Kapitel 4


Frau Bruckner hatte einen großen, dampfenden Eintopf zubereitet, in dem sich auch ein Kaninchen versteckt halten sollte. Nach dem Tischgebet, das bei den Bruckners Pflicht war, ging die Kaninchenjagd los. Mutter Bruckner teilte aus. Alle schienen ein Stück von dem kleinen Hopser erwischt zu haben, nur auf Martins Teller fanden sich bloß winzige Fetzen undefinierbaren, fettigen Fleisches. Martins Mutter legte großen Wert auf Tischmanieren. Wenn sie aber Herrn Bruckner jetzt gesehen hätte, dessen dritte Zähne sich einsam mit einem Kaninchenknochen balgten, hätte sie vielleicht gedacht, dass dies nicht der richtige Ort für einen jungen, gut erzogenen Mann war. Als es soweit kam, dass Herr Bruckners Kauhilfe völlig losgelöst vom Kiefer in einem Stück Kaninchenrücken steckte, konnte sich Martin nicht mehr halten vor Lachen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er bemerkte, dass das wohl außer ihm niemand wirklich komisch fand.

„Finden Sie das witzig, junger Mann?“ fragte ihn Herr Bruckner vorwurfsvoll, nachdem er seine Dritten wieder eingepflanzt hatte.

Ja, das tat Martin. „Nein“, antwortete er brav und schaute betroffen auf seinen Teller, um nicht weiter der Versuchung zu erliegen laut zu lachen.

„Sicher nicht?“
„Ganz bestimmt nicht“, antwortet Martin und konnte ein weiteres Lachen nicht mehr unterdrücken.

„Der Junge kennt so was doch nicht“, versuchte Frau Bruckner ihren Mann zu beruhigen.

„Der soll mal in mein Alter kommen!“ schrie Herr Bruckner erregt, stand abrupt auf, nahm den angeknabberten Knochen von seinem Teller und warf mit Wucht in den halb vollen Topf zurück, dass der Eintopf auf das weiße, gestärkte Tischtuch spritzte.

„Hermann!“ rief Frau Bruckner.

„Eines Tages wird dieser Bengel gelernt haben, wie unhöflich sein Verhalten ist.“ Bruckner verließ wutschnaubend das Zimmer. Dicht gefolgt von seiner Frau, die sich offenbar alle Mühe gab den Mann wieder zu beruhigen.

„Wenn wir jetzt nicht schwimmen gehen dürfen“, zischte Doris verärgert. „Dann bist du fällig!“ Werner stochert betont unbeteiligt und lustlos in seinem Essen herum.

Frau Bruckner kam allein zurück. Sie sah auf Martins Teller.

„Hast ja gar kein Fleisch mehr, Junge.“ Ihr Tonfall hatte etwas Lauerndes. Sie fischte im Topf herum. „Das reicht eh nicht mehr für morgen.“

Ehe sich Martin irgendwie wehren konnte, landete das Stück Kaninchenrücken auf seinem Teller. Er war sich sicher, dass es das war worin vorhin noch Herr Bruckners Dritte steckten.

„So, wenn ihr aufgegessen habt, dann könnt ihr ins Schwimmbad. Das hattet ihr doch vor?“ Doris nickte.

„Aber erst wird aufgegessen!“ befahl Frau Bruckner mit einem ungewohnt boshaften Blick auf Martin. Mit den leicht über die Kinnlinie herüber hängenden Wangen hatte sie in diesem Moment etwas Ähnlichkeit mit einer Bulldogge, die einen beäugte und in Gedanken abwägte, ob sie einen beißen wollte.

Martin sah auf das Fleischstück auf seinen Teller und dann hinüber zu Doris. Sie hielt ihre Gabel so in der Faust, als ob sie damit jeden Moment zustechen wollte. Sekundenlang schien es keine Ausflucht vor dem Kaninchenrücken zu geben.

„Es tut mir leid, Frau Bruckner“, erklärte Martin zögernd und zerknirscht.

