Eva & der letzte Bus nach Sioux City


„Das ist keine Limousine“, sagte sich Eva genervt, als sie aus dem Flughafen in Las Palmas hinaus in die sengende Sonne trat.


Sie war eh schon leicht verschwitzt, weil sie immer noch ihr graues Kostüm mit der grünen Seidenbluse trug, das sie in Frankfurt angezogen hatte. Das Grün war inzwischen, um einige Töne dunkler, aber als sie das kleine Häuschen von Tante Gerda verkauft und das Bargeld in den Koffer verstaut hatte, wollte sie partout bei dem Banker einen geschäftsmäßigen Eindruck hinterlassen. Schließlich verkloppte man nicht jeden Tag eine Erbschaft, um damit ein neues Leben anzufangen.


Fotomodel auf Gran Canaria. Ein Traumjob. Und gleich auf der Seite neben der Todesanzeige von Tante Gerda, hatte Eva dieses Jobangebot gefunden. Fotomodel auf Gran Canaria gesucht. Gutes Honorar und Flug inklusive. Was wusste Fräulein Eva schon, was ein gutes Honorar war. Sie fragte auch gar nicht nach. Es war ein Wink des Schicksals, wo sie doch sowieso nach Gran Canaria wollte, dass sie nicht nur den Flug umsonst bekam, sondern auch schon einen Job in Aussicht hatte.


Nun mit dem Abhol-Service vom Flughafen, das war wohl nichts. Am Schalter der Fluglinie hatte ein Busticket und ein Zettel mit einer Adresse bereit gelegen. Na toll. So hatte Eva sich das nun wirklich nicht vorgestellt.


Leicht verunsichert stakste Eva die zwei Stufen hinauf in den Bus. Der Fahrer war ein kleiner braungebrannter Zwerg mit einem Gesicht, das aussah als hätte er es 200 Jahre der Witterung in den Hochalpen ausgesetzt.


Eva hielt ihm das Ticket, dann den Zettel mit der Adresse hin und der Busfahrer nickte unwirsch. Er zeigte lapidar nach hinten den Fahrgastraum. Fräulein Eva interpretierte das so, dass der Fahrer ihr Bescheid geben würde, wenn sie aussteigen müsste. Aber ganz sicher war sie da nicht.


Eigentlich wäre sie gerne vorn in seiner Nähe geblieben. Aber zwei Bauernburschen mit einer Ziege auf dem Arm, die offensichtlich krank war, nahmen die Plätze in Beschlag. Also verzog sich Eva lieber nach hinten zu der älteren Frauen mit ihrer Einkaufstasche.


Eva versuchte freundlich Blickkontakt zu der Frau aufzunehmen und sich auf die Bank gegenüber zu setzen. Doch in diesem Moment setzte sich der Bus in Bewegung. Eva hatte noch ihren kleinen Koffer in der Hand, die hohen Pumps an den Füßen und der Fahrer hatte offenbar zu viele Formel-1-Rennen gesehen.


Letztlich konnte Eva sich nicht halten und stürzte der eben noch lächelnden Frau entgegen. Die Frau hielt wie zur Abwehr ihre Einkaufstasche hoch vor die Brust und Eva schlug mit voller Wucht darauf auf. Der Aufschlag war dermaßen hart, dass zwei Milchcontainer in der Tasche platzten und sich über die ältere Frau ergossen.


Offensichtlich verstand man hier im Süden weit weniger Spaß als in den nördlichen Gefilden, die Fräulein Eva gerade wegen der mangelnden Leichtigkeit des Seins verlassen hatte.


Die Frau keifte jedenfalls auf Spanisch los, ganz so als ob Eva das mit Absicht getan hätte. Während Eva noch versucht sich wieder aufzurichten, griff die Frau in die Einkaufstasche und zog eine Schale mit kaputten Eiern heraus und fluchte wieder laut los. Eva versuchte sich irgendwie zu entschuldigen, aber die Frau hörte gar nicht zu. Sie nahm die einzigen beiden heilen Eier und warf sie nach Fräulein Eva. Dem zweiten konnte sie ausweichen, aber das erste war auf ihrer Brust zerplatzt und tränkte gerade die grüne Bluse mit Eiweiß und einem unschönen gelben Klecks, der bei der Hitze hier, in Kürze mit dem Stinken anfangen würde.


