Kapitel 3

Schönste Doris

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Als Martin wieder ins gleißende Mittagslicht des Schulhofs trat, dachte er einen Moment, er würde nicht richtig sehen. Nicht nur Werner hatte auf ihn gewartet, sondern auch Doris stand dort am Tor und unterhielt sich mit ihrem Bruder.

„Hat aber ganz schön lange gedauert“, stellte Werner fest.

„Was hat die alte Ziege von dir gewollt?“ fragte Doris neugierig.

„Meine Zensuren sind ihr zu schlecht. Ich soll mehr arbeiten.“

„Deswegen verschleppt die dich in ihre Folterkammer?“ Werner lachte. „Man, die hat es aber auch wirklich auf dich abgesehen.“

„Da ist er doch selbst dran schuld!“ keifte Doris.

„Was? Wieso bin ich da selber schuld dran?“ fragte Martin verwirrt.

„Das ist deine Art. So, wie du die Leute immer anguckst. Du musst einen ewig provozieren“, behauptete Doris und warf den Kopf in den Nacken.

„Wie bitte? Ich gucke ganz normal, oder etwa nicht? — Werner?“

„Na ja“, druckste Werner, der seiner Schwester nur sehr ungern widersprach, rum. „Manchmal bist du schon etwas komisch.“

„Ich bin komisch? Was hab ich denn gemacht?“

„Na, heute hast du mich zum Beispiel bei der Möller angeschwärzt, nur weil ich deine Gefühle nicht erwidere. So was ist …“

„Erstens habe ich dich nicht angeschwärzt…“, fuhr Martin dazwischen, „… und zweitens habe ich keine Gefühle für dich … Jedenfalls nicht so, wie du das vielleicht meinst!“

„Siehst du! Das meine ich. Jetzt tust du wieder so, als wenn du mich nicht magst.“ Doris stemmte aufgebracht ihre Hände in die Hüften. „Vorhin hast du noch das Gegenteil behauptet. Und du hast auch immer versucht, mir unter den Rock zu gucken“, behauptete Doris ehrlich entrüstet.

„Aber du hast doch …“, wollte Martin sich aufregen.

„Ich habe mir nur ein bisschen frische Luft zugefächelt. Siehst du! Ewig unterstellst du mir irgendwelche Sachen. Aber du bist es, der …“

„Hört doch endlich auf zu streiten“, fuhr Werner genervt dazwischen. „Wir sind gleich zu Hause. Und wenn es Streit gibt, dürfen wir nicht schwimmen gehen.“

„Wir streiten ja überhaupt nicht! Er streitet doch wieder. Plötzlich ist wieder alles so, wie er es haben will, und ich soll die Böse sein“, nörgelte Doris eingeschnappt.

„Hört auf! Hört einfach auf! Alle beide! Vertragt euch!“

„Okay“, sagte Martin. „Lass uns die Sache einfach vergessen!“

„Nein!“

„Doris, bitte“, flehte Werner seine Schwester beinahe an.

„Werner, du bist mein Bruder, du musst ja wohl zu mir halten“, behauptete Doris vorwurfsvoll. „Martin kommt nicht immer mit seinem Dickkopf durch. Erstmal entschuldigt er sich jetzt bei mir!“

„Wofür?“ wollte Martin erstaunt wissen.

„Erstens hast du mich beleidigt, und zweitens hast du versucht, mir unter den Rock zu gucken.“

„Hab ich nicht!“

Werner grunzte laut auf. „Hör schon auf Martin, sag ‚Entschuldigung‘ und fertig. Denk daran, dass wir heute schwimmen gehen wollen.“

„Okay, okay. Ich entschuldige mich!“ bog Martin mit dem Gedanken an seine Mutter die Sache ab.

„Und du bist in mich verliebt!“ setzte Doris zickend nach.

„Was?!“

„Sag es! Sag: Ich bin die schönste Frau, die du je gesehen hast.“

„Bitte, hört jetzt auf!“ nörgelt Werner, dem die Sache allmählich auf die Nerven ging.

Martin grinste plötzlich und sagte: „Ich bin die schönste Frau, die ich je gesehen habe. Zufrieden?“

Ihre Hand war so schnell in seinem Gesicht gelandet, dass er eigentlich erst mitbekam was geschehen war, als der Schmerz einsetzte.

„Du Arschloch, das merk ich mir“, schimpfte Doris wütend.

„Hört doch endlich auf“, sagte Werner eindringlich, als sie in die Straße bogen, in der sie wohnten.

„Er soll das jetzt sagen!“

Martin grinste nur breit. Werner sah ihn an und wußte, dass Martin das nicht sagen würde. Er selbst hätte es jederzeit getan. Er wußte ja auch, dass Doris niemals Ruhe geben würde, wenn sie nicht ihren Willen kriegte. Und sie konnte sich sehr böse Sachen einfallen lassen, wenn sie etwas haben wollte.

„Doris, er hat es gesagt.“

„Aber nicht richtig.“

„Das ist doch jetzt egal, denk an das Schwimmen und was ich dir gesagt habe, sonst kannst du das vergessen, verstanden.“ Martin hatte das Gefühl, dass er etwas nicht mitbekommen hatte.
Doris dachte nur eine winzige Sekunde nach, dann schaute sie Martin böse an und zischte: „Du hast das ja nur nicht gesagt, weil jemand dabei ist und du feige bist. Ein richtiger Mann hätte keine Angst, einer Frau etwas Nettes zu sagen.“

Martin grinste noch eine Spur breiter, trotz der roten Fingerabdrücke auf seiner Wange. Er wußte, dass er diese Runde gewonnen hatte.


Weiterlesen Kapitel 4

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