Kapitel 1


Martin hasste es, wenn er so früh aufstehen musste. Der Wecker aus buntem Plastik kannte keine Gnade. Unaufhörlich plärrte er mit mechanischer Stimme „Guten Morgen! Aufgewacht! Ein schöner Tag, um die erste Million zu verdienen!“ Martin schlug dem fröhlich grinsenden Dagobert auf den Hut. Jetzt blieben ihm immerhin knapp drei Minuten bis das Ganze wieder von vorn losgehen würde.
In der Nacht war es heiß gewesen, und Martin hatte schlecht geschlafen. Jetzt war er wirklich matt und durfte nicht wieder einschlafen, sonst käme seine Mutter und würde ihn mit Gewalt aus dem Bett holen. Martin hatte Angst, dass seine Mutter ihm wieder mal die Bettdecke wegzog. Es hatte ihr schon mehrfach gesagt, dass er das überhaupt nicht mochte. Aber seine Mutter ließ einfach nicht locker. Es schien ihr geradezu Spaß zu machen. Sicherheitshalber drehte Martin sich auf den Bauch. In letzter Zeit war sein Glied morgens immer so angeschwollen, und er wollte nicht, dass seine Mutter das sah. Sonst hätte sie ihn womöglich zum Arzt geschleppt. Werner, von gegenüber, hatte das gleiche Problem und der hatte gesagt, das sei völlig normal, also gab es keinen Grund seine Mutter mit solchem Kram unnötig zu beunruhigen.

„Martin! Mach, dass du endlich aus dem Bett kommst! Du weißt, ich muss gleich zur Arbeit.“ Martins Mutter stand in der halb offenen Tür schaute nur kurz herein.

„Sofort“, murmelte er und rappelte sich mühsam aus dem Bett. Alles war gut. Martin sah auf die Uhr. In einer halben Stunde musste seine Mutter los, bis dahin sollte er am Frühstückstisch sitzen. Martin zog die Vorhänge zurück. Die Bruckners im Nachbarhaus schienen bereits aufgestanden zu sein. Drüben tauchte Doris am Fenster auf. Sie sah Martin an seinem Fenster stehen und streckte ihm mit einer hässlichen Fratze die Zunge raus. Das tat sie immer, wenn sie ihn sah. Aus irgendeinem Grund schien sie ihn nicht zu mögen. Aber wenigstens ihr Bruder Werner mochte ihn. Werner ging mit ihm in eine Klasse. Doris war eigentlich ein Jahr älter und eine Klasse höher. Jedenfalls bis zu diesem Sommer. Dann war sie sitzen geblieben und seitdem in einer Klasse mit ihrem Bruder und Martin.

Martin reagierte einfach nicht auf die Grimasse, sondern drehte sich um und ging schnurstracks ins Bad. Seine Mutter bestand darauf, dass er jeden Morgen duschte und jeden zweiten Abend badete. Wenn er nicht geduscht und gekämmt am Frühstückstisch saß, bis sie weg musste machte sie einen riesen Aufstand.

Werners Mutter war da ganz anders. Sie tobte und schrie nie. Aber die hatte ja auch Zeit und musste nicht arbeiten gehen. Nur zum Kirchenkreis und dreimal die Woche zum freiwilligen Krankenpflegedienst.

„Hör zu Martin. Ich habe kein Kindermädchen bekommen“, eröffnete ihm seine Mutter während sie ihm einen Teller mit Cornflakes hinstellte. „Aber du kannst das Wochenende über bei den Bruckners bleiben. Ich habe mit Frau Bruckner gesprochen. Das ist dir doch recht, oder?“

Martins Mutter hatte bereits gegessen und war dabei sich nebenbei am Frühstückstisch fertig zu schminken. Das tat sie immer unmittelbar, bevor sie das Haus verließ. Ganz zum Schluss zog sie die Lippen mit einem braunroten Lippenstift nach. Sie kontrollierte alles in dem kleinen Spiegel einer Puderdose. Dann rollte sie die Lippen zweimal ein und aus und machte einen Kussmund. Fertig. Mit flinken Fingern verstaute sie mehr als zehn Schminkutensilien in dem Lederbeutel, der gleich darauf in ihrer Umhängetasche verschwand.