Jetzt wurde auch Eva so langsam sauer und die Frau kramte schon wieder in ihrer Taschen. Ganz klar sie sucht nach weiteren Wurfobjekten, aber Eva kam ihr zuvor. Sie griff nach der Tasche und riss sie ihr weg. Jedenfalls beinahe, denn leider hatte Eva nicht nur ihre Tasche, sondern auch ihre schwarze Bluse erwischt. Es war ein hässliches Knirschen als der Stoff riss. Eva hätte jetzt sofort losgelassen, aber der Busfahrer hatte wohl nur noch Augen für seinen Rückspiegel und den vor ihm haltenden Wagen zu spät gesehen.


Als Folge dieser Vollbremsung stand die ältere Frau plötzlich so gut wie ohne Bluse da. Irgendwo musste Eva sich ja festhalten, wenn man sie nicht vorn von Scheibe abkratzen sollte.


Eva wusste, dass sie jetzt nicht hätte lachen sollen, aber als sie die ältere Frau dort in ihrem lachsfarbenen Longline-Büstenhalter sah, konnte sie nicht anders. Vor allem weil sie bemerkt hatte, dass bei dem Büstenhalter die Brustwarzen freilagen, weil an dieser Stelle der BH auftrennt wohl worden war. Das sah einfach zu komisch aus.


Eva lachte immer noch, als sich der verdutzte Blick der Frau so langsam ins Grimmige steigerte. Spätestens jetzt hätte sie betroffen gucken sollen und sich irgendwie entschuldigen müssen, aber es war eh zu spät.


Wirklich schnell war die alte Frau nicht, aber schnell genug um Fräulein Evas lange Haare zu erwischen. Das tat natürlich weh und Eva versuchte ihre Hände abzuwehren. Aber so langsam, wie die Frau sich bewegte, so kraftvoll war ihr Griff und zwang Fräulein Eva zu Boden. Wer weiß, was sie mit ihr gemacht hätte, wenn der Busfahrer nicht endlich eingeschritten wäre.


Was der Busfahrer genau sagte verstand Eva nicht, aber die ältere Frau ließ sie los.


Als Eva sich wieder aufrappelte hatte, stellte sie fest, dass sie am Knie eine Laufmasche hatte und einer ihrer Strumpfhalterclips kaputt gegangen war. Der Busfahrer stand noch immer im Gang und brüllte etwas. Eva verstand nur Bahnhof und hinter dem Busfahrer war eine junge Krankenschwester zugestiegen. Sie drängelte sich an dem Fahrer vorbei und rief Eva etwas zu.


„Sie sollen ihr eine Bluse geben. Er fährt nicht weiter mit einer halbnackten Frau im Bus.“


Die dicke, ältere Frau grinste breit und zeigte auf Evas grüne mit Ei verschmierte Bluse. Eva zog ihre Kostümjacke aus und gab der Frau die Bluse. Ihr BH war wenigstens nicht nippelfrei und der Busfahrer grunzte zufrieden.


„Spanisch ist nicht gerade Ihre Stärke“, sagte die Krankenschwester und stellte ihre Plastiktüte auf den Sitz neben Fräulein Eva.


„Noch nicht. Ich komme gerade erst aus Deutschland“, erklärte Eva.


„Ich bin vor 14 Jahren aus Wangerooge hierher gezogen“, erklärte die Schwester. „Wenn schon Insel, dann nicht auch noch ewig Wasser von oben, habe ich mir damals gedacht. Zu Besuch hier?“


„Nein, ich habe ein Fotoshooting, hier.“


„In Sioux City?“


Eva sah auf dem Zettel nach und nickte.


„Da will ich auch hin, prima.“


Eva stand immer noch in ihrem schwarzen BH da und bemerkte, dass der Fahrer schon wieder leicht verärgert nach hinten schaute.


„Ich sollte mir was anziehen“, sagte Eva und zog schon mal die Kostümjacke über. In ihrem leichten Reisegepäck war nicht wirklich viel Auswahl und die Container-Koffer mit ihren übrigen Sachen kamen erst übermorgen per Schiff an. Was ihr vor allem fehlte war ein heiler Strumpfhalter. Sie hatte zwar an Strümpfe zum Wechseln gedacht, aber nicht daran, dass eine wild gewordene Spanierin ihr den Strumpfhalter zerreißt. Wirklich gut sah die rundliche Frau in Eva Bluse nun auch nicht aus. Sie war einfach nur vier Nummern zu klein und wenn die Frau sich noch einmal aufregen würde, flögen hier die Knöpfe wie Schrappnelle durch den Bus.


„Ja“, sagte die Krankenschwester. „Ich muss mich auch umziehen, so kann ich wohl kaum auf dem Set auflaufen.“


Model Eva starrte leicht genervt in den kleinen Koffer, der war vollgestopft mit Schminksachen. Schließlich wollte sie zu einer Fotosession und nicht zu einem Vorstellungsgespräch. Die Krankenschwester zog zwei farbenfrohe, einfach geschnittene Sommerkleider aus dem Beutel und hielt sie Eva hin.


