Kapitel 7

Die schönste Frau der Welt

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Bei den Bruckners wurde auch Samstags zeitig gefrühstückt. Wieder fehlte Herr Bruckner. Martin fragte nicht, wo er war. Es war ihm ganz recht so.

„Also Kinder. Ich muss noch einkaufen gehen. Wenn ihr fertig seid, räumt ihr ab und geht raus oder nach oben. Macht hier unten bloß keinen Lärm, solange Vater noch schläft.“

Kaum hatte Mutter Bruckner mit einem kleinen, runden Weidenkorb und mehreren Jutetaschen das Haus verlassen, war Doris auch schon mit ihrem Frühstück fertig.

„Komm mit Martin!“ kommandierte sie. „Ich muss dir was zeigen. Werner kann ja abräumen.“

Martin hätte lieber noch in Ruhe weiter gefrühstückt, denn er war noch gar nicht richtig wach. Für einen Samstag war es noch viel zur früh für seinen Geschmack. Schließlich war Wochenende und da durfte man ausschlafen. Aber hier galt diese Regel offensichtlich nur für den alten Bruckner.

„Martin!“ rief Doris energisch.

Noch war Doris einigermaßen freundlich gestimmt. Doch schon nistete sich bei Martin gleich wieder die Angst ein, dass sie jeden Moment wieder wütend werden konnte und ihr übliches Theater abziehen würde. Zögernd stand er auf und ließ das letzte halbe Brötchen auf dem Teller zurück.

Doris war wie ausgewechselt. Sie konnte ihre freudige Erregung kaum unterdrücken. Martin fragte sich was sie wohl vorhatte. Eine innere Stimme sagte ihm, dass Doris gute Laune nichts Gutes bedeuten konnte.

„Komm schon“, rief sie fröhlich und nahm immer zwei Stufen auf einmal. Oben auf dem Flur öffnete sie die Tür zu dem Zimmer gleich neben dem Bad. Es war das Schlafzimmer der Bruckners, oder nicht wirklich. Dort stand ein viel zu kleines Bett drin. Martin sah sich flüchtig um. Im Schlafzimmer seiner Mutter stand noch das große Doppelbett, aus der Zeit, als sein Vater noch bei ihnen gelebt hatte. Der war, als Martin vier war, von Zuhause weggezogen und hatte sich scheiden lassen. Was dann aus ihm geworden war, hatte Martin nie wirklich interessiert. Das Bett hier war zwar etwas größer, als ein normales Einzelbett. Aber nur unwesentlich. Wahrscheinlich lag das dran, dass Herr Bruckner ja irgendwo im Untergeschoß schlief.

„Was ist denn?“ fragte Doris ungeduldig, als Martin an der Schwelle stehen geblieben war. Es behagte ihm nicht, in fremder Leute Zimmer einzudringen.

„Ich finde das nicht richtig“, stellte Martin klar.

„Komm rein, ich will dir was zeigen!“ forderte Doris ihn ungeduldig auf. Zögernd betrat Martin das Zimmer.

„Lass die Tür auf, dann hören wir, wenn meine Mutter zurück kommt“, erklärte Doris. Das verstärkte bei Martin nur noch den Eindruck, dass es falsch war, was er hier tat.

„Warum muss ich denn hier rein? Das gibt doch nur Ärger“, warf Martin ein.

„Ach was. Komm jetzt und setzt dich hier aufs Bett!“ befahl Doris.

Es blieb ihm nichts anderes übrig als sich auf die Kante des Bettes zu setzen, denn ihre Stimme hatte schon wieder diesen leicht zornigen Untertun. Doris zog eine Schublade unter dem Spiegelschrank auf und kramte vorsichtig darin herum. Mit einem triumphierenden Grinsen drehte sie sich um und hielt ein Heft in der Hand.

„Da! Schau dir das an! So etwas hast du bestimmt noch nicht gesehen!“ freute sie sich. Martin nahm das Heft. Und Doris schien voller Spannung jeden seiner Gesichtszüge beim Betrachten des Umschlags genau zu beobachten. Auf der Titelseite war ein nackter Mann mit einem geschwollenen Glied, an dem sich eine Frau mit der Hand zu schaffen machte.

