Martin Swelt (2)

Schulhofratten

play pause stop rewind

Kapitel 2


Auf dem Schulhof war es brütend heiß. Das Wetter hatte Martins Laune ein wenig gebessert. In der zweiten großen Pause sah er Doris inmitten einer Gruppe herumalbernder Mädchen sitzen. Doris fächelte sich mit ihrem Rocksaum Luft zu. Martin saß auf der Holzbank, die rum die alte Schullinde gebaut war. Ein begehrter Platz. Aber heute hatte er die Bank für sich allein. Er saß da, im Schatten und beobachtete Doris. Als sie seinen Blick bemerkte, streckte sie ihm natürlich sofort wieder die Zunge raus, hörte aber nicht auf mit ihrem Rock zu wedeln. Vielleicht sogar noch ein Stück höher als zuvor. Man konnte deutlich ihren Slip sehen. Dann sagte sie etwas zu den anderen Mädchen und alle lachten und sahen zu ihm hinüber. Martin wendete sich ab und suchte nach Werner. Der spielte mit den anderen Jungen aus der Klasse Fußball. Eigentlich war es ja nur ein Tennisball und das Tor bestand aus zwei Mülleimern die jeweils einen Pfosten darstellen sollten. Diese Rennerei bei dieser Hitze, das war nichts für Martin. Er legte den Kopf zurück und starrte durch die Blätter in den Himmel.

„Dieses Flittchen“, hörte er plötzlich eine Stimme neben sich.

Dann sah er, wie Frau Möller, die irgendwo im Schatten hinter ihm gestanden haben musste, auf die Mädchengruppe zuging. Frau Möller trug auch bei dieser Hitze schwarz. Sie trug immer schwarz. Und sie schwitzte nie. Nach einem heftigen Wortwechsel ließ Doris ihren Rock in Ruhe. Niemand legte sich gern mit Frau Möller an. Sie war die stellvertretende Direktorin und schien keinen besonderen Wert darauf zu legen, dass sie jemand mochte. Kaum hatte sich Frau Möller wieder abgewendet zog Doris ihren Rocksaum schon wieder bis über den Kopf. Alle Mädchen lachten. Frau Möller war schnell. Aber sie hatte sich nicht schnell genug umgedreht. Doris Rock hing schon wieder dort, wo er hängen sollte. Aber ein Blick von Frau Möller, wie ihn sich Doris jetzt gerade einfing, bedeutete nichts Gutes. Das wusste Martin aus Erfahrung.

„Martin“, sagte Frau Möller, als sie sich wieder in den Schatten des Baumes getreten war. „Steh gefälligst auf, wenn ich mit dir rede.“

Martin stand mühsam auf. Es hatte wenig Sinn sich mit Frau Möller anzulegen. Die rief grundsätzlich gleich bei den Eltern an.

„Du solltest mit den anderen Jungen Ball spielen, aber nicht hier herumlungern und die Mädchen anstarren. Du provozierst sie ja geradezu solche Sachen zu machen.“

Martin widersprach nicht. Es lohnte nicht darauf hinzuweisen, dass er keineswegs die Mädchen anstarrte, sondern, dass er nur darüber nachdachte, wie er Doris aus dem Weg gehen könnte. Und überhaupt, wenn er herüber gestarrt hatte, dann doch wohl nur, weil sie solche Sachen machten. Das Pausensignal verschonte ihn von weiteren Predigten.

„Wie dem auch sei. Nach dem Unterricht möchte ich dich gerne in meinem Büro sprechen“, sagte Frau Möller und zog eine Augenbraue hoch. Das tat sie immer, wenn es auf etwas nichts mehr zu antworten gab.

Wie erwartet wurde der Tag zur Katastrophe. Martin war sich keiner Schuld bewusst, war sich aber sicher, dass seine Mutter am Sonntag eine ganze Liste mit Beschwerden über ihn abzuarbeiten hätte, wenn das so weiter ging.

Auf dem Weg in die Klasse fing ihn Doris ab.

„Alte Petze“, raunzte sie im Vorbeigehen. „Das wird dir noch leid tun.“

„Was hab ich denn getan?“

„Mir die alte Möller auf den Hals zu hetzen, nur weil du mich nicht leiden kannst“, zischte sie wütend.

„Ich kann dich nicht leiden?“ fragte Martin erstaunt. „Das stimmt doch gar nicht.“

„Ach so? Womöglich magst du mich ja?“

„Natürlich mag ich dich“, behauptete Martin naiv.

„Ich bin das netteste Mädchen in der Schule, nicht wahr?“ fragte Doris lauernd.

Das war nicht unbedingt das, was Martin sagen wollte und er überlegte einen Moment, ob es eine unverfängliche Möglichkeit gab, das zu verneinen.