„Dies hier, oder?“


Eva sah sich die kurzhaarige Blondine an, dann die Kleider und nickte. Das andere war eindeutig zu gelb und stand einer blonden Frau wohl eher nicht.


„Meinst du, das kann man irgendwie reparieren“, fragte Eva und zeigte ihr den kaputten Strumpfhalterclip. Sie fand es eigentlich in Ordnung die Krankenschwester zu duzen, wenn sie ihr schon ihre Unterwäsche zeigte. Das sah die Krankenschwester wohl ähnlich.


„Da ist die Lasche abgerissen, sonst könnte man es nähen.“


Die dicke ältere Frau in Evas Bluse grinste breit. Aber nicht mehr bösartig. Inzwischen schien sich Madame wieder beruhigt zu haben und betrachtete die Angelegenheit wohl auch eher von der komischen Seite. Jedenfalls kramte sie eine Schere aus der Handtasche und zog ihren schweren schwarzen Rock bis weit übers Knie.


Da sah man 4, 6, 8, nein zwölf Strumpfclips an ihrem Hüfthalter. Einen davon schnitt sie ab und reichte ihn Eva. Dann suchte Sie aus ihrer Handtasche noch ein kleines Nähset heraus und reichte es der Krankenschwester. Offenbar war sie sicher, dass Eva nicht nähen konnte.


Eva bedankte sich, denn so viel Spanisch konnte sie schon noch und fand die Frau jetzt unerwartet nett. Auch, wenn ihre Bluse immer noch aus allen Nähten zu platzen schien und sie ihr Nähzeug sicherlich in den nächsten paar Minuten selber gut gebrauchen könnte.


Die Schwester hatte ein Händchen für Nadel und Faden. Sie hockte im Mittelgang und nähte äußerst geschickt den Strumpfhalter wieder an. Glücklicherweise war der schwarz, so dass der Schaden kaum auffiel. Höchstens, dass die von Model Eva Laschen aus Kunststoff hatten, während die von der Spanierin aus Metall waren, störte ein wenig. Überhaupt, wieso trug diese Spanierin einen schwarzen Hüfthalter zu einem lachsfarbenen BH? Geschmack war wohl nicht jedermanns Sache.


„Das ist keine Spanierin“, klärte die Krankenschwester Fräulein Eva ebenfalls flüsternd auf. „Sie ist Holländerin und heißt Miss Primm. Sie verbringt hier jedes Jahr ihre Ferien.“


Damit war dann auch klar, wieso Eva trotz ihrer einfachen Spanisch-Kenntnisse kein Wort von Miss Primms Fluchen verstanden hat. Das war nämlich holländisch.Eva lächelte freundlich zu Miss Primm herüber und dachte sich ihren Teil über Holland als Solches.


„Fertig“, freute sich die Schwester und sprang auf. Sie reichte Primm die Nähsachen zurück und betrachtete zufrieden ihr Werk.


„Hält! … Zeit sich endlich umzuziehen, wir sind gleich da!“ Sie knöpfte ihren Kittel auf. „Willst du so bleiben?“


Nein, das wollte Eva nicht. Jedenfalls nicht, seit ihre Bluse den Besitzer gewechselt hatte. Eva hatte noch einen weiten Rock mit Blumenmuster und ein ärmelloses Top in ihrer Tasche.


„Sollen wir uns wirklich hier umziehen“, fragte Eva unsicher.


Die Krankenschwester sah sich um, außer ihnen waren nur noch drei Passagiere im vorderen Teil des Busses.


„Klar, warum nicht?“


Eva überlegte noch warum eigentlich nicht, während sie ihren Rock auf die Füße gleiten ließ und bewundernd sah, wie Krankenschwester im weißen Korselett ihre Brüste betastete.


„Ich hoffe das reicht um weiter zukommen“, erklärte sie und fuhr weiter mit den Händen die Rundungen ihrer Oberweite ab.


Das reichte in jedem Fall, um weiter zu kommen, dachte Eva, während sie reflexartig versuchte sich an einer der Haltestangen festzuhalten. Die Krankenschwester war nicht schnell genug und schlitterte den Gang entlang. Das war sicher nicht schmerzfrei.


Der Busfahrer war nun vollends verärgert. Er hatte eine Vollbremsung gemacht und die Türen geöffnet, noch bevor der Bus zum Stillstand gekommen war.


