Der Mann mit dem Staubsauger


Das Klingeln an der Tür hatte Elsbeth aufgeschreckt. Für den Postboten war es noch viel zu früh. Sie stellte die dampfende Kaffeetasse auf den Tisch zurück und öffnete die Tür. Nur einen Spalt natürlich. Die Kette blieb vorgelegt, man konnte ja nie wissen. Elsbeth war von Natur aus misstrauisch. Seit dem Tod ihres Mannes war es noch viel schlimmer geworden. Man las ja allerorts, mit welchen Tricks alleinstehende Witwen um ihr bisschen Hab und Gut gebracht wurden. Außerdem war Elsbeth auch noch nicht richtig angezogen und geschminkt.


„Vapoor Jet“, war das erste, was Elsbeth durch den schmalen Spalt der Haustür sehen konnte. Dann glitt ihr Blick hinauf, weit hinauf, bis zu dem strahlenden Lächeln, das zu ihr hinuntergeworfen wurde. Ein sympathischer, junger Mann. Elsbeth zog automatisch den Morgenmantel ein wenig enger zusammen.


„Ich komme von der Firma Vapoor Jet“, erklärte er und zeigte auf das gelbe Schild seines Arbeitskombis.


„Ich kaufe nichts“, sagte Elsbeth ein wenig unfreundlich.


„Das ist auch nicht nötig“, fuhr der junge Mann fröhlich fort. „Ich bin hier, um Ihnen unseren neuesten Staubsauger zu präsentieren. Verkaufen kann ich Ihnen den nicht. Nicht einmal eine Bestellung aufnehmen. Aber Sie können ihn später im Fachhandel erwerben, wenn sie wollen.“


„So“, sagte Elsbeth, die eigentlich jeden Schlich kannte. Schließlich war ihr Mann ja selbst als Vertreter unterwegs gewesen.


„Ich bin hier, um Sie von der guten Ausführung dieses Gerätes zu überzeugen. – Zu diesem Zwecke“, fuhr er fort, „hat mich die Firma beauftragt, in ausgewählten Haushalten eine Demonstration unserer Saugkraft zum Besten zu geben. Das heißt jetzt aber nicht, dass ich hier und da ein Stück Teppich sauge, sondern ich werde ihre gesamte Wohnung einmal gründlich reinigen, so dass Sie sich ganz und gar von der ungeheuren Leistungsfähigkeit unserer Geräte überzeugen können. – Ist das ein Angebot?“


Elsbeth dachte nach. Die ganze Wohnung? „Und sie haben keinen Bestellzettel dabei?“


„Es ist uns sogar verboten, Bestellungen entgegen zu nehmen. Ich kann Ihnen nur eine Liste der Fachgeschäfte in ihrer Nähe geben.“


„Die ganze Wohnung?“ fragte Elsbeth zur Vorsicht noch mal nach.


„Die ganze Wohnung!“ strahlte der Vertreter zurück.


Das waren gute zwei Stunden Arbeit. Die mussten verrückt sein. Aber wahrscheinlich arbeiteten sie einfach nur schlampig. Egal. Elsbeth schob die Tür zu, legte die Kette zurück und ließ den Mann herein.


„Da könnten Sie anfangen“, sagte Elsbeth und zeigte auf das Wohnzimmer. „Einen Kaffee möchten Sie aber doch?“


»Gern«, sagte der Mann und fing sofort mit der Arbeit an. Als Elsbeth mit dem Kaffee zurück kam und ihm ein wenig bei der Arbeit zusah, musste sie zugeben, dass der Mann keineswegs schlampig arbeitete. Er war außerordentlich gründlich und seine Maschine leistete allererste Arbeit.


„Und hier! Darauf sind wir besonders stolz“, erklärte er und zeigte ihr ein kleines, seitlich angebrachtes Bürstensortiment. „Damit kommen wir nicht nur in jeden Winkel und jede Ecke, damit saugen wir Regale, Tische, also alles, wo Sie sonst so mit dem Staubtuch drüber gehen müssten. Sie werden sehen, in Kürze ist ihre Wohnung blitze blank.“


Elsbeth lächelte freundlich und ließ ihn allein, um im Schlafzimmer ihr Bett zu machen und wenigstens Strümpfe und ein Hauskleid über zu ziehen. Wie stand sie denn da, nur im Morgenmantel und Korselette. Dann entschloss sie sich, noch ein wenig Schminke aufzulegen. Sie horchte auf das kontinuierliche Hin- und Her und das schlürfende Saugen der Maschine. Solange der Mann saugte, konnte er wohl kein Unheil anstellen.


Elsbeth zog ihre beste Bluse und dazu den etwas zu engen Pepita-Rock an. Der Tag fing gut an, und sie hatte richtig Lust, sich ein bisschen hübsch zu machen. Aus dem Schmuckkästchen in der Kommode suchte sie die dreireihige Perlenkette heraus, die passte genau in den offenen V-Ausschnitt und sah wunderbar aus. Plötzlich hörte sie, dass der Staubsauger verstummte.


Misstrauisch, wie sie nun mal war, wollte sie gerade ins Wohnzimmer eilen, als der junge Mann schon in der Tür erschien.