„Du bist am Wochenende weg?“ fragte Martin unkonzentriert.

„Aber darüber hatten wir doch gesprochen!“

„Hab ich vergessen!“

Seine Mutter schüttelte verständnislos den Kopf. „Ich muss zu dieser Computerschulung. Habe ich dir doch erzählt.“

„Ja“, maulte Martin und stocherte geistesabwesend in seinen weicher werdenden Cornflakes herum. „Ich wußte nicht, dass das dieses Wochenende war.“

Seine Mutter seufzte.

„Ich hole dich schon Sonntagmittag wieder ab. Ja? Hier auf dem Küchentisch liegen zwanzig Euro, falls du Geld brauchst. Sonst gehst du nach der Schule mit Werner nach Hause. Ist alles abgemacht. Du hast doch schon öfter dort geschlafen. Ich dachte, du freust dich.“

„Geht so. Doris ist nicht besonders nett zu mir.“

„Ach ja?“ fragte seine Mutter und zog den Reißverschluss ihrer Umhängetasche zu. „Na, Mädchen in diesem Alter sind etwas …, wie soll ich sagen, manchmal eben etwas merkwürdig. Aber wenn du besonders freundlich und zuvorkommend bist, dann wird sie dich bestimmt in Ruhe lassen.“

„Ich bin immer freundlich“, behauptete Martin.

„Na, mein Lieber. Mädchen in Doris Alter erwarten eben etwas mehr als bloße Freundlichkeit. Und schon damit tust du dich ja manchmal schwer.“

„Sie mag mich einfach nicht“, behauptete Martin stur.

„Hör zu Martin, ich möchte, dass du nach Möglichkeit jeden Streit vermeidest. Du weißt, wie schwierig es ist, einen Babysitter zu finden. Und wie teuer so was heutzutage ist“, sagte seine Mutter eindringlich.

„Ich brauche doch keinen Babysitter mehr!“

„Aber du brauchst jemanden, der für dich kocht und nach dir sieht. Jedenfalls noch eine Zeit lang. Es ist ja auch nur einmal im Monat. Also sei bitte …“

„… brav und mach keinen Ärger.“

„Genau! Kann ich mich auf dich verlassen?“

Seine Mutter lächelte. Das war ihr Lächeln, das sie nur für ihn hatte.

„Aber ja.“

Das klang nicht besonders überzeugend. Seine Mutter legte den Kopf etwas schief und sah ihn aufmerksam an. Dann lachte sie wieder. „Gut, ich muss jetzt los. Gib deiner Mutter noch einen Kuss.“

Sie beugte sich über ihn und küsste ihn zum Abschied auf die Wange. Dann kicherte sie wie jeden Morgen und sagte: „Vergiss nicht in die Schule zu gehen und vorher den Lippenstift abzuwischen!“

Das hatte Martin schon mehr als einmal vergessen. Die Mädchen in seiner Klasse hatten ihn eine ganze Woche lang damit aufgezogen. Seine Mutter war soweit in Ordnung, aber sie hatte einige Angewohnheiten, die Martin zur Raserei bringen konnten. Sie musste doch nicht jeden Morgen ihren Lippenstift an seiner Backe testen.

„Komm her, mein Schatz“, sagte sie und wischte ihm das gefärbte Fett von der Wange. Als Martin die Tür ins Schloss fallen hörte, atmete er erleichtert auf. Seine Cornflakes waren inzwischen matschig, aber das störte ihn nicht. Er löffelte in aller Ruhe seine Schüssel leer und dachte darüber nach, ob das Wochenende noch irgendwie zu retten wäre. Doris allein war schon unerträglich. Aber wenn sie mit ihrem Bruder zusammen war, entwickelte sich der Tag fast immer zur Katastrophe.


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