„Ach, ist nicht so tragisch“, winkte Frau Bruckner scheinbar besänftigt ab. „Mein Mann ist manchmal etwas brummig, das meint er nicht so. Esst einfach in Ruhe zu Ende und kümmert euch nicht darum.“

„Vielen Dank, aber es ist so: Meine Mutter hat gesagt, dass ich nicht viel essen darf, bevor ich schwimmen gehe. Sie meint, das sei gefährlich“, versuchte Martin die Gelegenheit zu nutzen und sich geschickt aus der Affäre zu ziehen.

Doris schäumte beinahe vor Wut.

Martin konnte die Gedanken in Frau Bruckners Kopf förmlich kreisen hören. Er beobachtete, wie sie die Möglichkeit in Betracht zog, ihm einfach zu sagen, dass er dann eben nicht schwimmen gehen dürfe. Glücklicherweise lächelte sie auf einmal wohlmeinend und sagte: „Da hat sie recht, das sagt man wohl. Also, esst nicht zuviel. Wenn ihr fertig seid, könnt ihr gehen.“

Doris schien ihm diesen kleinen Sieg ernsthaft übel zu nehmen. Sie stand wutschnaubend auf und verzog sich in ihr Zimmer. Das tat Martin zwar leid, aber nichts auf der Welt hätte Martin dazu bewegen können, an diesem angebissenen Kaninchenknochen zu knabbern.

Als sich Doris, Werner und Martin endlich auf die Räder schwangen und Richtung Badeanstalt fuhren, schien Doris Wut fürs erste verraucht. Martin überlegte, unter welchem Vorwand er die beiden loswerden konnte. In einer halben Stunde musste er auf dem Parkplatz der Sparkasse sein. Allein.

„Hey, wir müssen hier rechts“, rief Martin und hatte angehalten.

„Nein, komm hier lang“, rief Werner über die Schulter zurück.

Martin beeilte sich die beiden wieder einzuholen.

„Was soll das?“

„Wir fahren nicht in die Badeanstalt. Wir fahren zum Ögersee, da kann man viel besser schwimmen“, erklärte Werner. Das durften sie eigentlich nicht. Dort gab es keine Badeaufsicht. Und die etwas älteren Schüler trieben dort allerlei verbotene Sachen. Sie rauchten, tranken Bier und taten alles das, was in der Badeanstalt nicht möglich war.

„Aha!“ sagte Martin steif und überlegte. Bis zum Ögersee war es eine viertel Stunde Fahrtzeit, zehn Minuten, wenn man ordentlich in die Pedale trat. Das konnte knapp werden. Nach der Hälfte der Strecke erklärte Martin plötzlich, dass vergessen hätte, einen Umschlag von seiner Mutter einzustecken. Der Brief musste aber unbedingt noch heute in die Post. Das war sehr wichtig und er hatte ihn schon heute morgen auf dem Schulweg vergessen. Er wollte schnell noch mal zurückfahren und zum Postamt bringen. Dann würde er aber gleich nachkommen.

Doris schien schon wieder sauer zu werden. Sie geriet immer so leicht und ohne erkennbaren Grund aus der Fassung, wenn etwas anders zu laufen drohte, als sie es sich vorgestellt hatte.
„Ihr könnt ja meine Badesachen schon mal mitnehmen, dann geht’s schneller.“

Die beiden waren einverstanden und erklärten ihm noch kurz, wo am See sie in etwa liegen wollten. Dann war Martin sie los und traf fast fünf Minuten zu früh auf dem Parkplatz der Sparkasse ein.
Schlüsselkind

Das sollte aber nicht etwa heißen, dass er warten musste. Frau Möllers roter Ford Fiesta stand ganz hinten am Eingang zum Park. Martin schloss sein Fahrrad ab und ging hinüber. Die Lehrerin saß im Wagen und schien auf ihn zu warten. Ungeduldig trommelten ihre Finger auf dem Lenkrad herum.

„Steh da draußen nicht lange rum und steig ein“, begrüßte ihn Frau Möller, als Martin die Beifahrertür geöffnet hatte. Er war kaum richtig eingestiegen, da fuhr sie auch schon los.

„Schnall dich an!“ kommandierte sie gereizt.