„Was soll das?“ fragte Martin und wollte ihr das Heft zurückgeben.

„Schlag es auf!“

„Keine Lust“, wehrte Martin ab.

Doris riss ihm das Heft aus der Hand und schlug es auf, dann hielt sie es ihm geöffnet entgegen. Da waren zwei Frauen, von denen die eine die Beine angewinkelt weit auseinander hielt. Die andere den Kopf auf ihren Bauch gelegt und schaute Martin direkt an. Mit den Fingern zog sie die Schamlippen der auf dem Rücken liegenden Frau auseinander.

Das war eindeutig nicht für ihn bestimmt. Martin wurde rot. Er hätte jetzt einfach aufstehen und weggehen sollen. Aber irgendwie versagten ihm die Beine den Dienst. Doris drückte ihm das Heft in die Hand. Sie hatte die Lippen zusammengekniffen und es sah aus, als wenn sie sich heftig darauf biss.

„Schau es dir an!“

Martin blätterte eine Seite weiter. Eine Frau kniete auf dem Bett. Wieder schaute sie Martin an. Ein Mann hockte gleich dahinter und hielt ihren Hintern mit beiden Händen fest. Zwischen den beiden sah man ein Stück von seinem Penis, das irgendwo, zwischen den Beinen der Frau zu verschwinden schien. Martin wurde blass, sein Blut schien sich auf einmal in seinem Bauch und dann etwas tiefer zu versammeln. Seine Leistengegend fing an zu brennen. Schnell schlug er eine Seite weiter, in der Hoffnung, dass dort weniger schlimme Dinge zu sehen sein würden.

„Da!“ rief Doris begeistert. „Das nennt man französisch.“

Martin starrte auf das Bild und konnte es erst nicht fassen. Seine Beine fühlten sich plötzlich taub und kraftlos. Am liebsten hätte er sich hinten rüber fallen lassen und die Beine angezogen. Sein Unterleib brannte jetzt nicht mehr, aber jede Berührung mit seiner Unterhose schien ihn zu kitzeln.

„Das erregt dich, ja?“ Doris schien plötzlich heiser geworden zu sein oder sie verstellte irgendwie ihre Stimme. Martin achtete nicht weiter auf sie. Doris hätte sagen können, was sie wollte, er starrte nur noch auf das Bild.

„Denkst du jetzt an mich?“ fragte sie neugierig.

Martin antwortete ihr nicht. Plötzlich riss Doris ihm mit der Linken das Heft weg und ihre rechte Hand griff fast gleichzeitig nach seiner Hose. Martin erschreckte sich so sehr, dass er einen Augenblick lang dachte er hätte sich in Hose gemacht. Alles fühlte sich warm und wohlig an. Ihr Tasten war ihm nicht wirklich unangenehm.

„Denkst du dabei an mich?“ wollte sie noch einmal wissen. Ihre Stimme war jetzt wieder eindringlicher geworden. Offenbar war sie wieder kurz davor wütend zu werden. Martin grunzte verärgert und stieß ihre Hand weg. Warum zeigte sie ihm so etwas. Er hatte sie nicht darum gebeten.

„Lass das!“

„Blödmann!“, zickte Doris.

Werner stand plötzlich in der Tür. Offensichtlich war er mit dem Abräumen des Frühstückstisches fertig. Er sah das Heft auf dem Boden liegen, ging wortlos darauf zu und hob es auf. Dann nahm er es ohne jede Erklärung mit ins Badezimmer.
Doris sah ihm nach. Plötzlich wurde sie wütend. Sie stürmte hinterher, doch die Badezimmertür war bereits abgeschlossen. Sie klopfte leise. Schließlich wollte sie ihren Vater nicht wecken.

„Werner mach die Tür auf!“

Werner antwortete ihr nicht.

„Werner mach sofort auf!“ befahl sie mit gedämpfter Stimme auf dem Flur.

Martin saß wie betäubt auf dem Bett und verstand das alles nicht. Er tastete in seine Hose herum. Gott sei Dank war sein Glied wieder abgeschwollen, aber irgendwie feucht und glitschig.

