Die letzte Ölung


„Das habe ich mir verdient“, dachte sich Helmut Wagner, als er das erste Mal von dem Balkon seines Appartements hinab auf den breiten, weißen Sandstreifen hinabschaute, der die üppige Vegetation des Landesinneren von den heftig bewegten Wassermassen des Pazifischen Ozeans trennte. Von hier aus konnte Helmut einen Teil des mächtigen Mauna Loa sehen. Wenn ihn Vulkanlandschaften auch langweilten, so musste er ihn doch früher oder später mal besichtigen. Auch Pearl Harbor wollte er besuchen und wenigstens eine der anderen Inseln, wahrscheinlich Niihau oder vielleicht sogar eine der unbewohnten. Aber das alles schob er erst mal weit von sich. Dafür würde auch später noch Zeit bleiben. Jetzt war er mit seinen Gedanken am Strand. Der Koffer lag noch ungeöffnet auf dem Bett. So sollte es auch bleiben, jedenfalls bis er wenigstens einmal am Strand gewesen wäre.


Diese Reise war eine Prämie seiner Firmengruppe für den erfolgreichsten Versicherungsvertreter Norddeutschlands. Sie war für eine Person, aber dafür alles erste Klasse, nur vom feinsten. Zeit mal völlig abzuschalten, und das hatte er sich verdient. Absolut. Portugal, Teneriffa, Mallorca, das war für seine Familie gewesen, aber hier, das war ganz etwas anderes. In all diesem Luxus konnte er allein schwelgen. Allein mit einer unübersehbaren Menge knackiger, braungebrannter Schönheiten, die nichts von der nervenden und penetranten Art seiner Frau hatten. Hier war man jung, gesund und fröhlich. Die Frauen zumindest. Und dann das Meer. Majestätisch rauschend, pompös aufschäumend, beruhigte es Nerven und Gemüt. Herrliche zwei Wochen lagen vor Helmut. Er konnte sich nur schwer von diesem Anblick losreißen, aber es war schon später Nachmittag, als er auf Honolulu gelandet war, und jetzt wurde es Zeit, sich zum Essengehen umzuziehen.


Diese Clubhotels boten ein unglaubliches Buffet. Erst konnte Helmut gar nicht glauben, dass all diese Leckereien eigens für diesen Abend hergerichtet worden waren. Meeresfrüchte in unbeschreiblichen Mengen, nett arrangierte Fruchtberge, Pasteten mit meisterhaften Verzierungen, eine Art Spanferkel mitten in all der silbernen Tabletts, Schüsseln und Schalen mit bunt verzierten Gerichten.


Nach dem ersten Teller überlegte er einen Moment lang, ob dieses Völlen nicht seiner gerade noch im Rahmen liegenden Figur den Rest geben würde. Seine Frau hatte in letzter Zeit öfter mal auf seinen Ansatz zum Bauch hingewiesen. Aber was soll’s? In den zwei Wochen würde er wohl kaum sichtbar an Gewicht zulegen und wenn, dann würde es sich erst bemerkbar machen, wenn er wieder zu Hause wäre. Seine Frau musste sich schon mit dem zufriedengeben, was sie wiederbekam.


Während er sich über einen zweiten Teller mit Lachs und einer Art Pfannkuchen oder Crêpe hermachte, beobachtete er die anderen Gäste. Die meisten waren mit Kindern oder zumindest einem Partner da. Ganz hinten im Raum sah er einen Tisch, an dem zwei Frauen allein saßen. Die ältere fand er ganz attraktiv. Eine Bedienung schob sich an seinem Tisch vorbei. Die kleine Polynesierin hatte glänzend schwarzes, langes, glattes Haar, fast bis zu den Hüften. Der asiatische Frauentyp war eigentlich nicht sein Fall, aber dieses Mädchen, vielleicht 20 Jahre alt, hatte eine ganz ungewöhnlich majestätische Ausstrahlung. Sie trug leichte, sandfarbene Sommerkleidung, die sanft ihren Körper umfloss und ihr Augenaufschlag, den sie Helmut schenkte, als sie sich entschuldigte, weil sie an seinen Tisch gestoßen war, zog ihn unentrinnbar in ihren Bann und ließ seine Gedanken vom Essen abschweifen.