Martin klinkte den Gurt über der Brust ein und ihn zog straff. Wortlos fuhren sie durch die kleinen Gassen der Innenstadt. Einige Querstraßen weiter fragte Frau Möller ihn, ob er überhaupt wüsste, wo sie hier waren. Es war nicht weit weg von seinem eigenen Viertel. Ein Hochhausviertel. Martin dachte immer, dass Frau Möller, wie die anderen Lehrer oben am Hang, in einem der Einfamilienhäuser mit den großen Gärten wohnte. Dort wohnten sonst eigentlich alle Lehrer. Aber jetzt stellte er fest, dass sie in dem Neubaugebiet wohnte. Sie fuhr den Fiesta in eine Tiefgarage.

„Hast du dir die Einfahrt gemerkt?“

„Ja“, antwortete Martin und hatte mit einem Mal das Gefühl in einem Geheimdienstfilm gelandet zu sein.

„Du wirst nur diese Einfahrt benutzen! Ist das klar?“ wies ihn Frau Möller eindringlich an. Martin nickte.

„So“, sagte Frau Möller. Die Garage war riesig groß und verband alle Hochhäuser in diesem Viertel unterirdisch miteinander. Frau Möller hielt an. „7B. Aufgang 7B. Merk dir das!“ Komm mir später nicht damit, dass du dich verlaufen hättest, hier unten.“

„Keine Angst!“ sagte Martin. Sein Ortsinn war gut. Er hatte sich noch nie wirklich verlaufen. „Ich hab mir den Weg genau gemerkt.“

„Hier unten kannst du dein Fahrrad abstellen. Klar?“

„Wie soll ich denn in die Garage kommen? Dazu braucht man einen Schlüssel.“

Das war wohl erste und vielleicht auch einzige Mal, dass er Frau Möller lächeln sah. Zumindest ohne jede Boshaftigkeit. Sie hielt einen kleinen Schlüssel zwischen den Fingern hoch.

„Sehr richtig, darüber habe ich mir auch schon meine Gedanken gemacht gedacht. Hier! Den habe ich eben für dich machen lassen. Wir wollen doch, dass dein Kommen völlig unbemerkt bleibt, oder?“
Martin nickte. Das war auch in seinem Interesse. Denn wenn seine Mutter davon Wind bekäme, müsste er einige unangenehme Fragen beantworten.

„Freut mich, dass du mitdenkst. Also, von 7B aus fährst du mit dem Fahrstuhl in den fünften Stock. Oder besser noch, du nimmst die Treppen. Da triffst du weniger Leute. An der Tür ist kein Namensschild, sonst habe ich womöglich immer mit irgendwelchen Schülerstreichen zu tun. Ich gehe davon aus, dass du meine Adresse an niemanden weitergibst!“

Eigentlich hätte der Blick, mit dem sie ihn bedachte, ihm Angst machen sollen, aber irgendwie fühlte er sich sicher und es gefiel ihm, ausgerechnet mit der Ziege Möller ein Geheimnis zu teilen. Da war ein eigenwilliges Gefühl von Macht, das in ihm aufkeimte. Es fühlte sich irgendwie erwachsen an. Er sah Frau Möller fest in die Augen und nickte bedeutungsvoll.

„Gut“, sagte sie sichtlich zufrieden. „Wenn du dir alles gemerkt hast, sehen wir uns am Montag. Ich bringe dich jetzt zurück und achte bitte genau auf den Weg.“

Wenige Minuten später stand er wieder vor ihrem Auto auf dem Parkplatz der Sparkasse. „Jetzt wünsche ich dir ein schönes Wochenende! Bis Montag also!“

Es klang fast bedauernd, als wenn es sein letztes schönes Wochenende werden sollte. Martin verabschiedete sich und beeilte sich, auf sein Fahrrad zu kommen. Er war ausgesprochen zufrieden mit sich. Die größte aller Katastrophen, die sich an diesem Tag angebahnt hatte, war erfolgreich abgewendet. Jetzt würde er auch mit den Bruckners fertig werden. Gegen Frau Möller war das nur ein Kinderspiel.



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