„Mach auf! Werner, du bist ein Schwein!“

Doris kam wieder zurück. Sie kochte vor Wut. Sie hob den Arm, doch diesmal hatte Martin aufgepasst. Er hielt ihren Arm zurück, bevor sie ihm eine kleben konnte.
„Ihr seid Arschlöcher. Alle beide!“ behauptete sie erbost.

Martin wollte endlich das Zimmer verlassen. Das alles war nicht seine Sache.

„Warte!“ rief Doris gefährlich schneidend. „Ich sage meiner Mutter, dass du an ihrer Schublade warst.“

„Das warst du doch. Du warst doch da dran. Ich wußte doch gar nichts von dieser Schublade“, verteidigte sich Martin empört.

„Ich sage: Ihr beide wart da dran. Sie wird mir glauben, und Werner widerspricht mir bestimmt nicht.“

‚Vermeide Streit‘ und ‚tu einfach was sie sagt‘ schoss es Martin durch den Kopf. Wenn Doris das ihrer Mutter erzählte, wäre das wohl für beide peinlich. Schließlich waren das ihre Hefte. Martin überlegte, ob Frau Bruckner davon seiner Mutter erzählen würde. Wahrscheinlich nicht. Aber wenn doch?

„Ich kann auch noch ganz andere Sachen sagen: Dass du mich geschlagen hast zum Beispiel. Oder: Dass du wolltest, dass ich deinen Penis in den Mund nehme“, setzte Doris drohend nach.

Martin sah Doris abschätzend an. ‚Damit könnte sie durchkommen und das wäre eine Katastrophe‘, dachte Martin.

„Werner hält zu mir, das ist sicher!“ triumphierte sie.

„Also gut, was willst du?“ fragte er resigniert.

„Erstmal will ich, dass du am Montag jedem in der Schule erzählst, dass du in mich verliebt bist.“

„Sonst noch was?“

„Das ich die schönste Frau der Welt bin!“

„Das hatten wir schon.“

„Richtig“, sagte Doris und schien sich plötzlich an etwas zu erinnern. „Du bist ja die schönste Frau der Welt!“ erinnerte sie sich. „Dann will ich, dass du dich auch so anziehst.“

Doris riss die Türen des Kleiderschrankes auf und begann Kleidungsstücke von Frau Bruckner auf das Bett zu werfen.

„Los zieh dich an, wie die schönste Frau der Welt.“

„Schon gut. Also gut. Du bist die schönste Frau der Welt.“

„Nee, nee, so nicht. Das werden wir gleich sehen. Zieh das hier an, dann werden wir ja sehen, wer uns beiden die schönste Frau der Welt ist“, forderte Doris stur. Wenn sie erstmal auf eine Idee gekommen war, ließ sie so schnell nicht mehr locker.

„Das ist doch nicht dein Ernst!“ fragte Martin verzweifelt. Wußte aber längst, dass das einzige was Doris fehlte, jede Art von Humor war.

„Oh, doch“, knurrte sie.

„Ich kann keine Frauenkleider tragen, schon gar nicht in dieser Größe“, behauptete Martin.

„Wollen wir wetten?“

„Ich will das nicht“, wehrte Martin müde ab.

„Mein Vater wird durchdrehen, wenn er hört, dass du mich geschlagen hast, weil ich dein Ding nicht in den Mund nehmen wollte!“

„Hör endlich auf mit dem Mist“, forderte Martin sie verzweifelt auf.

„Mein Vater war im Krieg, er hat noch eine Pistole in seinem Schreibtisch!“ steigerte sich Doris nur immer weiter in ihre fixe Idee hinein. Martin schüttelte den Kopf. Es blieb ihm letztlich gar kein Ausweg. Gegen Doris Boshaftigkeit kam man einfach nicht an.

„Also gut“, willigte er zögernd ein. „Aber du erzählst es niemandem! Absolut niemandem!“

„Mal sehen“, sagte sie und legte den Kopf abwägend schief.

„Nein, entweder du versprichst es, oder …“, widersprach Martin energisch.

„Versprochen! Hier das zuerst“, freute sich Doris, als ob sie Geburtstag hätte.