Den Rest des Abends verbrachte Helmut an der Strandbar des Clubs. Der starke Seewind des Nachmittags war abgeklungen, doch nach wie vor, befand sich das Wasser in einem quirligen, unruhigen Zustand, der durchaus Helmuts Gemütslage entsprach. Wie die einbrechende Dunkelheit langsam das Meer zu beruhigen schien, so dämpfte die wohlige Wolke des Alkohols Helmuts Bewusstsein.



Am folgenden Morgen konnte Helmut die Folgen des süßlichen Alkoholkonsums am Vorabend nicht leugnen. Er nahm ein Aspirin und ging hinunter an den Strand. Die Kühle der Nacht war längst wieder der tropisch feuchten Hitze gewichen. Nur der frische Seewind brachte ein wenig Kühlung. Helmut setzte sich in einen der freien klappbaren Liegestühle am Strand und betrachtete das Publikum. Rechts und links von ihm spielten jeweils zwei Teams Beach-Volleyball. Sein Platz war gut gewählt. In der Nähe der Strandbar und ziemlich am Anfang des Strandes. Von hier aus konnte er das Geschehen gut verfolgen. Hinter seiner dunklen Sonnenbrille wanderte sein Blick unstet und so schnell es das noch getrübte Gehirn erlaubte, von einem knackigen Frauenkörper zum nächsten. Befriedigt folgte er den Bewegungen der straffen und gleichmäßig gebräunten Schenkel und Hintern, die im Laufe des Nachmittags vor ihm auf und abwanderten, die silbrig glänzend dem Wasser entstiegen, ihre tropfennassen Haare durch gekonntes Schütteln trocken schleuderten, sich frisch eingeölt mit offenem Oberteil auf Handtüchern oder Liegestühlen räkelten.


Mittendrin lag auch seine Serviererin aus dem Club-Speisesaal. Er begutachtete lange ihre makellose Figur, die er gestern Abend nur vermuten konnte, betrachtete ihr immer feucht glänzendes Haar und ihre natürlich lasziven Bewegungen. Bei der vielen Konkurrenz hier auf dem Sand, erschien ihm ihre Figur gar nicht mehr so außergewöhnlich. Das einzige Highlight an ihr waren die riesigen, magnetisch wirkenden, tief schwarzen Kohleaugen, die bei jedem Blick zu glühen schienen, ohne dabei ihre Farbe zu ändern. Das kam wohl mehr von innen heraus. Helmut beschloss, ihr von nun an die Spitznamen ›Oriental Girl‹ zu geben. Und er freute sich schon darauf, sie heute Abend im Speisesaal zu treffen.


Der Club bot seinen Gästen Gelegenheit, sich in allen möglichen, gewöhnlichen und ungewöhnlichen Aktivitäten zu versuchen. Shows, Tennis, Segeln, Surfen und so weiter. Überall liefen fröhliche Animateure herum, die die Gäste zu diesem und jenem Unfug anstiften wollten. Die meisten Besucher nahmen das Angebot dankbar und humorvoll auf, doch Helmut hatte keinerlei Interesse daran. Als Vertreter hatte er jeden Tag mit Leuten zu tun, die nach seinem Ermessen nur als unästhetisch bezeichnet werden konnten. Dicke Frauen, mit farbenprächtigen runden Gesichtern, die nichts anderes im Sinn hatten, als ihn mit einem Weinbrand auf ihrem Sofa festzunageln, Männer mit kugeligen Bierbäuchen, bei denen er sich den Mund fusselig reden musste, weil sie ewig Angst um ihr sauer verdientes Geld hatten, junge, dynamische Emanzen, die ihn mit Gelesenem von Stiftung Warentest nervten und stundenlang alles hinterfragten, ohne zu durchschauen, worauf sie letztendlich doch reinfallen würden und Haustierfetischisten, die ihre Versicherungspolice am liebsten zugunsten ihrer Vierbeine abschließen wollten. Das einzige, was Helmut hier reizte waren diese ästhetischen, gebräunten, gesunden Körper, die hier in Mengen herumliefen und die an nichts anderes zu denken schienen, als sich zu bewegen, zu fühlen und zu entspannen. So sollte das ganze Leben sein. Wen interessierte hier eine Lebensversicherung? Wer wollte hier schon etwas wissen von Prozenten, von Verträgen, Sicherheiten, Vertragsklauseln? Alles wurde mit Plastikkärtchen bezahlt. Man hatte einfach nur eine gute Zeit. Das war alles. Und die hatte Helmut, wenn er einfach nur dasaß und sah, was da so vor sich ging.


