächstes Bier verlangte. Diesmal war Doris dran mit Holen.

„Wolltet ihr nicht diesen Film gucken?“ fragte Frau Bruckner, als ihre Tochter mit dem Bier wiederkam.

„Ach ja, Startreck III. Wollen wir?“ Werner hatte die Frage an Martin gerichtet. Martin nickte. „Diese Runde geht sowieso an dich.“

„Startreck. Wieder so ein Unsinn. Warum schaut ihr nicht mal was anständiges in der Glotze. Den Länderspiegel, da lernt ihr wenigstens was.“ Offensichtlich war Herr Bruckner wieder aufgewacht.

„Besser ihr geht oben fernsehen!“ sagte Frau Bruckner.

„Wollten wir sowieso!“ Werner stand auf.

„Sie bleiben noch mal hier, junger Mann, ja?“ mischte sich plötzlich Herr Bruckner ein.

Doris und Werner schauten sich mitleidig um. „Ihr könnt ruhig vorgehen. Ich habe mit dem jungen Mann noch ein Wörtchen zu reden.“

Sie zögerten nicht und Martin stand auf einmal alleine mit den Eltern Bruckner auf der Terrasse.

„Ich weiß, dass sie keinen Vater haben, junger Mann“, legte Herr Bruckner los. „Daher scheint es in ihrer Erziehung auch einige Lücken zu geben. Die eine oder andere Tracht Prügel hätte da sicher Wunder bewirkt.“

„Hermann, bitte, der Junge ist bei uns zu Gast.“

„Eben. Deshalb sollte er sich auch so benehmen. Dazu gehört, das er nicht über Gebrechen anderer lacht und sich vorlaute Bemerkungen erspart. Unter meinem Dach bestimme nur ich, wie der Hase läuft. Merk dir das, sonst rasseln wir beide mal kräftig aneinander!“

„Hermann, ich glaube der Sekt ist alle. Ich hole dir mal eine neue Flasche. Und lass doch den Jungen, der kann doch nichts dafür“, versuchte Frau Bruckner ihren Mann zu besänftigen.

„Ja, ja, du hast immer für alles eine Entschuldigung. Aber im Leben kommt es nicht auf gute Entschuldigungen an, sondern darauf, dass man erst gar keinen Grund hat sich zu entschuldigen. Mit Entschuldigungen hätte ich mein Examen nicht bestanden“, predigte Herr Bruckner weiter und atmete tief durch. „Also, haben wir uns da verstanden? Keine Vorwitzigkeiten in meinem Haus und niemand wird hier ausgelacht!“

„Es war nicht meine Absicht …“

„Ich will gar nicht wissen, was deine Absicht war“, fuhr Herr Bruckner sofort dazwischen. „Ich will wissen, was deine Absicht ist. Hast du jetzt die Absicht, dich anständig zu verhalten, oder nicht?“

„Natürlich!“

„Natürlich! Ich hoffe ich habe mich da klar ausgedrückt.“

„Völlig!“

„Der Junge hat das sicher verstanden. – Geh jetzt hoch zu anderen“, sagte Frau Bruckner und schob in sanft durch die Tür ins Wohnzimmer. Als sie bei der Treppe waren sagte sie noch: „Du darfst das nicht böse nehmen. Vater trinkt abends zu viel Bier und Sekt durcheinander. Und er hat nicht gern fremde Leute in seinem Haus. Da ist er immer etwas schwierig. Ich sorge schon dafür, dass ihr euch nicht mehr in die Quere kommt.“

Der Film hatte bereits angefangen. Doris und Werner hockten oben auf dem Bett und starrten gebannt auf den kleinen, portablen Fernseher, der auf einer alten Teekiste stand. Martin setzte sich auf den mit kleinen Plastikkugeln gefüllten Sack, der als Sessel diente. Niemand sagte etwas, bis der Film um kurz nach zehn zu Ende war. Während der Abspann lief, öffnete Frau Bruckner die Tür und sagte ‚Gute Nacht‘. Doris verschwand ziemlich prompt und ohne weitere Gehässigkeiten in ihr Zimmer. Werner half Martin die Bettdecke zu beziehen. Früher war dies das einzige Kinderzimmer und Werner schlief immer oben in dem Etagenbett. Unten lag normalerweise alles voller Klamotten, die Werner nun einfach im Kleiderschrank verstaute.