„Das ist Unterwäsche!“

„Deswegen musst du sie zuerst anziehen.“

„Oh Mann, du gehst mir echt auf die Nerven“, stellte Martin klar. „Aber meine Unterhose behalte ich an.“

Doris grinste und hielt ihm ein hautfarbenes Mieder hin. Das sollte eigentlich eng sitzen, aber Martin rutschte es, wie ein Sack, bis fast auf die Knie. Doris kreischte unterdrückt vor Vergnügen.

„Jetzt den Rock“, kommandierte sie.

Martin zog den Rock bis knapp unter die Brust. Er hielt auch nur, weil er noch eine weiße Bluse darunter zog und den Gürtel im allerletzten Loch schloss. Aber einige heftige Bewegungen und alles würde verrutschen.

„Strümpfe! Hier du brauchst noch Strümpfe.“

„Wozu sind diese Clipdinger hier?“ fragte Martin.

„Da machst du die Strümpfe dran fest. So!“

Alles schlabberte an ihm herunter. Sogar die Strümpfe warfen Falten. Schuhe Größe vierundvierzig.

„Ohrclips!“ Doris hielt sie ihm hin. „Diesen Hut hier.“ Dann schloss sie die Schranktüren. In den Spiegeln sah Martin aus wie Mrs. Doubtfire in Säcke gehüllt.

„Eigentlich müssten wir dich ja noch schminken“, überlegte Doris.

„Nein, jetzt reicht‘s.“

„Also, wer von uns beiden ist die hübschere Frau?“

Die Frage war weiß Gott nicht schwer zu beantworten. Werner brach in schallendes Gelächter aus, als er den Raum betrat.

„Mann o Mann, du siehst vielleicht albern aus!“

Er lachte immer noch, als er das Heftchen sorgfältig wieder in der Schublade verstaute.

„Pscht!“ Doris lauschte. „Die Tür.“

Werner lauschte kurz und verdrückte sich dann immer noch lachend in sein Zimmer.
„Los beeil dich!“ hetzte Doris plötzlich.

Das brauchte Doris ihm nun wirklich nicht zweimal zu sagen.

Er hätte fast alle Knöpfe von der Bluse gesprengt, als er sie zu öffnen versuchte. Doris räumte unterdessen die Sachen wieder ein. Wenigsten ließ sie ihn in diesem Outfit nicht allein hier stehen. Ein letzter Rest von Anstand schien selbst Doris noch zu haben. Martin wollte gerade, die Strümpfe von den Clips zu trennen, da rief Frau Bruckner von unten: „Werner!“

Doris lauschte kurz und Martin hielt die Luft an. „Der Arsch antwortet nicht! Sie kommt hoch!“ behauptete Doris. Jeden Moment würde die Katastrophe ihren Lauf nehmen. Wie sollte er wohl Frau Bruckner erklären, was er hier in ihrer Unterwäsche trieb.

„Nimm deine Klamotten und lauf rüber in Werners Zimmer!“ befahl Doris energisch.

Martin dachte nicht weiter nach und rannte los. Doris verstaute noch schnell die Schuhe und kam hinterher gehastet.

Werner platzte fast vor Lachen, als Martin in dem Mieder mit einem Strumpf in sein Zimmer gestolpert kam.

„Gott, du hast echt Stil“, kreischte Werner und schlug sich lachen auf den Schenkel.
„Hör auf zu lachen!“

Martin fummelte den übrig geblieben Strumpf los und warf in Werner zu.

„Wow!“

„Sie kommt“, rief Doris und schloss leise die Tür. „Lass das an, verdammt. Hier, zieh einfach die Hose und ein T-Shirt drüber.“

Martin schaute sie an.

„Sie kommt!“

Es blieb ihm einfach nicht die Zeit für irgendwelche Alternativen. Die Hose war schnell angezogen, das überhängende Mieder darin verstaut. Das T-Shirt gerade übergezogen, da wurde auch schon die Tür geöffnet.

„Hört mal Kinder, geht doch bitte ein bisschen raus. Vater steht gleich auf und ich möchte nicht, dass er schlechte Laune kriegt, wenn er nicht in Ruhe frühstücken kann.“

„Wir sind doch leise“, warf Doris ein.