Womöglich hatte Oriental Girl heute ihren freien Tag oder er hatte sie im Speisesaal einfach übersehen. Helmut war auch nicht ganz bei der Sache. An seinem Tisch hatte eine jugendlich gebliebene Amerikanerin in den End-Dreißigern platzgenommen. Durchtrainierter Körper, wie er bei der oberen Mittelklasse manchmal zu finden ist. Selbständig und geschieden, wie sich im Verlauf des Abends herausstellte. Hübsches Gesicht, ein wenig Verbissenheit in den Zügen, aber sonst eine absolut respektable Frau. Franzcine, so hieß sie, zeigte vom ersten Moment an ein ziemlich eindeutiges Interesse an Helmut, was er nicht ohne geschmeichelt zu sein zur Kenntnis nahm. Sicher, sie hatte nichts von diesem Sog, den er beim Anblick des Oriental Girls gespürt hatte, aber sie hatte ihren eigenen Charme und war eine attraktive Frau, die wusste was sie wollte. Und sie wollte nach dem Essen noch etwas mit ihm trinken.


Gute zweieinhalb Stunden erzählte er ihr von seinem Leben daheim, den Kindern, seiner Frau, was er erst als Fehler empfand, doch ihre Reaktion deutete nicht darauf hin, dass sie der Tatsache, dass er verheiratet war, irgendeine Bedeutung beimaß. Er wurde ein wirklich netter Abend, sie tranken zwei oder drei dieser Multi-Alkoholika-Softdrinks. Sie lächelte ihn aufmunternd an, fragte nach diesem und jenem, erzählte nichts von sich und schaute ihm während längerer Passagen tief in die Augen. Trotz allem wollte sich aus seiner Sicht kein richtiges Knistern einstellen. Alles blieb irgendwie distanziert, trocken und wenig erotisch.


Vielleicht hatte er sich geirrt, und sie wollte sich tatsächlich nur mit ihm unterhalten. Er begann sich also darauf einzustellen, dass es bei einem netten Abend mit ein paar Drinks und Reden blieb. Als er daher ein weiteres animierendes Getränk bestellen und nach dem Kellner winken wollte, griff sie ihm unvermittelt in den Arm, lächelte ihn an und sagte:


„Lass das lieber, sonst kriegst du ihn nachher nicht mehr hoch.“


Helmut blieb seine Bestellung im Halse stecken. So was war ihm noch nicht vorgekommen. Er brauchte ziemlich lange, bevor er den Mund öffnete, um eine Antwort zu formulieren. Doch sie war schneller:„Ich meine ja nur. Vielleicht könnten wir uns jetzt ein wenig zurückziehen. Dein Appartement wäre mir eigentlich recht.“


Die geplante Antwort ließ Helmut wieder in die unendlichen Weiten seines Großhirns entschwinden. Jetzt war klar, wie der Abend enden würde, aber Helmut empfand keine Befriedigung dabei. Eher beschlich ihn ein leichtes Angstgefühl. Mit seiner Frau war er seit über zwanzig Jahren verheiratet und in der ganzen Zeit hatte sie ihn niemals auf so eine direkte Art zum Sex aufgefordert. Andere Frauen, andere Sitten.


„Ich weiß nicht recht“, stotterte er heraus, „ich bin ja schließlich …“


„Verheiratet“, vollendete sie den Satz, noch bevor Helmut ihn wirklich zu Ende gedacht hatte. „Mich stört das nicht. Ich mach’ deine Ehe schon nicht kaputt. Aber wenn’s nicht geht, geht’s eben nicht. Liegt nur an dir.“


Helmut zögerte, überlegte zu lange und Franzcine verlangte den Beleg, um ihn zu unterschreiben. Als sie aufstand und sagte: „Ist schon gut. Ich verstehe das“, hatte er seine Entscheidung endlich gefällt.