„Sag schon!“ drängte ihn Doris.

„Ja, du bist wirklich nett.“

„Du liebst mich, ja?“

Das wollte Martin nun ganz entschieden verneinen. Natürlich ohne dabei unfreundlich zu sein. Aber in diesem Moment betrat Herr Stanislawski, der Geschichtslehrer, die Klasse und alle stürmten auf ihre Sitzplätze.

„Hab ich’s doch geahnt“, rief Doris und als sie sich setzte fügte sie hinzu: „Du hast es gesagt! Hast du doch?!“

„Guten Morgen“, dröhnte Stanislawskis Stimme dazwischen und auch ohne diese Unterbrechung hätte Martin dazu nichts mehr gesagt. Der Tag entwickelte sich mit solch atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung Chaos, dass Martin der Mund vor lauter Staunen auszutrocknen drohte.

Die Unterrichtsstunde war noch nicht halb vorüber, da hatte jeder in der Klasse per Zettelpost erfahren, dass Martin in Doris verliebt war. Diese Tatsache jetzt abzustreiten, würde ihn nur noch mehr der Lächerlichkeit preisgeben. Martin sah zweimal enttäuscht zu Doris hinüber. Wenigstens streckte sie ihm nicht mehr die Zunge raus. Vielleicht kam er so heil durch das Wochenende. Sollten sie sich doch über ihn lustig machen. In solchen Dingen war Martin Kummer gewöhnt.

Nach dem Unterricht erklärte Martin Werner, dass er erst noch zu Frau Möller ins Büro musste. Werner versprach zu warten, wenn es nicht allzu lange dauern würde. Frau Möller hatte als einzige Lehrerin ausser natürlich dem Direktor ein eigenes Büro. Es lag gleich links den Gang herunter neben dem Lehrerzimmer. Im Lehrerzimmer schien Ferienstimmung zu herrschen. Im Vorbeigehen sah Martin einen ausgelassenen Haufen gut gelaunter Lehrer, die laut scherzten und sich gegenseitig ein schönes Wochenende wünschten. Herr Stanislawski war gleich hinter Martin in den Gang gekommen.

„Wohin, junger Mann?“ wollte Stanislawski wissen. Eigentlich hatten Schüler auf diesem Gang hier nichts zu suchen.

„Frau Möller wollte mich sprechen.“

„Was hast du denn ausgefressen?“, fragte Stanislawski fröhlich.

„Keine Ahnung, das hat sie nicht gesagt“, antwortete Martin.

„Sie hat nichts gesagt?“ fragte Stanislawski ungläubig.

Martin schüttelte den Kopf und Stanislawski schien einen Moment angestrengt nachzudenken.

„Na, dann viel Erfolg“, sagte er breit grinsend und bog ins Lehrerzimmer ab.

Bevor Martin die Tür zu Frau Möllers Büro erreichte, hörte er Stanislawski im Lehrerzimmer sagen: „Wir haben einen Nachfolger von Holger Schindler.“

„Wen?“ fragte jemand.

„Martin Bönning glaube ich.“

Martin musste grinsen. Lehrer konnten so dämlich sein. Holger hatte dieses Jahr sein Abitur gemacht, das zweitbeste. Alle Lehrer schienen ihn zu mögen. Er war auch der einzige, den Frau Möller wenigstens nicht zu verachten schien. Holger war ein allseits anerkannter Streber. Er war so ziemlich das genaue Gegenteil von Martin. Martin stand ewig auf der Kippe, und keiner der Lehrer konnte ihn wirklich gut leiden.

Fast gleichzeitig mit dem Klopfen ertönte das „Herein“. Martin zog die von innen schwere bepolsterte Tür auf. Dann die zweite und schloss beide wieder. Von den Geräuschen auf dem Gang war hier drinnen aber auch absolut nichts zu hören.

„Setz dich“, befahl Frau Möller, die hinter dem schweren Eichenschreibtisch mit grüner Lederauflage saß und auf einen der beiden Sessel vor dem Schreibtisch deutete.

Martin hatte das Gefühl, dass jemand die Stuhlbeine ein Stück abgesägt hatte, so tief versank er in dem Sessel. Er konnte so gerade eben noch über die Tischkante sehen, wo Frau Möller von einigen Papieren aufsah und gekünstelt ihr ebenfalls schwarzes Brillengestell zurechtrückte. Sie sah Martin lange und eindringlich an. Martin wurde unruhig. Er hatte keine Ahnung, was da jetzt wieder auf ihn zukam.

„Ich habe hier einmal deine Unterlagen durchgesehen. Das sieht nicht gut aus.“

Sie schien keine Antwort zu erwarten.

„In fünf Fächern ist deine Versetzung gefährdet. Sogar im Sport.“

Wieder machte sie eine kleine Pause.