„Trotzdem. Hier habt ihr zehn Mark. Geht in die Stadt und esst ein Eis, ja.“

„Gleich, Martin muss sich erst noch Socken und Schuhe anziehen.“

Frau Bruckner blieb an der Tür stehen und wartete darauf, dass Martin sich fertig angezogen hatte.

„Macht zu. Martin komm, bitte.“

Eine Minute später standen sie auf der Straße. Offensichtlich musste jeder in dem Hause Bruckner auf die Launen des Vaters Rücksicht nehmen.

„Wie fühlst du dich in dem Mieder?“ wollte Werner belustigt wissen.

„Halt den Mund“, maulte Martin. „Lass uns sehen, dass wir da vorn durch den Park gehen, ich muss das Ding loswerden.“

„Willst du es dann mit dir herumtragen?“ fragte Doris. „Was glaubst du, was meine Mutter sagt, wenn du damit in der Hand nach Hause kommst?“

„Ich zieh es aus und lass es einfach dort irgendwo liegen, fertig.“

„Das tust du nicht“, sagte Doris sofort. „Was, wenn meine Mutter es vermisst? Dann muss ich ihr wohl alles erzählen. Alles!“

„Aber ich muss es wenigstens richtig in die Hose stopfen, das knittert und zwackt mich überall.“

Nach ein paar Metern im Park verschwand Martin hinter einem Gebüsch und ordnete seine Kleidung. Jetzt zwackte es zwar nicht mehr so, aber dafür konnte man nun diese dämlichen Strumpfclips sehen, die sich durch die Hosenbeine abzeichneten. Außerdem fühlte sich seine Oberkörper mit dem leeren BH-Teil an wie aufgepumpt. Auch seine Hüfte war plötzlich breiter und er hatte eine angeschwollene Brust und einen Rettungsring um die Hüfte. Nicht wirklich, natürlich. Wenn er mit dem Finger hinein drückte, gab der Stoff nach und kräuselte sich unnatürlich.

„Habt ihr keine Toilette zu Hause?“ fragte Heike, als Martin wieder hinter dem Busch hervorkam. Ausgerechnet das größte Lästermaul in ihrer Klasse. Was Heike wußte, wussten alle.

„Schwache Blase“, erklärte Werner, der heute für seine Verhältnisse ungewöhnlich gesprächig war.

„Wie hältst du es bloß mit dem unter einem Dach aus, Doris?“

„Er ist nunmal Werners Freund und außerdem ist halt verliebt in mich. Da muss man als Frau durch.“

Doris stieß Martin in die Rippen. Es war noch nicht Montag. Aber je früher je besser, dachte Martin sich.

„Hoffnungslos verliebt. Kann nichts mehr dran ändern“, erklärte Martin lapidar. Doris kicherte zufrieden und Werner schaute seinen Freund fragend an. Heike schien bestürzt.

„Du bist geschmacklos und abstoßend, Martin. Wie kannst du darüber einfach so vor anderen Leuten reden?“

„Och, wenn wir allein sind sagt er noch ganz andere Sachen“, stellte Doris schnell klar. „Gerade heute morgen hat er festgestellt, dass ich die schönste Frau der Welt bin.“

„Nein!“ staunte Heike.

„Doch! Nicht wahr?“ behauptete Doris lauernd.

„Absolut! Die schönste Frau der Welt“, behauptete Martin trocken.

„Bist du ein Schleimer! Warum lässt du dich von so einem einwickeln?“ fragte Heike ihre Freundin voller Mitleid.

„Tu ich doch nicht. So was nehme ich gar nicht ernst. Aber wenn er nunmal so denkt. Vielleicht ist er ja als Freund ganz brauchbar. Als Mann kommt er natürlich nicht in Frage.“

„Aber als Freundin macht er eine gute Figur!“ freute sich Werner und schlug Martin kräftig auf den Rücken. Der fand das gar nicht lustig. Auch Doris konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.

„Geht doch schon mal vor. Ich muss mit Heike noch ein kurzes Gespräch unter Frauen führen.“

Heike schwitzte die Neugier förmlich aus jeder Pore. Martin und Werner gingen allein weiter zur Eisdiele und verfraßen die ganzen zehn Mark, denn Doris sahen sie an diesem Vormittag nicht wieder.


Weiterlesen Kapitel 8

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