„Nein, bleib. Oder besser, lass uns gehen«, forderte er sie auf und hielt sie am Arm fest. „Ich war nur etwas überrascht.“


„Überrascht? Sind wir nicht alle hier, um uns zu amüsieren?“


»Sicher«, antwortete er überflüssigerweise auf ihre wohl rein rhetorisch gemeinte Frage. Er war sich aber noch nicht so sicher, dass er sich heute Abend wirklich noch amüsieren würde.Es war nicht das erste Mal, dass Helmut seine Frau betrog. Oft kam es nicht vor, vielleicht zweimal im Jahr, höchstens. Aber meistens handelte es sich dabei um Professionelle, die auf den diversen Vertreterveranstaltungen herumlungerten. Eingeladen und bezahlt von Kollegen, wenn sie etwas zu feiern hatten, und man richtig einen draufmachen wollte. Mit einer sogenannten anständigen Frau, das war nicht drin gewesen. Zu viele mögliche Komplikationen.


Kaum hatten sie sein Appartement betreten, schlang Franzcine ihre Arme um seinen Hals und begann ihn leidenschaftlich zu küssen. Das gab es bei Huren nicht. Helmut fühlte sich emotional überfordert. Er überschaute nicht mehr, worauf er sich da eingelassen hatte. Eine fremde Frau geküsst, das hatte er wirklich seit vielen, vielen Jahren nicht mehr. Und er stellte fest, dass ihn dieses Gefühl ganz außerordentlich zu erregen begann. Ihre Umarmungen wurden fast ekstatisch und sie fingerte nebenbei heftig an seiner Kleidung herum, um ihn dieser zu entledigen. Er wollte gerade damit beginnen sie ebenfalls auszuziehen, da stieß sie ihn kurz weg und riss sich mit wenigen, geübten Griffen ihre Kleider vom Leib, zog ihn am Arm auf sein Bett, zog ihn gleich über sich und drängte ihn geradezu in sich hinein. Dann küsste sie ihn wieder wild, und er spürte diese ungewöhnlich Erregung in sich aufsteigen, die ihm andeutete, dass er gleich und viel zu früh kommen würde.


Nach wenigen heftigen Stößen war es dann auch prompt soweit. Er hielt nach einigen flachen Nachzuckungen inne und wollte das entspannende Gefühl genießen. Aber an seinem Ohr hörte er ein deutlich gezischeltes: „Wehe!“ und ihr Hände krallten sich in seinen Hintern und versuchten ihn wieder zu festgelegten Bewegungen zu motivieren. Es war zu spät. Das passierte ihm eben manchmal. Als sie merkte, dass es vorbei zu sein schien, bevor es richtig begonnen hatte, wurde sie wütend. Sie schob ihn von sich herunter und schrie ihn an:„Mach jetzt nicht schlapp!“


Dann schien sie es sich wieder anders überlegt zu haben. „Ist ja nicht so schlimm. Warte …“ Sie senkte ihren Kopf bis hinab unter seinem Bauchnabel und gab sich wirklich alle erdenkliche Mühe, ihn wieder zu aktivieren. Doch alles war umsonst. Er hätte es ihr auch gleich sagen können, aber wozu? Sollte sie doch machen, was sie tat. Helmut interessierte das nicht, er legte den Kopf zurück und begann schläfrig zu werden. Dann merkte sie, dass ihre Bemühungen vergeblich waren. Franzcine sprang aus dem Bett und begann ihre Sachen wieder anzuziehen. Allerdings nicht ohne Helmut dabei mit ihrem gesamten Vokabular an Schimpfworten bekannt zu machen. Sie echauffierte sich immer mehr, schrie ihn an, dass man es im ganzen Hotel hören musste. Zum Schluss kam sie an sein Bett und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Bevor Helmut etwas unternehmen konnte, war sie schon aus der Tür raus.