„Raus!“, brüllte er und kam den Gang in Zeitlupe nach hinten gestürmt. „Raus, aus meinem Bus, ihr Flittchen!“


Die Krankenschwester hatte sich noch nicht ganz wieder aufgerappelt und hielt ihr scheinbar schmerzendes Knie, da hatte der Fahrer sie schon am Arm gepackt und schob sie unsanft zur hinteren Bustür.


„Was denn?“ schrie die Schwester wütend.


„Striptease in meinem Bus!“ brüllte ihr der Fahrer nach und zerrte nun auch Fräulein Eva am Arm aus dem Bus. „Das könnt ihr Zuhause machen, aber nicht in meinem Bus!“


Eva hatte wenigstens noch ihr Jackett an, aber die Krankenschwester, stand bloß in ihrem weißen Korselett an der Straße und rief: „Hey gib uns unsere Sachen raus.“


„Die stelle ich euch an die Haltestelle in Sioux City! Da wolltet ihr doch hin“, grunzte der Busfahrer und schloss die Türen.


Immer noch verblüfft sah Eva dem Bus nach, der sich gemächlich wieder in Bewegung gesetzt hatte.


„Klasse, das war der letzte Bus nach Sioux City“, maulte die Schwester. „Und was machen wir jetzt?“


Weit konnte es wohl nicht mehr sein, vermutete Eva. „Wir gehen die paar Meter zu Fuß.“


Sie sah die Straße hinunter. Sie war lang und staubig, eigentlich endlos.


„Ich bin übrigens Katja“, sagte die Schwester, die dem Blick von Eva folgte und leicht die Schultern hängen ließ.


„Eva“, entgegnete Model Eva. „Wir tragen Strapse, hier ist niemand weit und breit und wir haben unsere Sonnenbrillen auf. Was soll schon passieren? Los geht’s.“


Katja zögerte.


„Lass uns einfach auf den nächsten Wagen warten. So nimmt uns bestimmt jemand mit.“


Eva schaute sie über den Rand der Brille an.


„Was meinst du wohl, was der will, wenn er zwei Frauen in Strapse auf der einsamen Landstraße aufsammelt?“


„Besser das, als kaputte Füße“, behauptete Katja.


„Wohl kaum“, stellt Eva klar. „Ich werde ganz sicher nicht auf so einem verlausten, spanischen Stier reiten, nur um keine Blasen an den Füßen zu bekommen. Ich gehe. Und wenn ich meine Pumps hinterher in die Tonne werfen kann.“


Katja folgte ihr mürrisch, blieb aber nach knapp zehn Metern wieder stehen.


„Wir sehen uns in Sioux City, geh du schon mal vor.“


„Okay“, sagte Eva, die ganz sicher war, dass sie auf gar keinen Fall sich mit so einem spanischen Lümmel herumschlagen wollte.


*

Wirklich weit war sie auf ihren spitzen Absätzen nicht gekommen, zumal die Straßen hier nicht so waren, wie daheim und ein Gehweg war natürlich auch nirgends zu finden, als ein Lkw neben ihr hielt.


„Komm rauf“, rief Katja von der Ladefläche herunter. Sie hatte es sich auf einem Haufen Heu bequem gemacht. „Das ist nur ein schwuler Kuhhirt, der neues Heu zum Stall fährt. Brauchst keine Angst haben. Und wenn, … dann erledige ich das, okay!“


Eva sah auf die Ladefläche des Transporters, sie sah auf den Fahrer mit seinen vielen Goldkettchen um den Hals und bemerkte das für einen Kuhhirten untypische, süßliche Eau des Cologne, das durch das offene Seitenfenster heraus wehte. Sie sah noch einmal die Straße runter, auf ihre Füße und beschloss sich doch lieber Katja anzuschließen.


Die Krankenschwester im Korselett half ihr auf die Ladefläche und warf sie lachend ins Heu. Dann schlug sie mit der flachen Hand auf das Dach der Fahrerkabine und der Laster setzte sich ruckelnd in Bewegung. Auch nicht viel schneller als zu Fuß, aber wesentlich bequemer.


Katja hatte sich zu Eva ins Heu fallen gelassen. Alles pikste und juckte auf der Haut, aber das war Eva egal, solange sie nur nie wieder mit dem Bus nach Sioux City fahren musste.


Beinahe wäre sie in den Armen von Katja eingeschlafen, aber es war wirklich nicht so weit und nach nur zehn Minuten Fahrt hielt der Laster vor den Toren von Sioux City und lud zwei junge, halb bekleidete Damen in Strapse ab, die ein wenig ratlos vor ihrem Gepäck standen und sich dann daran machten sich wieder was anzuziehen, um endlich mit ihrer Karriere als Foto-Model durchzustarten.



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