„Ich will ganz ehrlich sein. Du wirst es nicht schaffen. Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, zur Realschule zu wechseln.“

Bis hierher war Martin nur alarmiert gewesen. Jetzt brach Panik aus. Seine Mutter würde ihn wohl kaum schlagen oder so etwas. Aber er konnte schon ihr Gesicht vor sich sehen. Sie hatte ihm immer wieder gesagt, dass er allen möglichen Unsinn anstellen könne, das täten Jungs eben, aber auf keinen Fall dürfte er die Schule vernachlässigen. Das sei seine Zukunft. Ohne Abitur wäre er ein Nichts.
Frau Möller schien ihm anzusehen, dass es in ihm brodelte. Einen Moment lang hatte Martin das Gefühl, dass sie daran auch noch Gefallen fand.

„Du solltest diesem Vorschlag nicht rundweg ablehnend gegenüber stehen. Es ist wirklich nur gut gemeint. Vielleicht ist es am besten so. Du hast ja nichts davon, wenn du dich unnötig quälst und dann am Ende doch versagst.“

Martins Trockenheit in der Kehle hatte sich inzwischen ins Unermessliche gesteigert.

„Ich denke, ich werde mal mit deiner Mutter darüber sprechen. Sie wird das sicher verstehen“, erklärte Frau Möller mit unterkühltem Tonfall.

„Nein“, krächzte Martin heiser. Seine Zunge klebte irgendwo ganz hinten an seinem Rachen fest.

„Doch da bin sicher. Sie ist doch eine vernünftige Frau. Es ist ja keine Schande …“

„Ich … ich werde mich wirklich anstrengen“, brachte Martin mühsam hervor und versuchte den Schwindel zu unterdrücken, der ihn erfasst hatte.

„Nun, ich glaube wirklich nicht, dass das viel Zweck hat“, sagte Frau Möller mit eisiger Kälte. Sie stand auf und kam um den Schreibtisch herum auf ihn zu.

Martin hatte das Gefühl, dass das Gespräch gleich beendet war und sie ihm den Weg hinaus zeigen wollte.

„Ich werde wirklich alles tun, was ich kann, ich verspreche es …“

„Ja, das ist schon bedauerlich, aber leider ich sehe da gar keine Möglichkeit …“, sagte sie. Inzwischen stand unmittelbar vor ihm. Lang und hager, mit ihrem schwarz gefärbtem Pagenkopf. Martin vermied es, zu ihr hochzusehen. Von hier unten im Sitzen schien sie riesig groß. Martin starrte auf ihre Knie, die plötzlich unter dem Rocksaum hervorzuwachsen schienen und sich wie von Geisterhand übereinander schlängelten. Martin sah nun doch hoch, und stellte fest, dass sie sich auf die Schreibtischkante vor ihm gesetzt hatte. Die Beine hatte sie übereinander geschlagen hatte und sie sah ihn lauernd an.

„Das alles ist um so bedauerlicher, als ich dich schon eine ganze Weile beobachte und festgestellt habe, das es nicht wirklich an deinen geistigen Fähigkeiten liegt. Du bist einfach zu unkonzentriert, und jetzt kommt auch noch dazu, dass du den Mädchen hinterher guckst. Das wird ganz sicher nichts“, behauptete sie kopfschüttelnd.

„Geben Sie mir noch ein Jahr, aber rufen sie nicht meine Mutter an. Wenn …“

„Wozu?“ fragte Frau Möller schnippisch.

Jetzt hätte Martin sie am liebsten erwürgt. Kapierte sie denn nicht, dass es seiner Mutter furchtbar weh täte, wenn er die Schule verlassen musste. Und das letzte was Martin wollte, war, seiner Mutter wehr zu tun. Er sah hinauf in Frau Möllers Gesicht und überlegte, was wohl geschehen würde, wenn er ihr jetzt an den Hals sprang. Sie starrte ihn herzlos durch das dicke Plastikgestell ihrer Brille an und schien genau zu wissen, was er dachte.

„Das hilft gar nichts, wenn du deine Wut an mir auslässt. Das wird dir nur schaden. Und außerdem. Ich sag’s ja ungern, aber ich mag dich und will dir ja helfen. Aber, ich kann das ja nicht einfach so.“
„Wieso nicht?“ fragte Martin, der plötzlich stutzig wurde. Speichel sammelte sich wie aus dem Nichts in seinem Mund. Da war ein Hoffnungsschimmer.

„Du brauchst Nachhilfe vor allem in Latein! Aber als deine Lehrerin darf ich dir diesen Nachhilfeunterricht nicht erteilen. Dann würden die anderen vermuten, dass ich dich bevorteile. Das ist doch wohl klar.“

„Ich kann woanders Nachhilfe nehmen. Meine Mutter würde das Geld sicher aufbringen“ erklärte Martin der einen Seenotrettungskreuzer am Horizont auftauchen sah.

