Nichts für Ungut, Liebling …


Noch wenige Minuten bis zum Schalterschluss. Hermann bereitete sich schon auf den Feierabend vor. Er wollte nicht länger als unbedingt nötig in der Bank bleiben. Es war sein 15. Hochzeitstag und er hatte in der Mittagspause eine Flasche Sekt gekauft. Auf das gemütliche Abendessen mit seiner Frau freute er sich schon den ganzen Tag und dazu kam ja noch, dass später am Abend eine Live-Übertragung vom UEFA-Cup ausgestrahlt werden sollte. Ohne Frage, ein Festtag.


Gerade sah Hermann noch einmal nervös auf die Uhr und zählte die Kunden im Schalterraum, da wurde die Tür aufgerissen und noch drei weitere Kunden sprangen herein. Nein, einen Moment. Die schwarzen Kombis und Skimützen machten ihn stutzig. Jetzt sah er, dass sie auch Pistolen trugen. Hermann saß in seinem Sessel und beobachtete, zu keiner Bewegung fähig, die hektischen Bewegungen der drei Gestalten.


Schon krachte ein Schuss und Putz bröckelte von der Decke.


„Überfall“, schrie einer der drei Maskierten. Alles drehte sich erschrocken um. Es war diese Sekunde, die man brauchte, um zu ergründen, ob es sich um einen Scherz handelte. Genau in dieser Sekunde hätte einer der Angestellten den Alarm auslösen müssen. Das hatte man ihnen eingebläut, aber es schien nicht zu funktionieren. Keiner tat irgendetwas, außer dumm auszusehen. Auch Hermann war viel zu sehr damit beschäftigt, fasziniert und ängstlich zu sein. Sekundenbruchteile lang geschah einfach überhaupt nichts.


„Alles auf den Boden“, schrie der Anführer die Kunden an: „Hinlegen, sag ich!“


Er ruderte mit der hoch erhobenen Waffe in der Luft herum. Seine beiden Komplizen standen noch in der Nähe des Eingangs und zielten wahllos und abwechselnd auf die Inschachgehaltenen.

Endlich regten sich auch die Angestellten und Kunden. Alle gingen so schnell sie konnten zu Boden.


„Mit dem Gesicht nach unten“, korrigierte der Anführer einige der Liegenden. Nur Hermann saß immer noch gelähmt in seinem Sessel. Für ihn galt das alles nicht. Er war nur Beobachter. Und niemand schien sich weiter um ihn zu kümmern. Dann winkte der Anführer den beiden am Eingang stehenden zu und die kamen lautlos und geradewegs auf Hermann zu.


Noch bevor Hermann das kalte Metall der Pistole kreisförmig auf seiner Stirn fühlte, bemerkte er, dass es eine Frau war, die ihm da eine Mauser Automatik zwischen die Augen hielt. Eine Frau! Und was für eine! Der hautenge Catsuit zeichnete jede Kontur ihrer fantastischen Figur nach, ließ ihre Hüften weich, glatt und rund erscheinen. Ihre Brüste, die sich eine Armlänge entfernt vor ihm auf Augenhöhe befanden, müssten von Leibniz sein. Schon jetzt bedauerte er, dass er wohl niemals ihr Gesicht sehen würde. Vielleicht war es nicht das Schlechteste, sein Leben von so einer Frau beendet zu wissen. Wenn er so eine Frau hätte, wäre er womöglich ebenfalls zum Kriminellen geworden. Ganz sicher wäre sein Leben um so vieles anders verlaufen.


Hermann spürte wieder den Lauf der Waffe an seiner Stirn. Er war in Lebensgefahr! Es war Zeit Angst zu haben. Und er spürte, auch ohne aufzustehen, wie seine Knie jeden Moment versagen würden.


„Mach den Safe auf“, zischte ihm Diana ins Ohr. Ja, er war sicher, sie musste Diana heißen. Hart war die Stimme, aber auch tief sonorig. Erregend. Er war nicht mehr sicher, ob er wirklich aus Angst so weiche Knie hatte.


„Der hat ein Zeitschloss“, erwidert Hermann mit unsicherer Stimme. „Den kann man nicht …“


Die Frau sah auf die Uhr. Von dem Anführer kam ein ruppiges: „Mach schon, Darling!“ „Ja, ja“, dachte Hermann wieder, „du hast gut lachen mit so einer Frau an …“


„In dreißig Sekunden kannst du ihn öffnen. Also tu es oder …!“ Sie waren gut vorbereitet. Der Tresor würde sich wirklich gleich öffnen, um die Tageskasse deponieren zu können.


„Los jetzt!“ Sie wurde langsam ungeduldig. Hermann stand scheinbar seelenruhig auf und ging mit in den Tresorraum. Irgendwie fühlte er sich nicht nur stark hingezogen zu dieser Frau, sondern auch ungewöhnlich vertraut mit ihr. Es schien ihm, als würde er sie, vielleicht aus seinen Träumen, schon seit Jahren kennen. »Gut gemacht«, sagte sie, als die Safe-Tür offenstand, und die Räuber fingen an, alles Geld hektisch in Säcken und Taschen zu verstauen.


„Gut gemacht“, hatte sie gesagt. Und wie sie das gesagt hatte. So weich, so zart. Es war ein Lob, ganz ohne Zweifel. Hermann fühlte sich gut. Es kam ihm so gründlich vertraut vor. Am liebsten hätte er ihr bei der schweren Arbeit geholfen. Das Tollste an der Sache war: Sie hatte „Gut gemacht!“ gesagt, und sie hatte es genauso gesagt wie es Susanne immer sagte, wenn er ihr von seinen bescheidenen Höhepunkten aus seinem Alltag erzählte. Wirklich! Sie hatte es ganz genau so betont. Auch die Stimme, auch die Figur, auch der Gang. Das war Susanne.


„Danke, Susanne“, sagte halblaut im Scherz in ihre Richtung. Die Frau ließ ein Geldbündel fallen und richtete sich halb auf. Sie schien ihn mit den Augen verbrennen zu wollen, so durchdringend starrte sie ihn an. „Tut mir leid, Hermann“, sagte sie. „Aber ich kann dieses Leben mit dir einfach nicht mehr ertragen.“


Hermann verlor mit einem Schlag seine Fassung. Das war Susanne! Sie raubte seine Bank aus. Und sie wollte mit einem anderen Mann durchbrennen! Er war wie von einem Hammerschlag betäubt.


Die beiden hatten alles Geld verstaut. „Nichts für ungut, Liebling“, sagte sie, als sie mit ihrem Komplizen durch die Tür verschwand. Hermanns Lähmung verschwand augenblicklich. Er hatte die Kontrolle wieder. So wollte er sie nicht gehen lassen. Er rannte hinterher in den Kassenraum. Sie waren schon an der Tür, doch er würde sie gleich eingeholt haben. Kurz bevor er sie aber tatsächlich erreichte, erblickte ihn der Anführer. Er hob blitzschnell die Waffe und schoss zweimal. Als Hermann sterbend zu Boden ging, sah er, wie Susanne einen Moment zögerte, wenn auch nur einen ganz, ganz kurzen Moment, bevor sie mit den anderen aus dem Schalterraum flüchtete.


„Er war so todesmutig, unser Direktor. Er hat als einziger immer die Nerven behalten“, sagte Kassiererin Schönschmidt dem Kommissar. „Und als die drei mit dem Geld flüchten wollten, hat er versucht ihnen den Weg abzuschneiden, aber einer von denen hat ihn dann einfach erschossen.“


„Tja, Heldenmut tut selten gut“, schloss der Kommissar kopfschüttelnd seine Befragung ab.