„Der Alte hat ’ne Macke. Da kann man nichts machen.“

Wenigsten kriegte Werner, jetzt wo seine Schwester die beiden Jungen endlich mal allein gelassen hatte, den Mund auf.

„Hier oben haben wir aber Ruhe vor ihm. Er kommt selten hoch. Sein Knie. Eine Kriegsverletzung. Kann die Treppen nicht steigen“, erklärte Werner.

„Er kann keine Treppen steigen?“

„Kann nicht, will nicht? Ist doch egal, jedenfalls taucht er hier oben so gut wie nie auf.“

Werner kletterte rauf in sein Bett. „Mach das Licht aus, wenn du fertig bist.“

„Werner?“ fragte Martin in die Dunkelheit, nachdem er das Licht gelöscht hatte.

„Warum hasst Doris mich eigentlich. Ich habe ihr doch nichts getan.“

„Keine Ahnung“, brummte Werner und nach einer kurzen Denkpause fügte er hinzu: „Mädchen sind komisch. Und Doris ganz besonders. Ich hab schon lange aufgegeben mit ihr zu streiten. Du solltest das auch lassen. Es hat überhaupt keinen Zweck.“

Wieso hieß es immer, dass er es war, der mit Doris stritt? Doris war es doch, die ewig Streit anfing. „Aber ich mache doch gar nichts“, behauptete Martin abwehrend.
„Darum geht es nicht. Irgendwie scheint sie sich über dich zu ärgern. Und wenn sie will, dass du sagst, dass sie schön ist, dann tu es einfach. Das erspart einem eine Menge Ärger.“

„Aber, wenn ich doch nicht in sie verliebt bin?“

„Sie will doch nur, dass du das sagst. Wahrscheinlich weiß sie, dass dich das ärgert, so etwas sagen zu müssen, und nun will sie sehen, wer von euch beiden den größeren Dickschädel hat.“

Martin hörte, wie Werner sich oben auf die andere Seite drehte.
„Du hättest mir heute im See ruhig helfen können.“

„Was?“ fragte Werner irritiert. „Ach, mein Gott, sie hätte dir doch nicht wirklich was getan. Das war doch nur Spaß.“

„Für Spaß habe ich aber ‘ne ganze Menge Wasser geschluckt.“

„So schlimm war es nun wirklich nicht.“

„Ach nein? Und dann noch dieser widerliche Fisch“, empörte sich Martin, den der bloße Gedanke an den Fisch schon wieder erschreckte.

Werner seufzte laut. „Blödsinn, sie hat dir Angst gemacht und du hast dir das eingebildet. So große Fische gibt es in dem See nicht, und wenn, würden sie so was nicht machen. Die haben viel zu viel Angst.“

„Das habe ich mir nicht eingebildet, ganz bestimmt nicht!“ beharrte Martin.

„Ist aber doch nichts passiert, oder?“

„Nein“, musste Martin zugeben. Wirklich passiert war nichts.

„Na, also“, stellte Werner abschließend zufrieden fest.

Martin schwieg und dachte über den vergangenen Tag nach. Rückwirkend besehen, war dies vielleicht der chaotischste und schlimmste Tag in seinem Leben. Aber er hatte es irgendwie überstanden. Ein Grund stolz zu sein. Er hoffte, dass dies auch für lange Zeit der schlimmste Tag seines Lebens bleiben würde.