„Na also, wirst du endlich vernünftig. Ich habe ja gesagt, wir müssen mit deiner Mutter sprechen“, sagte Frau Möller zufrieden.

In diesem Moment fühlte Martin sich wie im Netz der schwarzen Witwe. Das hatte er nun nicht gemeint. Er wollte keinesfalls, dass Frau Möller mit seiner Mutter sprach. Das war doch wohl klar, oder?
„Das geht nicht. Auf keinen Fall darf meine Mutter davon erfahren.“

„Sie wird aber doch das nächste Zeugnis sehen“, warf Frau Möller fast schon mitleidig ein. „Spätestens dann, …“

„Bis dahin ist es noch ein dreiviertel Jahr. Und ich kann das bestimmt noch hinkriegen“, erklärte Martin voller Überzeugung.

„Wie?“

Frau Möllers Tonfall hatte sich auffällig verändert. Martin hatte fast das Gefühl, dass sie es wirklich gut mit ihm meinte. Vielleicht hatte er sich ja in ihr getäuscht. Vielleicht wollte sie ihm tatsächlich helfen. Martin wußte nicht, was er denken oder sagen sollte. Nach einer kurzen Pause, sagte er: „Es muss doch irgendwie gehen.“

Frau Möller rieb nachdenklich mit ihrem Zeigefinger unter ihrer Nase. Dann erklärte sie plötzlich: „Also gut, ich weiß das es falsch ist, aber ich werde dir helfen.“

Martin fiel etwas vom Herzen, größer als ein Stein allemal. Sein Angstzustand, der eben noch in Wut und später in totale Resignation umzuschlagen drohte, war mit einem Schlag verflogen.
„Danke“, sagte er ohne weiter darüber nachzudenken. Wenn die Möller ihm half, dann würde er es schon schaffen. Ganz bestimmt.

„Moment, Moment. So einfach ist die Sache nicht!“

Zu früh gefreut, dachte Martin und sein Herz spürte gleich wieder diese ungemein felsige Last.

„Also, das kann mich den Job kosten“, behauptete Frau Möller mit verschwörerischem Tonfall. „Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein. Niemand darf erfahren, dass ich dir Nachhilfe erteile. Deine Mutter nicht, keiner der Lehrer und auch absolut kein Mitschüler.“

„Und wie soll ich das bezahlen?“ fragte Martin irritiert.

„Das brauchst du nicht, schließlich bin ich deine Lehrerin und habe so etwas wie einen pädagogische Auftrag“, winkte Frau Möller ab.

„Klasse“, sagte Martin und das war auch das Einzige, was er in diesem Moment dachte. Alles schien gut auszugehen. Und dieser schreckliche Tag konnte womöglich noch gerettet werden.
„Und du hältst dich genau an die Regeln?!“ Frau Möller zog ein Notizbuch hinter ihrem Rücken hervor. „Also es geht … Montags, Dienstags, Donnerstags und Freitags.“

„So oft?“ fragte Martin verblüfft.

Ein einziger Blick korrigierte Martins Ansicht, dass eigentlich ein oder zweimal die Woche völlig ausreichen mussten.

„Ich meine, vielen Dank. Je öfter desto besser“, korrigierte er sich rasch.

„Also, zwei Stunden sollten reichen. Du bist pünktlich um 15 Uhr bei mir. Wenn du nicht vernünftig mitarbeitest oder dich verspätest, ist sofort Schluss. Ich gehe das Risiko nicht ein, wenn dir die Sache nicht wirklich wichtig ist. Klar?“

„Alles klar“, sagte Martin erleichtert.

„Erste Stunde am Montag. Wir treffen uns heute um 16 Uhr auf dem Parkplatz der Sparkasse, dann zeige ich dir, wo ich wohne. Und denk daran, wenn auch nur das geringste Gerücht an der Schule im Umlauf ist, ist es sofort mit der Hilfe vorbei“, ermahnte ihn Frau Möller eindringlich. „Dann können wir das Problem nur noch mit deiner Mutter besprechen.“

„Ja.“

„Wenn wir uns verstanden haben, dann wünsche ich dir jetzt ein schönes Wochenende, dass heißt wir sehen uns ja nachher noch einmal kurz.“

„Ja, bis nachher dann“, sagte Martin erleichtert und stand auf. An der Tür musste er sich noch einmal umdrehen, während er die innere der beiden Türen hinter sich schloss. Frau Möller stand am Fenster ihres Büros uns starrte gedankenverloren hinaus auf den Sportplatz, der hinter dem Lehrerzimmer lag.

Weiterlesen Kapitel 3