An diesem Abend fühlte sich Helmut ziemlich beschissen. Nicht nur, dass er seine Frau betrogen hatte, sondern diese Fremde hatte zudem noch seine Eitelkeit verletzt. Versager! Das hätte er sich nicht gefallen lassen müssen. Und sie hatte es ihm mehrfach ins Gesicht geschrien. Helmut war deprimiert. Was erlaubte sich diese Person? Er war doch kein elektrischer Bulle. Am meisten aber störte ihn, dass er anfing darüber nachzudenken, was seine Frau wohl von ihm dachte, denn auch bei ihr kam es des Öfteren zu einem unerwartet raschen Ende des Beischlafs. Sie hatte sich dazu nie geäußert, hatte meist verständnisvoll gelächelt und gesagt, dass die Dauer doch gar nicht entscheidend sei. – Die Dauer nicht, die Größe nicht, die Dicke nicht, die Stellung nicht, was war eigentlich entscheidend?


Franzcine sah er nicht wieder. Wahrscheinlich ging sie ihm aus dem Weg. Oder er ihr? Die ganze Geschichte schränkte seinen Genuss der folgenden Tage stark ein. Stundenlang saß er am Strand, beobachtete all die schönen Körper und wurde bei ihrem Anblick immer aggressiver. Ihm fehlte jede Lust, sich in ein weiteres Abenteuer zu stürzen, weil er ahnte, wie es ausgehen könnte. Die Erwartungen dieser schier unendlichen Menge an attraktiven Frauen waren von ihm einfach nicht zu erfüllen. Immer musste bei diesen Leuten alles perfekt sein. Perfekt und auf Anhieb. Unzulänglichkeiten passten nicht in ihr Konzept. Er fühlte sich ausgegrenzt. Er war ein Vertreter und blieb es auch hier am Strand der Südsee. Ihre Körper konnte er anstarren, im Getümmel vor der Bar berühren, aber er konnte ihnen nicht geben, was sie verlangten, um ihn anzuerkennen.


Nach etwa vier Tagen hatte er nach einem ganzen Nachmittag am Strand den Anblick schöner Menschen übersatt. Er verließ seinen Beobachterstuhl und machte sich auf den Weg, einen weniger gut besuchten Teil des Strandes zu finden. Er lief eine Stunde lang direkt am Wasser Richtung Norden. Das Gefühl der zurückströmenden Wellen, die ihm bei jedem Schritt ein Stück Boden unter den Füßen wegsogen, trieb ihn mitsamt der glühend untergehenden Sonne in eine ziemlich nachdenkliche Stimmung. Tief in sich drin fand er die Erinnerung daran, dass er eigentlich immer schon der Meinung gewesen war, dass Frauen etwas zum Anschauen waren. Formen wie ein alter Bugatti, herrlich anzusehen, aber wenn man sich reinsetzte und Gas geben wollte kam nicht viel, außer einer nicht enden wollenden Folge von Pannen.


Inzwischen war er weit entfernt vom Club. Die Sonne würde verschwunden sein, bevor er zurück wäre. Zum Essen war es längst zu spät. Er schaute sich um. In einiger Entfernung brannte ein Lagerfeuer, und er beschloss dorthin zu gehen.


An dem Lagerfeuer saß ein großer Kreis von Polynesiern und eine Handvoll Touristen oder Freunde. Viele hielten komische, kleine, aufgespießte Stücke ins Feuer. Helmut dachte erst, es wäre Fleisch. Aber als er das Lagerfeuer endlich erreicht hatte, erkannte er, dass diese Leute sich Marshmallows über den Flammen brieten. Jemand drückte ihm eine Holzrute in die Hand und forderte ihn auf sich zu setzen. Bereitwillig ließ er sich einige Marshmallows geben und hielt sie übers Feuer. Geschmacklich fand er diese Kunststoff-Klopse durchaus interessant, aber andererseits war er fast sicher, dass die klebrige warme Melange seinen Magen verkleben und sich dort über Jahre hinweg in den tiefen Falten halten würde. Gut, dass es einen hochprozentigen Bananenschnaps dazu gab, den er sich dann auch in größeren Schlucken, als ihm gut tun würde, einverleibte. Auf diese Weise hoffte er, zumindest seine Magenwände von den klebrigen Schaumgummiresten befreien zu können. Sicher war er zwar nicht, aber er vertraute den Leuten hier, die solche Strandparties öfters zu machen schienen. Im Hals jedenfalls brannte der Bananengeist wirklich überzeugend.