Weiterlesen Kapitel 7

Kapitel 1 - Die letzte Nacht im Kinderzimmer
Martin hasste es, wenn er so früh aufstehen musste. Der Wecker aus buntem Plastik kannte keine Gnade. Unaufhörlich plärrte er mit mechanischer Stimme „Guten Morgen! Aufgewacht! Ein schöner Tag, um die erste Million zu verdienen!“ Martin schlug dem fröhlich grinsenden Dagobert auf den Hut. Jetzt blieben ihm immerhin knapp drei Minuten bis das Ganze wieder von vorn losgehen würde …
Kapitel 2 - Schulhofratten
Auf dem Schulhof war es brütend heiß. Das Wetter hatte Martins Laune ein wenig gebessert. In der zweiten großen Pause sah er Doris inmitten einer Gruppe herumalbernder Mädchen sitzen. Doris fächelte sich mit ihrem Rocksaum Luft zu. Martin saß auf der Holzbank, die rum die alte Schullinde gebaut war. Ein begehrter Platz. Aber heute hatte er die Bank für sich allein. Er saß da, im Schatten und beobachtete Doris …
Kapitel 3 - Schönste Doris
Als Martin wieder ins gleißende Mittagslicht des Schulhofs trat, dachte er einen Moment, er würde nicht richtig sehen. Nicht nur Werner hatte auf ihn gewartet, sondern auch Doris stand dort am Tor und unterhielt sich mit ihrem Bruder. „Hat aber ganz schön lange gedauert“, stellte Werner fest. „Was hat die alte Ziege von dir gewollt?“ fragte Doris neugierig....
Kapitel 4 - Kanichenjagd
Frau Bruckner hatte einen großen, dampfenden Eintopf zubereitet, in dem sich auch ein Kaninchen versteckt halten sollte. Nach dem Tischgebet, das bei den Bruckners Pflicht war, ging die Kaninchenjagd los. Mutter Bruckner teilte aus. Alle schienen ein Stück von dem kleinen Hopser erwischt zu haben, nur auf Martins Teller fanden sich bloß winzige Fetzen undefinierbaren, fettigen Fleisches …
Kapitel 5 - Big Ben
Der Ögersee war nicht übermäßig groß. Man brauchte gute 10 Minuten, um ihn einmal mit dem Rad zu umrunden. Genau das tat Martin jetzt schon zum zweiten Mal. Entweder Doris und Werner hatten sich woanders hingelegt, oder er hatte die Beschreibung missverstanden. Martin kannte sich hier auch nicht besonders gut aus …
Kapitel 6 - Nächtlicher Abgang
Herr Bruckner erschien nicht zum Abendessen. Martin wußte nicht, ob er immer noch wegen seines Lachens beleidigt war. Frau Bruckner hatte jedenfalls keine besonders gute Laune. „Was ist mit deiner Nase?“ Doris Nase war sichtlich geschwollen …
Kapitel 7 - Die schönste Frau der Welt
Bei den Bruckners wurde auch Samstags zeitig gefrühstückt. Wieder fehlte Herr Bruckner. Martin fragte nicht, wo er war. Es war ihm ganz recht so. „Also Kinder. Ich muss noch einkaufen gehen. Wenn ihr fertig seid, räumt ihr ab und geht raus oder nach oben. Macht hier unten bloß keinen Lärm, solange Vater noch schläft.“ …
Kapitel 8 - Die Waschküche
Mittagessen gab es spät. Es war eher Mittag- und Abendessen in einem. Es gab Brote, Suppe, heiße Würstchen und Martin trug noch immer das Mieder. Es hatte sich bis zum späten Nachmittag keine Möglichkeit ergeben, das Ding endlich los zu werden. Martin saß leicht vorgebeugt bei Tisch, damit niemand seine aufgepumpte Brust bemerkte und womöglich dumme Fragen stellte …
Kapitel 9 - Nachtwache
Der Abend verlief zäh und schleppend. Doris verbrachte die Zeit auf dem Fenstersims und lauschte dem Vogelgezwitscher in dem Birnbaum unter dem Fenster. Werner und Martin schauten fern. Doris war sauer …