„So, das Wohnzimmer wäre dann soweit. Wenn Sie sich von der ordnungsgemäßen Ausführung überzeugen möchten … Ich könnte dann ja hier weitermachen.“


Der Junge hatte wirklich ein bezauberndes Lächeln. Elsbeth schloss schnell noch den letzten Kopf an ihrer Bluse und nickte. Dabei spielte sie versonnen an ihrer Perlenkette. Wirklich ein feiner Tag. Während der Staubsauger seine Arbeit fortsetzte, schaute Elsbeth sich das Wohnzimmer genauer an. Wirklich tadellos. Das Deckchen auf dem Beistelltisch war ein wenig verrutscht, aber sonst war alles bestens. Hätte sie nicht besser machen können. Sie sah dem jungen immer lächelnden Mann noch ein wenig bei der Arbeit zu, wie er lässig den Sauger hin- und her schwang.


Sogar die Kanten der Kommodeneinfassung saugte er mit seinem Spezialrohr ab. Großartig!


Der Vertreter grinst sie fröhlich an. Es war Elsbeth ein wenig peinlich, ihm die ganze Zeit bei der Arbeit zuzusehen. Außerdem hatte sie das Gefühl leicht zu erröten. Daher ging sie in die Küche und kümmerte sich um das Geschirr. Sie lauschte aber immer auf die Sauggeräusche, schließlich lag im Schlafzimmer ihr Schmuck. Aber der Mann setzt mit der Arbeit auch nicht für eine Sekunde aus.


Als Elsbeth die Zeit zu lang wurde, ging sie wieder ins Schlafzimmer, um dem Mann noch einen Kaffee anzubieten. Er stand auf einem Stuhl und saugte oben auf dem Kleiderschrank. Was für ein Pedant! Elsbeth wollte nicht schreien, sondern tippte ihm auf die Schulter, um ihn zu fragen, ob er noch etwas Kaffee wollte. Der Ärmste erschreckte sich ganz fürchterlich und wäre fast vom Stuhl gefallen. Doch er konnte sich gerade noch fangen.


Dabei glitt ihm jedoch das Saugrohr aus der Hand und landete mit der alles verschlingenden Öffnung genau auf der Perlenkette. Die Kette riss, und bevor sich das Rohr in Elsbeths Blusenstoff festsaugen konnte, sah Elsbeth Perle um Perle in dem Rohr verschwinden. Der Vertreter wurde leichenblass. Elsbeth kämpfte mit dem Rohr und zerriss dabei die ganze Bluse. Sie hatte eine fast bläuliche Stelle oberhalb der Brust, die aussah wie ein Knutschfleck.


Warum schaltete der Dussel das Gerät denn nicht ab? Er stand nur dumm dreinschauen da. Dann kam endlich Bewegung in den Kerl. Er sprang vom Stuhl griff nach dem Staubsauger und wollte damit aus dem Zimmer.


„Heh! Was soll denn das?“ rief Elsbeth. „Meine Perlen! Wir müssen den Beutel aufmachen und sie wieder heraussuchen.“


Der Mann wollte davon nichts wissen und versuchte, mitsamt dem Staubsauger abzuhauen. Aber Elsbeth hielt das Saugrohr fest. Ein kräftiger Ruck und sie hatte dem Jungen den Apparat aus der Hand gerissen. Das Gerät fiel zu Boden, das Gehäuse schlug auf, eine gewaltige Staubwolke entlud sich und Elsbeth bekam einen krampfartigen Hustenanfall.


Doch durch die Wolke sah sie, wie der Vertreter das Zimmer verließ. Elsbeth stürmte hinterher. Doch an der Wohnungstür machte sie Halt. Mit der zerrissenen Bluse und dem Knutschfleck auf der Brust konnte sie wohl kaum auf die Straße. Der würde schon wiederkommen, wenn er sich beruhigt hatte. So schlimm war das ja alles nicht. Konnte doch passieren. Sie würde ihn doch deshalb nicht verklagen. Es musste eben noch mal gesaugt werden!


Als Elsbeth zurück auf das Schlachtfeld ins Schlafzimmer kam, hatte sich der Staub gelegt. Auf dem Boden war ein riesiger graubrauner Haufen geblieben, in dem es überall glitzerte und funkelte.


Bei genauer Betrachtung entdeckte Elsbeth auch jede Menge fahlgrauer Papierfetzen, die sich als Geldscheine entpuppten. Der ganze Saugbeutel war voller Schmuck und Wertgegenstände. So gründlich hatte der Mann also gearbeitet! War durch jede Schublade und jede Dose, die greifbar war, mit dem Saugrohr gefahren. Und das waren nicht alles Elsbeths Sachen. Vielmehr die Ausbeute des halben Vormittags.


Na, dann würde der Kerl wohl doch nicht wiederkommen. Jedenfalls würde Elsbeth ihm das nicht raten.


Sie nahm Schmuck, Geld und Uhren in Augenschein und stellte fest, dass ihr das nachträgliche Saubermachen gut bezahlt sein würde und der entsprechende Staubsauger blieb ihr ja schließlich auch noch.