Es dauerte nicht lange, bis Helmuts Blick zu verschwimmen begann und in der Projektionsebene seines Hirnstammes nur noch riesige Bananenstauden erzeugbar wurden. Das Lagerfeuer verschwamm zu einem Flammenmeer, die vielköpfigen Menschen schienen sich drum herum oder einfach hindurch zu bewegen. Von Ferne nahm er Musik war und die Banane begann über dem Feuer zu tanzen. Er hatte überhaupt keine Vorstellung davon, wie lange er sich wankend vor dem Feuer sitzend gehalten hatten, bis ihn jemand an den Arm fasste und ansprach.


Helmut riss sich heftig zusammen und versuchte seinen Blick wieder auf einzelne Objekte zu fokussieren. In kurzen Momenten gelang ihm das auch, und er erkannte unmittelbar vor sich Oriental Girl. Sie redete undeutlich auf ihn ein. Mehrmals identifizierte er das Wort ›Club‹ und ›Hause‹. Er wollte nach Hause, wenigstens aber in den Club. Und sie schien ihm dabei helfen zu wollen. Mit viel Mühe kam er auf die Beine. Aber allein zu stehen, kam nicht in Frage, und an Gehen war gar nicht zu denken. Auf Oriental Girl gestützt, begann er Schritt für Schritt den Rückweg anzutreten.


Bei dieser Beleuchtung hatten ihre Augen noch mehr Ausdruckskraft als sonst. Das helle Flackern der Flammen spiegelte sich im glänzenden Schwarz ihrer Pupillen. Sie lachte und rief den anderen etwas zu. Dass sie ihn nach Hause tragen musste, schien sie keineswegs tragisch zu nehmen. Sie war halt ein gutes Kind.


Durch den Bewusstseinsnebel des Vollrausches hindurch bemerkte er nach einiger Zeit, wie gut sich ihr Körper unter seiner Hand anfühlte. Es schien sie nicht zu stören, dass er viel zu viel getrunken hatte, um noch einen hoch zu kriegen. Sie brachte ihn trotzdem nach Hause. Sie so war ganz anders als Franzcine. Sie würde er auch nicht enttäuschen. Er vertraute ihr. Und sie war die erste, der er hier am Strand wieder vertrauen konnte. Seine Hand begann zaghaft auf Erkundungsreise über ihren Rücken zu gehen. Es war nicht so leicht, sich auf das Gehen und die Bewegung der Hände gleichzeitig zu konzentrieren. Bis zum Hotel würde er es wohl kaum schaffen. Gerade jetzt war er in positiver Stimmung und glaubte, eine gewaltige Erregung auf ihn zukommen zu sehen. Er nahm seine zweite Hand zu Hilfe und versucht sie ihr beim Gehen zwischen die Beine zu schieben. Oriental Girl schob sie wieder zurück. Sie schien noch weiter gehen zu wollen. Er aber blieb stehen und schlang beide Arme um ihren jugendlichen Körper, drückte sie heftig an sich und versuchte sie zu küssen

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Doch ihr Kopf tauchte mit einem Male weg und entzog sich immer wieder seinen Versuchen. Sie sagte etwas, aber er hörte nicht hin. Sie versuchte ihn weiterzuziehen, aber er bewegte sich kein Stück, blieb einfach stehen und hielt sie in seinen Armen gefangen. Ihre Gegenwehr wurde heftiger und er war nicht besonders standhaft. Dann fiel sein Körper schwer auf ihren Körper und beide lagen im Sand. Endlich schaffte er es, seinen Mund auf ihren zu drücken, doch sie erwiderte seinen Kuss nicht. Sie war jung und schüchtern, ganz anders als diese Franzcine. Seine Hand fand Halt an ihrem Ausschnitt. Er riss ihn auf und seine Hand glitt zart über die kleinen, festen Brüste. Doch Oriental Girl gelang es, sich unter ihm hervor zu winden. Helmut griff fest zu. Er verstand überhaupt nicht, was sie wollte. Diesmal würde er nicht versagen. Spürte sie das denn nicht?


Helmut riss die zierliche Polynesierin wieder an sich heran. Ihr Knie fuhr im gleichen Moment zwischen seine Beine und zerstörte mit einem harten Tritt in die Hoden, seine Träume von einer ewigwährenden, gigantischen Erektion. Und noch bevor sich der Schmerz seinen Weg durch seine Kehle bahnen konnte, spürte er zwei oder mehr schnelle Faustschläge in seinem Gesicht. Er sackte zusammen. Krümmte sich heftig im Sand. Ihm wurde übel. Oriental Girl schrie ihn von irgendwo heran. Keine Chance zu erkennen, woher der Schwall von Beschimpfungen auf ihn eindrang, bevor ihn sein Bewusstsein endgültig verließ.



Als er wieder aufwachte, war es bereits später Vormittag und er glaubte das alles nur geträumt zu haben. Er befand sich in seinem Liegestuhl am Strand, trug nur eine Badehose, und die Hände des Oriental Girls und einer weiteren unverschämt attraktiven Polynesierin rieben seinen Körper mit einer wunderbar kühlenden Lotion ein.


„Sie müssen sich vor der Sonne schützen“, erklärte Oriental Girl, als sie sah, dass Helmut aufgewacht war.


Die andere Polynesierin nickte zustimmend.


„Ich habe einen furchtbaren Kater“, war der erste Satz zu dem Helmut sich aufraffen konnte.


„Der vergeht schnell“, antwortete Oriental Girl mit samtweicher Stimme, die ihn davon überzeugte, dass er den Verlauf des gestrigen Abends wohl tatsächlich geträumt haben musste, er konnte sich an nichts Genaues erinnern.


„Dieses spezielle Öl schützt nicht nur vor der Sonne, es entwickelt auch ätherische Dämpfe, die den Kopf frei machen.“


Womöglich war da etwas in den Drinks gewesen, das er nicht vertrug, oder es waren einfach nur ein paar zu viel gewesen. Er fand sich mit seiner Erinnerungslücke ab und stellte fest, dass dieses Öl wirklich stark ätherisch war. Dort wo es verdunstet war, kühlte es die Haut auf fast betäubende Art und die Dämpfe ließen ihn im Kopf schnell klarer werden. Helmut lehnte sich zurück und genoss den gelungenen Service des Clubs

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Als die beiden Schönheiten mit dem Einölen fertig waren, streiften sie sich die Gummihandschuhe ab und stopften sie in eine Plastiktüte.


Helmut wollte etwas sagen. Es kam ihm komisch vor, dass die beiden zum Einreiben Gummihandschuhe benutzt hatten und noch mehr wunderte es ihn, dass er davon die ganze Zeit nichts bemerkt hatte. Doch die Worte verließen seinen Kehlkopf nicht. Seine Kehle weigerte sich einfach, die Laute zu erzeugen, die er im Kopf als Frage längst ausgesprochen hatte. Er spürte, wie sich eine heftige Panik im Magen ausbreitete. Was hatte er da gestern bloß getrunken? Fast hysterisch wurde er, als es ihm auch nicht gelang, den Arm zu heben. Alles schien wie ausgeschaltet. Er spürte auch nichts mehr.


Die beiden Frauen schauten zu ihm hinunter. „Meinst du es wirkt so schnell?“ fragte Oriental Girl die andere. „Klar, sobald das ätherische Öl verdampft, setzt sich das Gift frei und dringt in die Haut ein. Das geht recht schnell.“


Helmut spürte, wie ihm seine Gesichtszüge entglitten. Das heißt sie hätten ihm entgleiten sollen, taten es aber einfach nicht.


„Noch so etwa zwölf Stunden, dann erreicht die Lähmung die Atmung. Im Körper verbreitet es sich nur sehr langsam.“


Zufrieden beugte sich Oriental Girl weit zu Helmut hinunter und starrte in sein dümmliches Grinsen, das er wohl bis zu seinem Exitus nicht mehr würde abstellen können.


„Ich wünsche dir einen schönen Tod“, sagte sie emotionslos. Dann nahmen die beiden Frauen ihre Taschen und verließen den Strand. Helmut blieb seinem breiten Lächeln am Strand zurück. Innerlich von Adrenalin zerfressen betrachtete er hasserfüllt, die vielen, sich ästhetisch bewegenden und schönen Menschen und erwartete seinen letzten Sonnenuntergang mit einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung.